Alles Gute, Jürgen von der Lippe! – Eine Hawaiihemd-bunte Karriere im Rückblick

    Der Entertainer der lauten und leisen Töne wird 70

    Glenn Riedmeier – 08.06.2018, 09:45 Uhr

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    Ein großer Entertainer feiert heute einen runden Geburtstag: Altmeister Jürgen von der Lippe wird am heutigen 8. Juni 70 Jahre alt. Morgen Abend strahlt das Erste ab 20:15 Uhr die große Jubiläumsshow „Mensch Jürgen! von der Lippe wird 70“ aus – fernsehserien.de gratuliert bereits heute mit einem ausführlichen Rückblick auf die facettenreiche Karriere des Ausnahme-Entertainers, der mit Shows wie „So isses“, „Donnerlippchen“ und „Geld oder Liebe“ riesige Quotenerfolge feiern konnte – und mit Formaten wie „Wat is?“ und „Was liest du?“ bewies, dass er auch die leisen Töne beherrscht.

    Anfänge
    Jürgen von der Lippe, der eigentlich Hans-Jürgen Hubert Dohrenkamp heißt, wurde am 8. Juni 1948 in Bad Salzuflen geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Aachen, wo er als Messdiener tätig war und 1966 das Abitur ablegte. Sein Vater war Barkeeper in „Aachens bester Striptease-Bar“, seine Mutter arbeitete als Köchin. 1970 studierte er zunächst in Aachen und ab 1972 in Berlin Germanistik, Philosophie und Linguistik auf Lehramt. Das Studium brach er jedoch ab, da seine Fächerkombination in Berlin nicht zulässig war.

    Jürgen von der Lippe bei den Gebrüdern BlattschussYouTube/Screenshot

    1976 gründete er zusammen mit Hans Werner Olm und weiteren Mitgliedern die legendäre Formation Gebrüder Blattschuss, deren Hit „Kreuzberger Nächte“ es 1978 auf Platz 2 der deutschen Charts schaffte. 1977 begann Jürgen von der Lippe parallel für den WDR-Hörfunk zu arbeiten, 1979 stieg er bei den Gebrüdern Blattschuss aus.

    WWF Club
    Jürgen von der Lippe, Marijke Amado und Frank Laufenberg im „WWF Club“Einsfestival/Screenshot

    Jürgen von der Lippes Fernsehkarriere begann 1980 als Hausmeister im legendären „WWF Club“. Die wöchentliche Show des „Westdeutschen Werbefernsehens“ kam aus einem ehemaligen Fabrikgebäude in Köln und war immer freitags im regionalen Vorabendprogramm der ARD zu sehen. Neben Jürgen von der Lippe wurde die Sendung von der späteren „Mini Playback Show“-Moderatorin Marijke Amado und SWF-Radiolegende Frank Laufenberg präsentiert. Es handelte sich um eine bunte Variety-Show mit prominenten Gästen, Talksegmenten, Spielen und vor allem Musikauftritten nationaler und internationaler Stars, darunter Falco, Bonnie Tyler, Udo Jürgens, Nena und Boney M. Mit von der Partie war auch Pantomime Mehmet Fıstık, Professor Pi-Quadrat (Alexander von Cube) sowie der Roboter Bruno, der zu allem seinen Senf abgab. Der „WWF Club“ genießt vor allem dank des hohen Improvisationsanteils und des gegenseitigen Triezens der drei Moderatoren Kultstatus und erhielt den Spitznamen „Warme Würstchen Fanclub“. Jürgen von der Lippe wirkte bis 1984 in insgesamt 158 Folgen mit. Sein Nachfolger wurde Jürgen Triebel, der bis zum Ende der Show im Jahr 1990 an Bord blieb.

    Randnotiz: Zwischen 1983 und 1984 präsentierte Jürgen von der Lippe insgesamt drei Mal die ARD-Sendung „Showstart“. In einer Stadthalle von Hilden bot der Moderator eine Plattform für Nachwuchs-Künstler und präsentierte junge Sängerinnen und Sänger, Musikgruppen, Kabarettisten, Artisten, Tänzer und Pantomimen.

