„Babylon Berlin“: Prestigeprojekt mit überzeugender Inszenierung bleibt doch „typisch deutsch“

    38-Millionen-Projekt überzeugt technisch, Handlung kommt nur schwer in Fahrt

    "Babylon Berlin": Prestigeprojekt mit überzeugender Inszenierung bleibt doch "typisch deutsch" – 38-Millionen-Projekt überzeugt technisch, Handlung kommt nur schwer in Fahrt – Bild: Sky Deutschland/Frédéric Batier
    Szene aus „Babylon Berlin“

    1929. Berlin tanzt auf dem Vulkan. Während sich kommunistische Arbeiter am 1. Mai Straßenschlachten mit der Polizei liefern und ein gewisser Adolf Hitler an seinen Plänen arbeitet, an die Macht zu kommen, erreicht die Arbeitslosigkeit ungeahnte Höhen und die Weltwirtschaftskrise steht kurz bevor. Trotzdem – oder gerade deswegen – trifft sich die Jugend der Stadt nachts in undergroundigen Clubs und Tanzlokalen, die heute Friedrichshain oder dem Prenzlauer Berg alle Ehre machen würden. Dort zucken und zappeln die jungen Leute zur Live-Performance einer russischen Sängerin („Zu Asche, zu Staub, aber noch nicht jetzt“), die als Mann verkleidet ist und von einem Ensemble halbnackter Tänzerinnen in Bananenröckchen begleitet wird – der neueste Szenetanz erinnert eher an einen epileptischen Anfall als an die braven Gesellschaftstänze der Eltern.

    In dieser langen Szene im letzten Drittel der zweiten Folge findet „Babylon Berlin“ erstmals zu sich selbst und aus dem Mittelmaß deutscher Serienunterhaltung hinaus. Da die ersten beiden Episoden eigentlich eine Doppelfolge bilden, sind zu diesem Zeitpunkt allerdings schon 75 Minuten vergangen. Und die sind dann leider doch behäbiger ausgefallen, als man es sich bei einem mit solch großen Vorschusslorbeeren bedachten Werk gewünscht hätte.

    „Babylon Berlin“ ist vielleicht das größte Prestigeprojekt des deutschen Fernsehens im fiktionalen Bereich seit „Das Boot“. Zum ersten Mal haben sich ein Bezahlsender (Sky) und ein öffentlich-rechtliches Programm (DasErste) zusammengetan, um gemeinsam das höchste Budget zu stemmen, das es bislang für eine deutsche Serie gegeben hat: rund 38 Millionen Euro. Dafür sind 16 Folgen à 45 Minuten entstanden, die in zwei Staffeln zuerst bei Sky und jeweils ein Jahr später dann im Free-TV der ARD zu sehen sein sollen. Als Serienschöpfer, gemeinsame Drehbuchautoren (nach der Romanvorlage „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher) und Regisseure aller Episoden fungieren Tom Tykwer – einer der wohl auch international bekanntesten deutschen Kinoregisseure der Gegenwart – und seine etwa gleichalten Kollegen Henk Handloegten („Liegen lernen“) und Achim von Borries („Was nützt die Liebe in Gedanken“). Insgesamt 4 ½ Jahre dauerte die Arbeit an diesem Mammutprojekt, von dem sich nicht wenige TV-Macher und -Kritiker im Vorfeld die Rettung der deutschen Serie erwarteten.

