25 Jahre Nickelodeon – Ralf Kühler: „Das Größte, was ich beruflich je erlebt habe!“

    Interview über verantwortungsvolles Kinder-TV, „Global GUTS“-Geheimnisse und tragisches Senderaus

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 07.07.2020, 09:00 Uhr

    Micky Maus Magazin/​Juli 1997

    fernsehserien.de: Ihr habt zwischen den Serien am Nachmittag die kurzen vier- bis siebenminütigen Live-Strecken moderiert. Wie wurden diese Sendungen eigentlich vorbereitet und wie sah ein typischer Arbeitstag aus?

    Ralf Kühler: Ungefähr zwei Stunden vor der ersten Live-Sendung des Tages haben wir uns mittags vor Ort getroffen. Die Redaktion befand sich direkt hinter dem Studio. Das Redaktionsteam war richtig toll und hat sich jeden Tag neue Themen überlegt. Bei „Post up“ haben wir die Briefe der Kinder vorgelesen, bei „Mit Nick“ hatten wir Kinder im Studio und bei „Auf Draht“ haben wir mit Kindern am Telefon gesprochen – und zwischendurch mit dem Kameramann Martin als Ansprechpartner gescherzt. Meistens haben wir uns am Vortag Gedanken über das Thema des nächsten Tages gemacht, zum Beispiel „Hausaufgaben finde ich…“. Dann haben wir uns überlegt, welche Antworten kommen könnten und wie wir am besten darauf reagieren. Anschließend haben wir das in Mustergesprächen vor der Sendung durchgespielt. Auch „Mit Nick“, wo wir mit Kindern im Studio über soziales Engagement gesprochen haben, musste vor der Live-Sendung intensiv geprobt werden.

    Wurden die Anrufer direkt in die Live-Sendungen gestellt oder gab es ein Vorgespräch?

    Ralf Kühler: Es gab immer ein redaktionelles Vorgespräch, bevor die Kinder live in die Sendung gestellt wurden. In der Regie hörte ein exzellenter Redakteur mit, der eine psychologische Ausbildung hatte und mir per Knopf im Ohr hin und wieder Hinweise gab. Es war wichtig, auf Zwischentöne zu achten – wenn ein Kind beispielsweise erzählte, dass es nichts zum Mittagessen bekommen hatte oder alleine zu Hause ist. In solchen Momenten wurde mir unsere Verantwortung bewusst, weil wir dann die einzigen Ansprechpartner für das Kind waren. Aufgrund der begrenzten Sendezeit saß uns gleichzeitig die Regie im Nacken. Aber oberstes Gebot war, dass wir die Kinder in der Leitung nicht abwürgen sollen. Wenn wir das Gefühl hatten, dass jemand wirklich Hilfe braucht, hat sich unser Psychologe anschließend noch weiter mit dem Kind unterhalten – das war bei uns so ähnlich, wie es auch bei „Domian“ gemacht wird.

    Ralf Kühler im Düsseldorfer Nickelodeon-Studio Ralf Kühler

    Ich finde es wirklich lobenswert und auch etwas überraschend, dass ihr euch verantwortungsvoll über so etwas Gedanken gemacht habt – gerade angesichts der Tatsache, dass Nickelodeon ein kommerzieller Sender war.

    Programmschema von Mai 1998 Hörzu/​Mai 1998

    Ralf Kühler: Das stimmt. Das lag aber auch daran, dass viele in der Redaktion vom Fach waren und einen pädagogischen Hintergrund hatten. Nickelodeon hatte bei den Eltern ja nicht unbedingt den besten Ruf, weil viele dieser abgedrehten Serien wie „Die Ren & Stimpy Show“ und „Rockos modernes Leben“ liefen – oder auch „Pete & Pete“, wo die Mutter eine Metallplatte im Kopf hatte, mit der sie Radiosender empfangen konnte (lacht)! Aber die Kinder haben uns geliebt: Sie standen mit Briefen und Geschenken vor dem Eingang und zwischendurch sind wir während unseres Arbeitstags rausgegangen, um Autogramme zu verteilen.

    Das klingt nach einem sehr angenehmen Arbeitsklima.

    Ralf Kühler: Ja, das Arbeitsverhältnis war echt mega. Wir waren eine richtige Familie und ich habe heute noch mit einigen aus der Redaktion Kontakt. Den einen oder anderen habe ich später auch noch mal wieder getroffen in der Medienlandschaft, zum Beispiel Paddy Kroetz, mit dem ich mich gut verstanden habe. Bei Facebook bin ich mit Matthias Keller befreundet und ab und zu habe ich noch Kontakt mit Tobias Ufer, der kurz vor Schluss noch als neuer Moderator zu Nickelodeon kam.

    Paddy Kroetz und Ralf Kühler Paddy Kroetz

    Hattest du Lieblingsserien bei Nickelodeon?

    Ralf Kühler: „Rockos modernes Leben“ und „Pete & Pete“ fand ich richtig geil! „Clarissa“ hingegen war nicht so meins.

    An welche Anekdote aus der Nickelodeon-Zeit erinnerst du dich besonders gerne?

    Ralf Kühler: Ich erinnere mich an das Nick-Mobil. Das war ein englischer Doppeldeckerbus im Nickelodeon-Style, mit dem Kerstin, Nina und ich durch Deutschland getourt sind – wir kamen uns vor wie die Kelly Family! Ich habe passend dazu auch noch einen Kinder-Rap gesungen – und einmal waren auch die Backstreet Boys dabei!

    Ralf Kühler bei der Nick Verleihung Ralf Kühler

    War das verbunden mit der Nick Verleihung?

    Der Zeppi Ralf Kühler

    Ralf Kühler: Ja. Wobei ich 1996 zunächst als deutscher Reporter zu den amerikanischen „Kids’ Choice Awards“ nach Hollywood fliegen durfte, was für mich ein weiterer Ritterschlag war. Dort habe ich Interviews mit Whitney Houston, Jeff Goldblum, Melissa Joan Hart und Kenan & Kel geführt. Danach haben wir in Deutschland die „Nick Verleihung“ ins Leben gerufen, die ich damals mit Blümchen alias Jasmin Wagner moderiert habe. Dort wurden die orangefarbenen Zeppeline verliehen. Der Zeppi, den wir Moderatoren damals bekommen haben, steht immer noch bei mir im Regal. Das Größte war aber: Wir wurden geslimed! In den USA ist es für Prominente bei Nickelodeon die höchste Auszeichnung, wenn sie mit Schleim übergossen werden – und ich war sehr glücklich, dass mir diese große Ehre zuteil wurde!

    Auf der nächsten Seite erläutert Ralf Kühler, weshalb er immer noch Gänsehaut bekommt, wenn er an den Tag zurückdenkt, an dem die nichtsahnenden Mitarbeiter über das Ende des Sendebetriebs informiert wurden – und ob er gerne weiter im Kinderfernsehen geblieben wäre.

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