„Borgen – Macht und Ruhm“: Großartige Rückkehr von Birgitte Nyborg in Netflix-Miniserie – Review

    Packende Konflikte um Grönlandöl, Klimapolitik und internationale Einflusssphären

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 06.06.2022, 12:51 Uhr

    „Borgen – Macht und Ruhm“ – Bild: DR/Netflix
    „Borgen – Macht und Ruhm“

    Die populärste europäische Fernsehpolitikerin ist zurück: Birgitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen). Bereits neun Jahre ist es her, dass wir sie zum letzten Mal gesehen haben, damals war sie gerade Außenministerin geworden. Nach der dritten Staffel war 2013 eigentlich Schluss mit „Borgen – Gefährliche Seilschaften“, einem der herausragenden Vertreter des dänischen Serienbooms. Nach dem großen internationalen Erfolg, der sich durch den Einkauf der Serie durch Netflix vor ein paar Jahren noch mal stark vergrößert haben dürfte, kommt nun die späte Fortsetzung in Form der achtteiligen Miniserie „Borgen – Macht und Ruhm“. Die hat Netflix gleich zusammen mit dem dänischen Fernsehsender DR produziert.

    Die größte Veränderung zu den bisherigen Staffeln ist, dass die neue komplett horizontal erzählt wird. Statt abgeschlossener Episodenhandlungen um das politische Problem der Woche, gibt es eine durchgehende Handlung, die sich fast ausschließlich einem Thema widmet – noch höheres Binge-Watching-Potential also. Thematisch knüpft die Staffel an eine der besten Folgen der Originalserie an, die Grönland-Episode aus der ersten Staffel. Vor der autonom verwalteten Arktis-Insel, die aber immer noch zum dänischen Königreich gehört, wird nämlich eine Ölquelle entdeckt. Das bringt die Politik der neuen dänischen Regierung ins Wanken, zu der als Außenministerin auch wieder Nyborg gehört.

    Deren Neue Demokraten hatten die Wahl unter anderem mit einer fortschrittlichen Klimapolitik gewonnen und so ist Nyborg zunächst auch streng gegen eine Ölförderung, die den CO2-Ausstoß erhöhen und vor allem auch die Eisberge in Grönland selbst schneller schmelzen lassen würde. Nur besteht die nach mehr Unabhängigkeit strebende grönländische Regierung darauf, die Quelle auszubeuten, was gewaltige Einnahmen von bis zu 2000 Milliarden Kronen bringen würde. Der grönländische Abgeordnete im Kopenhagener Parlament droht sogar, der Regierung anderenfalls seine Stimme zu entziehen und damit zu Fall zu bringen. Birgitte Nyborg muss sich zwischen ihren Idealen und dem Festhalten an der Macht entscheiden.

    Zwischen Idealen und Machtanspruch: Außenministerin Birgitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen) Mike Kollöffel/​Netflix

    Es wird nicht das letzte Mal bleiben. Denn mit der Zustimmung zu dem Öldeal gerät sie zwischen die Interessen nicht nur des kleinen Grönland, sondern auch viel größerer politischer und militärischer Verbündeter und Gegner. An der kanadischen Ölfirma sind nämlich auch russische Anteilseigner und Putin-Getreue beteiligt (hier ist die Serie erstaunlich aktuell und erwähnt sogar schon den Ukraine-Krieg) und schließlich steigen auch noch die Chinesen ein. Dagegen haben nun wieder die USA etwas, für die Grönland ein strategisch wichtiger Stützpunkt zwischen den Kontinenten ist. Schon bald droht das kleine Dänemark im Machtkampf gleich dreier Supermächte zerrieben zu werden, während Nyborg gleichzeitig um die Unterstützung ihrer eigenen Partei kämpfen muss. Ihre Ideale drohen dabei, endgültig auf der Strecke zu bleiben.

    Es ist der alte Kernkonflikt, den alle Politserien früher oder später thematisieren: Wie viel von sich darf ein Spitzenpolitiker aufgeben, ohne sich selbst zu verraten? Wie viel Selbstaufgabe ist es wert, an der Macht zu bleiben? Man kann vielleicht so viel verraten, dass die „Borgen“-Autoren um Serienschöpfer Adam Price diesmal ziemlich weit gehen, um diese Fragen zu beantworten. Dadurch wird der Tonfall in der zweiten Staffelhälfte deutlich dunkler als von den alten Folgen gewohnt. Knudsen spielt diesen moralischen Fall beeindruckend gut und schafft es, dass man sie im einen Moment noch innerlich anfeuert und im nächsten schon fast verachtet. Sie ist nach wie vor das Zentrum der Serie und generell eine der besten internationalen Serienschauspielerinnen.

