„rbb queer 4 you“: Vier Schwule für ein Halleluja – Review

    Der zweite Versuch eines deutschen „Queer Eye“ kommt vom rbb

    Rezension von Gregor Löcher – 28.12.2019, 00:12 Uhr

    Die Experten von „rbb queer 4 you“ (v. l.): Sven Rebel, Fabian Hart, Chris Glass und Christian Fritzenwanker

    Vor zwei Monaten startete die schwule Dating-Show „Prince Charming“ bei TVNOW, zwei Wochen später dann „Queen of Drags“ auf ProSieben, eine Art „Germany’s Next Topmodel“ für (in der Sendung ausnahmslos homosexuelle) Travestiekünstler. Schwule scheinen momentan hoch im Kurs zu stehen, denn nun legt ein öffentlich-rechtlicher Sender nach: Seit dem 27. Dezember 2019 stehen im Kanal des rbb in der ARD-Mediathek die ersten drei Folgen von „rbb queer 4 you“ zum Abruf bereit, ab dem 13. Januar 2020 werden diese auch linear im rbb ausgestrahlt.

    In dem neuen Makeover-Reality-Format nehmen sich vier homosexuelle Männer in jeder Folge einer oder mehrerer Personen an, die mit ihrem Leben unzufrieden sind und auf Unterstützung bei einer Umgestaltung hoffen. Dies betrifft die Behausung ebenjener Leute („Aufräumen mit Marie Kondo“ lässt grüßen) ebenso wie deren Aussehen, Auftreten und Seelenleben. Fabian Hart, Chris Glass, Christian Fritzenwanker und Sven Rebel schreiben es sich auf die Fahnen, den Ratsuchenden kompetente Wegbegleiter bei der Selbstoptimierung zu sein.

    Die Faszination von Makeovers ist nicht neu und wurde bereits vielmals in Film und Fernsehen abgehandelt. Ob nun die an ihrem Arbeitsplatz untergebutterte Schuhverkäuferin im ZZ Top-Musikvideo zu „Legs“, die durch ein paar patente Geschlechtsgenossinnen in Form eines neuen Outfits auch ein neues Selbstbewusstsein bekommt, dank dessen sie sich fortan gegen die garstigen Kollegen zu wehren weiß; oder Julia Roberts in „Pretty Woman“, die sich dank Richard Geres Kreditkarte vom leichten Mädchen in eine Dame von Welt verwandelt und ihren legendären Revenge-Auftritt in dem Klamottenladen hat, in dem man sie zunächst nicht bedienen wollte; ob – damals in solchen Formaten noch ausschließlich weibliche – Personen in den 90er Jahren in der „Vorher Nachher Show“ mit Gundis Zámbó oder ein gutes Jahrzehnt später in „10 Jahre jünger“ – es ging immer um weitaus mehr als nur einen neuen Haarschnitt oder ein neues Kleid. Vielmehr sollte durch das Makeover erreicht werden, dass die verwandelte Person mit mehr Selbstbewusstsein einen neuen, zufriedeneren, glücklichen Lebensabschnitt beginnen kann, für den die Typveränderung quasi nur die Zündschnur darstellt.

    Die fabelhaften Vier
    Für die Mode zuständig: Fabian HartBild: rbb
    Stylt die Mitwirkenden um: Christian FritzenwankerBild: rbb
    Kümmert sich um das schönere Wohnen: Chris GlassBild: rbb
    Hausputz für das Seelenleben: Sven RebelBild: rbb

    Und dann, 2003, gelang dem relativ kleinen US-Kabelsender Bravo mit einer Variation dieses Prinzips ein wahrhaftiges Meisterstück: In „Queer Eye for the Straight Guy“ (in deutschsprachiger Bearbeitung mit Untertiteln zunächst nur in der Schweiz unter dem Titel „Schwuler Blick macht Heteros schick“ zu sehen) möbelten fünf schwule Männer Woche für Woche einen Hetero auf und krempelten dessen Leben um. Zum ersten Mal war nicht eine Frau, sondern ein (heterosexueller) Mann das Objekt eines Makeovers (das Konzept „Metrosexualität“ war gerade erst durch David Beckham in die Massen getragen worden und noch weitgehend Neuland). Und dieses besorgten dem Heteromann fünf Homosexuelle, als naturgegebene Experten für Mode, Lifestyle, Kultur.

