Gewagter „DSDS“-Neuanfang mit Florian Silbereisen: Es geht wirklich wieder um Musik! – Review

    Castingshow-Dino erfindet sich ohne Bohlen und Beleidigungen neu

    Glenn Riedmeier
    Rezension von Glenn Riedmeier – 22.01.2022, 23:21 Uhr

    Die „DSDS“-Jury 2022: Toby Gad, Ilse DeLange und Florian Silbereisen – Bild: RTL/Stefan Gregorowius
    Die „DSDS“-Jury 2022: Toby Gad, Ilse DeLange und Florian Silbereisen

    RTL meint es ernst. Das ist das Fazit, das man nach der mit Spannung erwarteten ersten Folge des runderneuerten „Deutschland sucht den Superstar“ ziehen kann. Erstmals ohne Jury-Urgestein Dieter Bohlen, von dem sich der Kölner Sender nach 18 Staffeln im nicht wirklich gegenseitigen Einvernehmen getrennt hat, wagt der Castingshow-Dino einen Neuanfang – beziehungsweise besinnt sich tatsächlich darauf zurück, worum es in dieser Sendung eigentlich immer gehen sollte: Musik. Ein nicht ungefährliches Wagnis.

    Das neue „DSDS“ will einen hellen, freundlichen Eindruck vermitteln – das fängt schon bei der Location an. Denn das Casting findet tagsüber mitten auf dem Marktplatz in Wernigerode und Burghausen statt. Genauer gesagt sitzt die neue Jury in einem Glaskasten, in dem nacheinander die Kandidaten vorsprechen und vorsingen, während Angehörige und zufällige Passanten das Geschehen von außen beobachten können. Dies ist anfangs gewöhnungsbedürftig, soll der Sendung aber einen insgesamt nahbaren Touch verleihen.

    Die größte Veränderung stellt natürlich die komplett neu zusammengestellte Jury dar: Deren prominentestes Mitglied ist Schlagerstar und ARD-Showmaster Florian Silbereisen, der zwar nicht offiziell als Jurychef bezeichnet wird, aber eindeutig das Zugpferd der neuen DSDS-Ära darstellt. Darüber hinaus besteht die Jury aus Country-Popsängerin Ilse DeLange, die ihren größten Erfolg zusammen mit ihrer Band The Common Linnets beim „Eurovision Song Contest“ 2014 hatte und dort mit dem Song „Calm After The Storm“ auf dem zweiten Platz landete. Dritter im Bunde ist Toby Gad, dessen Name wohl den meisten Menschen außerhalb der Musikbranche kein Begriff ist – allerdings ist er ein äußerst erfolgreicher Musikproduzent und Songwriter, der unter anderem schon für Hits von Fergie („Big Girls Don’t Cry“), John Legend („All Of Me“) und Beyoncé („If I Were A Boy“) verantwortlich zeichnete.

    Die Jury vor dem Glaskasten RTL/​Stefan Gregorowius

    Gemeinsam hören sie sich alle Kandidaten an und bewerten anschließend deren Leistung. Zu hören gibt es eine musikalische Bandbreite von Balladen über Pop bis hin zu Partyhits, Rap und Schlager. So weit, so bekannt. Entscheidender Unterschied allerdings zur „DSDS“-Zeit unter der Fuchtel von Bohlen: Alle Anwärter – die guten und die schlechten – werden mit Respekt behandelt. Die drei Juroren urteilen fair und kompetent und sind dabei trotzdem unterhaltsam. Für langjährige „DSDS“-Zuschauer und Twitterer sicherlich ein Schock: Ja, man kann auch Negativkritik üben, ohne beleidigend zu sein.

    „Warmherzig, emotional, aber auch ehrlich und mit absolut klarer Kante“, kündigte RTL im Vorfeld an – und hielt Wort. Und wenn dann eben jemand die Töne nicht trifft, übernimmt vor allem Florian Silbereisen die Funktion des Bad Cop und gibt ihr oder ihm zu verstehen: Bitte lass dir von niemandem mehr einreden, dass du singen kannst, Schiefer kann man kaum noch singen oder Ich tue dir keinen Gefallen damit, wenn wir dich noch einmal hier singen lassen. Du blamierst dich, das bringt doch nichts. Wie bitte? Und noch ein Unterschied zu Bohlen: Nur weil eine nicht mit Gesangstalent gesegnete Dame optisch „als Gesamtpaket“ überzeugen kann, wird sie nicht in den Recall geschickt. Das sind Dinge, bei denen einige Zuschauer sich bestimmt fragen: „Ist das noch mein ‚DSDS‘?“

