„The Old Man“: Jeff Bridges brilliert als gejagter FBI-Agent außer Dienst – Review

    John Lithgow als Gegenspieler in Thrillerdrama bei Disney+

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 27.09.2022, 17:30 Uhr

    Jeff Bridges als Dan Chase in „The Old Man“ – Bild: FX
    Jeff Bridges als Dan Chase in „The Old Man“

    30 Jahre hat Dan Chase (Jeff Bridges) ein ruhiges Leben geführt. Seit seine geliebte Ehefrau vor einigen Jahren gestorben ist, sogar ein sehr ruhiges und einsames. Er wirkt wie ein verschrobener, schon leicht seniler Rentner, wie er sich morgens nach einer unruhigen Nacht, in der er mehrmals die Toilette aufsuchen musste, aus dem Bett quält und in der Küche im Stehen einen Kaffee trinkt, während er mit seiner Tochter telefoniert. Danach legt er das Telefon in die Mikrowelle und verlässt sein Haus. Aber diese ersten Szenen von „The Old Man“ locken uns Zusehende auf eine falsche Fährte, denn Chase ist alles andere als senil oder hilflos. Das wird klar, als er wenig später einen nächtlichen Eindringling effektiv und eiskalt tötet.

    Basierend auf einem Roman von Thomas Perry haben die TV-Produktionsgesellschaften von Fox den Stoff als Serie adaptiert, in den USA für den Streamingdienst Hulu, in Europa ist sie bei Disney+ zu sehen. Für die Umsetzung verantwortlich waren Robert Levine und Jonathan E. Steinberg, die gemeinsam bereits das Piratendrama „Black Sails“ geschaffen haben. Bemerkenswert wird die Serie aber vor allem durch ihre beiden Hauptdarsteller, die seit vielen Jahrzehnten nicht aus Hollywood wegzudenken sind: Jeff Bridges, der seine ersten Meriten im New-Hollwood-Kino der 1970er erwarb, kurzzeitig als Blockbusterstar gehandelt wurde (in „Tron“ oder dem ersten „King Kong“-Remake) und dann seit den 1980ern zur festen Größe im Arthouse-Kino wurde, in Filmen von Terry Gilliam („König der Fischer“) und Peter Weir („Fearless – Jenseits der Angst“) und natürlich bei den Coen-Brüdern als „Dude“ in deren Kultfilm „The Big Lebowski“. 2009 kam er dann durch „Crazy Heart“ auch noch zu späten Oscar-Ehren.

    Sein Gegenspieler ist John Lithgow als stellvertretender FBI-Direktor Harold Harper. Lithgow, mit 77 Jahren noch etwas älter als Bridges, ist einer jener US-Schauspieler, deren Gesichter man aus vielen Filmen und TV-Serien kennt, deren Namen aber eher weniger bekannt sind, seiner wahrscheinlich am ehesten noch aus der Sitcom „Hinterm Mond gleich links“. In „The Old Man“ sind Bridges und Lithgow wie zwei Seiten der gleichen Medaille: Zwei Männer, die sich seit Jahrzehnten kennen, die einst für die gleiche Sache kämpften und sich nun zwar respektvoll, aber auch erbarmungslos gegenüberstehen.

    Unfreiwillig aus dem Ruhestand gerissen: Dan Chase (Jeff Bridges) Disney+

    Denn bei dem Einbrecher handelte es sich keineswegs um einen zufälligen Dieb und Dan Chase hat insgeheim drei Jahrzehnte darauf gewartet, dass seine Häscher ihn aufspüren. Einst war er selbst ein junger FBI-Agent, der im ersten Afghanistankrieg die US-amerikanischen Interessen schützen sollte. Dann fiel er allerdings in Ungnaden und wurde zum Gejagten der Behörde, für die er selbst sein Leben riskiert hatte. Und sein Vorgesetzter damals war niemand anderer als der inzwischen in der Hierarchie aufgestiegene Harold Harper.

