„Was für ein Scheißthema“ – so formuliert es eine Passantin im Film und trifft damit einen wunden Punkt: Der Darm ist für viele immer noch ein peinliches Thema. Nicht für Dr. Eckart von Hirschhausen: „Der Darm ist kein stumpfes Rohr, sondern ein sensibles Organ mit Superkräften, mit eigenem Nervensystem und Milliarden Mitbewohnern. Je mehr wir darüber wissen, desto größer die Darm-Demut!“ Der Arzt und Wissenschaftsjournalist bricht mit seiner neuen Dokumentation „Hirschhausen und der Darm“ viele Tabus.
Er zeigt mit seiner Darmspiegelung sein eigenes Innerstes, trifft eine Patientin mit künstlichem Darmausgang zum Kaffee und erklärt, warum ausgerechnet bei Krebs eine Stuhltransplantation der „heißeste Scheiß“ in der Forschung ist. „In den letzten Jahren ist das Wissen explodiert um die Artenvielfalt in uns, das bakterielle Mikrobiom. Aber dass die Keime von einem Menschen einem anderen dabei helfen können, eine entzündliche Darmerkrankung oder sogar Krebs zu heilen, das hätte ich vor dieser Doku nicht erwartet“, so von Hirschhausen.
Leben mit chronischen Darmerkrankungen Zu den am weitesten verbreiteten funktionellen Darmerkrankungen gehört das Reizdarmsyndrom. Mehr als zehn Prozent der Menschen in Deutschland sind betroffen. Deutlich seltener treten chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa auf. Viele Betroffene erleben das Gefühl von Stigmatisierung und Scham im Alltag. Von Hirschhausen spricht mit der „Kackfluencerin“ Karina Spiess unter anderem darüber, warum es nicht peinlich sein muss, während der eigenen Hochzeitszeremonie aufs Klo zu gehen.
Prävention kann Leben retten Die Darmspiegelung gilt weiterhin als wirksamste Methode der Früherkennung für Darmkrebs – auch wenn Stuhl- und Bluttests inzwischen präziser geworden sind. Eckart von Hirschhausen macht sich für die Darmkrebsvorsorge stark: „Ein Freund verstarb mit 34 Jahren an Darmkrebs. Er hatte eine erbliche Belastung. Wäre er damit früher zur Darmspiegelung gegangen, hätte er wahrscheinlich überlebt.“ Neue Therapieansätze An der Universität Zürich erforscht Prof. Adrian Egli, wie der Verlust der Bakterienvielfalt durch westlichen Lebensstil, Stress und hochverarbeitete Nahrung mit modernen Krankheiten zusammenhängt.
Er zeigt von Hirschhausen das Projekt Microbiota Vault: Stuhlproben werden weltweit gesammelt und tiefgefroren, um in Zukunft daraus lebensrettende Therapien zu entwickeln. In Zürich wird das Mikrobiom auch therapeutisch eingesetzt.
Eckart von Hirschhausen trifft Prof. Michael Scharl, der Stuhltransplantationen zur Therapie von Krebspatienten einsetzt. Prof. Yurdagül Zopf erforscht am Uniklinikum Erlangen, wie Störungen der Darmbarriere zu Reizdarm und chronischen Entzündungen führen können und warum Ernährung und Bewegung entscheidende Hebel sind. Ein großes Problem für die Darmexpertin sind falsche Versprechen, auf die viele Betroffene reinfallen: Ob Mikrobiom-Tests, Darm-Sanierungskuren oder Pro- und Präbiotika – das große Geschäft mit dem Darm floriert.
„Je höher ein Land entwickelt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, an Darmkrebs oder entzündlichen Darmerkrankungen zu erkranken, das ist doch kein Fortschritt“, so von Hirschhausen. Die Dokumentation zeigt, wie eng Mikrobiom, Immunsystem und psychische Gesundheit miteinander verknüpft sind. Und es geht um die Frage: „Wie kann man mit seinem Darm wieder ins Reine kommen?“ „Hirschhausen und der Darm“ ist eine Produktion der Bilderfest GmbH (Buch und Regie: Krischan Dietmaier, Produzentin: Anne Steinkamp) im Auftrag des WDR für Das Erste. (Text: ARD)