TV-Kritik Containment

    Seuchen-Drama von The CW erfüllt alle Klischees – von Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 09.05.2016, 12:03 Uhr

    Die Hauptdarsteller von „Containment“ vor dem Quarantäne-Zaun
    Die Hauptdarsteller von „Containment“ vor dem Quarantäne-Zaun

    Wenn dir deine Erzählwelt zu komplex wird, zieh ’ne Mauer drum – alte Faustregel. Jüngst erst präsentierte sich Los Angeles als eingehegte Alien-Kolonie in „Colony“ (USA Network), und in der Stephen-King-Verfilmung „Under the Dome“ (CBS) steckte der Spielort gleich komplett unter einer unüberwindbaren Käseglocke. Zweite Faustregel: Wenn dir deine Erzählwelt zu zahm vorkommt, pack ’ne Seuche aus. Spätestens seit Outbreak-Thrillern wie „Contagion“ (von Steven Soderbergh) weiß man, dass, sobald im Fernsehen jemand hustet oder schnieft, das Unheil nicht lange auf sich warten lässt. Alle Zombiefilme, alle Walking-Dead-Serien der letzten Jahrzehnte funktionieren schließlich nach dem Wer-ist-der-Nächste-Prinzip: Wer steckt an, wer wird angesteckt? Werden Familien oder Liebespaare auseinandergerissen? Gerade erst hatten wir es im Pathos-Reißer „The Last Ship“ (TNT) mit einer per Seuche nahezu ausgelöschten Menschheit zu tun, in „Between“, dem Netflix-Flop für Young Adults, wurden alle Erwachsenen dahingerafft, und auch im Viren-Szenario von „Helix“ (Syfy) war schnell klar: Tropft jemandem Blut aus der Nase, ist die Prognose suboptimal.

    Man geht nicht fehl damit zu konstatieren, dass Filme und Serien dieser Art inzwischen gut damit zu tun haben, nicht von Anfang an zum Klischee zu erstarren. Dennoch kommt jetzt noch The CW ums Eck, dieser fröhliche Oberflächensender mit der Vorliebe für schicke Premiumkörper, und lässt seine erfolgreichste Autorin (Julie Plec, „Vampire Diaries“) eine Seuchenserie ins Programm hieven, die sich aufreizend unverschämt an gleich beide Faustregeln erinnert: Mauer drum, Seuche raus! Mit dem für The CW üblichen No-Name-Cast aus sehr attraktiven, aber niemals alten Frauen und Männern von paritätisch gewichteter ethnischer Herkunft werden beide Szenarien (Virus bricht aus, Mauer wird errichtet) konsequent humorlos durchgespielt, wobei genau darauf geachtet wird, dass die durchgetrampeltsten Drehbuchpfade des Katastrophenfilm-Repertoires niemals verlassen werden. Der heilige Ernst, mit dem das durchexerziert wird, ist dem Young-Adult-Genre ja leider wesensimmanent, doch die Chuzpe, mit der Plec nicht einmal so tut, als habe sie irgendetwas Neues, Eigenes zu erzählen, nötigt fast schon wieder Respekt ab. Allerdings sei nicht unerwähnt, dass es sich bei „Containment“ um eine Art Remake der belgischen Serie „Cordon“ handelt; ob diese ebenso generisch daherkommt, kann ich mangels Kenntnis nicht sagen.

    Damit jedenfalls niemand auf die Idee kommt, dass sich hinter „Containment“ eventuell Originelleres verstecken könnte als das, was man ohnehin erwartet, beginnt die (von Qualitätsserien-Routinier David Nutter inszenierte) Pilot-Episode mit einem aufdringlichen In-Your-Face-Programm: Szenen der Apokalypse werden schnell hintereinandergeschnitten, es herrscht Chaos, Infizierte taumeln mit schwärenden Wunden durch verwüstete Straßen, Schreie, Schüsse auf Kranke. Kurzum: Sollten Zuschauer gerade von den Abendnachrichten herübergezappt haben, fühlen sie sich sicher gleich abgeholt. Direkt danach geht es per Rückblende 13 Tage zurück – eine Einblendung markiert das, wie ja überhaupt in solchen Serien reportagehaft eingeblendete Ort- und Zeitmarker eine journalistische Gravitas vortäuschen wollen, die sich schon mit der ersten stanzenhaften Dialogzeile selbst ad absurdum führt.

    Die Protagonisten der stereotypen Katastrophenfilmhandlungsstränge werden in Position gebracht, um die melodramatische Fallhöhe vorzubereiten: Die Schulklasse, die unwissend einen Tagesausflug ins kommende Krisengebiet unternimmt; der aufrechte Polizist, dessen Freundin mit der Zweisamkeit hadert; der schwangere Teenie, der die Oma besuchen will; der Reporter-Schmierfink, der sich einmischt – derlei Dinge.

