In amerikanischen und britischen Krimis arbeiten unabhängige Berater für die Polizei. Oft untersuchen diese Hobby-Ermittler viele Morde bereits in kreativen Berufen: So wandelt „Castle“ von seinen Romanen zu den echten Schicksalen und wieder zurück. Diesmal nutzt Schauspieler John Chapel (Timothy Spall) sein Talent, das er als Schnüffler im Fernsehen mit „Caesar“ verfeinert hat. Seine Serie läuft noch in ständigen Wiederholungen, während der Star in den Ruhestand gewechselt ist. Die gemütlichen Geschichten haben Detective Sergeant Janie Mallowan (Gwyneth Keyworth) in einer Lebenskrise getröstet. Nach wie vor himmelt sie ihren Helden an, dem sie nahe dem Fundort einer Leiche begegnet.
Janie hofft, ihre Karriere durch Beobachtungsgabe der geliebten Figur anzuschieben – obwohl sie eher auf Beweise als auf Einfühlungsvermögen setzt. Gleichwohl schreibt Detective Chief Inspector Barry Clarke (Steffan Rhodri) den Pseudo-Kollegen als Wichtigtuer ab. Daher spannt DS Janie Mallowan heimlich John Chapel alias „Caesar“ in ihren Fall ein. Zündet diese erste Staffel von „Death Valley“ mit Landschaften, Rätseln, Situationskomik und Wortwitz? Für 30 Tage kann die TV-Gemeinde ihr Urteil ab dem 22. September in der ARD Mediathek fällen. An diesem Datum strahlt zudem One alle sechs 45-minütigen Folgen aus.
Beim ausgelassenen Krimi-Dinner kann Dennis Williams (Karl Johnson) kaum mit Helena Hart (Patricia Hodge) mithalten. WDR / BBC Studios
Echte Polizistin schwärmt für „Caesar“ aus Fernsehserie
Nach ihrem Yoga-Termin erscheint Luxus-Weibchen Danielle Rees (Amy Griffiths) zu Hause, wo sie auf den Postboten trifft. Plötzlich fällt ein Schuss. Leicht verblichene Farben markieren einen anderen Schauplatz, an dem Inspector „Caesar“ herumtrompetet: Sie wissen, es ist nicht meine Art, Menschen mit Mord davonkommen zu lassen.
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Auf einem Großbildschirm ist ein Trailer zur beliebten Serie zu bewundern, während Danielle ins Büro stürmt. Absurderweise bittet der Briefträger um eine Unterschrift für die Lieferung. Draußen muss DCI Barry Clarke am Handy anhören, dass dieser Vater eines Teenagers alles stehen und liegen lassen soll – daheim ist nämlich das Internet ausgefallen.
Rechtsmedizinerin Helen Baxter (Alexandria Riley) motzt über die blutige Schweinerei zu ihren Füßen. DS Janie Mallowan bemerkt eine Gestalt am Fenster des Nachbarhauses. Als der alte Bursche seine Eingangstür öffnet, rastet Janie beim Anblick ihres Idols aus und dringt in die Räume ein. Während sie herumstöbert, springen seltsame Dialoge hin und her:
Sie sind vermutlich hier wegen des Mords an Carwyn Rees? Mord? Nein – war wohl eher Suizid. Nein, oh nein, es war eindeutig Mord, ganz zweifellos. Wow – ich setz’ Teewasser auf. Ich wusste gar nicht, dass Kekse da sind. Was? Sie trinken keinen Tee? Das ist doch Caesars Ding!
Im weiteren Gespräch erklärt John Chapel, dass der Baulöwe Carwyn Rees (Kristian Arthur) gerne Glückwunschkarten für den Sohn der Zugehfrau gebastelt habe: Daher ist klar, dass es kein Selbstmord war. Situationskomik und Wortwitz funktionieren auch in der hiesigen Fassung – etwa wenn Danielle Rees haucht: Ich sollte nicht weinen – frisch gezupfte Augenlider.
Die Partnerschaft mit DS Janie Mallown (Gwyneth Keyworth) hat John Chapel (Timothy Spall) aus dem traurigen Ruhestand befreit. WDR / BBC Studios
Inspiration und Perspiration treffen zusammen
Extremer Humor aus dem Vereinigten Königreich scheitert mitunter bei der deutschen Mehrheit. Indes begeistern sogenannte Cozy Mysteries wie „Agatha Christie: Marple“ und „Death in Paradise“ aufgeschlossene Zuschauerinnen und Zuschauer. ZDFneo bringt „Inspector Barnaby“ in Dauerschleifen. Bei „Death Valley“ schmeckt der Witz schärfer und wird in höherer Dosis verabreicht:
Ich bin die Inspiration – Sie die Perspiration. Haben Sie mich Schweiß genannt? Das war ein Kompliment. Das heißt, dass Sie hart arbeiten. Na toll, ich schwitze, und ich bin doof. Sie sind ein nerviger Sack, John Chapel.
Ängste und Depressionen stecken inmitten vom Spott
Timothy Spalls Knautschgesicht beeindruckte schon in „Harry Potter und der Feuerkelch“ sowie den nächsten Teilen der zauberhaften Saga: Niemand kann vergessen, wie Wurmschwanz um Gnade winselte oder hemmungslos betrog. Nun spiegelt der Ausdruck sowohl frische Lebenslust als auch früheren Schmerz. Ohnehin bietet „Death Valley“ genügend Platz für Tragik neben der Komik. Ängste und Depressionen stecken inmitten vom Spott, wodurch starke Effekte zu erzielen sind.
