„Babylon Berlin“-Zwischenfazit: Nach zwei Staffeln noch nicht der herbeigeredete große Wurf

    Handwerklich perfekt und spannend, Figuren und Stil bleiben konventionell

    "Babylon Berlin"-Zwischenfazit: Nach zwei Staffeln noch nicht der herbeigeredete große Wurf – Handwerklich perfekt und spannend, Figuren und Stil bleiben konventionell – Bild: XFilme/ARD Degeto/Das Erste/Sky/Beta Film
    Die Ermittlungen zu einem Pornoring führen den Kölner Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) in der Serie „Babylon Berlin“ in die Hauptstadt.

    Nach den ersten beiden Staffeln von „Babylon Berlin“ ziehen wir ein (Zwischen-)Fazit. Während wir uns dabei bemühen, nicht die zentralen Handlungsdetails zu spoilern, ist solch eine Betrachtung nicht möglich, ohne auch auf Inhaltliches einzugehen. Daher sei ausdrücklich vor SPOILERN gewarnt.

    Die zweite Staffel von „Babylon Berlin“ endet, wie die erste angefangen hat: mit dem Helden der Serie, Kriminalkommissar Gereon Rath (Volker Bruch) in Hypnose und den gleichen Bildern aus dessen Vergangenheit, in die er sich zurückversetzen muss. Nur, dass diesmal die Erinnerung bis ans bittere Ende geht. Die Autoren Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten schließen damit den Bogen der ersten 16, zusammen produzierten Episoden ihrer Prestigeserie, die eher aus Marketinggründen in zwei Staffeln aufgeteilt, dann aber doch ohne Pause bei Sky1 gezeigt wurden. Dies könnte auch ein einigermaßen runder Serienabschluss sein, falls der Erfolg ausgeblieben wäre. Man kann aber wohl auch ein knappes Jahr, bevor sie ihre Free-TV-Premiere im Hauptprogramm des Ko-Finanziers ARD erleben wird, davon ausgehen, dass es weitergehen wird. Zumindest der kleinere Partner Sky ist mit den Quoten jedenfalls sehr zufrieden und promotiontechnisch ist die Serie schon jetzt ein Hit. Aber was bleibt inhaltlich nach bisher 16 Mal rund 45 Minuten „teuerster deutscher Serie aller Zeiten“?

    Den Eindruck ganz vom Anfang (vgl. unsere Kritik zum Serienauftakt), dass sie inhaltlich doch mehr von herkömmlichen deutschen TV-Krimis hat, als bei einer solchen Prestigeserie erwartet, muss der Rezensent etwas revidieren. Im weiteren Verlauf merkt man dann doch deutlich, dass es den Machern eher um Charakterdrama vor historischem Hintergrund geht als um die Aufklärung von Kriminalfällen oder das Zeigen von Polizeiarbeit. Das Setting rund um Kommissar Rath, seine Kollegen und das Berliner Polizeipräsidium dienen ihnen dafür nur als Vorwand, wahrscheinlich auch als eine Art Türöffner für das krimigewohnte deutsche Fernsehpublikum. Wer war nun eigentlich der in kompromittierender Situation fotografierte Spitzenbeamte aus der Pilotfolge, den Rath um jeden Preis schützen wollte? Im Grunde egal, nicht mehr als ein McGuffin im Hitchcockschen Sinne, ein Roter Hering, der die Handlung in Gang bringen sollte. Auch der geheimnisvolle Zugtransport, um den sich alle möglichen Gruppen reißen, dient eigentlich nur dazu, die eklatanten politischen Konflikte der Weimarer Republik zu beleuchten: reaktionäre führende Reichswehr-Offiziere, trotzkistische Revolutionäre und organisierte Verbrecher (angeführt vom „Armenier“ Misel Maticevic) – alle sind sie hinter dem Gold her.

    Ein Blick in die Geschichte der Weimarer Republik

    Und genau an solchen Stellen, wenn Figuren(gruppen) mit historischen Vorbildern und die fiktiven Charaktere zusammentreffen oder die Serienhelden in Ereignisse geraten, die es tatsächlich gegeben hat, wird die Serie „Babylon Berlin“ interessant. Ihren frühen Höhepunkt erreicht sie etwa schon in der vierten Folge, wenn Rath und sein Partner, der lange Zeit ambivalent-undurchschaubare (und am Ende dann doch eindeutig böse) Kommissar Wolter (Peter Kurth) zwischen die Fronten der blutig niedergeschlagenen Maidemo von 1929 geraten. Die unfassbare Ungerechtigkeit und Grausamkeit eines Polizeiapparats, der erst friedliche Demonstranten (und unbeteiligte Frauen und Kinder) zusammenschießt und dies dann hinterher durch Falschaussagen eigener Beamter vor Gericht als Notwehr darstellt, wird durch den Blickwinkel von Gereon Rath hautnah spürbar. Leider machen die Autoren aus dieser intensiven Sequenz zu wenig für die weitere Geschichte. Erst am Ende der zweiten Staffel wird dieser Vorfall wieder aufgegriffen.

