„Salvation“: Apokalyptischer Sci-Fi-Thriller von der Stange

    In der CBS-Eventserie mit Paranoia-Beigabe retten schöne junge Menschen die Welt

    "Salvation": Apokalyptischer Sci-Fi-Thriller von der Stange – In der CBS-Eventserie mit Paranoia-Beigabe retten schöne junge Menschen die Welt – Bild: CBS

    Und wieder mal ist Doomsday: Ein Asteroid rast auf die Erde zu. Exakt 186 Tage bleiben der Menschheit noch, um die eigene Totalvernichtung abzuwenden. Das behauptet jedenfalls der MIT-Astrophysikstudent Liam Cole, der an der Kartografierung des Weltalls arbeitet und eine Art Smartphone-Alarm eingerichtet hat, der anschlägt, sobald seine Algorithmen ungewöhnliche Objekte melden. Klar, dass es schon in der Pilotepisode blinkt und fiept.

    Liam Cole ist eine dieser Figuren, die ausschließlich für das Repertoire des Mainstream-Fernsehens erfunden worden sind: Typ genialer Chaot, aber trotzdem so attraktiv, dass ihm niemand je seinen Außenseiterstatus abnehmen würde. In „Salvation“, der neuen Sci-Fi-Eventserie des in endzeitpanische Weltvernichtungsszenarien sehr vernarrten Networks CBS („Under the Dome“, „Zoo“, „Extant“), lernt man diesen Cole kennen, als er nach durchgearbeiteter Nacht im Uni-Labor erwacht und dann barfuß, weil total verspätet und süß unbeholfen, zum Vortrag des IT-Milliardärs und Frauenschwarms Darius Tanz (Santiago Cabrera, „Die Musketiere“) radelt, wo sein charmant verpeiltes Zuspätkommen das Interesse der nicht weniger attraktiven Jungautorin Jillian Hayes (Jacqueline Byers) auf sich zieht. Ausgerechnet als die beiden später, nach eruptiv absolviertem sexuellem Erstkontakt, im Post-Begattungsschlaf vor sich hin kuscheln, meldet das Handy den dräuenden Weltentod. Diese Ernüchterung!

    Um das schnell klarzustellen: „Salvation“ ist keine gute Serie. Die Figuren sind allesamt so flach gezeichnet wie Liam Cole (Charlie Rowe aus „Dinosaurier 3D“), und der Plot ist weder trashig noch spannend genug, um aus sich selbst heraus interessant zu bleiben. Die Serie ist auch ästhetisch ein durchnormiertes Produkt, man kann es, wenn man denn unbedingt will, routiniert weggucken, ohne dass irgendwas daran jemals allzu aufregend oder gar verstörend zu werden droht.

    Der ungebremst auf die Erde zurasende Asteroid ist ja so etwas wie ein verbildlichtes Countdown-Symbol, ein archetypischer Spannungsgenerator, der in Literatur, Comic (Tim und Struppi: „Der geheimnisvolle Stern“) und Film schon alle möglichen Reaktionsvarianten evoziert hat. Existenzphilosophisches Räsonieren zum Beispiel: Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass du nur noch 186 Tage zur Verfügung hättest, ehe es kracht? Oder plärrende Action, wenn in „Armageddon“ Bruce Willis als sich selbst opfernder Zerstörer auf einen Meteoriten geschossen wird oder in „Deep Impact“ apokalyptische Wellen die US-Ostküste unter sich begraben.

    Liam Cole (Charlie Rowe), ein typischer, umwerfend attraktiver Außenseiter

    In „Salvation“, erdacht vom Autoren-Duo Elizabeth Kruger und Craig Shapiro („Dr. Dani Santino – Spiel des Lebens“) nach einer Story von Matt Wheeler („Hawaii Five-0“), bleiben philosophische Untertöne allerdings behaglich außen vor. Liam Cole muss sich zwar entscheiden, ob er die letzten sechs Monate seines Lebens nun lieber mit Jillian verbringen möchte, die als schöpferisches Genie ähnlich verkannt wird wie er, oder ob er in dem absurd zusammengesetzten Team mitmachen will, das sich anschickt, die Menschheit zu retten.

