„Tokyo Vice“: US-Journalist auf den Spuren der japanischen Yakuza – Review

    Stilsichere Crimeserie von Michael Mann („Miami Vice“) startet auf Starzplay

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 15.05.2022, 13:10 Uhr (erstmals veröffentlicht am 11.04.2022)

    „Tokyo Vice“ – Bild: HBO Max
    „Tokyo Vice“

    Als der junge Kriminalreporter Jake Adelstein an der Haustür eines Polizisten klingelt, den er als Informanten gewinnen will, öffnet dessen kleine Tochter und versteckt sich sofort ängstlich hinter der Mutter. Da stehe ein Monster vor der Tür! Tatsächlich hat das Mädchen noch nie zuvor einen Amerikaner gesehen – oder irgendeinen anderen Weißen. Gaijin nennen die Japaner abfällig alle westlichen Ausländer und damit verbunden sind allerlei Vorurteile, denen Jake fortwährend ausgesetzt ist, seit er nach Tokio gezogen ist, um sich seinen größten Traum zu erfüllen.

    „Tokyo Vice“ heißt die neue Serie des US-Streamingdienstes HBO Max, die mehr oder weniger auf wahren Ereignissen basiert. Jedenfalls gibt es die Hauptfigur wirklich: Jake Adelstein hat über seine Zeit in der japanischen Hauptstadt das biografische Buch „Tokyo Vice: An American Reporter on the Police Beat in Japan“ geschrieben. Tatsächlich war er der erste ausländische Journalist bei einer der größten japanischen Tageszeitungen. Ob es reiner Zufall ist, dass mit Michael Mann ausgerechnet jener Regisseur für die Inszenierung der Auftaktfolge (und einiger weiterer) gewonnen wurde, dessen Namen man als SerienfreundIn immer noch am ehesten mit der Kultserie „Miami Vice“ verbindet, ist nicht bekannt. Die Assoziation ist jedenfalls sofort da: Rotlichtmilieu, Gewalt und organisiertes Verbrechen stehen hier wie dort im Mittelpunkt der Handlung.

    Aber zunächst erleben wir mit, wie Jake sich 1999 auf den Einstellungstest bei der Yomiuri Shinbun vorbereitet. Gemeinsam mit gut 100 Mitbewerbern tritt er dann zur mehrstündigen Prüfung an, alle konservativ gekleidet in Anzug und Krawatte. „Der Test ist auf Japanisch“, bemerkt sicherheitshalber die Mitarbeiterin, die ihm die Unterlagen überreicht. Für Jake das geringste Hindernis, hat er die Landessprache doch so gut gelernt, dass er tatsächlich als einer der besten abschneidet – und eingestellt wird. Doch damit beginnen erst seine Probleme, denn in der Hierarchie der riesigen Redaktion fängt er ganz unten an und sein Ressortleiter ist ein Rassist. Bei seiner ersten Pressekonferenz hält ihn ein Polizeibeamter gar für einen Spion.

    Nicht ohne Baseballschläger: Jake Adelstein (Ansel Elgort) ist ein Amerikaner in Tokio. HBO Max

    Hinzu kommt, dass Jake aus seiner Heimat eine andere Vorstellung von Journalismus mitgebracht hat, als ihn die Shinbun pflegt: Er soll nur Pressemeldungen und Polizeiverlautbarungen wörtlich übernehmen und bloß keine eigenen Überlegungen in seine Berichte einbringen. Nachfragen und tiefere Recherche sind unerwünscht. Doch damit gibt sich der Berufsanfänger nicht zufrieden und neben seiner aufreibenden, aber eintönigen Tagesarbeit sucht er abends nach einer eigenen, einer „echten“ Story. So vermutet er, dass mehrere gewaltsame Todesfälle im Ausgehviertel zusammenhängen: Ein Mann wurde auf der Straße erstochen, mehrere andere verbrennen sich öffentlich selbst. Im Umfeld taucht immer wieder das Logo eines Pfandleihers auf, dessen Geschäftsräume aber leer sind. Offensichtlich hatten alle Toten Schulden bei dieser Firma und die wendet rabiate Methoden zur Rufschädigung an, wenn sie ihr Geld nicht zurückbekommt. Hinter den Kredithaien stehen die Yakuza und damit ist Jake mittendrin in einer Recherche über die Tokioter Mafia, die für ihn selbst sehr gefährlich werden kann.

