TV-Kritik „Deadly Class“: Dröge Unterrichtsstunde in Klischees

    Syfys neue Comicadaption kann nur optisch reizen

    Ralf Döbele
    Rezension von Ralf Döbele – 27.02.2019, 12:17 Uhr

    „Deadly Class“ – Bild: Syfy
    „Deadly Class“

    Im Serienuniversum sind bereits die ungewöhnlichsten Ausbildungsstätten Realität geworden. „The Magicians“ haben an der Brakebills University ihr Zuhause gefunden, ein „Teen Wolf“ und andere Monster streiften sechs Jahre lang durch die Korridore der Beacon Hills Highschool und Netflix trainiert angehende Superhelden wunderbar unterhaltsam in der „The Umbrella Academy“. Hinzu gesellt sich nun auch das Internat Kings Dominion, in dem Waisenkinder und die Sprösslinge mächtiger Verbrecherfamilien in allerlei Tötungsfinessen unterrichtet werden. Seine Adresse: Chinatown, San Francisco im Jahr 1987- oder Syfy, wo die Comic-Verfilmung am heutigen Mittwoch ab 20.15 Uhr im Doppelpack ihre Deutschlandpremiere feiert.

    Jüngster Neuzugang der Schule für angehende Killer ist der Straßenjunge Marcus (Benjamin Wadsworth), dessen Eltern ermordet wurden, als er neun Jahre alt war. Dafür macht er auch als Teenager noch immer Präsident Reagan verantwortlich, der mit seiner Sparpolitik einst indirekt dafür sorgte, dass eine gefährliche Geisteskranke wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Nachdem er von dem eigenwilligen Meister Lin (Benedict Wong) für Kings Dominion rekrutiert wurde, steht für Marcus auch schnell fest: Eines Tages wird er Ronald Reagan töten.

    Dies sorgt bei seinen neuen Mitschülern bestenfalls für ein müdes Lächeln, allesamt perfekt perfekt gestylte Archetypen der 80er Jahre-Gegenkultur: Saya (Lana Condor), die in Japan aus einem der mächtigsten Yakuza-Clans ausgestoßen wurde; die von Schönheit und Zorn gezeichnete Maria (María Gabriela de Faría); Willie (Luke Tennie), der lieber Comics lesen würde anstatt die Kunst des Tötens zu lernen; Skater-Punk Billy (Liam James), der Sohn eines korrupten Polizisten, und der furchteinflößende Chico (Michel Duval), Sohn des Anführers eines Drogenkartells.

    Männertraum in Leder: Saya (Lana Condor)
    Männertraum in Leder: Saya (Lana Condor)

    Bereits die erste Ansprache von Meister Lin zeigt, dass man sich in „Deadly Class“ mit Feinheiten, die nicht in den Bereich der Optik gehören, nicht lange aufhält. Als ultimative Autoritätsperson spaziert er zwischen den Schulbänken umher, schlägt nebenbei einer Schülerin die Nase blutig und propagiert, dass 1914 ein Teenager mit einer Pistole gereicht habe, um die Welt in zwei Weltkriege zu stürzen. Dass das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo lediglich der Tropfen war, der ein bereits durch jahrzehntelange Entwicklungen gut gefülltes, politisch-gesellschaftliches Fass zum Überlaufen brachte, lassen Lin und die Autoren großzügig unter den Tisch fallen – genau wie die Möglichkeit einer tiefergehenden Analyse der US-Gesellschaft der späten 1980er Jahre anhand von Marcus’ Schicksal.

    Doch nicht nur geschichtlichen Erkenntnisgewinn sucht man bei „Deadly Class“ vergebens. Die Macher bauen stilistisch und in ihrer oberflächlichen Figurenzeichnung eine Distanz zu ihren Protagonisten auf, die sich von der anderen Seite des Bildschirms aus nur schwer überbrücken lässt. Aber vielleicht ist das auch gar nicht gewollt, wenn man als Zuschauer von Marcus in emotionsloser Erzählerstimme ständig mit pseudo-philosophischen Erkenntnissen abgespeist wird.

