„Star Trek: Discovery“: Staffel drei wagt vielversprechenden Neubeginn – Review

    Kann die Serie durch einen Zeitspung ihre „Kinderkrankheiten“ hinter sich lasen?

    Rezension von Bernd Krannich – 16.10.2020, 17:11 Uhr

    Ausschnitt aus dem Poster zur dritten Staffel von „Star Trek: Discovery“

    Am Donnerstag (beziehungsweise Freitag in Deutschland) hat die Veröffentlichung der dritten Staffel von „Star Trek: Discovery“ begonnen. Die Macher nutzen den Ausgang der zweiten Staffel mit einem Zeitsprung nach dem ersten Eindruck für einen weitgehenden Reboot der Serie in einer Zukunft, in der die Föderation kaum mehr als eine von wenigen Optimisten – oder Unverbesserlichen? – getragene Idee ist.

    Mit dem Zeitsprung scheint „Discovery“ zahlreichen Ballast über Bord geworfen zu haben, den die ersten beiden Staffeln durch ihre Identität als Prequels zu „Raumschiff Enterprise“ hatten – zumal sie durch „Spocks Adoptivschwester“ Michael Burnham (Sonequa Martin-Green) auch zusätzlich eng an die ursprüngliche „Star Trek“-Serie gebunden war. Einerseits handelt es sich um geschichtliche Verwicklungen, andererseits auch einfach um den technischen Fortschritt in der Trick- und Maskentechnik, die das „Vorher“ aus dem Prequel besser aussehen ließen, als das „Nacherher“, das in der Serie aus den 1960er-Jahren gezeigt wurde. Die neue Staffel spielt in der Zukunft – und die Tricktechnik darf sich hier bei der Darstellung der neuen „zeitgemäßen Technik“ so richtig ausspielen.

    Die neue Staffel kann in der ersten Episode von allen Fesseln erstmal aufspielen und bekannte „Star Trek“-Elemente ohne jede Einschränkung aufgreifen, kombinieren und verändern. Dabei achtet die Serie aber auch durchaus auf den Kanon. Bereits vor der Staffel war etwa bekannt gewesen, dass die neuen Folgen im (irdischen) Jahr 3188 spielen würden. Durch Zeitreisen – und insbesondere den Temporalen Krieg, der in „Star Trek – Enterprise“ einige Daten und Geschehnisse der „Zukunft“ gesetzt hatte – hatten Hardcore-Fans schon spekuliert. Die neue Staffel läuft nun jenseits des Temporalen Krieges, in dessen Folge Zeitreisen gebannt und Zeitreisetechnik eigentlich komplett zerstört wurde.

    Recht spoilerfrei kann zur ersten neuen Folge gesagt werden, dass es zunächst schwer ist, auf ihrer Basis eine Aussage über die neue Staffel zu treffen: Denn der Staffelauftakt beschäftigt sich in Art eines verkürzten Films zunächst monothematisch nur mit der Ankunft von Michael Burnham in ihrem Red Angel Suit in der Zukunft, die „hinter ihr“ durch die Zeit gegangene U.S.S. Discovery ist zunächst „verschollen“.

    „The Red Angel has landed“: Michael Burnham hat eine Bruchlandung hingelegt, aber sie wird es überleben. CBS All Access

    Die Auftaktfolge der dritten Staffel zeichnet sich vor allem durch drei Elemente aus. Einerseits ist sie in ihren Spezialeffekten verspielt bis überladen. In einer Szene etwa wird es verspielt, wenn in freier Wildbahn gezeigt wird, wie ein possierliches fremdes Insekt von einem Kleintier verspeist wird. Überladen gestaltet sich der Besuch in einer fremden, mit Technik, Hologrammen und Aliens vollgepackten Handelsstation.

