25 Jahre Nickelodeon – Ralf Kühler: „Das Größte, was ich beruflich je erlebt habe!“

    Interview über verantwortungsvolles Kinder-TV, „Global GUTS“-Geheimnisse und tragisches Senderaus

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 07.07.2020, 09:00 Uhr

    Das Moderatorenteam des „Nick Live Clubs“ Micky Maus Magazin/​Mai 1998

    fernsehserien.de: Es hätte alles so schön weitergehen können, doch Ende Mai 1998 wurde Nickelodeon in Deutschland eingestellt. Wann und wie kurzfristig hast du vom Aus erfahren?

    Ralf Kühler: Ich war völlig vor den Kopf gestoßen. Als ich am Freitag vor Pfingsten 1998 wie immer zwischen 11 und 12 Uhr ankam, war ich völlig überrascht davon, dass plötzlich Security-Männer vor dem Studio standen. Als ich reinging, sah ich, wie alle Redakteure total traurig guckten und ihre Sachen packten. Als ich fragte: Was ist denn hier los?, sagte man mir: Geh mal bitte zum Chef. Dort saßen schon einige weinende Mitarbeiter. Eine Abordnung aus den USA kam herein und teilte uns mit: Nickelodeon in Deutschland ist nicht mehr rentabel. Wir müssen schließen. Das war ein richtiger Schock für mich. Wir Mitarbeiter haben uns ganz höflich und vernünftig verhalten. Ich hatte nur einen Wunsch: Ich habe damals den ersten Satz gesprochen. Bitte lasst mich auch den letzten Satz sprechen und den Kindern erklären, warum wir nicht mehr da sind. Wir Moderatoren haben uns dann zusammengetan und das Abschiedsvideo gedreht. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich das erzähle.

    Für mich als Kind war das auch total dramatisch. Was mich damals schon verwirrt hat, war, dass knapp ein halbes Jahr vor dem Aus noch richtig investiert wurde. Der „Nick Live Club“ wurde gestartet, das Videospiel „Hugo“ integriert, noch Anfang Mai wurden neue Moderatoren engagiert…

    Ralf Kühler: Richtig, das zeigt, dass wir in Deutschland wirklich von nichts wussten und davon völlig kalt erwischt wurden. Ich werde nie vergessen, wie die drei neuen Moderatoren ihr Lied gesungen haben, als sie kurz vor dem Aus dazukamen: Der Ohrwurm Wir sind die Neuen bei Nickelodeon! lief bei uns rauf und runter! Nachdem der Sender zugemacht hat, haben auch wahnsinnig viele Kinder traurige Briefe an Nickelodeon geschickt und am Telefon geweint. Das war alles sehr dramatisch und für die Kinder ein echter Verlust.

    Ralf Kühler 1997 in der Maske Infosat 1/​1997

    Wurdet ihr denn darüber informiert, weshalb es so weit gekommen ist?

    Ralf Kühler: Es gab nur Mutmaßungen. Die Werbebuchungen brachen ein, so dass der Sender schlichtweg zu viel Geld gekostet hat. Die Amerikaner hatten sich vorgestellt, dass die Buchungen schneller nach oben gehen. Dem war aber nicht so. Gleichzeitig gab es immer mehr Konkurrenz. Nach Super RTL ist 1997 ja dann auch der Kinderkanal gestartet. Nickelodeon bekam dadurch Verbreitungsschwierigkeiten und hat seinen Sendeplatz in einigen Kabelnetzen verloren. Und viele Eltern haben für ihre Kinder dann den werbefreien, öffentlich-rechtlichen Kinderkanal bevorzugt.

    Ich als Nickelodeon-Kind empfand den Kinderkanal hingegen als ziemlich öde und wenig ansprechend.

    Ralf Kühler: Das kann ich gut nachvollziehen. Welches Kind will denn schon einen Kanal, der „Kinderkanal“ heißt (lacht)? Auch Kinder wollen etwas Cooles sehen!

    Das Nickelodeon-Moderatorenteam von 1996 bis 1997 Micky Maus Magazin/​November 1997

    Konntest du dir noch Erinnerungsstücke von Nickelodeon sichern?