    Das historische Berlin ist einer der Hauptdarsteller in „Babylon Berlin“

    Sieht man nun die fertige Auftaktfolge, muss man seine Erwartungen aber doch erst einmal einige Stufen zurückschrauben. Denn die verläuft über weite Strecken in recht konventionellen Bahnen: Der junge Kölner Kriminalkommissar Gereon Rath (Volker Bruch) kommt nach Berlin, um einen politischen Skandal in seiner Heimatstadt zu verhindern. Dafür ermittelt er bei der Sittenpolizei im Fall eines Pornorings. Dabei trifft er auf einen alten Bekannten aus Köln, einen etwas zwielichtigen Kleinkriminellen (Marc Hosemann). Bei dessen Verhör kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Rath gegenüber seinen neuen Kollegen nicht mit offenen Karten spielt, ein Eindruck, den auch sein ruppiger Berliner Partner (Peter Kurth) teilt. Im Laufe der ersten Doppelfolge erfahren zumindest wir Zuschauer, dass Rath eine ernste Krankheit verschweigt, die ihn in stressigen Situationen lahmzulegen droht. Und von denen gibt es für ihn mehr als genug. Leider scheint es im deutschen Fernsehen nicht ohne Kommissare und Ermittlungen zu gehen und anfangs könnte man, rein von der Handlung her, wirklich denken, man wäre hier in einem „Tatort“ gelandet.

    Der Kölner Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) in der Serie „Babylon Berlin“

    Was dagegen spricht, ist die sorgfältige Inszenierung und die Bild- und Tongestaltung, insbesondere die Musik. Optisch versetzt uns die Serie in ein sehr authentisch wirkendes Berlin des Jahres 1929. Visueller Höhepunkt ist in dieser Hinsicht ein Flug über den Alexanderplatz, bei dem keine der CGI-Bilder unangenehm ins Auge stechen. Musikalisch überzeugen sowohl der Score, den Tyker selbst mit seinem langjährigen Soundtrackpartner Johnny Klimek komponiert hat, als auch die ebenso außergewöhnlichen wie sehr passenden Songs. Wenn in der Eröffnungsszene der vierten Folge etwa eine Leiche durch die Spree treibt und dazu der Liedtext kommentiert, dass Berlin weint und lacht, ergibt das einen herrlich bitter-ironischen Effekt, der auch Lars von Trier gefallen hätte (der in seinem ebenfalls in Berlin spielenden Frühwerk „Europa“ eine ganz ähnliche Szene verwendet hat – nicht die einzige Parallele zu diesem Film übrigens, erinnert auch die Auftaktszene der ersten Folge mit einem auf Rath einsprechenden Hypnotiseur schon an den Anfang jenes Films). Andererseits sind etwa die Actionszenen zwar handwerklich perfekt inszeniert, es fehlt aber ein wenig ein eigener Stil, den Tykwer ja in seinen frühen, in Deutschland gedrehten Filmen wie „Winterschläfer“ oder „Lola rennt“ sehr stark hatte.

    Auf inhaltlicher Ebene dauert es wie gesagt bis 15 Minuten vor Schluss der ersten Doppelfolge, bis sich das angestrebte Sittenbild und Gesellschaftspanorama dieser aufregenden Zeit zu entfalten beginnt. Nach der Gesangs- und Tanzszene in dem Nachtclub folgt noch eine großartige Parallelmontage, die zum einen in die Kellergewölbe führt, in denen reiche Berliner ihre sadomasochistischen Neigungen ausleben. Zum anderen wird das brutale Vorgehen des sowjetischen Geheimdienstes gegen eine trotzkistische Untergrundgruppe gegengeschnitten, die daran arbeitet, den verbannten kommunistischen Führer aus Istanbul zurückzuholen. Diese lange Montagesequenz erinnert an die Staffelfinale vieler großer US-Serien und verdeutlicht, ganz ohne Worte, den Wahnsinn dieser Zeit. Davon möchte man gerne mehr sehen.

    Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter

    Tatsächlich steigert sich die Handlung von Folge zu Folge. Wenn in Episode 4 Rath und sein Kollege beim blutigen Niederschlagen der 1. Mai-Demo selbst in den Kugelhagel der Schutzpolizei geraten, tritt auch die Gesellschaftskritik deutlich in den Vordergrund. Etwas farblos bleibt leider die männliche Hauptfigur, was weniger an Volker Bruch liegt als an der mangelnden Charakterisierung seines Gereon Rath. Von Anfang an faszinierend ist hingegen sein weibliches Pendant, die junge Berlinerin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), eine starke und sympathische Frau aus ärmsten Verhältnissen, die aber auch ganz andere Seiten offenbart. In Nebenrollen finden sich zahlreiche bekannte deutsche Schauspieler, was manchmal etwas nervt. Dass etwa Matthias Brandt einen Regierungsrat spielen muss, wirkt wie unnötiges Stuntcasting. Auch Lars Eidinger und Misel Maticevic muss man nun nicht in jeder deutschen TV-Produktion besetzen. Hier fällt dann doch das offenbar wesentlich eingeschränktere Reservoir deutscher A-Schauspieler gegenüber Hollywood unangenehm auf – oder der mangelnde Mut der Verantwortlichen, Nachwuchstalenten eine Chance zu geben.