    Claudia Black als Seuchenexpertin Dr. Sabine Lommers
    Claudia Black als Seuchenexpertin Dr. Sabine Lommers

    Erst fliegt die Kamera einige Male touristisch wertvoll über den Spielort Atlanta, Georgia, dann bricht schon die Seuche aus, eine Art Tollwut, hundertprozentig tödlich. Als Patient Zero wird ein illegaler syrischer Immigrant ausgemacht – Anlass genug für „Containment“, noch ein bisschen Panik vor Bio-Terrorismus einzuflechten. Die behandelnde Ärztin (Gastauftritt von Elyse Levesque aus „Stargate Universe“) spuckt ebenso schnell selbst Blut wie der Rest der syrischen Familie. Dem diensthabenden Virologen im Krankenhaus, Dr. Cannerts (George Young), schwant sofort das Schlimmste, und die Regierung schickt die flott frisierte Seuchenexpertin Dr. Sabine Lommers an die Front („Farscape“-Star Claudia Black nimmt als ultrataffe Krisenmanagerin die eindeutig prominenteste Rolle ein). Lommers lässt sofort einen „Cordon Sanitaire“ errichten, eine militärisch gesicherte Quarantänezone, die ein ganzes Stadtviertel rings um den Ort der Erstinfektion vom Rest der Stadt abschneidet. Natürlich werden dadurch die Protagonisten voneinander getrennt, ein dramatisches Damoklesschwert hängt über den kommenden Episoden, was mit einem Sokrates-Zitat zu Beginn der zweiten Episode hochtrabend eingenordet wird: „I to die and you to live.“

    Cop Lex Carnahan (David Gyasi) zum Beispiel bleibt draußen und soll für die Medien das freundliche Gesicht der Abriegelung sein, doch seine Freundin Jana (Christina Moses) bleibt ebenso im „Cordon“ gefangen wie sein Kollege und Kumpel Jake Riley (oft im Unterhemd: Chris Wood). Ein potenzielles Love Interest für Jake ist schnell gefunden: Die junge, schöne und definitiv schutzbedürftige Lehrerin Katie Frank (Kristen Gutoskie) ist mit ihrer Grundschulklasse (und ihrem kleinen Sohn) im Krankenhaus gestrandet, in dem sich auch Jake aufhält. Derweil umarmt Teresa (Hanna Mangan Lawrence), die minderjährige Schwangere, auf dem Weg zu ihrer Oma eine Freundin, die Kontakt gehabt haben könnte zu einem der bereits Infizierten: Ist jetzt Teresa, deren Partner außerhalb der „Zone“ bleibt, selbst dem Tode geweiht? Was hat der zwielichtige Blogger Leo (Trevor St. John) im Sinn, der Lex Unwahrheiten andichtet? Und wie schnell wird er bersten, der dünne Firnis der Zivilisation, wenn die klaustrophobische Situation der Eingekesselten anhält?

    Neben den überwiegend ambitionslos gespielten Abziehbildern, die „Containment“ bevölkern, nervt die übertriebene Konstruktion der Figurenbeziehungen, die für die Beantwortung all dieser Fragen in Anschlag gebracht werden – wenn etwa die Schulklasse aus dramaturgischer Bequemlichkeit im selben Krankenhaus aufschlägt wie die meisten anderen Protagonisten, oder wenn sich ein zufällig anwesender Laborrattenlieferant zufällig als Teresas Opa erweist. Eigentlich ganz clevere Aspekte gehen durch solche Grobkörnigkeiten fast unter: Damit etwa die durch den Cordon Getrennten trotzdem interagieren können, wird ständig gesimst und geskypet, was die Geräte hergeben. Smartphone-Menüs geistern als Einblendungen durchs Bild, und das Handy ist in diesem Untergangsplot das einzige Medium, das die Mauern überwindet. Auch Anspielungen auf den IS oder auf rassistische Polizeigewalt sind reizvoll, verpuffen aber inmitten der schwerfälligen Dialoge. Jake Riley hat dabei den undankbaren Part abbekommen, das Geschehen für die auffassungslahmeren Zuschauer mit Service-Sätzen zusammenzufassen wie: „Please tell me this isn’t some kind of Ebola thing!“ oder „It’s the freakin’ zombie apocalypse!“. Begleitet wird das dann von einer CW-typisch eklektizistischen Soundtapete zwischen Rap und triefigem R&B.

    Zugegeben, miserabel inszeniert ist „Containment“ sicher nicht. Die Spannungsmomente, die derlei Ansteckungsszenarien hergeben, werden routiniert abgerufen und umgesetzt. Es ist daher nicht ausschließen, dass Zuschauer, die zuvor nie mit vergleichbaren Seuchen-Stories in Berührung gekommen sind, einen gewissen Thrill aus dieser Serie ziehen können (auch wenn man ihnen dafür kompetentere Schauspieler und dringlichere Dialoge wünschen würde). Die Epidemie-Erfahrenen unter den Zuschauern werden allerdings schnell diagnostizieren können: Dieser Virus überträgt sich nicht.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Containment“.

    Meine Wertung: 2,5/5

    © Alle Bilder: The CW

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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