    Die durchtriebene Maria (María Gabriela de Faría) und ihr psychopathischer Freund Chico (Michel Duval)
    Die durchtriebene Maria (María Gabriela de Faría) und ihr psychopathischer Freund Chico (Michel Duval)

    „Menschen müssen leiden, so wissen wir, dass wir am Leben sind“„Glück ist nur die Abwesenheit von Schmerz“„Nichts davon bedeutet etwas. Scheiße passiert einfach“… Recht schnell fragt man sich, ob man ausgerechnet einer Figur, die hauptsächlich aus selbstgerechtem Mitleid zu bestehen scheint, bei der Ausbildung zu einem Mordinstrument zuschauen will. Aber was bleibt einem schon übrig, wenn alle anderen Charaktere kaum mit eigenen Persönlichkeiten existent sind und lediglich durch die durchwegs guten Darsteller überhaupt einen Lebenshauch eingeflößt bekommen.

    Dabei erweisen ihnen die Macher um Autor Rick Remender, der auch die Comic-Vorlage verfasste, mitunter einen Bärendienst. Wie bei Maria, die in ihren Einsätzen zwar mit einem perfekten Kostüm scheinbar ständig den „Tag der Toten“ zelebriert, aber auch als angehende Killerin offenbar nicht im Stande ist, ihren brutalen, sie misshandelnden Freund Chico selbst zu erledigen. Stattdessen kann man doch einfach versuchen, den Neuen zu verführen, der macht das schon. Delegieren ist alles. Delegieren und verdrängen.

    So hat auch Marcus die automatisierten Begründungen für seine neue Schülerkarriere stets griffbereit: Er hat schließlich nur jemanden umgebracht, der es verdiente, der ihn auf der Straße schlecht behandelte. Als Dank wird er in der zweiten Folge vom Geist seines Opfers verfolgt – jedoch nicht von Angstschreien, dem Geräusch eines brechenden Schädels oder einem blutüberströmten Gesicht. Mit solchen Bildern wird auch der Zuschauer nicht belastet, schließlich darf Marcus nur einmal zuschlagen und der Bildschirm wird schwarz.

    James Bond würde über so eine pflegeleichte Ausbildung nur schmunzeln. Unweigerlich musste ich an die ersten Minuten von „Casino Royale“ (2006) denken, an den schier endlosen Todeskampf von Bonds erstem Bösewicht, der sich erbittert wehrte und dabei nicht nur die öffentliche Toilette, sondern auch den Geheimagenten recht zerstört zurückließ. Bond sah dem Akt der Barberei, der von nun an sein Job sein sollte, ins blutige Auge, mit allen Konsequenzen. So hätte auch „Deadly Class“ von einem sehr viel ungeschönteren Blick auf das präsentierte Klassenziel profitiert. Was haben diese Jungs und Mädels tatsächlich durchgemacht, auf der Straße, in ihren kriminellen Familien? Welche Narben tragen sie, die nicht in, zugegebenermaßen wunderschön animierten, Flashback-Momenten wegerklärt werden können? Was macht das Töten mit ihnen? Wer von ihnen steckt es weg, wie viele sind Psychopathen und bei wem besteht noch Hoffnung oder die Fähigkeit zum Mitgefühl?

    Aber warum sollte man diese Fragen beantworten, wenn man sich auch in schon tausend Mal gesehenen Highschool-Kischees verlieren kann? Der ersten Party, in der das Haus der Eltern demoliert wird; den üblichen Cliquen, denen man zwar mit Namen wie „Soto Vatos“ und „Kuroki Syndicate“ einen exotischen Hauch verleiht, die sich aber bequem in die altbekannten Schablonen der Sportler, Nerds und Bitches aufteilen lassen; und mit Lehrern, die zwar weder Autorität noch tödlichen Schrecken ausstrahlen, aber wenigstens den Hogwarts-Knuddelfaktor mitbringen.