    Zwischendrin verliert sich die Serie stattdessen gerne mal in Nebenhandlungen, die nirgendwo hinführen, sei es Raths kurzzeitige Affäre mit seiner Vermieterin (Fritzi Haberlandt) oder die ganzen Szenen mit dem Industriellensohn Alfred Nyssen, den Lars Eidinger gewohnt theatralisch als Operettenbösewicht gibt. Überhaupt sind die Antagonisten eher schwache Figuren, sieht man einmal von Bruno Wolter ab, der zumindest noch widerstreitende Charakterzüge zeigen darf.

    Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter ist die Entdeckung von „Babylon Berlin“

    Die interessantesten Figuren sind aber ohnehin nicht die Männer, schon gar nicht der am Ende immer noch recht blasse Rath, sondern die Frauen: die etwas naive Greta (Leonie Benesch), hin und hergerissen zwischen ihren Bemühungen, sich als „Mädchen vom Lande“ in die Großstadt zu integrieren, und ihrer Liebe zu einem jungen, anscheinend kommunistischen Arbeiter. Dessen Manipulation führt in der vorletzten Folge zu einer der spannendsten Sequenzen der Serie mit tragischem Ausgang von antiken Dimensionen. Und dann natürlich Charlotte Ritter! Liv Lisa Fries ist in der weiblichen Hauptrolle die große Entdeckung dieser Serie, die es mühelos schafft, die zahlreichen schillernden Facetten dieser Figur rüberzubringen: Ihre Charlotte ist gleichermaßen selbstbewusst und schlagfertig wie verunsichert und mitleidend, manchmal ehrgeizig bis zur Skrupellosigkeit, dann wieder in hohem Grad verletzlich. Den Autoren und der Schauspielerin ist hier schon jetzt eine der faszinierendsten Frauenfiguren der deutschen Seriengeschichte gelungen. Gut, dass sie uns wahrscheinlich doch noch eine Weile erhalten bleiben wird.

    Im Gegensatz zur Figur von Matthias Brandt – schade, wäre es doch interessant gewesen, in späteren Staffeln zu sehen, wie es seinem jüdischen Regierungsrat ergangen wäre, wenn die Nazis ihre Macht ausbauen werden. Auch beim sozialdemokratischen Polizeipräsidenten (Thomas Thieme), selbst eine widersprüchliche Figur, sorgt unser historisches Wissen, wie sich der Lauf der deutschen Geschichte wenig später entwickelt hat, für Schauer. Hier liegt auch die große Chance einer weit angelegten Serie wie „Babylon Berlin“, bei entsprechendem Publikumszuspruch das Schicksal der einmal eingeführten Charaktere vor völlig verändertem politisch-gesellschaftlichen Hintergrund weiterverfolgen zu können. Wie werden etwa Gereon Rath und Charlotte Ritter reagieren, wenn die Nazi-Diktatur beginnt? Ein Bruno Wolter jedenfalls hätte sich wohl problemlos mit den neuen Verhältnissen engagiert.

    Sex, Drogen und Musik: Die Nacht gehört dem legendären „Moka Efti“

    Auf inhaltlicher Ebene hat „Babylon Berlin“ also durchaus einiges zu bieten (von den immer wieder sehr spannenden Actionszenen ganz abgesehen). Auch wenn erzählerisch das gewisse Etwas fehlt, viele Figuren eher als Platzhalter für bestimmte gesellschaftliche Strömungen fungieren statt als ausgearbeitete individuelle Charaktere. Vor allem stilistisch bleibt es aber über weite Strecken doch zu konventionell für eine Serie, die den selbst formulierten Anspruch aller Beteiligten vor sich her trägt, das deutsche TV-Schaffen zu revolutionieren. Ja, das sieht alles technisch gut aus, ist handwerklich perfekt gemacht, aber die Inspiration kommt nur selten durch. Hätten sich die drei Showrunner, die gleichzeitig als gemeinsame Regisseure aller Folgen agierten, doch nur mehr solcher grandioser Momente wie der langen Nachtclub-Sequenz und der anschließenden Parallelmontage am Ende der ersten Doppelfolge getraut. Immer mal wieder blitzt auch später der Mut durch, etwas für deutsche Verhältnisse Neues, Unkonventionelles auszuprobieren, etwa eine Traumszene zu Beginn einer Episode, in der Rath und seine geliebte Schwägerin Helga (Hannah Herzsprung) affektiert-überkandidelt durchs Schlafzimmer tanzen wie in einem alten Filmmusical. Aber insgesamt gibt es sowas eben viel zu selten. So ist „Babylon Berlin“ zwar durchaus eine unterhaltsame, oft auch spannende Dramaserie, bei der man nach drei, vier Folgen auch immer wissen möchte, wie es weitergeht – aber eben (noch) nicht der allseits herbeigeredete ganz große Wurf fürs deutsche Fernsehen. Die PR-mäßig einige Nummern tiefer gehängte Mysteryserie „Dark“ von Sky-Konkurrent Netflix geht stilistisch und was den Mut zum Genre (abseits von Krimis) betrifft wesentlich weiter.

