„Hawkeye“: Neue Marvel-Serie setzt noch keine echten Ausrufezeichen – Review

    Clint Barton alias Hawkeye trifft talentierte Bogenschützin und wird mit Vergangenheit konfrontiert

    Rezension von Christopher Diekhaus – 23.11.2021, 18:00 Uhr

    Clint Barton (Jeremy Renner) und Kate Bishop (Hailee Steinfeld) machen in „Hawkeye“ gemeinsame Sache. – Bild: Marvel Studios/Disney+
    Clint Barton (Jeremy Renner) und Kate Bishop (Hailee Steinfeld) machen in „Hawkeye“ gemeinsame Sache.

    Das Jahr 2021 erblickte nach dem Ende des Lockdowns nicht nur eine Welle an neuen Marvel-Blockbustern. Auch im Serienbereich tat sich einiges. Im Januar startete „WandaVision“, im März „The Falcon and the Winter Soldier“, im Juni „Loki“ und im August das Animationsformat „Marvel’s What If…?“. Reichlich Stoff für Fans des stetig anwachsenden Comicuniversums. Mit „Hawkeye“ wartet nun die nächste bei Disney+ startende Produktion, die einen der bislang nicht im Zentrum der Kinofilme stehenden Superhelden genauer ausleuchtet. Nach den ersten Eindrücken lässt sich allerdings festhalten, dass die Geschichte rund um den titelgebenden Bogenschützen gegenüber den vorangegangenen Marvel-Serien etwas abfällt. Die Einstiegsfolgen geraten jedenfalls weniger ambitioniert und kreativ als die oben genannten Werke.

    Die Auftaktepisode konzentriert sich in erster Linie darauf, mit Kate Bishop (Hailee Steinfeld) eine neue Figur in den Marvel-Kosmos einzuführen. Ihrer familiären Situation widmet Serienschöpfer Jonathan Igla („Mad Men“) einen Prolog, der uns ins Jahr 2012 entführt. Bei einem Angriff auf New York, der auch das Wohnhaus der wohlhabenden Bishops in Mitleidenschaft zieht, kommt Kates Vater Derek (Brian d’Arcy James) ums Leben. Inmitten all des brachialen Durcheinanders, das tricktechnisch nicht ganz so überzeugend aussieht wie in den Leinwandarbeiten, entdeckt das kleine Mädchen den furchtlosen Pfeil- und Bogenspezialisten Hawkeye alias Clint Barton (Jeremy Renner). Ein Anblick, der sich einprägt und in ihr den Wunsch auslöst, dem unerschrockenen Mann nachzueifern.

    Einige Zeit später – Kate ist mittlerweile 22 Jahre alt – tritt uns eine junge Frau entgegen, die das Drehbuch unmissverständlich als Draufgängerin zeichnet, wenn sie mit ihren Schießkünsten einen ganzen Glockenturm zum Einsturz bringt. Nach diesem offenbar nicht ersten Fehltritt kehrt sie kurz vor Weihnachten nach Manhattan zurück, wo ihre Mutter Eleanor (Vera Farmiga) ihr erst einmal eine Standpauke hält. Bei ihrem Besuch muss Kate zudem eine Neuigkeit schlucken, die ihr unübersehbar bitter aufstößt. Eleanor hat einen neuen Mann an ihrer Seite. Und dieser Jack (Tony Dalton) führt sich gleich mal als schmieriger Rosenkavalier mit breitem Grinsen ein. Dass Kate abweisend reagiert, kann man ihr beim besten Willen nicht verdenken!

    Eleanor Bishop (Vera Farmiga) und ihr Lebensgefährte Jack (Tony Dalton) besuchen eine Spendengala. Marvel Studios/​Disney+

    Auf einer Wohltätigkeitsgala, zu der sie ihre Mutter und ihren Lebensgefährten begleiten soll, landet sie schließlich in einem Weinkeller, in dem eine geheime, exklusive Auktion stattfindet. Unter den Hammer kommen hier auch die Waffen und die Maskerade des bislang unbekannten Rächers Ronin, der in Unterweltkreisen kompromisslos aufgeräumt hat. Kenner des Marvel-Universums wissen, dass in „Avengers: Endgame“ niemand anderes als Clint Barton hinter diesem Vigilanten steckt, den nach Thanos’ Fingerschnippen die Wut über den Tod seiner Familie antreibt.