    Chef dieses Teams ist der eitle Darius Tanz. Zu ihm flüchtet sich Liam eingangs, als sein Professor plötzlich verschwindet und er selbst von unheimlichen Männern verfolgt wird. Tanz plant seit Langem die Kolonisierung des Mars, um die Menschheit (oder wenigstens einen Elite-Teil davon) mit einer Art Arche vor der (Umwelt-)Zerstörung der Erde in Sicherheit bringen zu können. Von Liams Kollisionsberechnungen lässt er sich beeindrucken, woraufhin er den Jungspund ins Pentagon mitnimmt. Dort behauptet der stellvertretende Verteidigungsminister Harris Edwards (Ian Anthony Dale aus „Murder in the First“), vom Problem des nahenden Himmelskörpers längst zu wissen und die Lösung schon eingeleitet zu haben: Der rasende Brocken soll per Rakete gesprengt werden. Die Öffentlichkeit dürfe aber auf keinen Fall etwas von der Misere wissen, damit eine Panik vermieden werden kann. Weil Liam aber davon überzeugt ist, dass auch eine Sprengung des Asteroiden in tausend Einzelteile die Erde der Vernichtung preisgeben würde, steht ein neuer Plan im Raum: Mittels eines „gravity tractor“ könnte der Komet an der Erde vorbeigelenkt werden. Das wird natürlich sehr teuer werden und dubioser Ressourcen bedürfen. Wie die Missionsbeschreibung eines Computerspiels wird die Sachlage also als Plotdiagnose mitgeliefert: Wir brauchen Technologie, die es noch nicht gibt! Dafür brauchen wir viel Uran! Und dafür viele Milliarden! Derweil tickt die Uhr.

    Mit von der Partie ist die taffe, geschiedene, mit Edwards liierte Pentagon-PR-Frau Grace Barrows (Jennifer Finnigan aus „Close to Home“ und „Tyrant“, die immer dann gebucht wird, wenn man sich Laura Linney oder Vera Farmiga nicht leisten kann). Sie ist zunächst sehr skeptisch, doch als ihre frisch der Highschool entschlüpfte Tochter eine aus dem Phrasenkasten der Ermutigungsliteratur (inklusive Mutter-Theresa-Zitat) zusammenkopierte Rede hält, ist Grace zu allem bereit, um die Zukunft ihrer Tochter zu retten, selbst wenn dies erfordert, ihre Kompetenzen zu überschreiten, den Geliebten zu betrügen und mit halbseidenen Milliardären und linkischen Studenten gemeinsame Sache zu machen. Schon in Folge zwei stiehlt sie dann nuklearfähiges Material aus militärischem Gelände.

    Fahrstuhl-Bild mit Symbolcharakter: Milliardär Darius Tanz (Santiago Cabrera, l.) beäugt aus dem Hintergrund die Regierungsangestellten misstrauisch; Pentagon-PR-Frau Grace Barrows (Jennifer Finnigan) versucht ihre Wut darüber zu verbergen, dass ihr Geliebter Harris Edwards (Ian Anthony Dale, r.) ihr die Existenz der Bedrohung für die Welt verschwiegen hatte, während Edwards versucht, Ruhe und Überlegenheit auszustrahlen. Doktorand Liam ist damit beschäftigt, das jüngst erfahrene zu verarbeiten.

    Eine noch albernere Protagonistin ist indes die junge Online-Journalistin Amanda Neel (Shazi Raja), die sich selbst für eine geniale Investigativreporterin und Erpressung für ein legitimes Mittel journalistischen Arbeitens hält. Ihr fällt die Kooperation zwischen Tanz, Barrows und Cole als erster auf, weshalb sie eine große „Story“ wittert und dafür über ethische Leichen geht. Eine unglaubwürdigere Journalistenfigur als Neel, die wie ein minderjähriges Gossip Girl durch die Szenen stöckelt, war selbst im jüngeren Network-Mainstream schon lange nicht mehr zu sehen.

