TV-Kritik Silicon Valley

    TV-Kritik zur HBO-Comedyserie – von Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 28.04.2014, 14:30 Uhr

    Alle unter einem Dach: Das Team des Start-Up-Unternehmens ‚Pied Piper‘ um Richard Hendricks (Thomas Middleditch, m.).
    Alle unter einem Dach: Das Team des Start-Up-Unternehmens ‚Pied Piper‘ um Richard Hendricks (Thomas Middleditch, m.).

    Kurz nach dem Start von „Looking“ führt uns HBO erneut an die amerikanische Westküste, diesmal nur etwas weiter südlich von San Francisco: ins Silicon Valley, wo amorphe Städte wie Palo Alto, Mountain View oder San Jose fast unmerklich ineinander übergehen und die Firmensitze der taktgebenden IT-Firmen Google, Apple, Facebook, Amazon und eBay in der kalifornischen Sonne glitzern. Der wunderschön in Sim-City-Optik gestaltete Vorspann stanzt den programmatischen Serientitel – „Silicon Valley“ – als Gebäudeumriss in diese Umgebung hinein, genau zwischen all diese Konzernzentralen, aber auch zwischen die zahllosen unbekannten Start-Ups, die in schummrigen Garagen auf den großen Durchbruch warten. So wie Steve Jobs damals.

    Ersonnen hat diese sehenswerte halbstündige Comedy-Serie Mike Judge, also ein Mann, der sich auskennt mit Freaks und Geeks und sonderbaren Familien, obgleich er entsprechende Soziotope bislang vor allem in Zeichentrickform beleuchtete: „Beavis und Butt-Head“ und „King of the Hill“ in den Neunzigern, die kurzlebige „Goode Family“ Ende der Nullerjahre. Man kann nun auch die Protagonisten von „Silicon Valley“, Judges erster nicht-animierter Serie, als eine ziemlich sonderbare Familie betrachten, schließlich leben sie zusammen unter einem Dach wie eine verschrobene Work-and-Life-Gemeinschaft. Das Haus in Palo Alto ist ein sogenannter „Incubator“, eine Art Brutkasten also, in dem die Tech-Gadgets und Milliarden-Apps der Zukunft gedeihen sollen.

    Chef dieses Hauses ist Erlich Bachmann, ein größenwahnsinniger Herbergsvater, den Comedian T. J. Miller als Arschloch-Hippie im „Big Lebowski“-Look verkörpert. Bachmann ist durch den Verkauf seines eigenen Start-Ups zu einer beträchtlichen Summe Geld gekommen, die er nun mehren möchte, indem er sein nicht besonders ansehnliches Haus zum „Incubator“ ausgebaut hat: Den ausnahmslos männlichen Mietern bietet er eine entsprechend tech-affine Arbeits- und Wohnumgebung, dafür verlangt er zehn Prozent Anteil an einem eventuellen Geschäftserfolg. Einer seiner Mieter ist der peinvoll schüchterne Radiohead-Fan Richard Hendricks, der sich in der ersten Episode als zentraler Protagonist von „Silicon Valley“ herausstellt: Sein fantastischer Darsteller Thomas Middleditch mischt nerdiges Understatement mit minuziösem Timing so kunstvoll, dass sich dabei die Tapsigkeit des frühen Hugh Grant mit der furchtlosen Cringe-Comedy-Peinlichkeit eines Ricky Gervais vereint.

    Richard Hendricks unterwegs mit seinem Kollegen Nelson ‚Big Head‘ Bighetti (Josh Brener, r.).
    Richard Hendricks unterwegs mit seinem Kollegen Nelson ‚Big Head‘ Bighetti (Josh Brener, r.).

    Richard arbeitet hauptberuflich als niedere Charge beim Großkonzern Hooli (lies: Google), hat aber im „Incubator“ nebenher eine App entwickelt, die niemanden so recht vom Hocker reißt. „Pied Piper“, so ihr dämlicher, an den Rattenfänger von Hameln angelehnter Name, soll eigentlich Musikern dabei helfen, auf simplem Wege Sample-Rechte zu klären, doch per Zufall entdecken ein paar arrogante Hooli-Programmierer das eigentlich Sensationelle daran: ein enorm effektives Datenkompressionsverfahren. Was Richard bislang selbst nicht aufgefallen war, katapultiert ihn prompt zwischen die Fronten zweier milliardenschwerer Investoren und ihn selbst in eine Entscheidungszwickmühle: Verkauft er „Pied Piper“ an den Hooli-Chef Gavin Belson (der ihm zehn Millionen Dollar bietet)? Oder begnügt er sich mit den nur 200.000, die ihm Investor Peter Gregory offeriert, für zehn Prozent an der Firma – was jedoch hieße, dass Richard selbst Chef des Startups bleiben würde? Weil Richard eine Identifikationsfigur und kein Sell-Out sein soll, entscheidet er sich am Schluss der Pilotfolge für die zweite Option, womit zu Green Days trotziger Verweigerungshymne „Minority“ die Bühne bereitet wäre fürs Match der Peinlichkeiten auf dem Parkett des Big Business. Denn weder Richard noch seine „Incubator“-Gefährten sind gerüstet für den wirtschaftlichen Aufstieg. Wie stellt man eine Firma auf? Was macht man mit dem Investorengeld? Und: Wer gehört überhaupt zur Firma?