    Ein weiteres sehr deutlich auftretendes Element ist ein schräger Humor, der sich vor allem durch zwei längere Szenen zieht und der – ehrlich gesagt – in einer Szene ziemlich genau an eine Folge des animierten Spin-Offs „Star Trek: Lower Decks“ erinnert. Die neue Staffel dürfte also etwas überdrehter werden und die Gediegenheit vermissen lassen, die „Star Trek“ in den Jahren zwischen 1987 und 2005 auszeichnete.

    Durch die weit vor der Handlungszeit zerstörte Föderation/Sternenflotte und den Bezug auf wenige true believers, die trotz der harten sozialen Umstände in der Galaxis an etwas glauben, das größer und wichtiger ist, als der Eigennutz, bringt die Folge bereits einiges an Emotionalität und Pathos in die Folge.

    Book (David Ajala) und Burnham (Sonequa Martin-Green) beschnuppern sich. Nach einem ersten Schlagabtausch. CBS All Access

    Generell erinnert das Setup der dritten Staffel wohl nicht von ungefähr an die Serie „Gene Roddenberrys Andromeda“, die auf dem Nachlass des „Star Trek“-Schöpfers Gene Roddenberry beruht. Auch in der Serie findet sich ein nobler Held aus einer golden Zeit einer interplanetaren Organisation als „Zeitreisender“ in einer Zukunft wieder, in der die Zivilisation einer Katastrophe zum Opfer gefallen ist und Eigennutz vorherrscht. Er macht sich an den Wiederaufbau, wobei die „gute, alte Zeit“ mit viel Pathos verklärt ist. Ähnliches zeichnet sich auch in der dritten Staffel ab.

    Kurzkritik

    Da sich Serien wie „Star Trek: Discovery“ mit jeder Staffel – hier: besonders durch immer wieder wechselnde Showrunner – verändern, lohnt es sich, den Staffelauftakt (mal wieder) als Reboot der Serie zu sehen und seine Hauptelemente daher als Wegweiser für die kommenden Folgen zu sehen.

    Denn, Ja, wie eingangs gesagt, scheint sich „Discovery“ durch den Zeitsprung wirklich von seiner Vorgeschichte entfernt zu haben, so dass die neue Staffel sich vermutlich auch sehr gut für einen Serieneinstieg eignet, bei dem man die häufig kritisierten „Kinderkrankheiten“ der ersten beiden Staffeln einfach überspringt.

    Generell kann man also festhalten, dass die neue Staffel sich in Sachen Tricktechnik und Optik der Technik nun auch eher an modernen Filmen versucht und nach dem Zeitsprung durchaus alte (Design-)Zöpfe abschneidet. Das Action-Element ist hoch, so auch der Humor – ebenfalls reminiszent an aktuelle SciFi-Filme. Für Hardcore-“Star Trek“-Fans scheint es aber auch eine Rückkehr zu altem Pathos zu geben, der ein Zusammenrücken der intelligenten Wesen der Zukunft fordert, die alte Zwistigkeiten vergessen sollten, um eine gemeinsame, bessere Zukunft zu schaffen – letztendlich also die Ideale hochhalten, für die „Star Trek“ spätestens seit „Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert“ steht.

    Die Auftaktepisode ist ein unterhaltsames Gaunerabenteur. Launig anzusehen, wohl aber noch kein Gradmesser, wie die Staffel inhaltlich werden wird.

    Die Spoiler

    In ihrem „Red Angel Suit“ kommt Michael Burnham in der Zukunft an. Sie gerät zwischen die Fronten zweier Gauner: Book (der neue Hauptdarsteller David Ajala) hatte seinem „Kollegen“ Cosmo kürzlich eine Beute abgejagt – und als Burnham durch das Wurmloch in dieser Zeit ankommt, kollidiert sie mit Books Schiff. Er und sie müssen notlanden.

    An ihrer Absturzstelle stellt Burnham fest, dass die Discovery allerdings bisher noch nicht angekommen scheint. Später erfahren die Zuschauer, dass sie entweder a) an einem anderen und weit entfernten Ort rausgekommen ist, b) erst „später“ ankommen wird (in einer Sekunde oder 1000 Jahren) oder c) zerstört wurde. Option „c“ ist in der Serie natürlich wenig realistisch.