    Außer ein paar virtuell in den Raum gezauberten 3D-Laserkarten gibt es in den ersten Folgen übrigens nahezu keine Spezialeffekte zu bestaunen: Das ist merkwürdig für eine derart endzeitlich ausgerichtete Sci-Fi-Sause. „Salvation“ ist allerdings auch eher eine dieser Serien, die ständig mit knallrot aufblinkenden „Alert“- und „Classified“-Fenstern auf flimmernden Computerbildschirmen Alarm machen und ihrer eigenen Story so wenig trauen, dass sie pausenlos Hinweise auf die ganz große Regierungsverschwörung einbauen müssen: Da lugt der Trump-Zeitgeist ums Eck. Niemandem ist mehr zu vertrauen, schon gar nicht denen, die sich um uns sorgen sollten. Um Realitätsnähe zu behaupten, arbeiten die Regisseure (Juan Carlos Fresnadillo, „28 Weeks Later“, und „CSI“-Produzent Ken Fink) mit authentischem Material. Gleich zu Beginn kommt YouTube-Footage vom Meteor von Tscheljabinsk zum Einsatz, der vor vier Jahren 1500 Menschen verletzte. (Die kurzlebige, aber deutlich originellere CBS-Serie „BrainDead“ hat das Material im letzten Sommer ebenfalls benutzt.) Auch Star-Astronom Neil deGrasse Tyson darf sich in einem fiktiven TV-Interview angemessen apokalyptisch äußern. Warum sich die Regierung der USA bei einer so weltumspannend bedrohlichen Situation indes für alleinzuständig hält und offenbar nicht in Betracht zieht, das auch andere Länder die Gefahr bemerken und bekanntmachen könnten, ist eine der klassischen Sinnfragen, die man sich beim Zusehen lieber nicht stellen sollte: Derlei Selbstbezüglichkeit gehört zu den Standard-Aporien des US-Science-Fiction-Kinos.

    „Salvation“ ist Konzeptstoff, der sich über die ersten 13 Episoden voll und ganz darauf verlassen möchte, dass die Sache mit dem Damoklesschwert eines herannahenden Asteroiden als Suspense-Maschine schon funktionieren wird. Doch dafür bräuchte es halt etwas mehr als papierene Klischeefiguren wie Darius Tanz, der mit seinem Magierumhang und der arroganten Emporkömmlings-Attitüde stets eine Karikatur bleibt. Auch die Charaktere aus dem Politbetrieb sind wenig mehr als Abziehbilder ihrer komplexeren Vorbilder aus „The West Wing“, „House of Cards“ oder „Borgen“, und die eingestreuten Elemente aus Reporterfilm, Paranoiathriller und Romanze strecken den Stoff zwar gehörig in die Länge, nur spannender oder glaubwürdiger machen sie ihn nicht. Kurzum: Es muss einem recht langweilig sein, um hier dranbleiben zu wollen.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten zwei Episoden der Serie „Salvation“.

    Meine Wertung: 2/5


    © Alle Bilder: CBS

    Die US-Serie „Salvation“ wird aktuell bei CBS gezeigt. Eine deutsche Heimat wurde noch nicht bekannt. Über einen generellen Rechtevertrag mit CBS Television Distribution dürfte die ProSiebenSat.1-Gruppe hierzulande aber ein Vorkaufsrecht besitzen.

    02.08.2017, 18:45 Uhr – Gian-Philip Andreas/fernsehserien.de

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • Doctor64 (geb. 1991) am 03.08.2017 23:45

      Hallo,

      Ich wollte mal fragen ob ihr in Zukunft bei solchen Kritiken auch irgendwo einen Trailer einbauen könnt?
      Wenn man sich nähmlich mal selber ein Bild machen will ist das ganz hilfreich.
        hier antworten
      • Warlord am 03.08.2017 13:28

        Das klingt doch echt nach einer Serie für Pro7. Am besten direkt nach GermanynextFlopmodel.
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