Kommentare 1–1 von 1

    • (geb. 1971) am

      Ein heiter-gelassenes klassisches Musikstück erklingt. Ein abgedunkeltes
      Fernsehstudio, in dem nichts den Zuschauer von dem ablenkt, um das es geht. Ein junger Mann mit schmalem Gesicht, dessen Gelehrsamkeit noch durch die Brille unterstrichen wird, sitzt einer wesentlich älteren Frau gegenüber.
      Brillant formulierte Fragen, ebenso vollendete Antworten. Absolute Klar-heit. Keinerlei Ausflüchte oder gar Banalitäten. Ernsthaftigkeit und Heiter-keit zugleich.
      Die Sympathie zwischen dem Fragesteller und der Befragten ist offensicht-lich. Sie neigt sich ihm zu und schenkt ihm häufig ein offenes, geradezu strahlendes Lächeln.
      Ruhe, Nachdenken und Schweigen im Rauch von Zigaretten. Keinerlei Hast. Der Interviewer fällt der Befragten nicht ins Wort oder schneidet es ihr gar ab. Im Gegenteil: er läßt sie in aller Ausführlichkeit zu Wort kommen.
      Günter Gaus befragt Hannah Arendt. Es war das erste Gespräch aus der Reihe “Zur Person”, das ich sah und das mich sofort faszinierte. Wie unglaublich spannend, wieüberaus informativ, wie intellektuell anregend ein Interview sein kann, wenn es auf so großartige und unübertreffliche Weise geführt wird wie von Günter Gaus.

      Übrigens hat Günter Gaus einige wenige Persönlichkeiten nicht vor das Mikrofon bekommen. Am meisten reute ihn wohl, dass er Marlene Dietrich gegenüber bei seiner Haltung blieb, ihr seine Fragen vor dem Gespräch nicht zugänglich zu machen, woraufhin sie ihm absagte. Weitere potentielle Interviewpartner die sich dem Gespräch mit ihm verweigerten, waren Kurt Georg Kiesinger (der einzige Bundeskanzler, den Gaus nicht interviewt hat), der Verleger Axel Springer sowie der damalige Kardinal Joseph Ratzinger (der spätere Papst Benedikt XVI.)

      Inzwischen habe ich die Interviews, so sie denn auf DVD erhältlich sind (die meisten leider nur in gedruckter Form), alle erworben und meine anfängliche Begeisterung ist nur noch größer geworden.

      Stundenlang kann ich diesem Mann, mit seiner unverwechselbaren Art sp und st zu trennen (was bei ihm übrigens kein Hamburger Dialekt ist, denn Günter Gaus stammt aus Braunschweig) zuhören.
      Dass ausgerechnet ihm eine tückische Krankheit, die ihn viel zu früh “abberief”, seinen wunderbar sonoren Bariton nahm, ist eine Tragödie. Dass er sich davon niemals abhalten lies, auch weiterhin seine
      Interviews zu führen, zeigt die ihm innewohnende Kraft und Stärke.

      Günter Gaus hat mit seiner Sendereihe "Zur Person" das Interview auf ein Niveau erhoben, das seither niemals wieder auch nur in Ansätzen erreicht wurde.
      Vornehm-zurückhaltend und dabei dennoch immer wieder hartnäckig nachfragend ist der Stil dieses Herren so unendlich viel wohltuender und intellektuell anregender als der heutige unerträgliche Talk-Show-Zirkus.

      Wir müssen Günter Gaus dankbar sein für diese Sternstunden des deutschen Fernsehens.

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