    Burnham sorgt für die Zerstörung ihres Anzuges (schließlich sind sie und die Discovery ja bewusst in die Zukunft gereist) und macht sich mit ihrer Notausrüstung zur Absturzstelle ihres „Unfallgegners“. Hier lernt sie Book kennen, der in vielen Dingen an Han Solo erinnert: Verwegen, abgebrüht, einzelgängerisch und es wird nie so ganz klar, ob man ihm trauen kann. Dass sein Schiff eine Tarnvorrichtung hat, zeigt allerdings wohl mehr, dass in der Zukunft vieles möglich ist, was in den bisherigen „Star Trek“-Serien eingeschränkt war.

    Nach anfänglichen, mit Fäusten ausgetragenen Kommunikationsschwierigkeiten macht sich Book mit Burnham zu einer nahe gelegenen Station auf dem Planeten auf. Dabei werden diverse Details zum Jahr 3188 deutlich. Die Föderation wurde nach einer Katastrophe – The Burn – zerstört, schon vor Books Geburt. Nicht nur die Macht der Sternenflotte, sondern in der Folge auch die soziale Ordnung.

    Book etwa ist ein Kurier. Die Station, die er und Burnham besuchen, wird von den (in Burnhams Tagen als Sklavenhändlern und Verbrechersyndikat bekannten) Orions betrieben. Die verkaufen von der Station via interstellarer Kommunikation teuerste Hehlerware, die dann von Kurieren (wie Book) im Auftrag der Orions ausgeliefert wird. Es wird ebenfalls deutlich, dass interstellare Raumfahrt nach dem Burn schwierig geworden ist, und Kuriere wie Book von ihren Auftraggebern auch mit Treibstoff versorgt werden (müssen).

    Ein Lurianer (Morns Spezies), ein Andorianer sowie Book und Burnham inmitten neuer Aliens. CBS All Access

    Books Problem ist aktuell, das ihm durch den Weltraum-Zusammenstoß mit Burnham der Treibstoff zerstört wurde. Er benötigt Geld, um neuen zu kaufen, da er aktuell gerade „auf eigene Rechnung“ unterwegs war. Er und Burnham einigen sich auf einen Deal, bei dem sie ihm eines ihrer „antiquarischen“ Ausrüstungsstücke gibt und er sie zu einem Sub-Space-Kommunikationsgerät auf der Station führt, mit dem sie vielleicht die Discovery erreichen kann.

    Das Auftauchen von Books Gegenspieler Cosmo und diverse weitere Überraschungen sorgen dafür, dass sich in der Episode eine actiongeladene, fast schon „klassische“ Gaunergeschichte ergibt, mit Bluffs, Verrat, Aussöhnung, Faustschlägen, Phaserschüssen und einer Verfolgungsjagd mit neuartigen mobilen Transportern, die es Personen erlauben, sich selbst irgendwohin zu beamen. Wie gesagt: Wenn die Folge noch ein bisschen verlängert und aufgebohrt worden wäre, würde sie einen ordentlichen SciFi-Film abgeben.

    Am Ende haben Book und Burnham sich einerseits viele Feinde gemacht, denn sie haben andererseits einen größeren Vorrat an Treibstoff auf der Station geklaut.

    Book erweist sich letztendlich als jemand, der für (seinen) guten Zweck alles zu tun bereit ist, auch wenn er dafür über Gauner-Leichen geht. Er erkennt auch in Burnham solch einen guten Kern. So liefert er sie bei einem der „wahren Gläubigen“ ab, der ihr Hoffnung geben kann: Einerseits darauf, dass die Ideale der Föderation und Sternenflotte noch in den Herzen der Menschen stecken (und auch noch manches Raumschiff unter Sternenflottenflagge fliegt) und andererseits, dass man die Discovery finden kann – „sobald“ sie denn auftaucht.