    Ansel Elgort (gerade in der Hauptrolle von Steven Spielbergs „West Side Story“ zu sehen gewesen) spielt den jungen Reporter mit der angemessenen Mischung aus Idealismus und Naivität. Interessanter sind die Nebenfiguren: Altstar Ken Watanabe („Briefe aus Iwo Jima“) bekommt als Detective Hiroto Katagiri, der gegen das organisierte Verbrechen ermittelt und zu Jakes Mentor wird, in den ersten Folgen leider noch nicht allzu viel zu tun, beeindruckt aber alleine durch seine körperliche Präsenz. Rachel Keller („Legion“) ist großartig als Samantha Porter, eine weitere Migrantin aus den USA, die als Hostess in einem Nachtclub sowohl japanischen Geschäftsleuten (egal, ob die legalen oder illegalen Geschäften nachgehen) als auch schnell Jake den Kopf verdreht. Und auch dem still schmachtenden und leidenden Sato (Show Kasamatsu), einem jungen Yakuzu, der in dem Nachtclub das Schutzgeld eintreibt und dort mit Jake Bekanntschaft schließt. Die Ambivalenz zwischen gewaltvollem Arbeitsethos und einer sensiblen Seele vermittelt Kasamatsu grandios fast ohne Worte.

    Der Bulle und der Reporter: Hiroto Katagiri (Ken Watanabe) und Jake Adelstein HBO Max

    Abseits von den Figuren fasziniert die Atmosphäre der schillernden japanischen Megametropole zwischen grauem, extrem reglementierten Redaktionsalltag und der nächtlichen Welt der Rotlichtbars und Spielhallen. Dabei ist der inszenatorische Stil eher zurückhaltend. Dass die knallbunten, neongrellen 1980er lange vorbei sind und Michael Mann diesem Stil auch nicht nachtrauert, bewies er schon 2006 in seiner unterschätzten „Miami Vice“-Kinoversion. Aber er beherrscht es noch immer, eine dichte Stimmung zu erzeugen. Die von dem Dramatiker J.T. Rogers adaptierte Geschichte zeigt großes Potential, sich zu einem spannenden Wettkampf zwischen Yakuza, Polizei und dem jungen Journalisten zu entwickeln und dabei auch die Frage aufzuwerfen, welche Risiken es wert ist, die Wahrheit aufzudecken.

    Polizeieinsatz im Nachtclub: Ken Watanabe (2. v. r.) und Kollegen HBO Max

    Gleichermaßen ungewohnt wie bemerkenswert ist es, eine US-Serie zu sehen, die komplett in Tokio spielt, in der etwa 80 Prozent der handelnden Figuren Japaner sind und mehr als die Hälfte der Zeit Japanisch gesprochen wird. Ein mutiger Schritt, der noch vor einigen Jahren unvorstellbar gewesen wäre und sicher dem weltweiten Siegeszug der Streamingdienste zu verdanken ist. Auch wenn nicht ganz nachzuvollziehen ist, warum die einheimischen Figuren sich mit Jake meistens auf Englisch unterhalten, wenn sie mit ihm allein sind, obwohl der ja perfekt Japanisch spricht (wahrscheinlich ein Zugeständnis gegenüber den Zuschauenden in den USA, um die nicht völlig zu vergraulen). Dennoch hat man den Eindruck, hier einen tieferen Einblick in die japanische Gesellschaft zu bekommen, als das bisher in westlichen Filmen und Serien möglich war.

    „Tokyo Vice“ ist nicht „Miami Vice“, zeigt aber viele Ansätze, einen ähnlichen Sog zu entwickeln wie jene Serie in den 80ern.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden von „Tokyo Vice“.

    Meine Wertung: 4/​5

    „Tokyo Vice“ wurde ab 7. April in den USA auf HBO Max veröffentlicht. In Deutschland hat sich Starzplay die achtteilige erste Staffel gesichert. Die ersten beiden Folgen werden dort ab Sonntag, den 15. Mai zu sehen sein, die weiteren folgen wöchentlich.

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv​a>.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Trotz Micheal Mann, kommt diese Serie auch nicht im Geringsten an die Kult-Serie Miami Vice ran. Weder vom Stil, Charaktere, noch Action und schon garnicht im Bezug auf Ausstattung.

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