    Der ganz große Wurf ist Babylon Berlin zumindest in den ersten vier Folgen noch nicht. Vieles daran ist typisch deutsch: der historische Hintergrund (immerhin ist die Weimarer Republik bisher wesentlich weniger abgefilmt worden als das Dritte Reich oder die DDR), die Protagonisten von der Kriminalpolizei, die bekannten TV-Gesichter. In handwerklicher Hinsicht braucht sich die Produktion nicht hinter internationalen Serien zu verstecken. Die Handlung erzeugt nach zu behäbigem Start zumindest teilweise den angestrebten Sog, insbesondere die Hauptfigur bleibt aber noch zu farblos. Mit etwas mehr Mut, auch in inszenatorischer Hinsicht, könnte aus dieser Serie noch der herbeigeredete Hoffnungsträger werden.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten vier Episoden der Serie „Babylon Berlin“.

    Meine Wertung: 3,5/5


    © Alle Bilder: Sky

    „Babylon Berlin“ wird ab dem 13. Oktober 2017 bei Sky 1 immer freitags ab 20.15 Uhr in Doppelfolgen ausgestrahlt. Nach der jeweiligen Ausstrahlung stehen die folgenden beiden Episoden über die Digital-Dienste Sky on Demand, Sky Go sowie Sky Ticket zum Abruf bereit (fernsehserien.de berichtete). Eine Ausstrahlung beim Produktionsparter ARD soll im Spätjahr 2018 erfolgen.

    Trailer zu „Babylon Berlin“

    12.10.2017, 17:00 Uhr – Marcus Kirzynowski/fernsehserien.de

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski
    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit "Ein Colt für alle Fälle", "Dallas" und "L.A. Law" auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • faxe61 am 04.11.2017 04:19 via tvforen.de

      Im November soll es schon die 2. Staffel geben.
      Mein Kenntnisstand.
      • Thinkerbelle am 04.11.2017 19:36 via tvforen.de

        faxe61 schrieb:
        -------------------------------------------------------
        > Im November soll es schon die 2. Staffel geben.
        > Mein Kenntnisstand.

        Dein Kenntnisstand ist korrekt. Die ersten beiden Folgen der 2. Staffel sind bei Sky Ticket schon online.
    • faxe61 am 31.10.2017 04:10 via tvforen.de

      Nur mal wieder eine Frage zur kompletten Kritik, Marcus.
      Was ist "Stuntcasting"?
      • seventy am 17.10.2017 21:21 via tvforen.de

        In den Babelsberger Studios entstand die "Berliner Strasse", die teilweise schon zB. für "Babylon Berlin" herhalten musste.
        Hier gibt es interessante Details:

        [url]http://www.studiobabelsberg.com/services/filmstudios-aussenkulissen/metropolitan-backlot/[/url]
        • Ornella (geb. 1947) am 16.10.2017 08:47

          Wenn mann die "Weimarer-Zeit" - nicht in "Pappmaché" - sehen will,- sollte man sich die DVD`s von "Rote Erde" (Emmerich), "Der Eiserne Gustav" (Staudte) und "Parole Chicago" (Schwabenizky) zulegen,- und nicht Sky "abonieren"...
            hier antworten
          • Styxx am 14.10.2017 17:32 via tvforen.de

            Die ersten beiden Folgen gestern Abend waren richtig gut. Ich bin angenehm überrascht von 'Babylon Berlin'.
            • Thinkerbelle am 28.10.2017 18:06 via tvforen.de

              Styxx schrieb:
              -------------------------------------------------------
              > Die ersten beiden Folgen gestern Abend waren
              > richtig gut. Ich bin angenehm überrascht von
              > 'Babylon Berlin'.