    The Burn

    Bereits in Trailern zur dritten Staffel von „Star Trek: Discovery“ wurde davon gesprochen, dass die Föderation in einem als Burn bezeichneten Vorgang untergegangen sei. Book führt im Jahr 3188 gegenüber Burnham nun aus, dass das Ereignis vor seiner Geburt stattfand, „100 oder 120 Jahre“. Dabei explodierten ohne bekannten Grund „ein Großteil“ der Dilithium-Kristalle – die im „Star Trek“-Universum für die Energiegewinnung auf Raumschiffen und die Warp-Triebwerke unerlässlich waren.

    Bei dieser allgemeinen Explosion wurden demzufolge auch die meisten Sternenflotten-Raumschiffe zerstört, weil eben deren Dilithium-Vorräte explodierten. In der Folge versiegte auch die Staatsmacht, so dass die ganzen Zerstörungen niemals aufgeräumt wurden, zahllose Wracks noch im Raum treiben. Dazu kommt, dass niemand sagen kann, ob die verbliebenen Kristalle nicht demnächst auch noch mit ebensolcher Plötzlichkeit explodieren.

    Durch Book – und später an Bord einer weitgehend zerstörten Sternenflotten-Raumstation – erfahren die Zuschauer, dass auch der „Weltraum“ unsicher geworden ist: Etwa die Scannerreichweite der Raumstation ist massiv eingeschränkt. Und zuvor sichere Techniken bergen nun unvorhersehbare Risiken, etwa die Schaffung eines „einfachen“ Wurmloches, das explodieren und gewaltige Raumgebiete verwüsten kann.

    Ausblick auf den Rest der Staffel

    Im Anschluss an den Staffelauftakt hat CBS All Access noch einen Trailer zum Rest der neuen Staffel veröffentlicht.

    „This Season on Star Trek: Discovery“

    Wie schon bei einem früheren Trailer angemerkt, deutet die neue Haarpracht bei Burnham in diesem Trailer darauf hin, dass eine ganze Zeit vergehen wird, bis sie die Discovery wiederfindet.

    Daneben scheint das „Zwischenziel“ der Staffel zu sein, den Hintergrund des Burn zu ergründen, somit die Sicherheit/Berechenbarkeit des Weltraums wieder herzustellen und dann die Idee der Föderation wieder mit mehr Leben zu füllen.

    Poster zur dritten Staffel von „Star Trek: Discovery“ CBS All Access

    Über den Autor

    Bernd Krannich ist Jahrgang 1974 und erhielt die Liebe zu Fernsehserien quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater war Fan früher Actionserien und technikbegeistert, Bernd verfiel den Serien spätestens mit Akte X, Das nächste Jahrhundert und Buffy. Mittlerweile verfolgt er das ganzes Serienspektrum von „The Americans“ über „Arrow“ bis „The Big Bang Theory“. Seit 2007 schreibt Bernd beruflich über vornehmlich amerikanische Fernsehserien, seit 2014 in der Newsredaktion von fernsehserien.de.

    Lieblingsserien: Buffy – Im Bann der Dämonen, Frasier, Star Trek – Deep Space Nine

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

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      Du hast also "erfahren", daß... Hast es also nicht einmal selbst gemerkt, man mußte es Dir mitteilen, da Du vermutlich GoT, was Du ja nicht magst, gar nicht verfolgt hast. Aber jemand sagt, GoT-Kopie, also kannst Du es auch nicht mögen - richtig?
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      • (geb. 1984) am melden

        xD
        Ich hab schon vor monaten gesagt, als bekannt wurde, wie die 3. Staffel wohl sein wird, dass das ganze sehr an Andromeda erinert.
        Ich liebe Andromeda und fand die Geschichte super.
        Jetzt auf Star Trek zu bringen gefällt mir mehr, als das geklaue aus S01 bei Game of Thrones (mag die Serie nicht und fand es echt sehr uncool, als ich erfahren hab, dass das fast 1:1 kopien waren).

        ich mach nun erstmal ein andromeda rewatch
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