„Euphoria“: HBO packt noch mehr Sex, Drogen und Gewalt in „Skins“ – Review

    Starkes Ensembledrama verschiebt die Grenzen des Zeigbaren

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 15.10.2019, 17:03 Uhr

    Zendaya als Rue in „Euphoria“ – Bild: HBO
    Zendaya als Rue in „Euphoria“

    Bislang war der US-Premiumkanal HBO nicht gerade ein Sender, der besonders durch Teenagerdramen aufgefallen wäre. So überrascht es erst einmal, dass er nun mit „Euphoria“ eine Serie startet, die auf den ersten Blick eher zu jugendaffinen Sendern wie The CW zu passen scheint. Allerdings ist schon die einstündige Pilotfolge dermaßen mit Sex, Drogenkonsum und Gewalt durchsetzt, dass sie im streng reglementierten US-Fernsehsystem nur bei einem Pay-TV-Kanal möglich ist. Die naheliegendste Referenzserie ist wohl „Skins – Hautnah“, jene britische Erfolgsserie über Teenagercliquen, die zwischen 2007 und 2013 mit ihrer Tabulosigkeit das Genre neu definiert hat. „Euphoria“ verschiebt die Grenzen des Zeigbaren allerdings noch deutlich weiter. Etwas oberflächlich könnte man sie also anpreisen als „wie ‚Skins‘, aber mit noch mehr Sex, Drogen und Gewalt“.

    Wir befinden uns irgendwo im US-amerikanischen Suburbia, einer mittelgroßen Stadt mit einer typischen High School, wie wir sie aus unzähligen Filmen und Serien kennen. Auch hier gibt es die bekannten Gruppen von Schülern wie die Stars der Football-Mannschaft, die Außenseiter, die Nerds und so weiter. Als Mittelpunkt und Erzählerin der Handlung fungiert Rue Bennett (Disney-Serienstar und Sängerin Zendaya ), eine 17-jährige Afro-Afrikanerin, die nach einer Überdosis einen Drogenentzug hinter sich gebracht hat – was sie aber nicht daran hindert, gleich nach ihrer Entlassung aus der Klinik wieder zu Pillen zu greifen. Sie freundet sich mit Jules (Hunter Schafer) an, einer sich im Mangastil kleidenden neuen Mitschülerin, die als Junge geboren wurde. Die versucht, ihre Unsicherheit mit wahllosem Sex zu verdrängen, etwa indem sie über eine Schwulen-Dating-App Treffen mit älteren Männern vereinbart. Statt, wie sie es ihrem Vater erzählt hat, auf die Party eines ihrer neuen Mitschüler zu fahren, hat sie Sex mit einem brutalen Familienvater (in Anti-Role-Casting gespielt von „Grey’s Anatomy“-Star Eric Dane). Später stellt sich heraus, dass der ausgerechnet der Vater des Mitschülers und Trainer der Schulmannschaft ist.

    Rund um die beiden neuen BFFs Rue und Jules mit ihren jeweils ganz eigenen inneren Dämonen gruppiert sich ein größerer Kreis weiterer Schüler und – hauptsächlich – Schülerinnen, von denen einige in späteren Folgen eigene Handlungsstränge bekommen. Da ist zum Beispiel Kat (Barbie Ferreira), eine übergewichtige Außenseiterin, die heimlich beim ersten Sex gefilmt wird. Das Video landet erst via Social Media auf den Handys der Mitschüler und führt zu Mobbing, dann jedoch auch auf einer Porno-Plattform. Ermuntert durch die positiven Kommentare der dortigen User fühlt sich Kat in ihrem Selbstbild bestärkt und kommt sogar auf die Idee, ihren Körper einzusetzen, um via Webcam Geld zu verdienen. Es sind solche Wendungen, mit denen es die Serie schafft, immer wieder gängige Klischees zu brechen und eine zwar unkonventionelle, aber ermutigende Botschaft zum Thema Bodyshaming zu senden. Fast schon revolutionär wirkt auch die Selbstverständlichkeit, mit der eine Transgender-Frau als Hauptfigur agiert, die weder als solche auffällt noch explizit thematisiert wird.