    So isses
    WDR

    Von 1984 bis 1989 präsentierte Jürgen von der Lippe die 90-minütige Personalityshow „So isses“ im WDR. Das Format war eine regelrechte Spielwiese, die dem Moderator große Freiheiten ließ. Geboten wurden Klamauk, Comedy, Musik, Einspielfilme, Zuschauerspiele und Talkgäste. Von besonderem Interesse waren Menschen mit kuriosen Alltagserfahrungen und ungewöhnlichen Lebensgeschichten. Kurz gesagt: Wer etwas Spannendes zu erzählen oder eine skurrile Erfindung vorzuführen hatte, fand sich schnell auf dem Show-Sofa wieder. Kabarettist Gerd Dudenhöffer verkörperte von der Lippes Dauer-Partner bzw. -Gegner, und auch Kameramann Günter „Günni“ Müller wurde regelmäßig in die Sendung einbezogen. Ausgestrahlt wurde das Format einmal im Monat am Sonntagabend um 22:00 Uhr zunächst im WDR, später übernahmen auch alle weiteren Dritten (mit Ausnahme des BR) die Sendung. „So isses“ erreichte die höchste Einschaltquote, die es je in einem Dritten Programm gab. Insgesamt 56 Folgen wurden produziert.

    In Erinnerung geblieben ist der Auftritt des Hobby-Zahnarzts Kaschinski, der anstelle von professionellen Bohrern mit einer handelsüblichen Bohrmaschine hantierte:


    Donnerlippchen

    WDR/Screenshot

    Parallel zu „So isses“ präsentierte Jürgen von der Lippe von 1986 bis 1988 „Donnerlippchen“ im Ersten. Die Show trug den Untertitel „Spiele ohne Gewähr“ und zeichnete sich durch besonders für deutsche Verhältnisse in der damaligen Zeit ungewohnt derbe Inhalte, schnelles Tempo und einen hohen Anteil an Schadenfreude aus. Die Kandidaten wurden nur scheinbar zufällig aus dem Publikum ausgewählt und zur Vorbereitung auf das Spiel hinter die Bühne gebracht. Sobald sie außer Hörweite waren, sprach Jürgen von der Lippe den Satz, der zum Markenzeichen der Show wurde: „Was XY nicht weiß … “. So gab es in den Spielen ein wichtiges Detail, über das die ahnungslosen Kandidaten nicht informiert wurden. Beispielsweise trafen sie unverhofft auf einen Menschen aus ihrem näheren Umfeld, dem sie Schaden zufügen mussten. In einer Folge sollten Kandidatinnen in Fässern mit wassergefüllten Luftballons mit den Füßen „Wein keltern“. Erst kurz vor Spielbeginn erfuhren sie, dass unter den Fässern ihre Chefs liegen und die farbige Flüssigkeit abbekommen. Es gab keinen richtigen roten Faden im Ablauf der Sendung. Die einzige regelmäßige Rubrik war der Prominente im Sack: Über die Sendung verteilt wurden mehrere kurze Filme gezeigt, in denen ein Prominenter in einem Sack mit verfremdeter Stimme Hinweise zu seiner Person gab. Das Publikum musste tippen, wer im Sack steckt. Am Ende der Show wurde der Sack ins Studio gekarrt, der Promi stieg heraus, und ein Zuschauer gewann einen Preis.

    Jürgen von der Lippe mit einer Kandidatin, die Stewardess werden wollteWDR/Screenshot

    Zum Ensemble der wilden, nicht unumstrittenen Nonsensshow zählten „der Vollstrecker“, ein schauderlicher, dürrer alter Herr, gespielt von Andreas Kovac-Zemen, sowie der bullige, halbnackte Glatzkopf Dr. Klinker-Emden (Frank Schmidt). Trotz überwiegend negativer Kritiken, die das mangelnde Niveau beklagten, wurde die Show, die die Normen der gepflegten deutschen Familienunterhaltung sprengte, ein Riesenerfolg. Bis zu 15 Millionen Zuschauer waren dabei und bescherten Jürgen von der Lippe Sensationsmarktanteile von 48 Prozent. 15 Ausgaben wurden auf dem regulären Sendeplatz am Dienstagabend um 20:15 Uhr im Wechsel mit anderen Showformaten ausgestrahlt.

    Legendärer Ausschnitt: Ein fauler Ehemann wird von seiner Frau in die Sendung geschleust und soll in der Sendung endlich mal den Haushalt schmeißen – während sie sich vor Lachen biegt:


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