    „Babylon Berlin“

    © Alle Bilder: XFilme/ARD Degeto/Das Erste/Sky/Beta Film

    Sky wiederholt am 1. und 2. Weihnachtsfeiertag jeweils ab 17.45 Uhr nocheinmal die beiden Staffeln von „Babylon Berlin“, zudem stehen die insgesamt 16 Folgen noch zum on-Demand-Abruf über Sky Go, Sky on Demand und Sky Ticket bereit. Eine Ausstrahlung der Serie in einer Eventprogrammierung ist beim Produktionspartner Das Erste für Ende 2018 geplant.

    11.12.2017, 12:00 Uhr – Marcus Kirzynowski/fernsehserien.de

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • TheMP am 22.12.2017 10:01

      @SkyDuMonkex

      Trolling? Oder einfach nicht in der Lage, Qualität zu erkennen? Ich empfehle Dir die Rückkehr zum FreeTV-Ramsch, Du bist noch nicht soweit...
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      • SkyDuMonkey (geb. 1966) am 15.12.2017 11:30

        Entschuldigung, aber irgendwie nichts besonderes, wenn schon die ARD mit im Boot ist, und sky diese ach so großartige Serie auf allen zur Verfügung stehenden Sendern wieder und wieder holt... ne, das ist und bleibt RAMSCH.
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        • faxe61 am 12.12.2017 18:17 via tvforen.de

          Ich finde die Serie sehr sehenswert; sie konnte mich überzeugen.
          Den Medienhype bin ich irgendwie zum Teil ausgewichen und habe sie "einfach nur so" geschaut.
          Die Serie sehe ich eher als eine Staffel an.

          >...die eher aus Marketinggründen in zwei Staffeln aufgeteilt, dann aber doch ohne Pause bei Sky1 gezeigt wurden.>

          Jetzt würde mich noch interessieren, wie ein Buchleser, die Serie sieht und wie nahe sie an der Vorlage ist.
          • Thinkerbelle am 12.12.2017 13:20 via tvforen.de

            Mir hat die Serie auch sehr gut gefallen, und ich freue mich, dass es weiter geht. Und die ARD-Ausstrahlung schaue ich mir auch noch mal an.
            • Wicket am 12.12.2017 12:52 via tvforen.de

              Und ich freue mich auf die ARD Ausstrahlung. :)

              Gruß,
              Wicket
              • Waders am 12.12.2017 12:17 via tvforen.de

                Ich fand die zweite Staffel noch besser. Einfach eine geniale Serie. Und was haben wir doch für tolle Schauspieler. Es macht richtig Freude den zuzusehen.

                Gruß Waders
                • ttdriver am 12.12.2017 12:10 via tvforen.de

                  Nach anfänglicher Skepsis aufgrund des Medienrummels wurde ich positiv überrascht. Habe bis jetzt die ersten 6 Folgen gesehen. Was Ausstattung und Schauspieler angeht wirklich erste Sahne. Dazu genügend Spannung, dass es einen förmlich in die Handlung reinzieht.
                  • Thinkerbelle (geb. 1964) am 11.12.2017 16:35

                    Also mir hat die Serie sehr gut gefallen. Die 20er Jahre haben mich schon immer fasziniert, und die Serie taucht da hervorragend ein. In die wilde Party, aber auch in das Verbrechen und die politischen Agitatoren, die sich allesamt nicht mit Ruhm bekleckern. Vom aufsteigenden Nationalsozialismus war (noch) nicht viel zu sehen, aber man merkte, dass die Saat gesät war und konnte beobachten wie sie wuchs. In der nächsten Staffel wird sie sicher das beherrschende Thema werden.
                    Ich fand nicht, dass es an Experimenten gefehlt hätte. Manche Szenen waren schon ziemlich bizarr, mehr davon hätte die Serie zu schräg gemacht.
                    Ich fühlte mich jedenfalls gut unterhalten und habe mich auf jede neue Folge gefreut. Und freue mich auch jetzt, dass es eine weitere Staffel geben wird.
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