„Yellowjackets“: Spannender Genremix um Teenie-Fußballerinnen im Kampf ums Überleben – Review

    Christina Ricci und Juliette Lewis in Sky-Serie um Kurz- und Langzeitfolgen eines Flugzeugunglücks

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 27.12.2021, 17:30 Uhr

    „Yellowjackets“ – Bild: Showtime/Creative Engine Entertainment
    „Yellowjackets“

    Die titelgebenden „Yellowjackets“ der neuen Showtime-Serie sind ein Mädchenfußballteam einer US-amerikanischen Highschool. Yellowjackets ist aber auch der englische Begriff für Wespen. Und das die eine oder andere mal sprichwörtlich ihren Stachel ausfährt, wenn ein Dutzend Teenagerinnen zusammen kämpfen sollen, versteht sich von selbst. Erst recht, wenn es nicht mehr um den spielerischen Kampf auf dem Fußballplatz geht, sondern um den Kampf ums nackte Überleben.

    Die Grundidee der Serie, die sich in Deutschland Sky gesichert hat, hat man so ähnlich schon öfter gesehen (etwa erst 2020 in der Amazon-Serie „The Wilds“; unsere Kritik zur Serie): Auf einem gemeinsamen Flug zu einem Spiel stürzt die Maschine über einem ebenso abgelegenen wie unwirtlichen Gebiet ab, Hilfe ist nicht in Sicht, die Mädchen (und einige männliche Begleiter) sind plötzlich auf sich alleine gestellt. War es bei „The Wilds“ noch eine Insel, ist es hier ein Gebirge im kanadischen Ontario, in dem die Überlebenden stranden. Es gibt ein paar Tote, zudem ist der Trainer schwer verletzt – die bisher stets gemobbte, in medizinischen Fragen aber erstaunlich patente Misty (Samantha Hanratty) amputiert ihm kurzerhand den zerschmetterten Unterschenkel mit einem Beil. Die anderen, körperlich Unversehrten müssen sich zusammenraufen, wenn sie überleben wollen. Dabei war die Gruppendynamik innerhalb des Teams schon vor dem Unglück nicht gerade konfliktfrei.

    Das wird in der Auftaktfolge deutlich, die den Tag vor dem Abflug zeigt. So sind Mannschaftskapitänin Jackie (Ella Purnell, „Sweetbitter“) und Shauna (Sophie Nélisse) zwar beste Freundinnen, was Shauna aber nicht daran hindert, eine Affäre mit Jackies Freund zu haben. Unter den anderen Sportlerinnen finden sich höchst unterschiedliche Charaktere, von der streng gläubigen Laura Lee (Jane Widdop) bis zur „Alles egal“-Punkerin Natalie (Sophie Thatcher). Parallel zu den Tagen rund um den Absturz im Jahr 1996 erzählt die Serie, wie es den Überlebenden 25 Jahre später ergeht. Im Jahr 2021 meldet sich eine angebliche Journalistin bei einigen der heute erwachsenen Frauen, die herausfinden will, was damals in den Bergen tatsächlich geschah. Dadurch kommen die ehemaligen Jugendfreundinnen wieder miteinander in Kontakt. Schnell wird klar, dass sie ein großes gemeinsames Geheimnis hüten. Auch kurze, immer wieder eingestreute Flashbacks deuten an, dass die Mädchen wohl zu drastischen Mitteln greifen mussten, um zu überleben.

    Kurz nach dem Absturz: einige der Teenagerinnen vor dem Flugzeugwrack Showtime

    Die Serienschöpfer Ashley Lyle und Bart Nickerson spielen geschickt mit der Doppelbesetzung der meisten Hauptrollen (mit noch eher unbekannten jungen Schauspielerinnen und bekannteren Stars in den gleichen Rollen als Erwachsene). Während die langen Rückblenden die Protagonistinnen zu Beginn ihres Lebens und in einer Extremsituation zeigen, die sie für immer verändern wird, sehen wir parallel die in der Mitte des Lebens angekommenen Frauen, die versuchen, eine mehr oder weniger normale Existenz zu führen. So ist Shauna (jetzt: Melanie Lynskey) inzwischen eine von Ehemann und Teenietochter vernachlässigte Vorstadtmutti und Hausfrau geworden. Misty (jetzt: Christina Ricci) ist immer noch Außenseiterin und arbeitet professionell als Altenpflegerin, während Natalie (jetzt: Juliette Lewis) eher rastlos geblieben ist.

