In „Leben, Larry und das Streben nach Unglück“ leidet Larry David an der modernen Luftfahrt – eingeklemmt zwischen den Flugpionieren Orville (Jon Hamm) und Wilbur Wright (Sean Hayes, r.).
Bild: John Johnson / HBO
Historiker haben bisher Larry David im Wandel der Zeiten übersehen. Indes kann dieser Störenfried nicht länger untertauchen: Jeder Mensch erkennt endlich Larrys Einfluss auf frühere Vorgänge – zum Beispiel bei der Schlacht von Alamo 1836 und den Bau der Berliner Mauer 1961. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama und seine Frau Michelle helfen mit ihrer Produktionsgesellschaft Higher Ground, die mehr oder weniger lustigen Geheimnisse zu lüften. Dazu hat Larry David gemeinsam mit Jeff Schaffer eine siebenteilige Serie entwickelt: „Leben, Larry und das Streben nach Unglück: Ein nervöser Blick auf die amerikanische Geschichte“. Im Original lautet der Titel ähnlich kompliziert: „Life, Larry and the Pursuit of Unhappiness: An Almost History of America“.
Das kreative Duo will mit witzigen Kurzgeschichten an seinen letzten Erfolg „Lass es, Larry!“ anknüpfen. Schon bei „Seinfeld“ begleitete Jeff Schaffer den Kollegen Larry David für vier Jahre – erst als Co-Autor und dann zusätzlich als Executive Producer. Als Showrunner beinahe gleichberechtigt führten Larry David und Jeff Schaffer ihr Kind „Lass es, Larry!“ durch Tiefen und Höhen. Doch wie leicht verweht der Ruhm? In jeweils einer halbstündigen Folge pro Woche ist schnell zu begreifen, dass recycelte Gags aus „Lass es, Larry!“ schlecht zünden – in „Leben, Larry und das Streben nach Unglück“ ab dem 27. Juni auf HBO Max. In Deutschland zählt der Knüller „Lass es, Larry!“ nur als Geheimtipp. Somit fällt das hiesige TV-Publikum vielleicht ein milderes Urteil über den aktuellen Nachfolger „Leben, Larry und das Streben nach Unglück“.
Larry David verstört seinen Executive Producer Barack Obama (r.), den früheren Präsidenten der USA. Art Streiber / HBO
Mit Witz erduldet ehemaliger US-Präsident sogar Höllenqualen
2026 feiern die USA ihre Gründung vor 250 Jahren. Zu diesem Anlass wollten Michelle und Barack Obama eigentlich eine seriöse Hochglanz-Dokumentation präsentieren. Larry David hat dem präsidialen Paar jedoch eine eigene Idee aufgeschwatzt, wie der Serie zu entnehmen ist. Der Staatsmann kommentiert launig das Projekt, das ihm Höllenqualen bereitet habe. Indem er Larry Davids Eigenheiten verspottet, zeigt Barack Obama sein komödiantisches Talent. Auf diese Weise setzt er Akzente, die sonst von Larrys Fans in den Sketchen vermisst werden.
Ein Ehekrach im Unabhängigkeitskrieg mag zunächst reichen, um den Alltag unter absurden Umständen aufs Korn zu nehmen. Wer „Lass es, Larry!“ die Treue hält, kennt dieses Motiv zur Genüge – was auf 120 Folgen verteilt kaum stört. Da sich vergleichbarer Streit und banales Zeug nun jedoch auf den engen Raum von sieben Episoden drängen, ermüdet die Aufmerksamkeit. Beim eigentlichen Jubiläum irritiert Barack Obama zwar mit Pathos, schwenkt jedoch schnell ironisch um. Zwischen den Szenen eingestreute Fakten entspringen bestimmt guten Absichten, hemmen aber den Ablauf. Überdies kranken die Sketche an überflüssigen Verzögerungen.
Im Unabhängigkeitskrieg rücken britische Soldaten bereits an, als ein Ehepaar (Larry David und Isla Fisher) heftig streitet – über das Stampfen von Butter. John Johnson / HBO
Beruflich und privat nervt Larry David alle möglichen Leute
Immerhin entblößt Larry David berühmte Personen der Geschichte. Ohnehin eilt ihm der Ruf voraus, beruflich und privat gerne Leute zu nerven. Sein erfundener Zeitzeuge verwirrt und verärgert die historischen Lichtgestalten – durch Ablenkung und schlechtes Benehmen wie in „Lass es, Larry!“. So bekommen die Brüder und Flugpioniere Orville (Jon Hamm) und Wilbur Wright (Sean Hayes) miese Vorwürfe zu hören, als sie Larry in ihrer fliegenden Erfindung mitnehmen. Solche schrägen Dialoge könnten aus einem verstaubten Programm von Jerry Seinfeld stammen, der in einem anderen Sketch mitmischt. Larry spiegelt moderne Flugreisen in die Pioniertage der Luftfahrt. Der Hauptdarsteller verbreitet also Spaß durch seine verrückten Vergleiche. Über ungefähr 20 Jahre funktionierte diese Strategie von „Lass es, Larry!“. Der Gedanke wirkt reizvoll, das Konzept nach gestern und vorgestern zu übertragen.
