„The Nevers“: Wie gut ist Joss Whedons neueste Serie? – Review

    Eskapistisches Phantastik-Abenteuer startet mit Ballast

    Bernd Krannich
    Rezension von Bernd Krannich – 12.04.2021, 14:55 Uhr

    „The Nevers“ – Bild: Home Box Office, Inc. All rights reserved
    „The Nevers“

    Mit „The Nevers“ präsentiert HBO (und Partner Sky hier in Deutschland) seine nächste Serienhoffnung, die zur Zeit ihrer Bestellung mit den besten Voraussetzungen daherkam: Die neue Serie von Joss Whedon, dem feministischen Serienschöpfer, der mit „Buffy – Im Bann der Dämonen“ dem Golden Serienzeitalter eine frühe Perle hinzugefügt hatte und mit zwei „Avengers“-Filmen bei Marvel Blockbuster-Qualitäten bewiesen hatte. Seitdem ist viel passiert.

    Genauer gesagt: Whedons Ruf ist implodiert, glaubhafte Berichte sprechen davon, dass er zumindest am Arbeitsplatz kein vorbildhafter Feminist war. Whedon hatte schon bevor die deutlichsten Anschuldigungen kamen, bei „The Nevers“ freiwillig und noch während der Produktion seinen Hut genommen. Ob das die Serie davor bewahrt, von seinem Absturz mit in den Abgrund gerissen zu werden? Wer weiß. Verdient hätte sie es.

    Es ist der 3. August 1896 in London, wie die Zuschauer durch eine Einblendung erfahren. Das Alltagsleben wird durch ein Ereignis unterbrochen, von dem danach niemand berichten kann, das aber mehrere hundert Bewohner der Stadt jeden Alters aus dem gewohnten Leben reißen wird und das die zentralen Geschichten der Serie anstößt. Die Auftaktepisode von „The Nevers“ beginnt sogleich mit einem Zeitsprung von drei Jahren und einer finsteren Exposition.

    Nicht in ihrem Element: Amalia True (Laura Donnelly) und Penance Adair (Ann Skelly) suchen Hinweise in der Oper. Home Box Office, Inc. All rights reserved.

    Eine Gruppe schattiger alter Herren, eine Art britische Schattenregierung, diskutiert die jüngsten Ereignisse und ihre innenpolitische Bedeutung. Mehrere Hundert Personen, zumeist Frauen, sind durch die Entwicklung besonderer Eigenschaften aufgefallen. Aufsehenerregend darunter vor allem die wahnsinnige Mörderin Maladie (Amy Manson), die reihenweise Psychoanalytiker ermordet, damit die Titelseiten erobert und die Bevölkerung gegen die neuen Außenseiter aufgebracht hat. Auf der anderen Seite steht die wohlhabende Lavinia Bidlow (Olivia Williams; „Counterpart“), die die sogenannten Berührten zu ihrem Sozialprojekt gemacht hat und Geld für eine Heimstadt in einem alten Waisenhaus zur Verfügung stellt. Während das Schattenkabinett noch diskutiert, wie man sich öffentlich zu den Berührten positionieren soll, spricht dessen Primus Lord Massen (Pip Torrens) sein Machtwort: Gar nicht! Für ihn ist das Auftauchen der Berührten ein erstes Manöver in einem Krieg, in dem jemand die britische Gesellschaft angreift – und im Krieg muss man seine Geheimnisse bewahren.

    Unter der Leitung der tatkräftigen Witwe Amalia True (Laura Donnelly, „Outlander“) leben in dem erwähnten Waisenhaus dutzende Frauen (und wenige Männer). Darunter die riesenhaft gewachsene und an Alice aus „Alice im Wunderland“ gemahnende Primrose Chattoway (Anna Devlin), aber auch Amalias rechte Hand, die geniale Erfinderin Penance Adair (Ann Skelly). Mehr noch: Amalia ist bemüht, den von der Gesellschaft missverstandenen Berührten ein Heim anzubieten.

    Als sie etwa dem Fall von „Myrtel“ (Viola Prettejohn) nachgeht, mutmaßt deren Mutter, dass ihre Tochter vom Teufel besessen sei – und der Satz Warum ist sie angekettet?!? fällt. Amalia und Penance erkennen schnell, dass Myrtel eine von ihnen ist – sie hat eine der weniger praktischen Eigenschaften entwickelt und ihre Sätze kommen nicht in Englisch, sondern in allen Sprachen der Welt durcheinander aus ihrem Mund. Allerdings ist das nicht die einzige Erkenntnis: Denn augenscheinlich ist eine Bande von Maskierten ebenfalls an der ansonsten recht unauffälligen Myrtel interessiert. Es kommt zur ersten ausgedehnten Action-Szene, bei der Penances Erfindungen zeigen, dass die geniale Erfinderin ihrer Zeit deutlich voraus ist – und „The Nevers“ sich zum ersten Mal im Reiz des Möglichen verliert, statt beim Sinnvollen zu bleiben.

    Könnte auch von ‚Q‘ stammen: Fluchtauto im Jahr 1899… Home Box Office, Inc. All rights reserved.

