TV-Kritik „Twin Peaks“: Kultserie in Fortsetzung düsterer und surrealistischer denn je

    Die neuen Folgen finden den perfekten Mittelweg zwischen Alt und Neu

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 23.05.2017, 18:45 Uhr

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    Coopers Doppelgänger (Kyle MacLachlan) ist nicht nett zu Darya (Nicole LaLiberte) – und auch sonst zu niemandem.
    Coopers Doppelgänger (Kyle MacLachlan) ist nicht nett zu Darya (Nicole LaLiberte) – und auch sonst zu niemandem.

    MacLachlan selbst erscheint in den ersten Folgen in gleich drei Varianten seiner Cooper-Figur, was in Episode vier tatsächlich dazu führt, dass der aus der Black Lodge in die Welt zurückentlassene Agent mit Komplettamnesie samt Frau (Naomi Watts) und Kind in einem Vorstadthaus lebt und weder weiß, wie man Kaffee trinkt noch wie der eigene Ausscheidungsapparat funktioniert. Man sieht also: Den (bei manchen durchaus berüchtigten) albernen Humor aus den frühen Folgen gibt es immer noch, auch wenn die neue Staffel im Ton wesentlich düsterer gehalten und näher am Horrorfilm gebaut ist als früher. Die klangliche Ebene ist dabei noch wichtiger geworden: Lynch persönlich besorgte das Sounddesign, viele Sequenzen sind mit beunruhigenden Ambient-Drones unterlegt, während der Cool Jazz, mit dem Komponist Angelo Badalamenti früher viele Szenen untermalte, (bislang) fast völlig fehlt. Auf die berühmten Melodien und Stücke von früher muss trotzdem nicht verzichtet werden – auch nicht im neuen Vorspann, für den zwischen Alt und Neu eine euphorisierende Ideallösung gefunden wurde.

    Fans werden sich freuen, dass Lucy, Andy, Hawk, Shelly, James, Bobby, die Horne-Brüder, Sarah Palmer und Co. in Twin Peaks hängengeblieben sind (und teils kuriose Lebenswendungen hinter sich haben); dass Dr. Jacoby den Wiederbegegnungsreigen mit einer obercoolen Geste eröffnen darf; dass die FBI-Agenten Albert Rosenfield (Miguel Ferrer, nach dem Dreh leider verstorben) und der schwerhörige Gordon Cole (David Lynch höchstpersönlich) immer noch ermitteln; dass Denise Bryson (David Duchovny) zur FBI-Chefin aufgestiegen ist und dass Catherine E. Coulson unmittelbar vor ihrem Tod noch Szenen in ihrer ikonischen Rolle als Log Lady abdrehen konnte, die rührender kaum sein könnten. Lynch holt viele Schauspieler vor die Kamera, die man aus anderen Filmen von ihm kennt (darunter Robert Forster aus „Mulholland Drive“, der jetzt den neuen Sheriff spielt), er bringt längst verstorbene Akteure wie Don S. Davis (Major Briggs) oder Frank Silva (Bob) per CGI oder Rückblende unter und verschafft peripheren Peaks-Darstellern wie Phoebe Augustine (Ronette Pulaski) oder Walter Olkewicz (Jacques Renault) neue kleine Parts, einfach nur, um sie wieder dabeizuhaben. Auch darin zeigt sich die Liebe und Sorgfalt, die Lynch und Frost dieser Erzählwelt angedeihen lassen, die sich in 25 Jahren längst verselbständigt hat.

    FBI Deputy Director Gordon Cole (David Lynch) und FBI Agent Albert Rosenfield (Miguel Ferrer) ermitteln wieder gemeinsam.
    FBI Deputy Director Gordon Cole (David Lynch) und FBI Agent Albert Rosenfield (Miguel Ferrer) ermitteln wieder gemeinsam.

