Kritisch reisen: Nordseeinseln – Wird der Urlaub unbezahlbar?
Folge 17 (45 Min.)Wattwanderungen, eine steife Brise beim ausgiebigen Strandspaziergang und Radtouren stundenlang am Deich entlang sind für viele Menschen, gerade auch in NRW, der Inbegriff von Ferien. Urlaub auf einer Nordseeinsel – das bekommt aktuell einen neuen Reiz. Denn in Zeiten steigender Kerosinpreise und abgesagter Flüge bieten die inländischen Ziele vor den Küsten nicht nur eine garantierte Erreichbarkeit; in Zeiten sommerlicher Hitzerekorde in den Urlaubsregionen im Süden Europas stehen sie auch für gut verträgliche Klimabedingungen.Aber die Nordsee, die ja eigentlich ein gemütliches und bodenständiges Image hat, ist im Begriff sich zu verändern. Neu im Trend sind vielerorts Luxusunterkünfte, Wellnessoasen und exquisite Gastronomie. Sie sollen mehr Menschen auf die Inseln locken, die in ihrem Urlaub an Unterkünfte und Verpflegung gehobene Ansprüche stellen, für die die Nordseeinseln früher nicht unbedingt bekannt waren. Die Rede ist von „Versyltung“ – mit spürbaren Folgen für Urlauber und Einheimische. Für Besucher steigen die Preise, und für Einheimische und Saisonkräfte wird der Wohnraum knapp, weil gut betuchte Festland-Bewohner gleich ganze Immobilien als privates Urlaubsdomizil kaufen, das dann fast das ganze Jahr leersteht. Quadratmeterpreise sind an manchen Orten so hoch wie in deutschen Großstädten. Was wird unter solchen Bedingungen aus den Urlaubszielen an der Nordsee, die manchen Urlaubern seit Jahren und Jahrzehnten lieb und vertraut sind? Die „Kritisch Reisen“-Autoren Dirk Bitzer und Fritz Sprengart besuchen Norderney, Amrum und Pellworm. Sie treffen Urlauber, die den neuen Luxus begrüßen, und solche, die ihr traditionelles Urlaubsziel kaum wiedererkennen – und es sich auch fast nicht mehr leisten können. Sie sprechen mit Akteuren, die vom Tourismus leben und die aktuellen Veränderungen vorantreiben, aber auch mit solchen, die energisch gegensteuern, weil sie erkannt haben, dass die Inseln Gefahr laufen, ihr Gesicht zu verlieren. Denn: Wie soll das typische Nordsee-Gefühl von Freiheit und Naturerlebnis entstehen, wenn die Inseln für Urlauber und Einheimische unerschwinglich werden? (Text: WDR) Deutsche TV-Premiere Mi. 26.08.2026 WDR Kritisch reisen: Jakobsweg – Ich bin dann mal anstehen
Folge 18 (45 Min.)Er gehört zu den bedeutendsten Pilgerwegen der Welt. Und die ganze Welt ist auf ihm unterwegs: der Jakobsweg. Seitdem Hape Kerkeling mal weg war, hat sich der Strom der Pilger verfünffacht, zur Hauptsaison kommen mittlerweile Tag für Tag 5000 Pilger am Grab des heiligen Jakobus in Santiago de Compostela an: „Ich kann das Klackern der Wanderstöcke auf dem Asphalt nicht mehr hören,“ sagt Montserat Vilar, die sich in einer Nachbarschaftsinitiative engagiert. Viele Anwohner ärgern sich über grölende Gruppen, stinkende Funktionskleidung, die in der Altstadt zum Trocknen ausgebreitet wird oder Badende im Barockbrunnen.Das Problem beginnt in Sarria, 117 Kilometer östlich von Santiago de Compostela. Hier starten die meisten Pilger, denn sie müssen mindestens 100 Kilometer gewandert sein, um die begehrte Pilgerurkunde zu bekommen. Als Sigrid Möricke (62) in Sarria ankommt, hat sie bereits gut 600 Kilometer auf dem Buckel. Sie geht den Pfad aus spirituellen Gründen. „Bis Sarria war ich oft völlig alleine unterwegs“, sagt sie. Jetzt aber findet sie sich zwischen jungen Menschen, die ihren Rucksack von einem Gepäckservice transportieren lassen, laut Musik hören oder Videos für Social Media machen. Freizeittourismus, findet Sigrid Möricke. Wenn die Pilger an der Kathedrale in Santiago der Compostela ankommen, fallen sich viele weinend in die Arme, skandieren Schlachtrufe, ziehen ihre Schuhe aus. All das betrachtet Bürgermeisterin Goretti Sanmartín vom Rathaus gegenüber. Sie möchte, dass sich etwas ändert in ihrer Stadt. „Wir wollen hin zu einem qualitativen Tourismusmodell, das vor allem Menschen wertschätzt, die hier mehrere Tage verbringen und unsere Kultur kennenlernen möchten und die nicht nur ein paar Runden um die Kathedrale drehen, ein Souvenir kaufen und wieder abreisen.