Meriwether Lewis (Larry David) und sein Kumpel William Clark (Jerry Seinfeld, r.) jubeln, dass keine Frauen auf dem Ausflug zum Pazifik nerven werden. John Johnson / HBO
Politische Anspielungen auf Donald Trump langweilen
Larry vermag zu amüsieren, weil er gute Tischmanieren in einer Notlage fordert oder 1773 die Teilnehmer der Boston Tea Party beleidigt. Andererseits misslingen die meisten politischen Anspielungen. Müssen wir wieder mal den Geschmack und die Geltungssucht von Donald Trump beklagen? Haben wir wirklich vergessen, dass Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. die meisten Impfungen ablehnt? Oder freuen wir uns lieber, dass Larry David weiter gesellschaftliche Spaltung sowie Antisemitismus bemängelt? Jedenfalls sollte humorvolle Kritik dieser Art unbedingt ins Schwarze treffen, anstatt bloß ein Gefühl von Übelkeit zu bestätigen. Leider verenden zu viele Gags auf halber Strecke – nicht alleine bei politischen Themen.
Gaststars wie Jon Hamm und Jerry Seinfeld überzeugen
Ein ähnliches Schicksal blüht deutschen Produktionen wie „Sketch History – Neues von gestern“. Beide Serien mögen zwischendurch unterhalten. Trotzdem fehlen die durchgeknallten Einfälle etwa aus „Monty Python’s Flying Circus“. Die deutsche Crew bemüht sich redlich, zumal Bastian Pastewka wohl Larry David als Vorbild schätzt. Die Schauspieler der heimischen Produktion glänzen parodistisch. In „Leben, Larry und das Streben nach Unglück“ überzeugen Gaststars vielfältiger – zum Beispiel Bill Hader („Saturday Night Live“), Jon Hamm („Mad Men“) und Sean Hayes („Will & Grace“). Aus „Seinfeld“ und „Lass es, Larry!“ hat Larry David originelle Mitstreiter wie Susie Essman untergebracht. Die versammelten Talente faszinieren mit Galgenhumor und Stilbrüchen: „Sketch History“ verschießt seltener Giftpfeile auf typische Schwächen wie Egoismus und Feigheit.
Am 14. August 1945 feiert die Menge in New York das Ende des 2. Weltkriegs – und ein später weltberühmter Kuss beflügelt den Beobachter Larry David. John Johnson / HBO
Sexueller Angriff weckt ungeheuren Verdacht
Ausnahmsweise schlüpft Larry David in die Haut echter Persönlichkeiten. Er sollte künftig darauf verzichten, um seine Ziele von außen ins Visier zu nehmen. Als US-Präsident oder Gründervater oder Autofabrikant Henry Ford schwächelt er. Allerdings vergnügt er als Expeditionsleiter Meriwether Lewis: Der Darsteller sowie Jerry Seinfeld als Reisegefährte William Clark werfen sich gegenseitig die Bälle zu.
Larry fährt zur Höchstform auf, als die Menge in New York am 14. August 1945 das Ende des 2. Weltkriegs bejubelt. Reglos beobachtet Larry, wie ein Matrose eine Krankenschwester herumreißt und inniglich küsst. Ein Foto der intimen Begegnung schmückt später das Cover der Zeitschrift „Life“. So etwas Herrliches wie vor seinen Augen will auch Larry erleben! Er bewertet Frauen als Freiwild bei der spontanen Siegesfeier, sodass die nächste Tussie bestimmt auf den notgeilen Burschen und seine Schlabberzunge wartet. Falsch gedacht … Durch seinen sexuellen Angriff weckt Larry einen ungeheuren Verdacht bei den wütenden Zeugen. Der packende Sketch wandert in den ersten Trailer zur Serie. Larry David und sein Team können das Niveau keineswegs halten. Dennoch lohnt ein Blick in „Leben, Larry und das Streben nach Unglück“. Bei allen erwähnten Mängeln sind die Vorzüge dieser Serie kaum zu leugnen.
Meine Wertung: 3,5/5
HBO Max veröffentlicht wöchentlich eine halbstündige Folge von „Leben, Larry und das Streben nach Unglück: Ein nervöser Blick auf die amerikanische Geschichte“ – zuerst am Samstag, den 27. Juni. Die letzte Episode der siebenteiligen Comedyserie erscheint am 8. August.
Seit 2016 hat Stefan Genrich Websites entwickelt und an einer Hochschule unterrichtet. Vor einer siebenjährigen Pause bei fernsehserien.de würdigte er das weihnachtliche TV-Programm im United Kingdom: Sein Herz schlägt für britisches Fernsehen. Daher verfolgt er jeden Cliffhanger von „Doctor Who“. Der Journalist kritisiert nebenberuflich Serien. Ihn ärgern Mängel bei ARD und ZDF – oder er genießt „Tagesthemen“ sowie „Nord bei Nordwest“. Frühe Begegnungen mit „Disco“ und „Raumschiff Enterprise“ haben Spuren hinterlassen. Später scheiterte Stefan beim Versuch, die Frisur von „MacGyver“ zu kopieren. Wegen „Star Trek: Strange New Worlds“ und „1923“ mag er Paramount+.