Orange is the New Black – Review

    TV-Kritik zum Netflix-Frauenknast – von Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 12.08.2013, 14:01 Uhr

    Neues Leben in Orange: Piper Chapman (Taylor Schilling) inmitten der übrigen Knast-Ladies.
    Neues Leben in Orange: Piper Chapman (Taylor Schilling) inmitten der übrigen Knast-Ladies.

    Zehn Jahre ist der Fehltritt her. Längst hat sich Piper Chapman ein neues Leben aufgebaut. Damals, mit Anfang 20, schmuggelte sie einen Drogenkoffer, für ihre große Liebe Alex, eine Frau. Nun holt sie die vergessene Missetat ein. Piper, inzwischen glücklich mit einem Mann zusammen, bleibt nur eins, um den schlimmsten Schaden zu verhindern: Sie geht freiwillig für 15 Monate ins Gefängnis, um einer ansonsten noch härteren Strafe zuvorzukommen.

    Eine langhaarige Mittelschichtsblondine aus arriviertem Hause, die beruflich Seifen und Badezimmer-Lotions vertreibt, landet im harten Knastalltag: Das ist die Prämisse von „Orange is the New Black“, jener neuen, in den USA bereits allseits gefeierten Dramedy-Serie, die die ‚Emmy‘-behängte „Weeds“-Macherin Jenji Kohan für die neue Eigenproduktionsschiene des On-Demand-Streamers Netflix („House of Cards“, „Hemlock Grove“) entwickelt hat. Ein Volltreffer! Vorlage der bislang 13 knapp einstündigen Folgen (Nachschub ist schon bestellt!) sind die Memoiren von Piper Kerman, in deren Adaption Kohan und ihr Autorenteam eine herrliche Portion schwarzen bis skurrilen Humor injiziert haben, ohne dabei die ernste Grundkonstellation planlos zu verwitzeln. Lieber addierten sie einen erfreulich larmoyanzfreien Schuss (Queer-)Feminismus.

    In den ersten Szenen des Pilotfilms sitzt Piper (Taylor Schilling) bereits hinter Schloss und Riegel, doch in Rückblenden springt die Narration zurück; kurz in die Zeit der verhängnisvollen Straftat, als sich Piper von der Geliebten Alex (Laura Prepon) zum Schmuggel überreden ließ; länger dann in die Wochen vor dem Strafantritt. Interessanterweise bleibt der Moment der skandalösen Enthüllung, wenn sich Piper ihrem nichts ahnenden Umfeld erstmals offenbart, (fast) komplett ausgespart – ein angenehmes Understatement, das sich in späteren Folgen bestätigt, wenn die Macher auf effektvolle Konfrontationen zugunsten subtilerer Charakterisierungen zunächst verzichten. Als Zuschauer lernen wir Piper und ihren Verlobten Larry („American Pie“-Star Jason Biggs) also erst kennen, als der bevorstehende Knastaufenthalt schon akzeptiert ist. Alles ist geregelt, Piper hat zahllose Ratgeberbücher gelesen („Niemals Schwäche zeigen!“). Und man möge doch bitte regelmäßig ihre Website updaten. Wird schon alles.

    Wird natürlich erst einmal nichts. Im Litchfield-Frauengefängnis im Staat New York wird ihr die orange Sträflingskluft übergestülpt, und als Neuankömmling muss sie spießrutenlaufen durch einen Parcours aus Spott, Schikane und Anzüglichkeiten, serviert nicht nur von schwänzelnden Wärtern, sondern auch von gierigen Co-Insassinnen. Wer nun Katy Karrenbauer„Hinter Gittern“-(Stereo)-Typen erwartet, liegt nicht gänzlich falsch, nur dass diese hier eben in einem gänzlich anderen Register durchgespielt werden: Nicht der puren Exploitation wegen gibt es hier die pöbelnden Ghetto-Bitches, züngelnden Kampflesben und Mörderinnen mit Drogenvergangenheit, sondern weil jemand genau hingeschaut und das, was man in einem zeitgenössischen Frauenknast so erwarten darf, in geistreiche Pointen, Dialoge und Binnen-Storylines verpackt hat.

    Begrenztes Freizeitvergnügen: Im Knastkino läuft der ‚Airplane Edit‘ von „Good Luck Chuck“.
    Begrenztes Freizeitvergnügen: Im Knastkino läuft der ‚Airplane Edit‘ von „Good Luck Chuck“.

    Taylor Schilling, bekannt aus der Zac Efron-Schnulze „The Lucky One“, übernimmt in etwa den Part, den Mary-Louise Parker in „Weeds“ auszufüllen hatte – den der sympathischen Jederfrau, die mehr oder weniger arglos in die kriminelle Bredouille gerät. Das Panoptikum von Figuren, mit dem ihre Piper es fortan zu tun bekommt, wird anfangs allenfalls skizziert: Da gibt es die patente Morello (Yael Stone), die Piper eine Willkommenstour gibt, das Drogenopfer Nicky (Natasha Lyonne, auch sie kennt man noch aus „American Pie“), dazu ein verkrachtes Mutter-Tochter-Gespann, eine Krebskranke, eine mit Mutmachersprüchen („Alles ist temporär!“) operierende Yoga-Lehrerin sowie diverses unangenehmes Aufsichtspersonal, darunter „Pornstache“ (Pablo Schreiber aus „The Wire“), ein sadistischer Narzisst, der die Insassinnen unverhohlen sexuell belästigt.

