„Meine geniale Freundin“: Empowerment im Armenviertel

    MagentaTV präsentiert meisterliche Verfilmung des Bestsellers von Elena Ferrante

    02.05.2019, 12:00 Uhr – Gian-Philip Andreas

    "Meine geniale Freundin": Empowerment im Armenviertel – MagentaTV präsentiert meisterliche Verfilmung des Bestsellers von Elena Ferrante – Bild: RAI/HBO
    Raffaella „Lila“ Cerullo (Gaia Girace) und Elena „Lenù“ Greco (Margherita Mazzucco) in „Meine geniale Freundin“

    Elena Ferrantes Roman-Tetralogie über die verschlungenen Lebenswege zweier in einem neapolitanischen Armenviertel aufwachsender Mädchen zählt zu den großen literarischen Sensationen dieses Jahrzehnts. In Italien erschienen die vier Bücher 2011 und 2014, ins Deutsche übersetzt stürmten sie dann ab 2016 die Bestsellerlisten. Zu diesem Zeitpunkt war schon längst entschieden, dass aus den in klarer (Erinnerungs-)Prosa geschriebenen Romanen eine Serie werden soll: vier Staffeln, die, den Büchern entlang, die verschiedenen Lebensstationen der Ich-Erzählerin Elena Greco, genannt Lenù, und ihrer brillanten Freundin Raffaella Cerrullo, genannt Lila, beleuchten. Es sind Empowerment-Geschichten über den Ausstieg aus beengten patriarchalen Verhältnissen, die dennoch nie didaktisch wirken: Das wissen die faszinierenden Figuren, die Ferrante da entworfen hat, sofort zu unterbinden.

    Dass eine serielle Verfilmung gut passen würde, wird beim Lesen sofort klar: Die Romane selbst gliedern sich in viele kleine Binnenspannungsbögen, die literarische Szenen oft erst anreißen, um deren Fäden erst viel später wieder aufzunehmen und lang in der Schwebe gehaltene Cliffhanger aufzulösen. Dieses Prinzip, analysierten viele Kritiker, orientiere sich durchaus am horizontalen Erzählen moderner TV-Serien. Ferrante, die seit den Neunzigerjahren unter Pseudonym schreibt (ihre tatsächliche Identität ist nicht bekannt), hat an der Adaption des ersten Romans der Tetralogie – „Meine geniale Freundin“ – nun höchstselbst mitgewirkt. An den Drehbüchern schrieben zudem Laura Paolucci („Caos calmo – Stilles Chaos“) und Francesco Piccolo („Human capital“, auch als „Die süße Gier“ bekannt) mit, zwei Veteranen des italienischen Kinos, sowie der alleinige Regisseur der ersten Staffel: Saverio Costanzo, der zuletzt die italienische Variante der Therapieserie „In Treatment – Der Therapeut“ verantwortete. Was dabei – in Co-Produktion des US- Senders HBO mit der italienischen RAI und dem Video-on-Demand-Dienst TIMvision – herausgekommen ist, ist staunenswert gelungen.

    Das liegt an vielen Aspekten, vor allem aber am sensationellen Casting: Die vier Darstellerinnen von Lenù und Lila, je zweimal als Kind und Teenager, sind allesamt Newcomer, und nicht nur, dass sich die älteren und jüngeren „Versionen“ der Figuren tatsächlich verblüffend ähnlich sehen, sie sind allesamt auch schauspielerische Entdeckungen. Besonders Ludovica Nasti (als Kind) und Gaia Girace (als Jugendliche) erwecken Lila, eine der sicher prägnantesten Frauenfiguren der jüngeren europäischen Romanliteratur, so kraftvoll und energiereich auf den Bildschirm, dass man sie sich retrospektiv nie anders hätte vorstellen wollen. Absolut beeindruckend!

    Ludovica Nasti als Lila und Elisa Del Genio als Lenù in „Meine geniale Freundin“.
    Ludovica Nasti als Lila und Elisa Del Genio als Lenù in „Meine geniale Freundin“.