    Bewerber Salji Zivoli beeindruckte die Jury mit einem selbstgeschriebenen Rap.RTL/​Stefan Gregorowius

    Allzu viele schlechte Kandidaten wurden außerdem gar nicht gezeigt, der Fokus lag eindeutig auf den talentierten Bewerbern – und das ist gewagt. Die Sendung holte nämlich zumeist ihre besten Quoten während der frühen Castingphase, in der sich viele Zuschauer über untalentierte Kandidaten beömmelten, die sich selbst vollkommen überschätzt haben. Das Interesse ließ hingegen nach, sobald es in die ernsthaftere Phase ging. Da RTL die Castingfolgen nun allerdings merklich entschärft hat, könnte man dieses Klientel verlieren – aber womöglich andere Zuschauer zurückgewinnen, die man in den vergangenen Jahren mit der damaligen Trash-Ausrichtung vergrault hat und die nun endlich wieder einschalten können, ohne sich Zickereien und Beleidigungen zu Gemüte führen zu müssen.

    Direkt in den ersten Minuten wird die äußerst stimmige Chemie zwischen den drei Jury-Mitgliedern deutlich, die in ihrer gegenseitigen Euphorie gar „The Voice“-Coach-Vibes verbreiten. So wird zwischendurch mal miteinander eine gemeinsame Jam-Session veranstaltet oder Polonaise getanzt, als ein schlageraffiner Bewerber den Hit „Du schaffst das schon“ von Silbereisens Band Klubbb3 performt.

    RTL/​Stefan Gregorowius

    Man muss konstatieren: Vorbei sind – Gott sei Dank – die Zeiten, in denen schlechte Sänger zur Belustigung des Pöbel-Zuschauers von Dieter Bohlen verbal aufs Übelste beleidigt und von der Postproduktion zusätzlich mit entwürdigenden Sound- und Bildeffekten versehen wurden. Besser spät als nie. Geblieben sind die Vorstellungsfilme der einzelnen Kandidaten, in denen aber nicht mehr allzu sehr mit einer Schicksalsstory auf die Tränendrüse gedrückt wird, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Leider immer noch vorhanden sind die dramatisierenden Sounds und einfrierenden Bilder mit Großaufnahmen von Gesichtern, bevor das Urteil der Jury verkündet wird. Interessant allerdings: Der Inlands-Recall findet nun direkt am Ende einer Castingfolge statt und wird innerhalb weniger Minuten abgefrühstückt, so dass jede Ausgabe mit einer Entscheidung endet.

    Das sind jedoch Kleinigkeiten dieses insgesamt soliden „DSDS“-Relaunches, mit dem RTL so konsequent wie kaum zuvor sein neues Kredo befolgt, das Programm insgesamt familienfreundlicher und verantwortungsvoller auszurichten. Ein Neuanfang für „DSDS“ war auch wirklich bitter nötig. Insbesondere nach den zwei verkorksten Jahren, in denen sich RTL gleich zwei Mal in Folge gezwungen sah, sich noch während der laufenden Staffel von einem Juror zu trennen, der zwischenzeitlich unter die Verschwörungsmystiker gegangen war.

    Um die Neugier anzukurbeln, hielt der Sender die „DSDS“-Staffelpremiere übrigens, anders als zuvor angekündigt, zurück und stellte sie weder der Presse noch den RTL+-Abonnenten vorab zur Verfügung. Zu Beginn dürften die Quoten allein deshalb mindestens solide ausfallen, doch die alles entscheidende Frage lautet: Wird das neue „DSDS“ auch dauerhaft vom Publikum angenommen oder kommt die späte Wandlung des Formats in seiner 19. Staffel schlichtweg zu spät?

    Insgesamt zehn Castingfolgen umfasst die 19. Staffel, die samstags sowie am 25. Januar und 1. Februar zusätzlich dienstags gezeigt werden. Daran schließen sich vier Auslands-Recall-Folgen mit den Top 25 und danach vier Live-Shows an.

    Über den Autor

    Glenn Riedmeier ist Jahrgang ’85 und gehört zu der Generation, die in ihrer Kindheit am Wochenende früh aufgestanden ist, um stundenlang die Cartoonblöcke der Privatsender zu gucken. „Bim Bam Bino“, „Vampy“ und der „Li-La-Launebär“ waren ständige Begleiter zwischen den „Schlümpfen“, „Familie Feuerstein“ und „Bugs Bunny“. Die Leidenschaft für animierte Serien ist bis heute erhalten geblieben, zusätzlich begeistert er sich für Gameshows wie z.B. „Ruck Zuck“ oder „Kaum zu glauben!“. Auch für Realityshows wie den Klassiker „Big Brother“ hat er eine Ader, doch am meisten schlägt sein Herz für Comedyformate wie „Die Harald Schmidt Show“ und „PussyTerror TV“, hält diesbezüglich aber auch die Augen in Österreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten offen. Im Serienbereich begeistern ihn Sitcomklassiker wie „Eine schrecklich nette Familie“ und „Roseanne“, aber auch schräge Mysteryserien wie „Twin Peaks“ und „Orphan Black“. Seit Anfang 2013 ist er bei fernsehserien.de vorrangig für den nationalen Bereich zuständig und schreibt News und TV-Kritiken, führt Interviews und veröffentlicht Specials.