“ Die mächtige Regionalregierung Galiziens dagegen findet: Je mehr, desto besser – davon würde die Region doch enorm profitieren. Das bringt etliche Einwohner Santiago de Compostelas auf die Palme. Ein Protestmarsch zieht um die Altstadt, die zum Unesco Weltkulturerbe gehört. Demonstranten rufen: „Wir wollen Nachbarn und keine Touristen.“ „Ich soll ab sofort 200 € mehr für meine Wohnung zahlen,“ sagt Schauspielerin Iolanda Muiños, die hier seit 25 Jahren lebt. Bezahlbarer Wohnraum wird knapper, auch weil viele Wohnungen legal oder illegal an die Besucher vermietet werden. „Ich werde Santiago verlassen“, sagt Iolanda Muiños. WDR Reporter Ulf Eberle hat sehr unterschiedliche Pilger kennengelernt: Marcello, der mit seiner Katze unterwegs ist. Babette, die die Asche ihres verstorbenen Mannes mit sich trägt. Veronica und ihre Freundinnen, für die Spaß wichtiger ist als Spiritualität. Wie kann es gelingen, dass Pilger und Anwohner besser miteinander auskommen und wie erhält man trotz des Massenandrangs den Zauber des Jakobswegs? Diesen Fragen geht diese Dokumentation nach. (Text: WDR) Deutsche TV-Premiere Mi. 02.09.2026 WDR Waffen aus dem 3D-Drucker – Klicken, drucken, schießen
Folge 19 (45 Min.)Sie bestehen hauptsächlich aus Plastik, lassen sich im Do-it-yourself Verfahren herstellen und können töten. Waffen aus dem 3D-Drucker. Die Bauanleitung für eine Schusswaffe ist heute nur einen Klick entfernt, verteilt im Netz, anonym, kostenlos und ihre Nutzung nahezu unkontrollierbar. Die WDR Story zeigt, wie eine neue Generation selbstgebauter Waffen zur wachsenden Gefahr wird. Bei einer Razzia in Eisenach gegen die rechtsextreme Gruppe Knockout 51 stießen Ermittler auf etwas Überraschendes: Teile einer Waffe aus dem 3D-Drucker.Das Modell heißt FGC-9 – kurz für „Fuck Gun Control“ – und ist zum Symbol einer globalen Untergrundszene geworden, die Waffenrecht und Sicherheitsbehörden herausfordert. „Diese Waffe ist ein Game Changer“, sagt Carola Leva, Waffen-Forensikerin beim Bundeskriminalamt. Denn erstmals lässt sich ein halbautomatisches Gewehr nahezu vollständig im Eigenbau herstellen, mit einem 3D-Drucker und legal erhältlichen Materialien. Seit Jahren kursieren Anleitungen für den Bau von Waffen im Netz, Ermittlungsbehörden warnen heute vor einer Entwicklung, die nur schwer kontrollierbar ist. „Es ist eine Utopie zu glauben, dass wir dieses Phänomen aufhalten können“, sagt auch Waffenexperte Leon Kersbergen von Europol. Doch woher stammt dieser Trend? Der Konstrukteur der Waffe FGC-9 tritt im Internet unter dem Pseudonym JStark auf. Mit Sturmmaske und Sonnenbrille ist er zur Ikone einer internationalen Waffenbau-Szene geworden. Sein radikales Ziel: Jeder Mensch soll Zugang zu Schusswaffen haben – ohne staatliche Kontrolle. Gemeinsam mit Rajan Basra vom King’s College London verfolgt die WDR Story die Online-Aktivitäten von JStark. „Mit der Veröffentlichung der Baupläne hat er viel riskiert“, sagt Basra. Der Extremismusforscher stößt dabei auf immer mehr Hinweise zu JStarks Weltbild: rassistische Kommentare, antisemitische Sprache und Posts voller Hass. Schließlich ist sich der Forscher sicher, den Erfinder der FGC-9 identifiziert zu haben. Die Spur führt nach Hannover. Doch die Menschen, die JStark und seine Waffe feiern, findet man quasi überall auf der Welt. Die Recherche führt die WDR Story-Autoren an unterschiedliche Orte und zeigt: Der Bauplan kursiert etwa bei rechtsextremen Terrorzellen in Deutschland und England, aber genauso bei Waffen-Enthusiasten in den USA, wo sich die Technologie immer weiterentwickelt. Vor allem junge Männer finden sich online zusammen. Es entstehen globale Netzwerke, die Waffenbau mit extremistischer Ideologie verbinden. Ermittler sehen politischen Handlungsbedarf. Doch was können Politik und staatliches Waffenrecht ausrichten, wenn sich tödliche Waffen immer einfacher selbst herstellen lassen? (Text: WDR) Deutsche TV-Premiere Mi. 09.09.2026 WDR
