Top of the Lake – Review

    TV-Kritik zum Mysterythriller mit Elisabeth Moss – von Marcus Kirzynowski

    Rezension von Marcus Kirzynowski – 22.05.2013, 16:10 Uhr

    Abgetaucht: Die zwölfjährige Tui (Jacqueline Joe) verschwindet spurlos.

    Australische TV-Serien schaffen es nur selten nach Deutschland. Umso gespannter durfte man auf „Top of the Lake“ sein, zumal eine australisch-amerikanisch-britische Koproduktion einer neuseeländischen Regisseurin mit einem US-Star in der Hauptrolle noch größeren Seltenheitswert hat. Die siebenteilige Miniserie wollte der amerikanische Sundance Channel ursprünglich gemeinsam mit der öffentlich-rechtlichen australischen ABC (und der BBC) finanzieren. Die international bekannte Filmemacherin Jane Campion, die sich die Geschichte zusammen mit Gerard Lee ausgedacht hat, hatte die wichtigste Rolle für Anna Paquin vorgesehen, die bereits als Neunjährige ihr Debüt in Campions „Das Piano“ (1993) gegeben hatte. Der „True Blood“-Star musste aber absagen, weil sie ein Kind erwartete. Als die Hauptrolle daraufhin mit der US-Schauspielerin Elisabeth Moss besetzt wurde, stieg ABC aus der Produktion aus und die australische BBC-Tochter UKTV ein. Gedreht wurde in Campions neuseeländischer Heimat.

    Moss, die Peggy Olson aus „Mad Men“, ermittelt nun also als Police Detective Robin Griffin in der Kleinstadt Lake Top, in der sie eigentlich nur bei ihrer Mutter einige Urlaubswochen verbringen wollte. Seit einem traumatischen Erlebnis in ihrer Jugend hatte sie ihrer Heimatgemeinde den Rücken gekehrt. Als sie zu den Ermittlungen im Fall eines zwölfjährigen Mädchens hinzugezogen wird, das sich wegen ihrer Schwangerschaft im örtlichen See ertränken wollte, muss Robin nach und nach feststellen, dass all die Geister der Vergangenheit in der Stadt noch höchst lebendig sind. Da ist zunächst einmal der Vater des Mädchens, Matt Mitcham (Peter Mullan), Anführer einer Rockergang und krimineller Egomane. Einer von dessen erwachsenen Söhnen ist Johnno (Thomas M. Wright), Robins High-School-Liebe. Matt gefällt es als einflussreicher Patriarch der Stadt natürlich überhaupt nicht, dass sich eine Frauenkommune unter Führung der esoterisch-exzentrischen GJ („Das Piano“-Hauptdarstellerin Holly Hunter) ausgerechnet an seinem See niederlässt. Und dann ist da noch Robins neuer Partner Detective Al Parker (David Wenham), der ihr bald ebenso Avancen macht wie sie ihrem Ex-Freund wieder näher kommt. Schon bald findet sich die smarte junge Polizistin mit alten Geheimnissen, männerbündlerischen Widerständen und eigenen Verdächtigungen konfrontiert.
    Robin Griffin (Elisabeth Moss) stößt auf schmerzhafte Erkenntnisse aus ihrer Jugend.

    „Top of the Lake“ beginnt wie eine herkömmliche Krimiserie mit einem mysteriösen Fall (Wer hat die Zwölfjährige geschwängert?) und zu Beginn der zweiten Folge auch noch einem Leichenfund. Schnell wird jedoch deutlich, dass Campion und ihr Ko-Autor etwas ganz anderes im Sinn haben: Sie sind deutlich mehr an einem Porträt der kleinstädtischen Gesellschaft und einem Psychogramm des Innenlebens ihrer Hauptfigur interessiert als an der klassischen Frage des ‚Whodunnit‘. Etwas problematisch ist dabei, dass die einzelnen Handlungsstränge für sich genommen nicht besonders originell sind. Eine außerhalb des staatlichen Gesetzes stehende Rockerbande kennt man bereits aus „Sons of Anarchy“, und ihre zahlreichen Mitglieder erinnern hier in ihrer Funktionslosigkeit für die Handlung teilweise zudem an die Slacker aus David Milchs kurzlebiger HBO-Serie „John from Cincinnati“. Und auch eine äußerlich starke, aber innerlich gebrochene Figur wie Robin Griffin hat man nun wahrlich schon des Öfteren gesehen. Natürlich offenbaren sich ihr schrittweise schmerzhafte Fakten aus ihrer Jugend, die Familie und Freunde jahrelang vor ihr verborgen haben. Und ebenso natürlich zerbricht sie nicht an diesen Erkenntnissen, sondern wächst eher daran. An der eigentlichen Krimihandlung – der Suche nach dem bald verschwundenen Mädchen und ihrem Vergewaltiger – sind die Autoren hingegen schon bald kaum noch interessiert und vernachlässigen diese teilweise völlig.

    Zudem entwickeln sich die einzelnen Handlungsstränge extrem langsam, so dass die Geduld des Zuschauers mitunter auf harte Proben gestellt wird. Meist ist die Serie mehr pittoreskes Kleinstadtbild als spannendes Drama. Das größte Pfund, mit dem sie wuchern kann – und das auch ausgiebig tut -, ist Elisabeth Moss, die hier endlich einmal aus dem Schatten der übermächtigen Vaterfiguren Martin Sheen (in „The West Wing“) und Jon Hamm (in „Mad Men“) treten kann. „Top of the Lake“ ist ganz und gar ihre Serie und sie nutzt diese Gelegenheit perfekt, um zu zeigen, welch eindringliche und vielschichtige Schauspielerin sie doch ist. Neben ihr verblassen sämtliche Männerfiguren, aber auch Weltstar Holly Hunter, die ohnehin nur eine recht kleine und reichlich skurrile Nebenrolle zugewiesen bekommen hat. Wer zudem „Xena“- und Zylonendarstellerin Lucy Lawless in einer weiteren kleineren Rolle erkennt, hat eine Auszeichnung als Seriennerd par excellence verdient.

    Stilistisch ist die Serie, die Campion selbst im Wechsel mit Garth Davis inszeniert hat, weitgehend brillant: wunderschöne Panoramaaufnahmen der von Bergen und dem See geprägten Landschaft wechseln sich ab mit intensiven kammerspielartigen Szenen. Leider wirkt die Story oft zu unentschlossen, führen zu viele Pfade nirgendwohin, um wirklich zu fesseln. Vielleicht wäre die Geschichte als Zweiteiler stringenter und dadurch überzeugender gewesen. Was bleibt, ist eine ambitionierte Miniserie mit einem Schauplatz, den man nicht alle Tage im Fernsehen sieht, viel Lokalkolorit (wer die Serie im Original schauen möchte, sollte sich auf breitesten neuseeländischen Akzent gefasst machen), grandioser Kameraarbeit und einer großartigen Hauptdarstellerin – aber leider auch mit vielen Längen. Immerhin präsentieren die Autoren ganz am Ende noch einen gewaltigen Plot Twist, der auf vieles vorher Gesehene ein ganz neues Licht wirft. Und einen vielleicht doch davon abbringt, seine nächste Fernreise nach Neuseeland zu buchen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten Miniserie „Top of the Lake“.

    Meine Wertung: 3,5/5

    Marcus Kirzynowski
    © Alle Bilder: Sundance Channel/BBC/UKTV

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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