    In der zweiten Folge muss folglich der „Cap Table“ geklärt werden, also die nicht unwichtige Frage, an wen im Erfolgsfall wie viele Renditeprozente auszuschütten wären. Neben Erlich sind das die „Incubator“-Programmierer Gilfoyle (Martin Starr aus „Party Down“ als Satanist „mit theistischen Tendenzen“) und Dinesh (Kumail Nanjiani). Big Head (Josh Brener) hingegen ist raus: Der Code-Schreiber hat nicht viel mehr als die App „Nip Alert“ (zur Lokalisierung erigierter Brustwarzen in der Umgebung) zustande gebracht und ist noch soziophober als Richard. Dafür wechselt der linkische Hooli-Finanzexperte Jared (Zach Woods) ins „Pied Piper“-Team. Immerhin ist er der Einzige, der weiß, wie man einen Businessplan aufstellt.

    Die Konstellation dieser Charaktere erweist sich schon in den allerersten Folgen als außerordentlich vielversprechend: Starr und Nanjiani sind für die Deadpan-Komik zuständig, liefern ihre sarkastischen Oneliner mit größtmöglicher Trockenheit ab, während sich Middleditch, Brener und Woods in Sachen awkwardness nichts schenken. Die „Wild Card“ hat Miller: In der dritten Episode darf er einen pilzberauschten Kreativ-Ausflug in die Wüste unternehmen.

    Fast noch schöner sind die Nebenfiguren. Christopher Evan Welch („Rubicon“) brilliert als scheuer Investor Gregory, der im superschmalen Elektromobil durch Palo Alto kurvt, durch die Kontemplation von Sesamsamen auf Fast-Food-Burgern zu genialischen Investitionsideen kommt und im Angesicht seiner weniger genialen Gesprächspartner stets einen leisen Ekel durchscheinen lässt: Seine Szene mit den unvorbereiteten „Pied Piper“-Nerds in Episode zwei ist ein großartiges Kabinettstück. Schlimm und traurig ist es, dass der erst 48-jährige Welch während der Dreharbeiten an Lungenkrebs verstarb. Nicht nur dieser Serie wird er schmerzlich fehlen.

    Ähnlich gut ist allerdings „Big Love“-Alumnus Matt Ross, der den Hooli-Boss Belson schön schmierig als Pseudo-Messias spielt, der seine Techie-Erlöserbotschaften von allen Werbescreens herunterpredigt, ganz so, als wäre er Sergey Brin, Steve Jobs und Bill Gates in einer Person. Während auf dem googlebunten Hooli-Gelände die PR-Fuzzis ihre Besprechungen auf Bierbikes abhalten, lässt sich Belson von einem indischen Guru beraten. Später wird er den „Pied Piper“-Kompressionscode für eine eigene Version klauen und im Imagefilm heuchlerisch verkünden: „Wenn wir Ihre Audio- und Videofiles kleiner machen können, können wir auch Krebs kleiner machen. Und Hunger. Und Aids.“

    In solchen Momenten wird die geschliffene Typen-Satire zur ätzenden Milieukritik. Egal ob Judge Partys zeigt, auf denen Kid Rock vor desinteressierten, „liquid shrimp“-schlürfenden IT-Gestalten auftreten muss, oder ob er seine Protagonisten über die Gentrifizierung in der Bay Area diskutieren lässt, die Normalbürgern kein herkömmliches Mietverhältnis mehr erlaubt: Glamourös wird es im Valley nur für die Happy Few. Der Rest bleibt als winziges Rädchen freiwillig gefangen in einem tendenziell inhuman gesinnten sozialen Subsystem, in dem ein genialer Algorithmus mehr zählt als der Mensch. Der Technikhörigkeit dieser Menschen stellt Judge immer wieder treffende Szenen des alltäglichen Technikversagens entgegen, etwa wenn Belson seinem „intelligenten“ Audiosystem mündlich befiehlt, John Lennons „Imagine“ abzuspielen, und dieses freundlich entgegnet: „John Wayne in a Mansion? Not found.“

    Bleibt die Frage, ob „Silicon Valley“ nun selbst nur was für männliche Geeks ist – immerhin gibt es, anders als etwa in „The Big Bang Theory“ oder „The IT Crowd“, keine weibliche Hauptfigur. Letztlich aber erzählt Judge hier eine doch sehr universelle Geschichte über eine Gruppe Außenseiter, die es in widriger Umgebung „nach oben“ schaffen will: Das erinnert mehr an „Entourage“ als an eine Informatik-AG, und selbst der Tech-Sprech in den Dialogen wird von den Autoren ironisch eingesetzt, wie eine absurde Kunstsprache, die auch für ihre Nutzer keine tatsächliche Bedeutung hat. Man muss nicht unbedingt wissen, was „minimal message-oriented transport layers“ sind, um dabei Spaß und Freude zu haben. Spaß jedenfalls verspricht „Silicon Valley“ auch über längere Distanz zu bereiten.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden von „Silicon Valley“.

    Meine Wertung: 4/5

    © Alle Bilder: HBO

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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