TV-Kritik: „Wetten, dass..?“: Ein Ende mit Schrecken

    Markus Lanz bricht Überziehungsrekord – von Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 14.12.2014, 11:50 Uhr

    Jan-Josef Liefers, Wotan Wilke-Möhring und Markus Lanz in der Abschiedsausgabe von „Wetten, dass..?“
    Jan-Josef Liefers, Wotan Wilke-Möhring und Markus Lanz in der Abschiedsausgabe von „Wetten, dass..?“

    Es ist vollbracht: Mit der 215. Ausgabe ging am gestrigen Samstagabend die 33-jährige Geschichte von „Wetten, dass..?“ zu Ende. Zum Abschied hatten sich Markus Lanz und das ZDF anscheinend vorgenommen, sämtliche Überziehungsrekorde der Vorgänger einzustellen. Anders ist nicht zu erklären, wie man auf die Idee kommen konnte, die ohnehin seit Jahren zeitlich völlig ausgeuferte Show auch noch mit zahlreichen Rückblicken auf die Showgeschichte anzureichern, ohne dafür eine Wette oder zwei bis drei Stargäste zu streichen. So kam die Sendung am Ende auf mehr als dreieinhalb Stunden und endete mit gut 60 Minuten Verspätung erst um kurz vor Mitternacht. Damit wurde sie leider auch zu einer der zähesten Angelegenheiten der jüngeren Fernsehgeschichte, da Lanz sich mit seinen Gästen (überwiegend deutschen B-Promis) über die Strecke quälte, als moderiere er einen Leichenschmaus im Familienkreis statt die letzte Ausgabe einer einst ruhmreichen Fernsehshow.

    Dass „Wetten, dass..?“ allen Unkenrufen von verlorener Relevanz und ausdifferenzierten Zielgruppen zum Trotz immer noch ein enormes gesellschaftliches Potential hat, war nicht nur daran zu erkennen, dass 9,27 Millionen Zuschauer live Abschied nehmen wollten. Das ist ein Marktanteil von fast einem Drittel – Werte, wie sie sonst nur noch bei bedeutenden Fußballspielen erzielt werden. Und auch bei den Jüngeren waren fast 28 Prozent der Zuschauer dabei – fast doppelt so viele wie beim „Supertalent“ auf RTL. Auch auf Twitter – vermutlich eher ein junges Medium – sah es zeitweise so aus, als gäbe es in Deutschland überhaupt kein anderes Thema mehr. Nicht nur die üblichen Verdächtigen (Fernsehkritiker), sondern auch TV-Schaffende von Jan Böhmermann bis Sarah Kuttner begleiteten die letzte Sendung mit ihren Kommentaren.

    Die Show selbst vereinte dann leider noch mal all das, was ihr schon seit Jahren vorgeworfen worden war – und steigerte es teilweise bis ins Absurde: von ausufernden, überwiegend belanglosen Gesprächen auf der Couch bis zu überflüssigen Aktionen und versandeten Gagversuchen. Warum die Sendung eigentlich ihren Titel trägt, geriet über weite Strecken fast in Vergessenheit. Eine halbe Stunde dauerte es, bis die erste Wette zu sehen war, musste Lanz doch vorher gleich vier Gäste auf der Couch begrüßen. Das erinnerte fast an den Schwachpunkt von Frank Elstners allererster Show von 1981, als noch alle Wettpaten direkt hintereinander vorgestellt und zum Gespräch gebeten wurden, so dass die erste Wette erst nach einer Stunde losging. Der Unterschied: Damals folgten dann alle übrigen Wetten in schneller Abfolge. Gestern waren hingegen nach zwei Stunden erst zwei Wetten gelaufen.

    Stattdessen: ein filmischer Rückblick auf 33 Jahre nach dem anderen – die spektakulärsten und skurrilsten Wetten, die größten internationalen Stars, die besten Musikacts usw. usf. Kann man machen, wenn schon die prägenden Moderatoren keine Lust hatten, vorbei zu kommen. Aber dann hätte man halt das Standard-Konzept etwas straffen müssen. Lanz begrüßte jedoch lieber immer noch einen deutschen Promi, der meist seine beste Zeit schon einige Jahre bis Jahrzehnte hinter sich hatte, ließ Otto Waalkes und Michael „Bully“ Herbig noch ein Abschiedsständchen trällern, noch einen Schauspieler seinen neuen Film vorstellen. Zwischendurch sorgten Gesangseinlagen von Helene Fischer und Unheilig für Strafverschärfung.

    Lanz brachte seine üblichen Sprüche („Ein ganz besonderer Moment“) und moderierte die Sendung ansonsten so routiniert-uninspiriert weg, als handele es sich um die Betriebsfeier einer Versicherung statt um den Schlusspunkt der einstmals erfolgreichsten TV-Show Europas. Das hinderte ihn aber nicht daran, sich selbst einige Male im Glanz dieser Historie zu suhlen. Er sei stolz, deren Teil gewesen zu sein, sagte er und betonte immer wieder, wie erfolgreich und erinnerungsprägend die Show gewesen sei. Übrig war von diesem Glanz zum Schluss so gut wie nichts mehr. Die Wetten und ihre Kandidaten – eigentlich das Kernstück des Konzepts – verkamen fast zur lästigen Pflichtübung, konnten auch für sich genommen nur wenig überzeugen (eine Kinder-Hundewette war ganz charmant, anderes wie eine Vorlese-Memorierungswette eher langatmig). Stattdessen mühten sich Otto & Co. mit Gags, die schon vor 20 Jahren nicht mehr lustig gewesen wären. Da wäre es fast zeitgemäßer gewesen, man hätte Frank Elstner die letzte Sendung im Original-Bühnenbild von 1981 moderieren lassen. So war es leider ein Ende mit Schrecken, von dem man nach drei Stunden den Eindruck bekam, es könnte vielleicht doch noch ein Schrecken ohne Ende werden.

    Vielleicht besinnt sich das ZDF aber auch in einigen Jahren, wenn alle neuen Showkonzepte gefloppt sind und Gras über die Causa Lanz gewachsen ist, darauf, dass man da mal ein Konzept hatte, dass über Jahrzehnte – und bis zum Schluss – Gesprächsthema auf Schulhöfen wie in Altenheimen war. Und gönnt Frank Elstners Konzept ein würdiges Revival mit geeignetem Moderator, so wie es dem NDR und der ARD mit „Dalli Dalli“ / „Das ist Spitze!“ erstaunlich gut gelungen ist.

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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