              Ich hab eben auch die erste Folge auf Sky Ticket gesehen, und finde sie auch hervorragend.
              Ich werde mir gleich mal die 2. Folge anschauen.

              Ich fand die wilden 20er schon immer faszinierend, und die Serie schafft es wirklich gut ein 20er Jahre Gefühl zu erzeugen. So wie es gewesen sein könnte.
          • tiramisusi am 13.10.2017 10:06 via tvforen.de

            bin auch eher skeptisch, denn ich habe alle Bücher . in denen Kommisar Rath die Hauptperson war, verschlungen und fürchte, dass am Ende doch nur Fragmente bleiben .. gespannt bin ich auf die Darstellung des damaligen Chefs der berliner Mordkommission, den Kriminalrat Ernst Gennat, auch "Buddha" genannt, den es real gegeben hat und der einen weltweiten Meilenstein in der Ermittlung und Spurensicherung am Tatort gelegt hat.
            Wer ein paar Infos haben möchte zu der literarischen Vorlage, den Figuren usw - voila

            http://www.gereonrath.de/
            • faxe61 am 29.10.2017 06:46 via tvforen.de

              Ich kenne die Bücher nicht.
              Manche historische Sachen muste ich (nach)googlen.
              Ich war erstaunt in der Serie, dass es, die 4. Internationale schon 1928 gab;
              sie wurde erst 1938 gegründet in Paris.
              Ist das in den Romanen auch so?

              Ach so, ich finde sie gut.
            • Hausmeister70 am 29.10.2017 08:33 via tvforen.de

              Die Geschmäcker sind ja verschieden, vielleicht sind TV Kritiker mit der Serie zufrieden aber ich persönlich finde die Serie einfach langweilig. Habe 8 Folgen gesehen und werde nicht weiter schauen, die Serie ist kalt, glatt und ohne Stimmung. Wenn es in der ARD läuft dann nehme ich gerne Wetten an das es ein Quoten-Fiasko gibt.
            • faxe61 am 30.10.2017 19:25 via tvforen.de

              Hausmeister70 schrieb:
              -------------------------------------------------------
              > Die Geschmäcker sind ja verschieden, vielleicht
              > sind TV Kritiker mit der Serie zufrieden aber ich
              > persönlich finde die Serie einfach langweilig.
              > Habe 8 Folgen gesehen und werde nicht weiter
              > schauen, die Serie ist kalt, glatt und ohne
              > Stimmung. Wenn es in der ARD läuft dann nehme ich
              > gerne Wetten an das es ein Quoten-Fiasko gibt.

              Ich bin auch bei Staffel 2 dabei; die Story braucht ein wenig bis in Fahrt kommt.
          • ttdriver am 13.10.2017 09:28 via tvforen.de

            Bei Projekten mit soviel Vorschusslorbeeren bin ich grundsätzlich mal skeptisch. Werde der Serie aber dennoch eine Chance geben. Mach ich so wie immer, wenn ich nach 3-4 Folgen nicht in die Serie "reinkomme" und sich keine Lust aufs Weiterguggen entwickelt war's das. Da fallen dann auch mal so hochgehandelte Sachen wie Lost oder Game Of Thrones runter.
            • Mr_Chance (geb. 1960) am 13.10.2017 09:16

              'Schwer in Fahrt' kommen mir auch die meisten Produktionen, die mich letztendlich bei Netflix völlig umgehauen haben; und was das typisch Deutsch angeht: vor lauter US-Milljöh flüchte ich mittlerweile begeistert in die europäichen Produktionen aus Skandinavien, GB oder Frankreich. Dank ZDF-Neo haben wir da ja ein schöne Portofolio...
              Bin sehr neugierig auf den Start in den ÖR. Denn dem Murdockimperium werfe ich kein Geld nach!
                hier antworten
              • burchi am 13.10.2017 09:00 via tvforen.de

                Ich bin schon sehr gespannt und freue mich darauf - auch wenn ich es erst in der ARD sehen werde...

                weitere Meldungen