    Auf dem Papier liest sich das wie die Ausschlachtung von Klischees, und besagte Sendung spielte auch ganz bewusst mit den Gegensätzen zwischen den „kultivierten“ Schwulen und den „ungehobelten“ Heteros. Dass dies trotzdem funktionierte, lag an der humorvollen, kein Blatt vor den Mund nehmenden Herangehensweise der „Fab Five“, der fünf Experten, namentlich Carson Kressley, der inzwischen bei der „Queen of Drags“-Vorlage „RuPaul’s Drag Race“ in der Jury sitzt. Ein Versuch von RTL Zwei, dieses Konzept im selben Jahr mit „Schwul macht cool! – Die fabelhaften Vier“ nach Deutschland zu übertragen, schlug fehl und verschwand nach schlechter Presse und unbeeindruckenden Quoten schnell wieder in der Versenkung (einer der kolportierten „fabelhaften Vier“ bat fernsehserien.de im Nachhinein, seinen Namen aus der Besetzungsliste zu entfernen).

    Die Vorlage „Queer Eye“, wie sie in den späteren Staffeln hieß, wurde für Bravo ein nachhaltiger Erfolg. So nachhaltig, dass Netflix 2018 ein Remake in Auftrag gab, welches seinerseits ebenfalls sehr erfolgreich ist und inzwischen bereits für eine fünfte Staffel verlängert wurde. Die Neuauflage blieb der Originalserie in weiten Teilen treu. Allerdings änderte man die Betrachtungsweise des in die Jahre gekommenen Originals, das man noch mit „Heteros sind vom Mars, Schwule von der Venus“ hätte zusammenfassen können, dahingehend, dass eher die Gemeinsamkeiten betont wurden, die allen Menschen gemein sind, unabhängig von ihrer Sexualität oder ihrem Geschlecht. Schon in der Originalserie ging es im weiteren Verlauf nicht mehr nur um Hetero-Männer – auch Schwule, Frauen und Paare nahmen die originalen „Fab Five“ unter ihre Fittiche, und dieses Prinzip wurde in der Neuauflage beibehalten.

    „rbb queer 4 you“ ist keine offizielle Adaption der genannten Serien, aber das Konzept wurde fraglos in weiten Teilen von diesen übernommen, sodass man es durchaus als Remake behandeln kann. So kommt man natürlich nicht umhin, besonders diejenigen Aspekte zu betrachten, die in der deutschen Version anders gemacht wurden als in ihren US-Vorbildern.

    In der rbb-Variante werden im Cold Open jeder Folge die Personen vorgestellt, die mit ihrer aktuellen Lebenssituation unglücklich sind. Dies geschieht ausführlich, auch Freunde bzw. Familienangehörige melden sich zu Wort und beleuchten die Lebensbereiche, in denen es für die Betroffene(n) nicht zum Besten bestellt ist. Die vier Experten tauchen dann erstmalig im Vorspann auf, bevor sie anschließend in der Wohnung der Hilfesuchenden aufkreuzen und der Zuschauer sie – quasi aus der Sicht des jeweiligen Protagonisten – kennenlernt.

    In „Queer Eye“ hingegen beginnt jede Folge mit den „Fab Five“, wie sie in ein Auto springen und sich über ihren jeweiligen „Fall der Woche“ unterhalten. An diesem Detail wird die Herangehensweise deutlich, dass in den US-Sendungen zwar die jeweilige Person im Mittelpunkt steht, die das Makeover erhalten soll, aber die Experten die eigentlichen Protagonisten sind, die die Geschichte lenken. In der rbb-Variante hingegen wird den Hilfesuchenden mehr Raum gegeben – ihre Verwandlung steht im Mittelpunkt, ihre Geschichte soll erzählt werden.

    Die Teilnehmer
    Möchte gerne ihr Leben ändern: BeateBild: rbb
    Möchten gerne ihre Beziehung verbessern: Claudia und TamásBild: rbb
    Möchte gerne ihr Leben ändern: LeaBild: rbb

    Das schlägt sich auch in der Tonalität wieder – sehr viel ernster als die Originale ist die deutsche Version, kaum eine nachdenkliche Szene kommt ohne schwere Klavieruntermalung aus. Das mag dem Ganzen mehr Tiefgang suggerieren, und gerade das Coaching von Sven Rebel scheint den Personen auch wirklich zu helfen, sodass man Zeuge wird, wie diese aufblühen und neuen Lebensmut fassen.