    Ralf Kühler: Die Studiotechnik und viele Deko-Sachen wurden in Container gepackt und gingen anschließend in die Türkei, wenn ich richtig informiert bin. Denn kurz darauf ging dort Nickelodeon neu an den Start. Ich selbst habe mir aber aus dem Nickelodeon-Shop am Studiokomplex noch die schrägen Cartoon-Möbel gekauft, die mir so gut gefallen haben. Ich habe mir gedacht: Wenn ich mal ein Kind bekomme, erhält das Kinderzimmer einen Nickelodeon-Touch. 1999 wurde mein Sohn geboren, der so lange in dem Nickelodeon-Zimmer wohnte, bis er die Möbel nicht mehr cool fand. Dann hat die Möbel meine Tochter bekommen, die 2002 geboren wurde. Als sie die Möbel irgendwann auch nicht mehr cool fand, sind sie schließlich auf dem Sperrmüll gelandet, weil sie dann auch schon ziemlich runtergerockt waren. Aber ein paar Jahre habe ich die Möbel immerhin wiederverwertet (lacht)!

    Und wie ging es für dich beruflich nach Nickelodeon weiter?

    Die Nickelodeon-Autogrammkarte von Ralf Kühler Nickelodeon

    Ralf Kühler: Für mich ist natürlich erst mal eine Welt zusammengebrochen. Ich habe den Sender echt geliebt. Es war wirklich bitter, als er zugemacht wurde. Ich hatte danach einige Castings bei Super RTL, doch daraus wurde letztendlich nichts, weil die Sendung, für die ich gecastet worden bin, nie an den Start ging. Ich bin zunächst bei dem Servicemagazin „Clever“ von VOX gelandet, das es allerdings nur wenige Monate gab. Doch dann erhielt ich einen Anruf von Walter Freiwald („Der Preis ist heiß“), der Nickelodeon-Fan war! Dazu muss ich erklären: Damals arbeitete Walter noch gegenüber von Nickelodeon bei QVC – und seine Söhne saßen öfter bei uns im Studio. Dadurch kam der Kontakt zustande und wir beide mochten uns sehr. Als Walter zu RTL wechselte und den RTL Shop eröffnete, wurde er zu meinem Förderer und hat mich dazugeholt. Am 1. März 2001 moderierte ich meine erste Teleshopping-Sendung und bin dort, beim heutigen Channel 21, bis heute geblieben.

    Hättest du gerne weiter im Kinderfernsehen gearbeitet oder wolltest du bewusst etwas anderes machen?

    Ralf Kühler: Nein, ich habe es beim Kinderfernsehen versucht, aber dort leider nichts Handfestes bekommen. Ich hatte auch etwas Druck, weil ich gerade ein Haus gebaut hatte und mein Sohn geboren wurde. Ich musste also dringend Geld verdienen. Mit Moderationen auf Messen habe ich mich über Wasser gehalten, aber ich wollte unbedingt wieder etwas Festes haben. Teleshopping kostete mich zwar am Anfang etwas Überwindung, aber heute könnte ich mir nichts Schöneres mehr vorstellen, weil es wirklich eine Berufung ist.

    Vielen Dank für die schöne Reise in die Nickelodeon-Vergangenheit und alles Gute für die Zukunft!

    Morgen erscheint der vierte und letzte Teil unserer großen Reihe zum 25. Geburtstag von Nickelodeon Deutschland. Dann spricht Paddy Kroetz ausführlich über seine Zeit bei Nickelodeon, wo er 1997 ein Volontariat und seine Moderationskarriere begann.

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    Über den Autor

    Glenn Riedmeier ist Jahrgang ’85 und gehört zu der Generation, die in ihrer Kindheit am Wochenende früh aufgestanden ist, um stundenlang die Cartoonblöcke der Privatsender zu gucken. „Bim Bam Bino“, „Vampy“ und der „Li-La-Launebär“ waren ständige Begleiter zwischen den „Schlümpfen“, „Familie Feuerstein“ und „Bugs Bunny“. Die Leidenschaft für animierte Serien ist bis heute erhalten geblieben, zusätzlich begeistert er sich für Gameshows wie z.B. „Ruck Zuck“ oder „Kaum zu glauben!“. Auch für Realityshows wie den Klassiker „Big Brother“ hat er eine Ader, doch am meisten schlägt sein Herz für Comedyformate wie „Die Harald Schmidt Show“ und „PussyTerror TV“, hält diesbezüglich aber auch die Augen in Österreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten offen. Im Serienbereich begeistern ihn Sitcomklassiker wie „Eine schrecklich nette Familie“ und „Roseanne“, aber auch schräge Mysteryserien wie „Twin Peaks“ und „Orphan Black“. Seit Anfang 2013 ist er bei fernsehserien.de vorrangig für den nationalen Bereich zuständig und schreibt News und TV-Kritiken, führt Interviews und veröffentlicht Specials.

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