    Immer wieder zeigt sich jedoch, dass unter den Fassaden ganz andere Seiten verborgen sind. So rückt Shauna sehr schnell und skrupellos einem Hasen in ihrem Vorgarten mit dem Beil zu Leibe und Misty bestraft kaltherzig eine ihrer Patientinnen. Für Taissa (Tawny Cypress), die inzwischen in einer gleichgeschlechtlichen Ehe und mit adoptiertem Sohn lebt, ist die soziale Fallhöhe vielleicht am höchsten, sollte es schockierende Enthüllungen über ihre Vergangenheit geben – sie kandidiert gerade für den Kongress.

    Psychisch kommen sie auch als Erwachsene nicht aus dem Wald heraus: Misty (Christina Ricci), Shauna (Melanie Lyskey), Natalie (Juliette Lewis) und Taissa (Tawny Cypress) Showtime

    „Yellowjackets“ erfindet das Survival-Genre nicht neu, kombiniert es aber gelungen mit verschiedenen anderen Genres. Neben den Coming-of-Age-Konflikten der Teenagerinnen deuten sich auch Mystery- und Horrorelemente an, die wahrscheinlich im weiteren Verlauf der Staffel noch stärker werden. Der Ansatz, die beiden Handlungsebenen durchgehend abwechselnd zu erzählen, hält die Spannung hoch und ermöglicht faszinierende Parallelmontagen wie in der dritten Folge. Hier kommt sogar noch eine dritte Zeitebene hinzu, wenn Taissa als kleines Mädchen auf der Trauerfeier ihrer Großmutter, als Teenagerin kurz nach dem Absturz und als Erwachsene in ihrer Waschküche für die Zuschauenden gleichzeitig jeweils schockierende Entdeckungen macht.

    Auf schauspielerischer Seite können die Jungdarstellerinnen durchgehend überzeugen, während der erste Eindruck bei den etablierteren Stars unterschiedlich ausfällt. Melanie Lynskey ist toll in der zeitweise an ihre „Togetherness“-Figur erinnernde Rolle der frustrierten Hausfrau, in der Abgründe lauern. Juliette Lewis wirkt hingegen etwas kraftlos, während Christina Ricci die sozial inkompetente Misty ein wenig zu übertrieben anlegt. Durchweg gelungen ist die musikalische Untermalung, die besonders auf der Handlungsebene 1996 immer wieder passende zeitgenössische Popsongs einsetzt.

    Da war ihre Welt noch (halbwegs) in Ordnung: die Yellowjackets vor ihrem Abflug Showtime

    Auch wenn der Serienauftakt nicht frei von Klischees ist, erweist sich „Yellowjackets“ als äußerst spannend inszenierte Geschichte, die mit gleich mehreren vielversprechenden Zeitebenen punkten kann. Wie bei jeder Mysteryserie steht und fällt die Qualität mittelfristig aber immer mit der Frage, wie überzeugend die weiteren Rätsel und vor allem deren Auflösung ausfallen werden – mittlerweile hat die Serie die Verlängerung über eine zweite Staffel erhalten. Bleibt also zu hoffen, dass das große Geheimnis sich nicht als inhaltliches Desaster entpuppt wie bei einer wesentlich bekannteren Serie, die mit einem Flugzeugabsturz begann.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden der Serie „Yellowjackets“.

    Meine Wertung: 4/​5

    Sky Atlantic zeigt die erste Staffel der Serie „Yellowjackets“ ab dem 28. Dezember immer dienstags ab 20:15 Uhr in Doppelfolgen. Parallel ist sie auf Sky Ticket und Sky Q abrufbar. Die Weltpremiere der Auftaktstaffel findet noch bis Mitte Januar 2022 in den USA beim Sender Showtime statt.

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv​a>.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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