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Roseanne, Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1961) am

      NEVER EVER !! das ist echt vergeudete Zeit ... da ist ja die werbung spannender :-(((
      • (geb. 1999) am

        Ganz ehrlich, ich gehörte und gehöre eigentlich immer noch zu denen, die an den Castings den meisten Spaß hatten auf Kosten derer, die sich dort zum Deppen gemacht haben. Allerdings möchte ich hinzufügen, dass jeder Einzelne von ihnen freiwillig dort vorgesungen hat und somit selbst Schuld ist. Wer bei RTL vorstellig wird, sollte damit rechnen, durch den Kakao gezogen zu werden. Das gilt ja längst nicht nur für DSDS. 
        Schon die letzten Staffeln waren extrem entschärft und hatten längst nicht mehr den Charme der ersten paar Staffeln, wo Dieter noch in Hochform war. Dieses Hochloben von „Shada“ aus der letzten Staffel war einfach nur noch peinlich. Damit macht man einen Menschen wirklich kaputt. 
        Meine Geschwister und ich waren extreme DSDS-Fans von Mark Medlock bis Luca Hänni, vor allem von den Mottoshows am Samstagabend, dann wurde es deutlich weniger. Jahre später habe ich beim Durchhören einzelner Siegersongs festgestellt: Die Sendung hat nie einen richtigen Superstar hervorgebracht und sie hatte in so vielen Staffeln auch nur zwei echte, in beiden Fällen verpasste Chancen: Franziska Urio und Sarah Engels. Und das war’s. In den letzten Jahren habe ich mir immer mal wieder sporadisch ne Casting-Folge angesehen, danach interessierte das Format nicht mehr. Warum? Weil selbst die jeweiligen Finalisten oft unter dem Niveau derer waren, die es bei The Voice nur auf einen Buzzer gebracht haben. Säße ich da auf dem Casting-Stuhl, man könnte nach den Castings direkt das Finale senden. Die einzige wirklich gute Stimme, die ich in der letzten Staffel vernommen habe, flog im Recall kommentarlos raus, die blinde Anastasia. Aber es ist ja seit jeher Markenzeichen der Sendung, dass die gutaussehenden kleinen Bubis von Teenie-Fanmädels trotz dünner Stimme weiter und weiter gewählt werden, während die wirklich guten Stimmen rausfliegen. 
        Mit Florian Silbereisen tut man sich auch keinen Gefallen (RTL wollte das Format verjüngen und nimmt ihn - kannste dir nicht ausdenken). Ich mag ihn nicht. Ich mag auch Dieter nicht, aber Dieter versucht auch nicht, sympathisch zu sein, sondern ist meistens offen, ehrlich und knallhart direkt gewesen, einfach authentisch. Wenn Florian Silbereisen schon im Trailer zu jemandem sagen darf, er/sie sei komplett talentfrei, dann ist das ein besserer, leider unfreiwilliger Witz als alle Jokes, die Dieter je gerissen hat. 
        Die Zeit von Castingshows ist in Deutschland einfach vorbei und das Format wird diese Staffel auch nicht überleben, da kann RTL sich auf den Kopf stellen. The Voice wird über kurz oder lang auch irgendwann keine Zugkraft mehr haben, da ist ebenfalls spätestens nach den Battles die Luft raus. Wenn man seine Formate neu aufstellen will, soll man das machen, dann aber bitte unter neuem Namen. Denn dieses krampfhafte Familiengefühl, auf das man neuerdings bei RTL steht, nimmt keiner dem Sender ab. Es ist erzwungen und kommt viel zu spät. Der Ruf ist eh schon im Eimer. Und ewig wird man das nicht durchziehen können. Am Ende stehen die Zuschauer einfach darauf, sich daran aufzugeilen, wie andere auf die Fr***e fliegen, bzw. verbal was auf selbige zu bekommen. Und sie stehen nicht auf langweiliges „Du bist mega talentiert, ab in die nächste Runde“ am Fließband.

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