    Auch der Rest ist unschön: In der Toilette fehlt die Tür, das Anstaltskino zeigt nur den ‚Airplane Edit‘ grausiger Hollywoodklamotten, und Pipers Betreuer Sam (Michael Harney aus „Weeds“) nährt eine befremdliche Obsession fürs vermeintlich verderbliche Treiben aller Lesben. Pipers größter Fauxpas unterläuft ihr indes im Essenssaal: Dort beschimpft sie das Essen als „ekelhaft“, unglücklicherweise im Beisein der Chefköchin. Diese Galina, genannt ‚Red‘, eine russische Matrone mit rotem Zauselhaar und faktisch die Big Mama und Allesreglerin hinter den Kulissen der Haftanstalt, sie ist Kohans größter Besetzungscoup: Gespielt wird sie nämlich von der inzwischen 58-jährigen Kate Mulgrew, die sechs Jahre lang als Captain Kathryn Janeway die „USS Voyager“ durchs „Star Trek“-Universum lenkte. Mit diesem Comeback dürfte sie sich in Warp-Geschwindigkeit aus der ewigen Fan-Convention-Hölle hinauf ins Reich der Darstellerpreise katapultiert haben. Allein wie sie sich in der zweiten Folge zu Opernmusik in der Nasszelle fläzt und sich von einer Gefolgsfrau enthaaren lässt („Die Zehen nicht vergessen!“) – das muss man gesehen haben! Trotz, oder gerade wegen der beherzt überschrittenen Grenze zum Overacting.

    Mit dieser Red verscherzt es sich Piper, worauf sie prompt zur Persona non grata erklärt und von der Essensausgabe ausgeschlossen wird, und stattdessen einen blutigen Tampon (auf Toast) serviert bekommt. Wie hieß es im Ratgeber? Jetzt bloß keine Schwäche zeigen! Also wird die unfreiwillige Fastenzeit zum Trigger einer kreativen Problemlösungsstrategie, die Piper nicht nur den Respekt der garstigen Russin, sondern auch den manch anderer Insassin einbringt. Als Kardinalproblem kommt derweil etwas hinzu, was den Pilotfilm fies beiläufig als Rausschmeißerpointe beschließt: In Litchfield sitzt nämlich auch besagte Alex ein, Pipers Ex-Freundin, die Mutter ihrer Misere. Womit das Konfliktfeld bestens bestellt ist für einen schleichenden Bad-Girl-Good-Girl-Clash.

    Die zunächst nur skizzierten Figuren werden dann bald schon intensiver beleuchtet. In Folge 2 etwa wird Reds Vorgeschichte angetippt – eine geplatzte Silikonbrust spielt darin eine verhängnisvolle Rolle -, in Episode 3 (Regie: Jodie Foster) die transsexuelle Friseurin Sophia (Laverne Cox), die aus Spargründen auf ihre Östrogen-Dosis verzichten soll. Mehr noch werden folgen: Was wohl mit Miss Claudette los ist, Pipers gestrenger Bettnachbarin? Mit dem jungen Wächter, der sich in eine Latina-Insassin verliebt? Mit der wallehaarigen Direktionsassistentin, die sich nicht um ihre Schutzbefohlenen schert? Oder mit der derangierten ‚Crazy Eyes‘ (super: Uzo Aduba), die Piper aus enttäuschter Liebe ins Zimmer pinkelt? Hier gibt es noch viel zu erzählen, und das Schöne daran ist: Man will es auch wissen.

    Auch jenseits der Rückblenden gibt es eine Welt außerhalb des Gefängnisses, wobei sich die Erzählung erst ab der zweiten Folge, und dann auch nur zaghaft, aus Pipers Perspektive löst. Zum Beispiel nimmt sie dann den Verlobten Larry in den Blick, der von den Ereignissen überrumpelt worden zu sein scheint und mit schlechtem Gewissen die neuen Folgen von „Mad Men“ im Fernsehen schaut, obwohl er Piper doch versprach, damit bis zu ihrer Entlassung zu warten. Diese Art böse-melancholischen Humors ist für „Orange“ typisch: Er transportiert sich über Charaktere, Tonfälle und bittere Absurditäten, zu denen Taylor Schilling dann die passenden Staune-Augen macht.

    Kongenial passt dazu übrigens der Vorspann: Da flattern die Gesichter der Delinquentinnen vorbei wie auf entwürdigenden Mug Shots, nur dass es hier Close-Ups ihrer Augen und Münder sind. „Remember all their faces / remember all their voices“, singt dazu Regina Spektor und umreißt damit das Anliegen dieser ungemein unterhaltsamen Knastgeschichte. Könnte zur Lieblingsserie werden.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten drei Folgen von „Orange is the New Black“.

    Meine Wertung: 4,5/5

    © Alle Bilder: Netflix

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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