The Neighbors – Review

    TV-Kritik zur neuen ABC-Aliencomedy – von Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 21.11.2012, 16:24 Uhr

    Tür an Tür in der Gated Community: Die Bird-Kersees (Aliens, links) und die Weavers (Amis, rechts).
    Tür an Tür in der Gated Community: Die Bird-Kersees (Aliens, links) und die Weavers (Amis, rechts).

    Das Bekannte im Fremden spiegeln – in der neuen ABC-Comedyserie „The Neighbors“ geht das so: Eine größere Gruppe Außerirdischer lässt sich in einer Gated Community im provinziellen New Jersey nieder und versucht dort in menschlicher Gestalt erfolglos, den Anschein des Gewöhnlichen zu erwecken. Nur eine einzige tatsächlich menschliche Familie hat es ebenfalls dorthin verschlagen: die Weavers.

    Serienschöpfer Dan Fogelman (schrieb den Pixar-Hit „Cars“ und „Crazy, Stupid, Love“ mit Steve Carell) interessiert sich nicht für eine mögliche Geheimhaltungs- und Enthüllungsdramaturgie: Die extraterrestrische Identität geben die Aliens gleich in der Pilotfolge preis – dabei hatten die Weavers den Möbelwagen noch mit dem Stoßseufzer „Gott, lass unsere Nachbarn bitte normal sein!“ beladen. Auch bleibt der Zweck des offenbar auf Jahrzehnte angelegten Verweilens der Zabvronianer auf Erden vorerst ausgeblendet – nur am Rande ist mysteriös von „Mission“ und „Nuklearkonferenzen“ die Rede. Was dagegen zählt, ist das schrullige Potenzial, das in der permanenten Reibung zweier Kulturen steckt: der uramerikanisch-familienwertfixierten einerseits und der außerirdischen andererseits, die die erste zu simulieren sucht und daran immer wieder scheitert. „Modern Family“ sozusagen, geentert von „Mork vom Ork“ und dem „Onkel vom Mars“, und zwar „Hinterm Mond gleich links“.

    In die Pilotfolge der Konzeptserie haben Fogelman und sein Autorenteam gleich so viele (mitunter hinreißend absurde) Gags gestopft, dass die Sorge berechtigt ist, wie lange das in dieser Dichte durchzuhalten sein wird. Da ABC unlängst eine volle Staffel geordert hat, scheint das Vertrauen der Verantwortlichen groß zu sein.

    Marty Weaver (Lenny Venito) und seine resolute Frau Debbie (Jami Gertz, die mancher noch aus Eighties-Brat-Pack-Filmen wie „Lost Boys“ kennt), Teenietochter Amber sowie die Nachzügler Max und Abby: Das ist die hübsch durchschnittliche US-amerikanische Mittelstandsfamilie. Die Nachbarn sind das versponnene Gegenstück: Larry Bird und Gattin Jackie Joyner-Kersee sind die Anführer der Alien-Schar, Eltern eines Teenie-Sohnes und eines Knirpses namens Dick Butkus. Komische Namen? Allerdings, denn als ultimative Assimilationsmaßnahme haben sie die Namen berühmter US-Sportler angenommen. Eine mögliche deutsche Synchronisation wird sie bestimmt Karl-Heinz Rummenigge oder Ulrike Meyfarth nennen.

    Herr Nachbar in Alien-Originalform.
    Herr Nachbar in Alien-Originalform.

    Larry-Darsteller Simon Templeman ist eine Wucht. Er markiert die kulturelle Differenz zu den Weavers schon durch sein elaboriertes British English, was in der amerikanischen Suburbia bekanntlich als Ausbund zweifelhafter Fremdartigkeit gilt. Selbst die absurdesten Fremdschämmomente unterspielt er zudem mit bewundernswürdigem Minimalismus, etwa wenn sich Söhnchen Dick versehntlich mal in echter Alien-Gestalt (digital getrickstes grünes Männchen) zeigt: „I fear our little Dick may have exposed himself again!“

    Zweideutiger als in dieser Dialogzeile wird es allerdings nicht, denn „The Neighbors“, gedreht im Single-Camera-Set-Up, bleibt dezidiert familienfreundlich und reiht lieber Kuriositäten aneinander: Die Aliens fahren in Golf Carts umher und kleiden sich preppy, treten jedoch auch nach zehn Jahren Erderfahrung nur im Geschwader auf. Sie schlafen in Kapseln, haben ohne Anfassen Sex und schmeißen beim Abwasch einfach die Teller aus dem Fenster. Überhaupt verwirrt sie der Alltag: Ihre seltsamen Verrichtungen auf den Straßen der gespenstisch monoton wirkenden Vorstadt werden zu „Singin’ in the Rain“-Soundtrack in einer Montage vorgeführt, die beinahe an den „Blue Velvet“-Hyperrealismus eines David Lynch erinnert. Momentweise ist Fogelman damit ganz nah an den geklonten „Frauen von Stepford“, die ja schon mehrfach als Metapher für die Uniformität der Mittelschicht herhalten mussten.

    Von Sozialkritik oder gar einer Parodie des American Way of Life ist „The Neighbors“ dann aber doch denkbar weit entfernt. Die Episoden 2 und 3 machen klar, wohin die Reise geht: Die Aliens werden in immer neue Situationen des amerikanischen Normal-Lebens hineingeworfen und kommen damit zunächst nicht klar. Jackie (Toks Olagundoye) verkleidet sich einmal als Ostküsten-“Housewife“ aus dem Reality-Fernsehen und sprengt Debbies Girls’ Night, ein anderes Mal geht es in eine Mall, doch bald schon nimmt die Gag-Dichte etwas ab. Das Reservoir an Scherzen über seltsame Alien-Verhaltensweisen ist offenbar begrenzt, und auch das Tempo wird dezenter. Es geht nun um Emanzipation und Freundschaft, Eltern-Kind-Verhältnisse und ums „fitting in“, kurzum: Es wird gefühliger.

    Irritierend ist dabei der laxe Umgang der Autoren mit dem eigenen Konzept. Mal werden Hauptfiguren links liegengelassen (die Kinder fehlen in Episode 3), mal passen neue Einfälle nicht zu vorherigen: In Folge 3 sind die Aliens untereinander plötzlich emotional verbunden, was früheren Szenen widerspricht. Auch sonst ist die Zahl logischer Patzer hoch. Was man angesichts einer gagzentrierten Comedy erbsenzählerisch finden mag, wirft aufmerksame Betrachter aus der Story – es wirkt so, als hätten die Autoren ihr Konzept anfangs nicht durchdacht.

    Als Familiencomedy mit Luft nach oben könnte „The Neighbors“ jedoch eine Zeitlang überdauern, trotz der berechtigten Sorge, dass die Culture-Clash-Komik in Bälde ausgereizt sein könnte. Für die Serie sprechen ein gutes Timing, Hauptdarsteller Templeman und immer wieder herausragende Szenen wie jene am Ende der dritten Episode: Larry Bird und Sohn sehen vermeintlich fern und schauen stundenlang gebannt auf einen Flatscreen mit „No Signal“-Anzeige, während die anderen Aliens zu „Where is my Mind?“ von den Pixies durch die Straßen hüpfen. Irgendwann wechselt der Fernseher in den „Power Saver Mode“. Großes Erschrecken: „Das habe ich nicht kommen sehen“, staunt Larry wie ein geübter Krimi-Fan. Mehr von dieser Art hintersinniger (Selbst-)Ironie könnte „The Neighbors“ gut tun.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten drei Folgen von „The Neighbors“.

    Meine Wertung: 3,5/5

    © Alle Bilder: ABC

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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