    Die Serie übernimmt die Erzählklammer, die auch der Roman vorgibt: Lenù erfährt mit Mitte sechzig, dass Lila verschwunden ist und diesen Schritt offenbar genau geplant hat. Lenù ist darüber nur milde überrascht, setzt sich an den Computer und fängt an, über ihre innige, aber von Kindheit an nie unproblematische Freundschaft zu Lila zu schreiben. Damit beginnt eine große Rückblende, die den Rest der Staffel einnimmt. Aus dem Off erzählt von der erwachsenen Lenù, entfaltet sich nun das Panorama des staubigen (und nie beim Namen genannten) Armenviertels am schmucklosen Rand von Neapel, in dem sich fast die gesamte Story abspielt.

    Die annähernd 50 Figuren aus diversen Familien, die rund um einen Hinterhof in karge Wohnungen gruppiert sind, werden wie nebenbei und mit einigem erzählerischen Geschick eingeführt, ohne dass man als Zuschauer Angst haben müsste, sie nicht auseinanderhalten zu können: Sie alle, die Händler, Arbeiter, Kinder, Eltern, Lehrer und Camorristi, bekommen im Laufe der acht knapp einstündigen Episoden prägnante Szenen verpasst, in denen sie bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Darsteller sind durchweg stark, keiner von ihnen wirkt kostümiert oder sonstwie in Kulissen hineingestellt.

    Tatsächlich ist dies ein großes Verdienst der Serie: Das (arme) Italien der Fünfzigerjahre, um das es hier geht, wirkt zwar dokumentarisch genau nachgestellt, aber nie so, dass es ähnlich aufdringlich stolz auf seine „Authentizität“ wäre wie vergleichbare deutsche History-Produktionen, in denen der Authentizitätsfetisch mit seinen sorgsam hergerichteten und mit schick beleuchtetem Designer-Dreck bestäubten Schauplätzen oft genau das Gegenteil bewirkt, nämlich eine kameragerechte Künstlichkeit. In „Meine geniale Freundin“ ist dies anders: Costanzo versucht nicht, mehr aus den braun-grauen Staubstraßen und den im fahlen mediterranen Licht leuchtenden Altbaufassaden herauszuholen, als für die Bewohner selbst zu sehen ist. Neapel liegt zwar an der Küste, der Vesuv ragt um die Ecke empor, doch davon ist hier nichts zu sehen: Dass wenige Kilometer entfernt das Mittelmeer lockt, scheint den meisten Bewohnern kaum bewusst. Auch Lenù sieht es erstmals mit fünfzehn: Es ist dann ein Anblick von symbolischer Wucht, ein erstes Signal, dass für das Mädchen eine Welt außerhalb des engen Viertels bereitstehen könnte.

    Die Freundinnen Lenù (Elisa Del Genio) und Lila (Ludovica Nasti).
    Die Freundinnen Lenù (Elisa Del Genio) und Lila (Ludovica Nasti).

    Lenù Greco ist ein kluges Kind (gespielt von Elisa Del Genio). In der Hierarchie der armen Leute ihres Viertels ist sie zudem leicht privilegiert, denn ihr Vater (Luca Gallone) arbeitet als Pförtner im Rathaus. Doch das schüchterne, brave blonde Mädchen muss erkennen, dass es jemanden gibt, der es übertrumpft: Lila, ihre schwarzhaarige, freche, auf alles pfeifende Schulkameradin, weiß, kann und will viel mehr als sie. Lesen und Schreiben hat sie sich selbst beigebracht, auch alle anderen Fächer beherrscht sie besser als alle anderen – zum großen Erstaunen der Lehrerin Oliviero (Dora Romano).

    Lenù und Lila werden beste Freundinnen, bestehen Mutproben, und doch steht ein unausweichlicher Riss bevor: Nach der Grundschule darf Lenù (jetzt gespielt von Margherita Mazzucco), unterstützt von Oliviero, erst an die Mittelschule und dann ins Gymnasium, während Lila dergleichen von ihrem Schustervater (Antonio Buonanno) und der verzagten Mutter (Valentina Acca) versagt bleibt. Während Lenù in der Schule erst strauchelt, fühlt sie sich später von Lila motiviert – denn die bettelarme Freundin bildet sich persönlich weiter, lernt Latein, Mathematik, entwirft in der väterlichen Schusterwerkstatt modische Schuhe, plant eine Manufaktur. Wie im Roman bleibt der Titel, wer denn nun die „geniale Freundin“ ist, gewinnbringend in der Schwebe: Für die Zuschauer ist es Wunderkind Lila, die ihre Talente (der gesellschaftlichen Versagungssysteme wegen) nicht „offiziell“ entwickeln darf, für Lila selbst ist es aber Lenù, die quasi an ihrer statt den Weg durch die Instanzen gehen soll.

