Die Hauptfiguren in der HBO-Dramedy sind zwar schon Mitte 20, aber noch längst nicht „richtig“ erwachsen. Damit verkörpern sie das Lebensgefühl einer Generation, die trotz Hochschulabschlüssen keine adäquaten Jobs findet und oft auch einfach immer noch nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. „Du kannst überhaupt nichts, aber du hast soviel Potential“, sagt am Anfang einmal ein übergriffiger Chef zu Hannah (Lena Dunham). Während sie versucht, ihren Durchbruch als Schriftstellerin zu schaffen, probiert sie sich in diversen Jobs, hängt aber am liebsten einfach mit ihren drei besten Freundinnen ab. Außerdem entwickelt sich eine On/Off-Beziehung mit dem seltsamen Adam (Adam Driver). Mit den sechs Staffeln der von ihr entwickelten, produzierten und weitgehend geschriebenen Serie wurde Dunham zu einer Stimme ihrer Generation. Die ebenso ehrliche wie schräge Schilderung des Brooklyner Großstadtlebens und die recht expliziten Sexszenen machten „Girls“ auch zu einer Art Anti–„Sex and the City“.
Die aktuell wohl heißeste Coming-of-Age-Serie ist auch die härteste. Basierend auf einem israelischen Original entwickelte Sam Levinson die Geschichte der anfangs 17-jährigen Rue (Zendaya) und ihrer Mitschülerinnen. Zu Beginn wird sie nach einer Überdosis aus der Entzugsklinik entlassen, hat aber keineswegs vor, abstinent zu bleiben. Sie freundet sich mit der neuen Schülerin Jules, einem trans Mädchen, an und erforscht ihre eigene Sexualität. Nie zuvor hat eine High-School-Serie Sex, Drogenkonsum und Gewalt so offen und ungeschönt abgebildet. Von BDSM-Praktiken, Missbrauch und Abstürzen zu Partys, Freundschaft und Selbstermächtigung ist die Serie immer ganz nah an der Lebenswirklichkeit ihrer meist weiblichen Figuren. Inszeniert und gefilmt ist das oft wie ein Independent-, manchmal sogar wie ein Experimentalfilm. Dem Erfolg stand das nicht im Wege, Hauptdarstellerin Zendaya wurde zu Recht mit zwei Emmys ausgezeichnet und nach langer Pause startet nun endlich die dritte Staffel, die einige Zeit nach dem Schulabschluss einsetzt.
Gerade zu Ende gegangen ist diese kolumbianische Netflix-Produktion. „Das erste Mal“ ist die Übersetzung des Titels und tatsächlich geht es im Laufe der vier Staffeln um viele erste Male. Auslöser der Geschichte ist, dass in den 1970er Jahren das erste Mädchen an eine Jungenschule in Bogota kommt. Diese ebenso attraktive wie intelligente und geheimnisvolle Eva (Francisca Estevez) verdreht der gesamten Clique um den unsicheren Camilio (Emmanuel Restrepo) den Kopf, stellt aber auch deren Leben auf denselben, indem sie den konservativ erzogenen Jungs Feminismus, Literatur und generell selbständiges Denken abseits von Religion und Tradition beibringt. Während sich gleichzeitig Camillos Mutter von seinem Vater emanzipiert, öffnet sich die Handlung in immer neue Richtungen und zu neuen Figuren, die alle ihre eigene Emanzipation erleben. Eng verknüpft mit der Entwicklung der kolumbianischen Geschichte der 70er und 80er Jahre ist die Dramedy eine ebenso witzige wie warmherzige Erkundung des Erwachsenwerdens mit einer der schillerndsten weiblichen Heldinnen der vergangenen Jahre.
Manche Serien schaffen es, mit nur 18 Episoden zum Klassiker zu werden. So wie diese NBC-Dramedy über zwei Gruppen von Außenseitern an einer typischen Kleinstadt-High-School in den frühen 1980ern. Die 16-jährige Klassenbeste Lindsay (Linda Cardellini) hat genug von ihrem Streberimage und schließt sich den coolen Rebellen und Schulschwänzern, den sogenannten Freaks, an. Das gefällt ihren Eltern, vor allem dem strengen Vater, überhaupt nicht. Gleichzeitig versucht ihr jüngerer Bruder Sam, der mit seinen beiden schrägen Freunden Rollenspiele und Star Wars liebt (die Geeks), mehr Anerkennung in seiner Klasse zu bekommen, vor allem von seinem Schwarm Cindy. Paul Feig („Brautalarm“) schuf eine genau beobachtete Serie über die Rollenzuweisungen, Zwänge und Demütigungen, die jene Mehrheit der SchülerInnen erleben, die nicht zu den Schönen, Sportlichen und Beliebten zählen. Produziert vom späteren Blockbusterproduzenten Judd Apatow brachte die kurzlebige Serie eine erstaunliche Zahl von heutigen Stars in Kino (James Franco, Seth Rogen) und TV (Cardellini, Jason Segel) hervor.
Es gab Schulserien – und dann gab es „Skins“. Im UK sorgte die Serie des Jugendsenders E4 für Furore, weil sie Sex, Drogen und Partys in der Oberstufe offener zeigte, als man es vorher gewohnt war. Außerdem waren die Hauptdarsteller tatsächlich Teenager, Co-Serienschöpfer und Autor Jamie Brittain Anfang 20. Hinter der grellen Oberfläche offenbart sich schnell eine ebenso witzig-respektlose wie tiefgründige Auseinandersetzung mit dieser entscheidenden Lebensphase rund um eine Clique in Bristol. Dabei werden Themen wie Essstörungen, dysfunktionale Eltern und Tod einfühlsam thematisiert. Nach zwei Staffeln machen die Hauptfiguren ihren Abschluss, es folgen zweimal zwei Staffeln mit ganz neuen Ensembles, bevor die siebte Staffel noch einmal in drei Doppelfolgen zu beliebten Figuren zurückkehrt. Auch wenn die späteren Staffeln nicht das hohe Niveau der ersten beiden erreichen, gelingen ihnen doch immer wieder ungewöhnlich berührende Momente. Nicholas Hoult kann man hier (fast) am Beginn seiner Karriere erleben, ebenso wie Kaya Scodelario, Dev Patel und Joe Dempsie. Eine US-Adaption bei MTV wurde hingegen schon nach einer Staffel – unter anderem wegen Protesten von Elternverbänden – wieder abgesetzt.
Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.