    Während jener also immer noch im aktiven Dienst ist und dadurch über einen fast grenzenlos wirkenden Machtapparat inklusive modernster Überwachungstechnik verfügen kann, ist Chase ganz auf sich allein gestellt – abgesehen von seinen beiden treuen Hunden, denen man als Gegner lieber nicht zu nahe kommen sollte. Chase ist trotz seines fortgeschrittenen Alters und seines eher opahaften Äußeren aber ein Mann, den man nicht unterschätzen darf. So entkommt er in den ersten Episoden jedem Verfolger und jeder gestellten Falle und hinterlässt dabei eine Blutspur, so dass sich Harper gezwungen sieht, ihm einen Auftragskiller hinterher zu schicken. Denn Chase weiß zu viel über Harpers eigene Verstrickung in die damaligen Ereignisse im Mittleren Osten.

    Der Gegenspieler: FBI-Spitzenmann Harold Harper (John Lithgow) Disney+

    Originell ist diese Geschichte nun wirklich nicht, dafür aber geradlinig und konsequent erzählt und inszeniert (Regie der ersten beiden Folgen: Tom Watts, „Spider-Man: Homecoming“). Trotzdem wären die einzelnen Episoden, die jeweils mehr als eine Stunde dauern, vermutlich etwas langweilig ausgefallen, wenn sie nicht mit dem Hauptdarsteller punkten könnten. Bridges hat auch mit über 70 noch eine unglaubliche physische Präsenz. Wie ein Berserker nimmt er sich Chases wesentlich jüngerer Verfolger an, beherrscht aber auch mühelos die leiseren Töne. So macht der Gejagte in Folge 2 die Bekanntschaft einer einsamen Vermieterin, die ihn auf ein Date ins Restaurant einlädt. Im Gespräch mit dieser Zoe (Amy Brenneman, „The Leftovers“) ergeben sich Momente der Verbundenheit – obwohl Chase ihr über sein Leben immer nur die halbe Wahrheit erzählen kann -, die den skrupellosen Mann unheimlich menschlich wirken lassen.

    Überhaupt ist die Rollenverteilung klar: Sympathieträger ist hier eindeutig der „Böse“, der von der Bundespolizei gejagt wird. Die weiteren NebendarstellerInnen wie E.J. Bonilla als ermittelnder Polizeibeamter und Alia Shawkat als Harpers Assistentin kommen – zumindest in den ersten Episoden – nicht über Stichwortgeber hinaus. Dazu sind Lithgow und vor allem Bridges einfach zu präsent.

    Allein gegen die staatliche Übermacht: der „alte Mann“ Disney+

    Stilistisch fügt sich die Serie gut in Bridges’ Spätwerk ein. Nicht nur durch den Soundtrack, für den unter anderen Musikproduzent und Gitarrist T Bone Burnett zuständig ist, stellt sich bisweilen eine westernhafte Atmosphäre ein. Dabei ist „The Old Man“ mehr Charakterdrama als Actionserie, obwohl es immer mal wieder zu eruptiven Gewaltausbrüchen kommt. Das Rad neu erfinden will keiner der Beteiligten, aber manchmal reicht es ja auch einfach, einem hervorragenden Schauspieler ausgiebig bei seiner Arbeit zusehen zu dürfen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „The Old Man“.

    Meine Wertung: 3,5/​5

    Die Serie „The Old Man“ startet im deutschsprachigen Raum am 28. September mit zwei Episoden auf Disney+. Eine zweite Staffel der Serie wurde bereits bestellt.

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit "Ein Colt für alle Fälle", "Dallas" und "L.A. Law" auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      "The Old Man" hat mir sehr gefallen, jetzt warte ich auf Staffel 2...
      • am

        Harper ist FBI ex-CIA, das erklärt woher er ihn kannte er ihn jetzt auf amerikanischen Boden jagen kann, Chase ist nur ex-CIA. FBI
        • (geb. 1968) am

          Hi,
          CIA nicht FBI 🍻

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