Bei solchen Darstellungen mag Gwyneth Keyworth die Erfahrung fehlen, während Timothy Spall keine Sparte zwischen „Wölfe“ und „Oliver Twist“ ausgelassen hat. Die Schauspielerin sieht recht jung aus, obwohl sie stramm auf ihren 40. Geburtstag zumarschiert. Dennoch zeigt sie überzeugend Janies unterdrückte Wut und heftigen Ehrgeiz. Manchmal scheitert die Darstellerin, wenn sie Marotten der Polizistin vermittelt – mit dieser Kritik jammert man jedoch auf hohem Niveau.
DS Janie Mallown (Gwyneth Keyworth) will ihren Chef DCI Barry Clarke (Steffan Rhodri) überlisten. WDR / BBC Studios
Janie schwankt zwischen nerviger Mutter und mörderischem Klassentreffen
In der zweiten Episode erinnert Janies Mutter Yvonne (Melanie Walters) lustig an familiäre Konflikte. Sie gehört zu einer Wandergruppe, aus der ein Mitglied vermutlich durch einen tiefen Sturz gestorben ist. Mutter und Tochter lästern über die Outdoor-Fans auf Walisisch. Das dynamische Duo begreift, dass John diese Sprache versteht. Untertitel erschließen das herrliche Gequatsche für unsere Bildschirme. Ähnlich wie Melanie Walters setzen sämtliche Darsteller wertvolle Akzente bis in die Nebenrollen.
Anne Treadway (Vicki Pepperdine) führt ihr Team streng durch das wunderbare Gelände von Wales. Bronwen Richards (Mali Harries) behütet ihren 19-jährigen Sohn Steffan (Dylan Malyn): Niemanden dürfte sein Faible für ältere Frauen überraschen, wenn er doch bis zum Alter von 6 Jahren gestillt wurde. Detective Constable Evan Chaudhry (Rithvik Andugula) festigt seine Position als amüsanter Wasserträger von Kollegin Janie. Sie faltet wiederum ihren Verwandten Aeron (Rhodri Meilir) zusammen, als der Rechtsanwalt seinen Mandanten umsorgt: Tu nicht so neunmalklug, Aeron – du hast früher Stifte gegessen. Helen Baxter begründet einen Running Gag, als sie erneut einen Mord telefonisch bestätigt.
In der dritten Folge scheitert ein Einbruch, und ein Trauzeuge wird ins Jenseits befördert. John grübelt über Kunst und seine verstorbene Frau. In „Sein oder Nichtsein“ spionieren Janie und John in einer Theatergruppe, weil die ehrenamtliche Regisseurin Menna Hughes (Pina Harrington) dahingeschieden ist. „Ein Dinner mit dem Tod“ stürzt John in seine bewegte Vergangenheit, in der Helena Hart (Patricia Hodge) sein Herz entflammte. Was für ein Pech, dass ihr Bruder Anthony Hart (Ainslie Fitzpatrick) erstochen worden ist!
Als Janie schließlich „Das Klassentreffen“ besucht, enttarnt DCI Barry Clarke endlich John Chapels verbotene Hilfe. In der Schule gibt Mechaniker Dean Ward (Craig Gallivan) den Löffel ab. Gleichzeitig hat DC Evan Chaudhry menschliche Überreste aus einem Abwasserkanal befreit. Diese Entdeckung belastet Janie mit bösen Erinnerungen, die in die zweite Staffel überleiten. Gleichwohl weiß niemand beim verantwortlichen WDR, ob diese Fortsetzung jemals auf deutschen Bildschirmen landen wird – denn der Betrieb von One endet an Silvester.
John Chapel (Timothy Spall) entlockt dem Polizisten DC Evan Chaudhry (Rithvik Andugula, l.) aufschlussreiche Informationen. WDR / BBC Studios
Rettet „neo von ARD und ZDF“ zweite Staffel?
Trotz der Vorzüge von „Death Valley“ könnte das TV-Publikum ausreichende Hochspannung vermissen. „Death in Paradise“ und der Ableger „Beyond Paradise“ sägen nur wenig an den Nerven, um mit verzwickten Rätseln zu unterhalten. Erst Situationskomik und Wortwitz ermöglichen den Erfolg solcher Cozy Mysteries. Die Verbrechen regen durchaus den Geist an, aber treiben den Blutdruck selten nach oben.
Dessen ungeachtet lieben die Briten dieses Genre. Deutsche genießen diese Eigenheiten mehr und mehr. Experimente wie „Back Up – Auf Streife mit der Ex“ belegen sogar den ZDF-Stammplatz für Krimis am Sonntagabend. Eventuell könnten solche Überlegungen den künftigen Sender „neo von ARD und ZDF“ dazu bewegen, die 2. Staffel von „Death Valley“ zu präsentieren. Hoffentlich entfällt dann der doofe Untertitel Aus Primetime wird Crimetime.
Meine Wertung: 4/5
„Death Valley“ steht für 30 Tage in der ARD Mediathek bereit – ab Dienstag, dem 22. September. An diesem Abend zeigt One alle sechs Folgen ab 20:15 Uhr.
Seit 2016 hat Stefan Genrich Websites entwickelt und an einer Hochschule unterrichtet. Vor einer siebenjährigen Pause bei fernsehserien.de würdigte er das weihnachtliche TV-Programm im United Kingdom: Sein Herz schlägt für britisches Fernsehen. Daher verfolgt er jeden Cliffhanger von „Doctor Who“. Der Journalist kritisiert nebenberuflich Serien. Ihn ärgern Mängel bei ARD und ZDF – oder er genießt „Tagesthemen“ sowie „Nord bei Nordwest“. Frühe Begegnungen mit „Disco“ und „Raumschiff Enterprise“ haben Spuren hinterlassen. Später scheiterte Stefan beim Versuch, die Frisur von „MacGyver“ zu kopieren. Wegen „Star Trek: Strange New Worlds“ und „1923“ mag er Paramount+.