    Durch die Umkehrung der Massenauslöschung am Ende des großen Avengers-Spektakels von 2019 kehrten Hawkeyes Liebste wieder zurück. Im Kampf gegen den großen Bösewicht verlor Burton allerdings seine gute Freundin Natasha Romanoff alias Black Widow (Scarlett Johansson). Die ambivalente Gefühlslage spielt, wenig verwunderlich, in der neuen Miniserie eine nicht unwichtige Rolle. Mit seinen Kindern Lila (Ava Russo), Cooper (Ben Sakamoto) und Nathaniel (Cade Woodward) verbringt der inzwischen zum zweiten Mal in den Superheldenruhestand eingetretene Barton ein paar Tage im Big Apple, während seine Ehefrau Laura (Linda Cardellini) zu Hause die Stellung hält. Als die vier New-York-Touristen ein herrlich überdreht choreografiertes Musical über Captain America und seine heroischen Mitstreiter besuchen, erfahren wir nicht nur, dass Clint mittlerweile ein Hörgerät besitzt. Parallel brechen auch die Erinnerungen an Natashas Tod und seine Involvierung hervor. Die Zeit als Avengers-Mitglied scheint ihm Unbehagen zu bereiten. Einen Kontrast zu den schmerzhaften Erfahrungen bildet die weihnachtliche Stimmung, die „Hawkeye“ über diverse musikalische Festtagsklassiker und symbolträchtige Aufnahmen – etwa die Eisbahn vor dem hell erleuchteten Rockefeller Center – heraufbeschwört.

    „Rogers: The Musical“ heißt das Musical, das sich Clint Barton mit seinen Kindern am Broadway anschaut. Marvel Studios/​Disney+

    Wirklich in Aktion tritt die Titelfigur erst ganz am Ende der Einstiegsfolge, als sie plötzlich mit ihrer zwielichtigen Vergangenheit als Selbstjustiz betreibender Gangsterjäger konfrontiert wird. An genau diesem Punkt treffen Kate und der von ihr schon so viele Jahre als Vorbild verehrte Clint erstmals aufeinander. Das aus den Comicvorlagen bekannte Mentoren-Schülerin-Verhältnis stellt sich allerdings nicht sofort ein. Während die sehr talentierte Bogenschützin manchmal ein wenig zu sehr den großen Fan raushängen lässt, gibt sich Barton zunächst paternalistisch. Sie soll warten, und er will die aufkommenden Probleme so schnell wie möglich aus dem Weg räumen, um rechtzeitig an Weihnachten bei seiner Familie zu sein. Aus dieser Figurenkonstellation entspringen einige nette sarkastische Dialoge. Und auch die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern passt. Richtig durchstarten kann „Hawkeye“ in den der Presse vorab bereitgestellten Episoden eins und zwei aber leider nicht – wofür es mehrere Gründe gibt.

    Zu aufdringlich weisen die Macher darauf hin, dass Kates potenzieller Stiefvater etwas zu verbergen hat. Die während der Auktion auftauchenden Kriminellen, Jogginganzüge tragende Russen, die sich ein ums andere Mal in pseudolustigen Wortgefechten ergehen, fallen arg karikaturenhaft aus. Und generell werden zu viel Humoreinlagen mit der Brechstange erzwungen. Ein Beispiel für die forcierte Komik ist Clints widerwillige Teilnahme an einem Live-Rollenspiel im Park. Ins Bild passt auch, dass die Kampfszenen meistens nicht über den Status „solide“ hinauskommen. Wirklich ungewöhnliche, den Atem raubende Action sucht man bislang vergeblich. Überhaupt: Eine unkonventionelle Note, wie sie etwa die Miniserie „WandaVision“ mit ihrem Sitcom-Vexierspiel bietet, lassen die ersten beiden Folgen vermissen. Wer weiß, vielleicht schaffen es Showrunner Jonathan Igla und Co jedoch, die auf dem Tisch liegenden Elemente im weiteren Verlauf auf unvorhergesehene Weise zu verbinden. Dank Bartons Gewissensbissen und seiner unrühmlichen Taten als Ronin könnte so manche böse Überraschung auf Kate und ihn warten. Ein Konflikt, der sich in der Post-Credits-Szene von „Black Widow“ angekündigt hat, dürfte in „Hawkeye“ noch zum Tragen kommen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden von insgesamt sechs Folgen der Serie „Hawkeye“.

    Meine Wertung: 3/​5

    Die ersten beiden Folgen der Serie „Hawkeye“ werden am 24. November 2021 bei Disney+ veröffentlicht. Die Ausstrahlung der restlichen Episoden erfolgt dann im wöchentlichen Rhythmus.

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Na ja, mit Jerremy Renner und seinen anderthalb Gesichtsausdrücken ein Ausrufezeichen zu setzen dürfte auch echt schwer werden ... aber schade, ich hatte gehofft, es önnte der neue "Arrow" werden. Aber das hier klingt eher nach familientauglichem Gemischtwarenladen ... grusel ...

      weitere Meldungen