    Freundinnen: Jules (Hunter Schafer) und Rue (Zendaya)
    Freundinnen: Jules (Hunter Schafer) und Rue (Zendaya)

    Wirklich neu an „Euphoria“, das auf einer israelischen Serie basiert, die allerdings nicht über eine Staffel hinauskam, ist der Fokus auf die weiblichen Figuren. Die Geschichten werden durchgehend von einer jungen Frau erzählt und die Mädchen stehen bei quasi allen Handlungssträngen im Mittelpunkt. Männer und Jungs dienen hauptsächlich als Antagonisten (der heuchlerische Trainer mit seinem Doppelleben), als love interest oder als beides (der Sohn des Trainers, der Probleme mit der Selbstbeherrschung hat). Dabei ist die Serie weit davon entfernt, diese Figuren eindimensional negativ zu zeichnen. So gibt es etwa auch noch Rues Drogendealer, der sie einerseits mit Stoff versorgt, andererseits aber echte Gefühle für sie zu haben scheint.

    Oberflächlich: Zwei Mädels in der Mall. Unter der Oberfläche: Die gehänselte Kat (Barbie Ferreira, l.) steht davor, ihre eigne Stimme zu finden, während Maddy (Alexa Demie) sich über ihren Freund definiert, an dessen Treue sie aber Zweifel hat.
    Oberflächlich: Zwei Mädels in der Mall. Unter der Oberfläche: Die gehänselte Kat (Barbie Ferreira, l.) steht davor, ihre eigne Stimme zu finden, während Maddy (Alexa Demie) sich über ihren Freund definiert, an dessen Treue sie aber Zweifel hat.

    Nicht nur die explizite Darstellung von Sex, Drogenkonsum und Gewaltausbrüchen sowie der Ensemblecharakter mit von Folge zu Folge wechselndem Fokus auf unterschiedliche Figuren erinnern an das britische „Skins“. Auch optisch gibt es Gemeinsamkeiten. Schaffte es die UK-Serie immer wieder, trotz kleinen Budgets außergewöhnliche Bilder zu liefern, gelingen auch hier dem Team um Chefkameramann Marcell Rév regelmäßig poetische Einstellungen, die das Innenleben der Protagonistinnen widerspiegeln. Etwa wenn Jules wiederholt nachts alleine auf dem Rad durch einsame Gassen fährt, untermalt mit zeitgenössischem Elektropop. Was im Vergleich zu „Skins“ gerade anfangs noch etwas fehlt, sind die Emotionen (und auch der Humor). Sachlich-nüchtern begleitet das Drehbuch von Sam Levinson die TeenagerInnen durch ihren recht düsteren Alltag. Nach zwei bis drei Folgen wachsen einem zumindest die Hauptfiguren aber doch ans Herz, auch wenn ihre Motivationen manchmal schwer nachvollziehbar bleiben. Die unmittelbare Zugänglichkeit der britischen Serie hat „Euphoria“ nicht, was auch daran liegt, dass die HBO-Serie eher eine Arthouse-Anmutung hat, womit sie sich schlussendlich doch gut ins Senderportfolio fügt.

    „Euphoria“: Der Alltag einer nicht alltäglichen Protagonistin.
    „Euphoria“: Der Alltag einer nicht alltäglichen Protagonistin.

    Die ersten Folgen erfinden das Genre der Coming-of-Age-Serie nicht neu, gehen aber hinsichtlich dessen, was man in einer solchen Serie mit entsprechend jugendlicher Zielgruppe zeigen kann, weiter, als man es bisher gesehen hat. Dass dabei die Erlebnisse und Probleme der Jugendlichen auch für Erwachsene nachvollziehbar und interessant bleiben, beweist einmal mehr, wie universell dieses Genre sein kann.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten vier Episoden der Serie „Euphoria“.

    Meine Wertung: 4/5

    © Alle Bilder: HBO

    Sky Atlantic zeigt die erste Staffel von „Euphoria“ ab Mittwoch, den 16. Oktober wöchentlich in Doppelfolgen. Neben den acht Folgen wurde bereits eine zweite Staffel beauftragt.

    Trailer zu „Euphoria“

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1974) am melden

      Danke für den Hinweis, der Fehler wurde korrigiert: Es muss natürlich "Mittwoch" heißen.
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        Donnerstag ist der 17. und nicht der 16.😅😅
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        • (geb. 1967) am melden

          Was mich weiterhin tierisch nervt, ist der momentane Trend immer mehr zu MINI - Serien mit gerade mal 6-8 Folgen!!!!
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