„Doom Patrol“: Darum braucht die Welt das „Titans“-Spin-Off

    Serienversion des DC-Teams aus den hinteren Reihen ist eine wilde Geisterbahnfahrt

    "Doom Patrol": Darum braucht die Welt das "Titans"-Spin-Off – Serienversion des DC-Teams aus den hinteren Reihen ist eine wilde Geisterbahnfahrt – Bild: DC Universe
    Die Protagonisten von „Doom Patrol“: Larry Trainor, Crazy Jane, Rita Farr, Victor Stone, Cliff Steele und Dr. Niles Caulder

    Eine weitere Superheldenserie feiert Premiere. Hat die Welt darauf gewartet? Bei der Fülle bereits laufender TV- und Streamingserien aus diesem Genre wohl eher nicht. Das bemerkt auch der Off-Erzähler gleich am Anfang der Pilotfolge zu „Doom Patrol“ in lakonischem Tonfall. Spätestens nach der ersten Stunde dieser Eigenproduktion des US-Online-Portals DC Universe muss man allerdings widersprechen, denn diese Stunde ähnelt eher einer wilden Geisterbahnfahrt als dem, was man gemeinhin von einer Superheldenserie erwarten würde.

    Noch stärker als bei den „Titans“, der ersten Originalserie für den DC-Streamingdienst, hat man sich hier Figuren angenommen, die nicht zur ersten Garde der Comichelden zählen. Im Falle der Doom Patrol ist es wohl eher die dritte bis vierte. Zwar tauchte auch dieses Team bereits in den 1960er Jahren zum ersten Mal in den US-Comicheften auf, (Anti-)Helden wie Robotman und Elasti-Girl dürften aber trotzdem nur absoluten Fans des DC Universums ein Begriff sein. Das ermöglicht allerdings auch einen frischen Neustart als Live-Action-Serie, ohne dass die Autoren auf jahrzehntelangen Ballast aus den gezeichneten Geschichten allzu viel Rücksicht nehmen müssten. Zudem ist ein Bezug zu „Titans“ gegeben, da deren Mitglied Beast Boy zuvor bei der Patrol war, die entsprechend auch bereits in einer Folge zu sehen war.

    Nach einem kurzen Prolog, der kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Paraguay spielt und zeigt, wie ein Ex-Naziführer einen Superschurken kreiert, springt die Handlung ins Jahr 1988. Wir werden Zeugen, wie der Profirennfahrer Cliff Steele (Brendan Fraser) während eines Rennens verunglückt und erst sieben Jahre später wieder aufwacht – jedoch leider nicht in seinem eigenen Körper. Mit dem subjektiven Blick Steeles, dessen Sichtfeld wie durch ein Visier verengt ist, lernen wir langsam und schrittweise sein neues Umfeld kennen und erfahren schließlich zusammen mit ihm, dass lediglich sein Gehirn gerettet und am Leben erhalten werden konnte. Der Arzt und Wissenschaftler Dr. Niles Caulder (Ex-Bond Timothy Dalton) konnte es in einen Roboterkörper verpflanzen und erst nach sieben Jahren hat er es geschafft, Steele wieder zu Bewusstsein zu bringen. Während der nach dem ersten Schock mühsam lernt, mit seinem neuen mechanischen Körper zu laufen, machen er und wir Bekanntschaft mit seinen anderen neuen Mitbewohnern. Der exzentrische Caulder hat nämlich seine Villa zu einem Refugium für Menschen gemacht, die schwere Verletzungen erlitten und dadurch ungewöhnliche Kräfte entwickelt haben.

    Anfangs fehlt Robotman noch die Kontrolle über seinen neuen physischen Körper und er ist auf Hilfe angewiesen – wie etwa vom ehemaligen Testpiloten Larry Trainor aka Negative Man

    Neben Steele leben dort noch der ehemalige Testpilot Larry Trainor (Matt Bomer), der während eines Flugs von negativer Energie „besessen“ wurde, abstürzte und wegen seiner starken Verbrennungen seitdem Gesicht und Körper hinter Bandagen verbirgt. Rita Farr (April Bowlby) war in den 1950ern eine Hollywood-Diva à la Marilyn Monroe, kam aber während Dreharbeiten in Afrika mit einer geheimnisvollen Flüssigkeit in Kontakt und verwandelt sich seitdem bei Stress unkontrolliert in eine glibberige Masse. Schließlich taucht, nachdem wir im Zeitraffer in der Gegenwart angekommen sind, noch Crazy Jane (Diane Guerrero, die Maritza aus „Orange is the New Black“) wieder auf, die in 64 verschiedene Persönlichkeiten gespalten ist, von denen auch noch jede über eine eigene Superkraft verfügt. Und der Wechsel zwischen den verschiedenen Entitäten erfolgt natürlich sprunghaft und unkontrollierbar.