    Zu den großen Spielern in der Handlung gehört darüber hinaus noch Lord Hugo Swann (James Norton, „Grantchester“), der ruchlose Spross eines Adelshauses, der dazu übergegangen ist, mit einem heidnischen Sexclub die Grundlagen für ein ausgiebiges System von Erpressungen zu legen, um seinen hedonistischen Lebensstil zu finanzieren. Er ist ein alter Schulfreund des neurotischen Augustus ‚Augie‘ Bidlow (Tom Riley; „Da Vinci’s Demons“), dem jüngeren Bruder der Wohläterin Lavinia Bidlow. Spätestens durch Augie wird Snow auf die Berührten aufmerksam und erkennt in den „ungewöhnlichen Frauen“ eine Bereicherung für seine Sexclub-Erpressungs-Pläne.

    Polizist Frank Mundi (Ben Chaplin, „Der Brief für den König“) leitet für die Polizei eine Sondereinheit, um der mörderischen Maladie habhaft zu werden, während in London noch ein Unterweltkönig namens Declan Orrun (Nick Frost, „Into the Badlands“) eine gewichtige Rolle spielt – der etwa Amalia Informationen über potentielle Berührte zukommen lässt, aber ein sehr gefährlicher, bisweilen psychopathischer Geschäftspartner ist. Und schließlich betritt Maladie selbst die Bühne und zeigt, dass sie als Gegengewicht zu Amalias Bemühungen eine Gruppe von gewaltbereiten Berührten um sich gescharrt hat, die entweder gegen das System kämpfen oder schlichtweg aus ihren neuen Fähigkeiten eine Verdienstmöglichkeit gemacht haben.

    Spätrömische Dekadenz in London: Lebemann Lord Swan (James Norton) Home Box Office, Inc. All rights reserved.

    Man kann von den Umständen der Produktion von „The Nevers“ halten, was man möchte: Die Serie ist für Fans des Mystery-Genres ein veritabler Appetithappen. Die Zuschauer erhalten gleich zu Anfang einen kleinen, aber wichtigen Wissensvorsprung vor den Figuren darum, was den Berührten widerfahren ist, was diesem Mystery-Aspekt große Zugkraft gibt. Daneben gilt es natürlich zu ergründen, wer hinter den Entführungen der Berührten steckt, wofür es genügend Verdächtige gibt.

    Diese übergreifenden Geschichten werden mit zahlreichen Charaktergeschichten ausbalanciert. Viele Protagonisten verstecken schamvoll ein Geheimnis, an dem sie schwer zu tragen haben und das sie motiviert. Gerade hier liegt eine der Stärken, da sich die meisten Darsteller im überbordenden Cast die Seele aus dem Leib spielen – ein weiterer Grund, dem Serienendergebnis nicht die Umstände seiner Geburt vorzuhalten.

    „The Nevers“ entwirft eine gut ausgestattete Phantastik-Geschichte mit überzeugenden Figurengeschichte. Was will man mehr? Nun, nicht viel, aber vielleicht einiges weniger. Und manches originaler. Kenner von Whedons Werk fühlen sich beim Setup des Waisenhauses unweigerlich an die Slayer in Training erinnert, einem Setting, in dem bei „Buffy“ die Protagonistin ebenfalls zahlreiche junge Frauen beherbergte, die mit von einer plötzlichen Veränderung überrascht wurden. Generell ist die von einem Schicksal zu ihrer zentralen Rolle bestimmte Amalia mit all ihrer körperlichen Stärke Buffy Summers recht ähnlich, während Gegenspielerin Maladie Anleihen bei der gefallenen Slayerin Faith nimmt. Die leicht naive und unerfahrene, aber geniale Erfinderin Penance trägt ebenso deutliche Züge von Winifred Burkle aus „Angel – Jäger der Finsternis“ wie von Jemma Simmons aus „Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D.“.

    Feuer und Flamme für Mörderin Maladie: Annie Carbey (Rochelle Neil) kämpft gegen das System. Home Box Office, Inc. All rights reserved.

    Auch im Bereich männlicher Charaktere ist Whedon nicht viel Neues eingefallen – mal wieder keiner von ihnen bekleckert sich mit Ruhm oder beweist menschliche Größe: Lord Massen ist ein skrupelloser Machtmensch, der trotz eines Geheimnisses über Leichen gehen würde und überhaupt der Meinung ist, aufgrund seiner hohen Geburt… nun, der geborene Anführer zu sein. Lord Swan ist vom moralischen Ansatz das Gegenteil, aber nicht weniger egomanisch und bezieht seine Bedrohlichkeit aber nicht aus direkter Macht, sondern diabolischer Verführung. Sowohl Augie wie auch Detective Mundi haben gegen gesellschaftlichen Druck nicht den Mut, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen.

    Mit den Erfindungen von Penance übertreibt es die Serie deutlich. Schon in den ersten Minuten bekommt der Zuschauer diverse Spielzeuge zu sehen, die auch als Werk von Q aus einem „James Bond“-Film nicht fehl am Platz wären.