    Aber was die US-Serien vor allem auch auszeichnet, ist der Humor, mit dem die Experten an jede Situation herangehen; schonungslos ehrlich, direkt, gespickt mit kleinen Gehässigkeiten („ich teile deine Klamotten jetzt erstmal ein in hässlich, hässlich und hässlicher“), die aber nie verletzen sollen, und die durch die absolute Hingabe zu jedem einzelnen Fall im Handumdrehen mehr als wiedergutgemacht werden. Dadurch vermochten Carson & Co. die Dreiviertelstunde jeder Folge wie im Fluge vorbeirauschen zu lassen, an deren Ende man sich selbst ein gutes Stück unbeschwerter fühlte.

    „rbb queer 4 you“ zieht vergleichsweise gemächlich dahin, und obwohl auch hier am Ende jeder Folge „alles gut“ wird, liegt es einem eher wie schwere Kost im Magen. Die Verwandlung, die die Personen in jeder Folge durchmachen, wird von den Experten mit einem Coming Out verglichen – notwendig, aber auch schmerzhaft, ein Katalysator für persönliches Wachstum. Ganz so tränenrührig wie in „Queen of Drags“ wird das Thema Homosexualität in „rbb queer 4 you“ nicht behandelt, allerdings kommen die lebensfrohen Aspekte der US-Vorbilder etwas zu kurz.

    Was in allen Versionen funktioniert, ist mitzuerleben, wie ein Mensch, der irgendwo im Leben falsch abgebogen ist und sich selbst ein Stück weit aus den Augen verloren hat, die Erfahrung macht, dass sich vier bzw. fünf andere Menschen nur mit ihm beschäftigen und mit ihm daran arbeiten, wie er sein Leben für sich glücklicher gestalten kann. Die sehr vielen Umarmungen, die den Experten zuteil werden, wirken nicht gespielt, sondern von Herzen kommend.

    Die neuen „fabelhaften Vier“ Fabian Hart, Chris Glass, Christian Fritzenwanker und Sven Rebel lassen in keiner Situation Zweifel an ihrer Kompetenz aufkommen; aus Perspektive der Teilnehmer ist man bei Ihnen mit Sicherheit an der richtigen Adresse. Was allerdings in der deutschen Variante im Vergleich zu den US-Vorlagen ebenfalls fehlt, ist ein abschließender öffentlicher Auftritt, wo die Verwandelten ihr neues Ich Freunden und Bekannten präsentieren können. So ist das Zuschauen über mehrere Folgen hinweg leider nur halbwegs mitreißend; und beim einen oder anderen Zuschauer wird, sobald die Endcredits eingeblendet werden, der Finger in Richtung des Netflix-Symbols wandern, um lieber doch noch eine Folge „Queer Eye“ hinterherzuschauen.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten zwei Folgen.

    Meine Wertung: 2,5/5

    „rbb queer 4 you“ ist eine Produktion der Leitwolf TV & Film (Produzenten: Julia Nicolas und Rüdiger Wolf) für den rbb. Ab dem 13. Januar 2020 ist sie drei Wochen lang montags um 21.00 Uhr im rbb zu sehen. Seit dem 27. Dezember 2019 ist die Sendung bereits in der ARD Mediathek verfügbar.

    Über den Autor

    Gregor Löcher

    Gregor Löcher wurde in den späten 70er-Jahren in Nürnberg geboren und entdeckte seine Leidenschaft für Fernsehserien aller Art in den 80er-Jahren, dem Jahrzehnt der Primetime-Soaps wie dem Denver Clan und Falcon Crest, was ihn prägte. Seitdem sind Faibles für viele weitere Serien und Seriengenres hinzugekommen, namentlich das der Comedyserie. Seit 2008 ist er als Webentwickler für fernsehserien.de tätig und hat zum Glück nach wie vor die Zeit, sich die eine oder andere Serie anzusehen.

    Lieblingsserien: Desperate Housewives, 24, Will & Grace, Die Brücke

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