    Es sind also keine klassischen Superhelden, die uns hier begegnen, sondern Menschen, die vom Schicksal gestraft wurden, die von ihren „Kräften“ getrieben werden und wegen ihres Aussehens oder Verhaltens zu Außenseitern wurden, die sich völlig aus der Gesellschaft zurückgezogen haben. Der Hulk lässt grüßen, ebenso wie die schräge Marvel-TV-Serie „Legion“, an die „Doom Patrol“ auch sonst noch am ehesten erinnert. Ab Folge 2 kommt dann noch der Kinogängern bereits aus Justice League bekannte Victor Stone alias Cyborg (Joivan Wade) hinzu, den sein Vater nach einem schweren Laborunfall zu einem Mischwesen aus Mensch und Android gemacht hat.

    Beim Ausflug der vier in die Stadt sind starrende Kinder noch die kleinste Unannehmlichkeit …

    Nach der recht langen, aber überaus unterhaltsamen Exposition kommt die Handlung richtig in Gang, als die vier „Freaks“ beschließen, die Abwesenheit ihres Ziehvaters Caulder zu nutzen, um nach Jahrzehnten dessen Anwesen zu verlassen und einen Ausflug in die nahe gelegene Kleinstadt zu unternehmen. Der endet in totalem Chaos, als zunächst Rita die Kontrolle über ihren Körper verliert und das daraus entstandene Glibbermonster die ganze Stadt in Schutt und Asche legt. Das ruft wiederum Caulders alten Feind Eric Morden (Alan Tudyk) alias Mr. Nobody auf den Plan, jenen Superschurken, der anfangs in Paraguay geschaffen wurde. Der lässt nicht nur Caulder, sondern gleich die ganze Stadt in einer Art Schwarzem Loch verschwinden. Übrig bleibt nur ein stinknormaler Esel. In Folge 2 finden die Antihelden dann heraus, dass ausgerechnet dessen Schlund der Zugang zur „anderen Seite“ ist. Was darauf folgt, dürfte zum Skurrilsten zählen, was jemals in einer TV-Serie zu sehen war. Aber es funktioniert: Die Autoren um Jeremy Carver treffen genau den richtigen Tonfall, um den ganzen Wahnsinn gleichermaßen witzig wie innerhalb des Serienkosmos glaubwürdig rüberzubringen. Die Schauspieler, denen teilweise nur ihre Stimmen zur Verfügung stehen (sowohl Fraser als auch Bomer agieren überwiegend als Voice Actors, während unbekanntere Darsteller in die Kostüme von Robotman und Negative Man schlüpfen), haben spürbar Spaß an ihren Rollen. Und auch visuell wird einiges geboten – wie DC die Kosten jemals wieder einspielen will, bleibt rätselhaft, aber die Effekte sind um einiges hochwertiger als etwa bei den CW-Serien aus dem Arrowverse. Dazu kommt ein liebevoll detailliertes Produktionsdesign.

    Der Titel der zweiten Episode lautet übersetzt „Esel-Patrouille“

    Über den reinen Spaß eines filmischen Kirmesbesuchs mit abgefahrenen Attraktionen hinaus bietet die Serie aber auch eine kräftige Dosis Drama und Tragik. Die inneren Nöte des Mannes, der in einem Metallkörper gefangen und zudem für den Tod seiner Ehefrau verantwortlich ist, und der Schauspielerin, deren ganzes Leben auf Schönheit aufgebaut war und die sich nun immer wieder in ein hässliches, unförmiges Etwas verwandelt, werden nachvollziehbar vermittelt. Im Übrigen profitiert die Serie wie schon „Titans“ von den Freiheiten eines Streamingdienstes, auch krasse Brutalität (und frivole Szenen) zeigen zu dürfen. Obwohl der Tonfall insgesamt viel leichter ist als bei der Show um Robin & Co., wird auch „Doom Patrol“ manchmal ganz schön düster. Nicht nur die Frage, ob es eine weitere Superheldenserie gebraucht hat, lässt sich also mit „Ja, wenn sie so aussieht wie diese“ beantworten. Auch der eigene Streamingdienst für DC-Helden hat seine Existenzberechtigung mit dieser zweiten höchst gelungenen Comicadaption in Folge bereits bewiesen.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „Doom Patrol“.

    Meine Wertung: 4/5


    © Alle Bilder: DC Universe

    In den USA wird die zunächst 15-teilige Serie „Doom Patrol“ seit dem 15. Februar 2019 vom Onlineangebot DC Universe gestreamt, wo auch „Titans“ läuft. Eine deutsche Heimat ist noch nicht bekannt geworden.

    Trailer zu „Doom Patrol“

    03.03.2019, 19:35 Uhr – Marcus Kirzynowski/fernsehserien.de

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski
    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit "Ein Colt für alle Fälle", "Dallas" und "L.A. Law" auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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