Wayward Pines – Review

    Mysteryserie mit Matt Dillon ab Donnerstag beim Fox Channel – von Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 11.05.2015, 13:00 Uhr

    Traue niemandem: Ethan Burke (Matt Dillon, l.), verloren in den Wäldern von Wayward Pines Bild:

    Die besten Zeiten von M. Night Shyamalan liegen schon länger zurück – sowohl, was den kommerziellen Erfolg seiner Kinofilme angeht, als auch das Wohlwollen, dass Kritiker diesen entgegenbringen. „Avatar – The Last Airbender“ und „After Earth“ sind dann eben doch nicht „The Sixth Sense“. Jetzt ist der Mystery-Horror-Spezialist unter die Fernsehregisseure und -produzenten gegangen und hat für den Kabelsender FX die Auftaktfolge der Miniserie „Wayward Pines“ nach den Romanen von Blake Crouch inszeniert.

    Deren Thema scheint wie geschaffen für den Stil Shyamalans: Matt Dillon spielt den Secret-Service-Agenten Ethan Burke, der auf der Suche nach zwei verschollenen Kollegen in das titelgebende verschlafene Kleinstadtnest im Bundesstaat Idaho kommt. Das dort nicht alles – oder besser gesagt: so gut wie nichts – mit rechten Dingen zugeht, merkt er recht schnell. Nach einem Autounfall erwacht er zunächst in einem Krankenhaus, in dem er der einzige Patient zu sein scheint, obwohl der zuständige Arzt (Toby Jones, der Hitchcock aus HBOs TV-Film „The Girl“) nie für ihn Zeit hat. Stattdessen bevormundet ihn eine schräge und leicht sadistische Krankenschwester (Melissa Leo), die ihm auch verweigert, seine Ehefrau anzurufen. Nachdem er aus der Klinik entkommen ist, findet er in einem Haus eine schon verwesende Leiche, die kurz darauf, als er sie dem Sheriff zeigen will, spurlos verschwunden ist. Es scheint auch fast unmöglich zu sein, Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. Burkes wiederholte Versuche, seine Kollegen im Seattler Hauptquartier des Secret Service telefonisch zu erreichen, enden jedes Mal damit, dass er von einer ihm unbekannten Telefonistin/Empfangsdame abgewimmelt wird. Und auch medial ist die Stadt komplett abgeschnitten: Die einzige bekannte Tageszeitung ist ein Lokalblatt, das laut Aussage des Hotel-Portiers aber schon seit Wochen nicht mehr geliefert wurde – wahrscheinlich habe es einfach keine Neuigkeiten gegeben, so dessen lapidare Erklärung.

    Erschwerend zu Burkes Verdachtsmomenten hinzu kommt, dass er eine der beiden Vermissten, seine Kollegin und frühere Liebhaberin Kate Hewson (Carla Gugino) schon bald findet – die nennt sich aber Ballinger, lebt mit Ehemann in einem schmucken Häuschen und hat Burke angeblich noch nie gesehen. Kurz darauf gibt sie sich – inzwischen unter vier Augen – dem Agenten doch zu erkennen und warnt ihn, dass man in der Stadt nicht offen sprechen dürfe, man werde ständig überwacht. Während alle anderen Einwohner so agieren, als sei alles ganz normal, wird die Barkellnerin Beverly (Juliette Lewis) Burkes einzige Vertraute. Nicht nur, dass sie ausgesprochen nett und verständnisvoll auf die Schilderung seiner Erlebnisse reagiert, bald wird klar, dass auch sie lieber heute als morgen der Gemeinde den Rücken kehren würde – was aber alles andere als einfach ist.

    Spätestens am Ende der Auftaktfolge wird schon einigermaßen klar, worauf diese Geschichte hinausläuft (wenn nicht die Autoren um Chad Hodge am Ende doch noch den großen „Du bist schon längst tot und kannst deshalb nur mit mir sprechen“-Moment einbauen, was wiederum zum Regisseur passen würde). Wahnvorstellungen scheint Burke jedenfalls nicht zu haben, er scheint tatsächlich auf einer seltsamen Insel gefangen zu sein. Wobei man dabei weniger an eine der Glückseligen als an die aus „Lost“ denken sollte.