    Multitalent Henry Rollins darf als Lehrer Jürgen Denke über Gifte unterrichten
    Multitalent Henry Rollins darf als Lehrer Jürgen Denke über Gifte unterrichten

    Auch die Action-Sequenzen, in denen die Schüler ihre ersten Aufgaben zu bestehen haben, stehen nicht auf eigenen Beinen und wecken bestenfalls Erinnerungen an „Spectre“, „Kingsman“„ oder, eher passend für eine 80er Jahre-Serie, „Der Terminator“. Aber wollten die „Captain America“-Regisseure Anthony und Joe Russo, die hier als Produzenten fungieren, nun tatsächlich mit solchen Anspielungen glänzen und sich in die aktuelle Nostalgie-Welle einfügen? Auch hier sucht man nach Antworten in Unentschlossenheit. Einerseits verliert sich die Optik in reichlich grau-beiger Suppe, sodass die Handlung eigentlich fast zu jeder Zeit spielen könnte. Andererseits halten aber knallige Schriftarten, dynamische Synthie-Musik und eine durchaus gelungene Auswahl von Retro-Hits vom Wegnicken ab. Lediglich die Bildgestaltung, die sich vor allem im von „Riverdale“-Regisseur Lee Toland Krieger inszenierten Pilot an Comic-Panels orientiert, vermag kurzzeitig zu faszinieren.

    Die zweite Episode gibt die inhaltliche Vorwärtsbewegung des Piloten dann zu Gunsten der bereits genannten, gefühlt endlosen und mit praktisch keinerlei Erkenntnisgewinn ausgestatteten Highschool-Party auf. Doch bereits zuvor, als Marcus gemeinsam mit Willie die Leiche seines ersten Mordopfers verbrennt, erscheint die Frage, warum Marcus ausgerechnet das doch sicher verdammt teure Zippo-Feuerzeug mit in die Flammen wirft, plötzlich viel interessanter als das Schicksal dieser Protagonisten.

    Kurz davor streiten sich die beiden im Auto über die besten Comics ihrer Zeit. Marcus, der endlich mal einen Hauch von Leidenschaft zeigen darf, ist sicher, dass Willies Favorit nichts weiter ist als eine „Männerfantasie“ und „Mainstream Melodrama Bullshit“ – ein Augenblick, der sicher nicht als Meta-Moment geplant war, in dem sich „Deadly Class“ aber dennoch erschreckend perfekt selbst beschreibt.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „Deadly Class“.

    Meine Wertung: 2/5

    © Alle Bilder: SYFY

    Der deutsche Pay-TV-Sender Syfy zeigt ab Mittwoch, dem 27. Februar 2019 die erste Staffel von „Deadly Class“ als Deutschlandpremiere. Zum Auftakt läuft eine Doppelfolge, in den späteren Wochen wird vor einer neuen Episode ab 21.00 Uhr immer um 20.15 Uhr die Folge der Vorwoche wiederholt.

    Deutscher Trailer zu „Deadly Class“

    Über den Autor

    Ralf Döbele

    Ralf Döbele ist Jahrgang 1981 und geriet schon in frühester Kindheit in den Bann von „Der Denver-Clan“, „Star Trek“ und „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Davon hat er sich als klassisches Fernsehkind auch bis heute nicht wieder erholt. Vor allem US-Serien aus allen sieben Jahrzehnten TV-Geschichte haben es ihm angetan. Zu Ralfs Lieblingen gehören Dramaserien wie „Friday Night Lights“ oder „The West Wing“ genauso wie die Prime Time Soaps „Melrose Place“ und „Falcon Crest“, die Comedys „I Love Lucy“ und „M*A*S*H“ oder das „Law & Order“-Franchise. Aber auch deutsche Kultserien wie „Derrick“ oder „Bella Block“ finden sich in seinem DVD-Regal, das ständig aus allen Nähten platzt. Ralf ist seit 2006 als freier Redakteur für fernsehserien.de tätig und kümmert sich dabei hauptsächlich um tagesaktuelle News und um Specials über die Geschichte von deutschen und amerikanischen Kultformaten.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Star Trek – Enterprise, Aktenzeichen XY … ungelöst

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

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      Bei Siffi nimmt man halt bekanntlich selten genug Geld in die Hand, um etwas Vernünftiges gebacken zu kriegen. Also warum die Verwunderung?
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