    Generationenwechsel: Alle vier Darstellerinnen
    Generationenwechsel: Alle vier Darstellerinnen

    Die Serie, die nah an der Vorlage bleibt, operiert reizvoll zweigleisig: Im Zentrum steht das komplexe Verhältnis der beiden Freundinnen, in dem wechselseitige Eifersucht, später auch in amourösen Dingen, ein stetes Thema bleibt und auch die Beziehungen zu den Müttern angesprochen wird (Lenùs Mutter etwa, gespielt von Anna Rita Vitolo, versucht die Schulambitionen ihrer Tochter fast gewaltsam zu torpedieren). Daneben aber gibt’s den großen filmischen Gesellschaftsroman, der das soziale Gefüge des „rione“ (Viertels) nachzeichnet, aus dessen Konventionen sich Lila und Lenù auf unterschiedliche Weisen befreien werden – Konventionen, die es möglich machen, dass Väter ihre Kinder straffrei verprügeln oder auch mal aus dem Fenster werfen dürfen. Da gibt’s zudem den Mafiaboss Don Achille (Antonio Pennarella), der umgebracht wird, woraufhin sich die lokale Macht auf den Camorra-Clan von Barbesitzer Solara (Antonio Milo aus „Commissario Maltese“), seiner Frau (Imma Villa) und ihrem dummdreisten Sohn Michele (Alessio Gallo) zu verlagern scheint und sich sämtliche Sozialbewegungen (auch strategische Eheschließungen) neu sortieren müssen. Nur für eine besonders starke Episode bewegt sich die Serie hinaus aus dem Viertel, auf die Neapel vorgelagerte Insel Ischia, wo Lenù mit Oliviero bei deren freigeistiger Cousine Nella (toll: Nunzia Schiano aus „Dogman“) einen in vielerlei (auch traumatischer) Hinsicht ereignisreichen Sommer verbringt. Lenù muss raus aus Neapel, das ist danach klar. Auf Lila warten derweil erst einmal weitere Enttäuschungen.

    Lenù mit ihrer Cousine Oliviero (Nunzia Schiano)
    Lenù mit ihrer Cousine Oliviero (Nunzia Schiano)

    Regisseur Costanzo erzählt ohne Mätzchen, auf den ersten Blick könnte man fast sagen: allzu nüchtern. Doch bei genauerer Analyse fällt auf, wie präzise er die Szenen rhythmisiert, wenn er die Bilder mal einen Tick länger stehen- und damit nachhallen lässt als üblich, mal kühn wegschneidet oder vielsagend ausblendet. Wenn er seine Regie dann doch mal kunstvoll in den Vordergrund stellt – etwa beim Zeitsprung in die Jugendphase zu Beginn der dritten Episode -, geschieht dies stets im Dienste der Geschichte. So bleibt die Serie immer auf die Figuren fokussiert – und auf die Dramatik, die aus ihren Beziehungen ganz von selbst entsteht.

    Und noch ein Ass hat Costanzo im Ärmel: Max Richter, derzeit einer der angesagtesten Film- und TV-Komponisten überhaupt, streut breitflächig seine von manchen gefürchteten, aber immer effektiven Neoklassik-Miniaturen mit ihren dramatischen Halbtonschritten und subtilem Sirenengeheul über die Szenen. Wie schon in „The Leftovers“ oder in „Werk ohne Autor“ kratzt das manchmal an der Überladungsgrenze, führt aber trotzdem verlässlich zu hochemotionalen Momenten. „Meine geniale Freundin“ wird so schon nach wenigen Szenen zu einer Serie, an der man sich kaum sattsehen kann, auf deren weitere Teile man sich freuen kann – und die fraglos zu den geglücktesten Literaturverfilmungen der jüngeren Zeit gerechnet werden darf.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten ersten Staffel von „Meine geniale Freundin“

    Meine Wertung: 4,5/5


    © Alle Bilder: HBO

    Der Streamingdienst MagentaTV veröffentlicht die Auftaktstaffel von „Meine geniale Freundin“ am 2. Mai mit allen acht Episoden in seiner Megathek. International ist die Serie auch als „L’amica geniale“ und „My Brilliant Friend“ bekannt. Eine zweite Staffel wurde von den Ko-Produzenten RAI und HBO bereits beauftragt.


    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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