    Die Auslöserin des Ganzen: Burkes Ex-Kollegin und -Geliebte Kate Hewson (Carla Gugino) Bild:

    Originell wirkt das Ganze wenig, wenn man erst einmal verstanden hat, wohin der (falsche) Hase läuft. Offensichtlich sind etwa die Parallelen zu „Nummer 6“, dem ganz großen Klassiker der Mysteryserien. Auch dort war es ja ein Agent eines staatlichen Geheimdienstes, der von unbekannten Mächten in einer abgelegenen Kleinstadt festgehalten wurde, in der alle Einwohner außer ihm mit ihrer isolierten Lage ganz zufrieden schienen. Eine andere Referenz sind die mehrfach verfilmten „Frauen von Stepford“, auch das eine scheinbare Suburb-Idylle mit immer gut gelaunten, gefälligen Frauen, die sich schließlich als absurde Scheinwelt entpuppte. Gelungen ist den „Wayward Pines“-Machern auf jeden Fall die optische Darstellung ihres Fake-Paradieses, das mit all den typischen Insignien einer durchschnittlichen US-Kleinstadt schon zu schön wirkt, um wahr zu sein. Im netten Vorspann wird auf diese Künstlichkeit Bezug genommen, indem die Stadt darin gleich gezeigt wird wie aus dem Lego-Kasten entworfen .

    Shyamalan versteht es durchaus, eine atmosphärisch-gruselige Grundstimmung aufzubauen, indem er die Bedrohung für den Helden als allgegenwärtig zeichnet. Der Feind kommt hier nicht von außen, sondern mitten aus der amerikanischen Gesellschaft heraus, deren Werte und bevorzugte Lebensweise ins Absurde verkehrt werden. Der American Way of Life wird von der Mehrzahl der Einwohner von Wayward Pines so stark auf die Spitze getrieben, dass er für die Wenigen, die ihm nicht folgen wollen, zur Hölle wird. Darin kann man durchaus eine – etwas plumpe – Allegorie auf Fremdenfeindlichkeit und Hass auf Andersdenkende sehen, spätestens wenn am Ende der zweiten Folge der Mob einem Akt kaum kaschierter Lynchjustiz zujubelt. Was leider nicht richtig aufkommt, ist echte Spannung. Dazu verläuft die Handlung dann doch zu sehr in bekannten Bahnen. Auch tragen absurde Running Gags wie der ständig mit einem Eishörnchen beschäftigte Sheriff (in einer netten Umkehrung der tatsächlichen Verhältnisse vom Afro-Amerikaner Terrence Howard gespielt) nicht unbedingt dazu bei, die Figuren ernst zu nehmen.

    Einige der Darsteller neigen zudem zum Overacting, allen voran Matt Dillon, dem das Drehbuch aber auch nicht viel mehr zu tun gibt als ständig gehetzt von einem Ort zum anderen zu laufen und beunruhigt zu raunen. Auch Melissa Leo hat man schon subtiler erlebt, erinnert ihre Schwester Pam doch eher an eine Figur aus „American Horror Story“. Leicht überfordert wirkt hingegen Juliette Lewis, spätestens wenn es darum geht, Emotionen glaubwürdig und berührend zu vermitteln.

    Leidlich unterhaltsam ist der Serienauftakt zwar geraten. Insgesamt wirkt er aber so, als habe man das alles schon mehrmals ganz ähnlich gesehen und auch irgendwie besser. Eine Referenz, wenn es um Mysteryserien geht, die in Kleinstädten mit skurril handelnden Bewohnern spielen, fehlt natürlich noch. Aber „Wayward Pines“ ist leider nicht „Twin Peaks“ – das spielte dann doch in einer ganz anderen Liga.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten zwei Folgen der Serie.

    Meine Wertung: 3/5

    © Alle Bilder: FX Productions

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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