    Torben Friis (Søren Malling) zeigt eine treffende Karikatur: Nyborg zwischen allen Supermächten Mike Kollöffel/​Netflix

    Ansonsten gibt es ein Wiedersehen mit erstaunlich vielen vertrauten Figuren, wenn auch manchmal nur in kleinen Nebenrollen oder Gastauftritten: Nyborgs Familie ist natürlich wieder dabei, wobei aus dem kleinen Sohn Magnus (jetzt: Lucas Lynggaard Tønnesen, „The Rain“) inzwischen ein selbstbewusster junger Mann und Umweltaktvist geworden ist. Politische Begleiter spielen eine mal größere Rolle wie Jon Berthelsen (Jens Albinus, „Der Adler – Die Spur des Verbrechens“), mal eine kleinere, aber dennoch sehr wichtige wie ihr alter Mentor Bent Sejrø (Lars Knutzon). Und als zweiten Handlungsort gibt es auch wieder die wohl kleinste Hauptnachrichtenredaktion der Welt bei TV1. Dort kämpft die ehemalige Starjournalistin Katrine Fønsmark (Birgitte Hjort Sørensen) parallel zu Nyborg ihren eigenen Kampf als neue Nachrichtenchefin. Unterstützt wird sie dabei von ihrem langjährigen Kollegen Torben Friis. Dessen Darsteller Søren Malling wurde aber zum Glück nach seiner Hauptrolle in Staffel 3 wieder zum Nebendarsteller zurückgestuft, was er wesentlich besser ausfüllt.

    Neuer männlicher Hauptdarsteller ist der bereits aus Serien wie „Die Erbschaft“ und ebenfalls „The Rain“ bekannte Mikkel Boe Følsgaard. Er spielt den unerfahrenen dänischen Arktis-Botschafter Asger Kirkegaard, der in Grönland Nyborgs Interessen vertritt und sich dabei nicht nur in die grandiose Landschaft verliebt. Seine Affäre mit seiner einheimischen Verhandlungspartnerin Emmy Rasmussen (Nivi Pedersen) ist vielleicht etwas konstruiert. Insgesamt ist aber bemerkenswert, wie die Serie immer auch die Perspektive der Grönländer einbaut. Die sind eigensinnig und oft unkonventionell, aber auch selbstbewusst und kämpferisch. Dortige Probleme wie stark verbreiteter Alkoholismus und eine hohe Suizidrate werden nicht verschwiegen, aber in „Borgen“ ist nie etwas nur schwarz oder weiß.

    Genießt die grönländische Landschaft: Arktis-Botschafter Asger Kirkegaard (Mikkel Boe Følsgaard) Mike Kollöffel/​Netflix

    Insgesamt ist ohnehin bemerkenswert, wie tief man ganz en passant in die Feinheiten des dänischen Regierungssystems und Staatsaufbaus eintaucht, inklusive der komplexen, historisch aufgeladenen Beziehungen zu Grönland. Dabei spielen auch die Ministerialbeamten eine entscheidende Rolle, die nicht wie in anderen Ländern nach jedem Regierungswechsel ausgewechselt werden, sondern als überparteiliche Bürokraten den Fortbestand des Systems garantieren sollen.

    Auch wenn die neue Staffel sich vom Tonfall her teilweise deutlich von den alten unterscheidet und manchmal vielleicht etwas zu dick aufträgt, behauptet „Borgen“ auch mit dieser späten Fortsetzung seine Spitzenstellung im Feld der Politserien. Es muss ein glückliches kleines Land sein, das solche tollen SerienautorInnen und SchauspielerInnen hat.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten Miniserie „Borgen – Macht und Ruhm“.

    Meine Wertung: 4,5/​5

    Die achtteilige Miniserie ist bereits bei Netflix verfügbar.

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv​a>.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am via tvforen.de

      Großartig! Leider zur Zeit nur auf Netflix und nur 8 Folgen. Bleibt zu hoffen das sie die Fortsetzung bald auch ins Free-TV verkaufen werden. Oder zumindest als BlueRay.

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