    Womit wir beim nackten Hintern im Raum angekommen wären: Vieles an „The Nevers“ hätte in ähnlicher Form auch kurz nach „Buffy“ irgendwo auf einem Network laufen können – bis auf Lord Swan, seine sexuellen Eroberungen und seinen „Sexclub“ (der im Verlauf der ersten Folgen zu einem Bordell „ausgebaut“ wird). Das sorgt gegenüber der naiven Penance und einer sie umgebenden Romanze ebenso für eine Unwucht wie für zahlreiche unschuldige Figuren aus dem Waisenhaus, etwa die geradezu aus einem Kinderbuch entsprungene Primrose. Es wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben, wie dieses Handlungselement in der Serie verbaut wurde. Es passt sich einfach nichts ins Bild ein: Trotz der häufig bedrückenden Erlebnisse der Berührten bleibt „The Nevers“ in Sachen Drama eher an der Oberfläche, eskapistisch.

    Die drei guten Seelen im Waisenhaus: Die Teenager Primrose (Anna Devlin, l.) und Myrtle (Viola Prettejohn, M.) mit Erfinderin Penance (Ann Skelly). Links im Bollerwagen: Der Prototyp eines mechanischen Autopiloten von Penance. Home Box Office, Inc. All rights reserved.

    Generell gilt, dass „The Nevers“ vermutlich keinen Eingang in die Annalen der Fernsehgeschichte finden dürfte – die kritischen Themen im Hintergrund von Feminismus, Kampf um Selbstbestimmung und auch politische Fragen werden hier nicht tiefgehend ausgelotet – fast bewegt man sich dabei auf einem Niveau wie „Dr. Quinn“.

    Bleibt der Blick zum Horizont: HBO hat der Presse vier Folgen aus der nur sechsteiligen ersten Staffel zur Sichtung vorab zur Verfügung gestellt. Die machen auf alle Fälle dem geneigten Fan von phantastischen Dramen Appetit auf mehr. Eine ebenfalls sechteilige Fortsetzung von „The Nevers“ wird aktuell – und ohne Whedons Beteiligung – gedreht. Damit soll die Serie wohl zum Abschluss kommen – was durchaus sinnvoll ist, wenn die Handlung der Serie sich letztendlich um die Frage dreht, was nun genau dahinter steckt, dass mehrere Hundert Londoner eine solch sonderbare Veränderung durchgemacht haben. Im Erfolgsfall dürfte es aber kein Problem sein, danach noch weitere Abenteuer anzuhängen, wie schon nach ähnlichen Vorzeichen bei „Perry Mason“ geschehen und für „Lovecraft Country“ abzusehen.

    Insgesamt liefert „The Nevers“ eine fesselnde, eskapistische Geschichte, die eine neugierig machende Haupthandlung mit interesanten Figuren mischt, die von ihren Darstellern gut auf den Bildschirm gebracht werden – wenn man auch anmeckern muss, dass es für eine kurze Staffel dann doch sehr viele Figuren sind. Anders als andere HBO-Dramen wie „Westworld“ oder „Perry Mason“ bleibt „The Nevers“ aber recht gradlinig – es würde überraschen, wenn die Serie abseits von den technischen Kategorien Beachtung bei Kritikerpreisen finden würde.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten vier Episoden der Serie „The Nevers“.

    Meine Wertung: 4/​5
    Trailer zu „The Nevers“

    Die sechsteilige Auftaktstaffel von „The Nevers“ wird seit dem 11. April bei HBO in den USA und ab dem 12. April bei Sky Atlantic HD (immer montags um 20:15 Uhr) ausgestrahlt und ist parallel bei Sky Ticket abrufbar.

    Über den Autor

    Bernd Krannich ist Jahrgang 1974 und erhielt die Liebe zu Fernsehserien quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater war Fan früher Actionserien und technikbegeistert, Bernd verfiel den Serien spätestens mit Akte X, Das nächste Jahrhundert und Buffy. Mittlerweile verfolgt er das ganzes Serienspektrum von „The Americans“ über „Arrow“ bis „The Big Bang Theory“. Seit 2007 schreibt Bernd beruflich über vornehmlich amerikanische Fernsehserien, seit 2014 in der Newsredaktion von fernsehserien.de.

    Lieblingsserien: Buffy – Im Bann der Dämonen, Frasier, Star Trek – Deep Space Nine

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      wow, richtig gute Serie!!
      • am

        "Ob das die Serie davor bewahrt, von seinem Absturz mit in den Abgrund gerissen zu werden? Wer weiß. Verdient hätte sie es."

        Und dann kriegt die Serie trotzdem 4 von 5 von dir? Mal davon abgesehen, dass obige Bemerkung mehr als nur ein bisschen daneben ist, weißt du eigentlich, wie du die Serie findest oder hast du nach dem Mittagsschläfchen deine Scripte von zwei verschiedenen Serienbesprechungen durcheinander gebracht? Tstststs... Sehr inkonsistente Kritik! Die k(r)annich heute Mal echt nicht ernst nehmen.

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