    In zahlreichen neuen, teils winzigen Rollen, kommen Newcomer hinzu und Schauspieler, die man aus anderen Serien kennt (nur zum Beispiel: Jane Adams aus „Hung“, Madeline Zima aus „Die Nanny“, Jessica Szohr aus „Gossip Girl“, Ethan Suplee aus „My Name is Earl“, Josh McDermitt aus „The Walking Dead“) sowie natürlich die diversen angekündigten Berühmtheiten, von denen in den ersten Folgen neben Watts und Lillard erst einmal nur Michael Cera (als Lucys und Andys Sohn), Ashley Judd (als Ben Hornes neue Assistentin) und Jennifer Jason Leigh als Prostituierte ihre Aufwartung machen. Außerdem scheint Lynch ab der zweiten Episode jede Show mit dem kurzen Liveauftritt einer seiner Lieblingsbands abzuschließen. Bisher waren im Roadhouse Chromatics, The Cactus Blossoms und Au Revoir Simone zu sehen. Julee Cruise wird noch erwartet.

    Ob das Ergebnis nun gefällt oder nicht, wird vor allem davon abhängen, was man sich davon versprach – falls man sich etwas davon versprach. Denn „Twin Peaks“ ist nichts (und kann gar nichts sein) für Gelegenheitszuschauer oder Leute, die mit dem Erzähl- und Zeichenuniversum der Serie noch nie etwas zu schaffen hatten (oder damit nichts anfangen konnten/wollten): Wer die alten Staffeln nicht kennt, wird sehr wahrscheinlich keinen Zugang finden. Auch den Kinofilm sollte man gesehen haben – vor allem auf die darin von David Bowie gespielte und seither verschollene Figur des Agenten Jeffries wird ausgiebig zurückgekommen. Nicht einschalten sollte auch, wer in Drama-Serien nichts anderes sehen möchte außer psychologischem Realismus. Den gibt es bei Lynch bekanntermaßen nie. Wer 20-minütige surrealistische Exkurse in Traum- und Nebenwelten als Zumutung abtut, sollte sowieso fernbleiben.

    Wer die alten Staffeln nicht kennt, wird sehr wahrscheinlich keinen Zugang finden …
    Wer die alten Staffeln nicht kennt, wird sehr wahrscheinlich keinen Zugang finden …

    Denn Lynch und Frost bleiben sich mit erfreulich schamloser Konsequenz treu, Zugeständnisse an Newcomer oder Mal-schnell-vorbei-Schauer machen sie nicht. Man muss sich einlassen auf diese Serie, so, wie man sich schon auf die bisherigen 30 Episoden einlassen musste. Das ist mitunter auch Arbeit, ja, denn Lynchs notorisch langsames Erzähltempo hat sich seit 1991 keineswegs beschleunigt. Er lässt seinen kongenialen Kameramann Peter Deming („Mulholland Drive“) beunruhigende Ewigkeiten auf vermeintlich ordinären Details verharren – aus jedem Zigarettenanzünder im Auto, aus jeder Steckdose an der Wand wird ein bedrohlicher Abgrund. Schon in den ersten beiden Staffeln waren die sechs Folgen, die Lynch persönlich inszenierte, die besten. Diesmal inszeniert er tatsächlich alle 18, und das macht sich in einer künstlerischen Geschlossenheit bemerkbar, die Respekt abringt. Es gibt Anspielungen auf fast alle früheren Lynch-Filme (sogar auf „Eraserhead“), und tatsächlich hat hier vieles den Anschein, als ob „Twin Peaks“ hier nicht nur eine Hit-Serie revitalisieren, sondern auch als Update des Gesamtwerks des inzwischen 71-jährigen Lynch wahrgenommen werden möchte. Wenn bis zur letzten Folge alles gut geht ­- und dafür stehen die Chancen nach dem fulminanten Auftakt nicht schlecht -, könnte die späte Wiederkehr dieser Kultserie so etwas wie die Quersumme ziehen aus der künstlerischen Lebensleistung des Autorenfilmers David Lynch.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten vier Episoden von „Twin Peaks“, Staffel 3.

    Meine Wertung: 4,5/5

    © Alle Bilder: Showtime

    Die dritte Staffel von „Twin Peaks“ startete in den USA am 21. Mai bei Showtime. Die ersten vier Folgen wurden zeitgleich veröffentlicht, ab 4. Juni geht es im Wochenrhythmus weiter. Sky Deutschland zeigt die Folgen parallel im Originalton und jeweils vier Tage später in der Synchronfassung bei Sky Atlantic HD.

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    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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