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    4 Folgen, Folge 1–4

    • Folge 1 (60 Min.)
      Hitler hatte Prospekten der „Deutschen Arbeitsfront“ den Satz vorangestellt, der deutsche Arbeiter müsse sich erholen, „weil ich ein nervenstarkes Volk will; denn nur allein mit einem Volk, das seine Nerven behält, kann man wahrhaft große Politik machen“. Die „Deutsche Arbeitsfront“ als Gewerkschafts-Nachfolgeorganisation etablierte den Slogan von der „Kraft durch Freude“(KdF).
      Ein NDR-Team fuhr 1986 durch die Bundesrepublik und Österreich, um mit 30 Menschen Gespräche über ihre KdF-Schiffsfahrten zu führen. Luxusdampfer waren bis dato ein Privileg. Als geschickter propagandistischer Schachzug konnten „Volksgenossen“ ins Mittelmeer, nach Teneriffa oder nach Norwegen reisen.
      Erstaunlich, mit welcher Präzision und Lebhaftigkeit sich die Beteiligten vor allem an die populären „Nordland-Fahrten“ (1934–1939) erinnern konnten. Zwar sind Jahrzehnte vergangen, aber von der Einschiffung in Hamburg über die fröhlichen Kostümfeste an Bord bis zum Befahren der Fjorde waren unzählige Erlebnisse präsent.
      Die meisten Fahrgäste waren damals zwischen 18 und 22 Jahre alt, – „Teenager“, die diesen neuartigen Massentourismus enthusiastisch annahmen, – und sie haben wohl kaum wahrnehmen können, dass jede KdF-Fahrt unter Gestapo-Überwachung stand. Jedoch: Der Historiker Klaus Behnken, Rechercheur des Projekts „Reichshauptstadt privat“, hat Akten gefunden, in denen mit großer Akribie Wohlverhalten und Abweichungen der Urlauber notiert worden sind.
      Mitwirkende: Annette Uhlen, Heike Falkenberg, Robert Tillian. (Text: NDR)
      Deutsche TV-PremiereMi 21.10.1987Das Erste
    • Folge 2 (75 Min.)
      Die Reichshauptstadt Berlin nach den Olympischen Spielen 1936: Die Jahre der Konsolidierung des Dritten Reichs zeichneten sich aus durch das gute Leben einerseits und den Terror gegen die Andersdenkenden und Andersartigen andererseits. Darum wirft dieser „Sittenspiegel“ auf alles einen doppelten Blick. Neben dem wirtschaftlichen Aufschwung gibt es die Rüstung, neben dem „völkischen Unterhaltungsgut“ das „Artfremde“, Faszinierende.
      Nichts ist schwieriger, als noch einmal die Gleichzeitigkeit des Erlebens bei den damals jungen Berlinern darzustellen. Wolf Jobst Siedler sagt, das Reich sei viel normaler gewesen als es heute erscheine. Friedrich Luft (damals Adlatus von Werner Finck und gelegentlicher Feuilleton-Autor) merkt an, es habe sich „ungeheuer viel herübergerettet aus den 20er-Jahren“. Hans Abich kam als Student nach Berlin und war von der Hektik der Großstadt wie betäubt; Kristina Söderbaum kaufte sich erst einmal ein kleines Hütchen, damit sie erwachsener aussehe.
      In den Köpfen der Interviewpartner ist ein Stadtplan zurückgeblieben, den man abfragen kann und der mit dem Berlin von heute nur noch wenig zu tun hat. Da sind die Lokale in der Friedrichstraße und die Swing-Treffs im Delphi, da sind Schallplattenläden auf dem Tauentzien, in denen man illegal amerikanische Platten beziehen kann, und Geschäfte wie das Schuhgeschäft Leiser, aus denen die Juden von einem auf den anderen Tag verschwinden.
      Vielen Zuschauern mag diese Art von „Klatsch“ aus dem Dritten Reich suspekt vorkommen. Tatsächlich ist es auch für die Filmemacher schwierig, nicht klüger sein zu wollen als die Gesprächspartner. Dies ist ein Weg der „klimatischen“ Rekonstruktion, der nachfragt, ob man selbst sich in der Situation nicht manchmal ähnlich verhalten hätte. Immerhin: Die Arbeitslosigkeit geht 1937/​38 fast völlig zurück, man spricht von einem „Wirtschaftswunder“; der „Aufschwung“, so sagt Werner Finck in einem Zeitungsbeitrag, „sei die populärste Turnübung“. Die Nazis probieren die Moderne aus – in den Magazinen der Zeit kann man Berichte über Mode, Wohnungseinrichtungen und technische Errungenschaften durchblättern, die wie aus den 50er-Jahren oder noch später abgepaust erscheinen. Und dennoch: Die Kriegsvorbereitungen laufen, die Juden werden gebrandmarkt und aus dem Erscheinungsbild der Metropole getilgt.
      In den Gesprächen kommen u.a. Friedrich Luft, Annemarie Weber, Rainer Penkert, Hans Abich, Ilse Werner, Kristina Söderbaum, Margot Hielscher, Friedrich Meyer, Fritz Schulz-Reichel zu Wort. Weitere Mitwirkende: Gustav-Peter Wöhler, Walter Thielsch und Peter Behrens, Annette Uhlen, Marianne Rosenberg, Luggi Böttger. (Text: NDR)
      Deutsche TV-PremiereMi 21.10.1987Das Erste
    • Folge 3 (70 Min.)
      1938 erschien ein kleines Büchlein, das sofort ein Bestseller wurde: „Ich an dich“ von Dinah Nelken. Es handelte sich dabei um eine Liebesgeschichte, die nur in Form von Briefen, Fotos, Theaterbilletts und kleinen Fundstücken erzählt wurde. Was die große Leserschaft nicht wusste: Dinah Nelken war bereits im Exil. Sie hatte mit diesem Büchlein, wie sie heute selber sagt, noch einmal an das schöne unruhige Lebensklima der späten 20er-Jahre in Berlin anknüpfen wollen. Bis 1944 erzielte „Ich an dich“ eine Auflage von weit über 400.000 Exemplaren. Es fand sich im kleinen Bunkergepäck einsamer Frauen ebenso wie als letztes Treue-Geschenk für Männer an der Front.
      Bei der NDR-Recherche zu den Fernsehfilmen „Reichshauptstadt privat“ war auch „Ich an dich“ im Gepäck. Ob es eine Frau in Österreich oder Friedrich Luft war, Margot Hielscher oder ein Schiffsarzt in Bonn: Sie alle erkannten das Buch sofort wieder. „Ich an dich“ ist eine Chiffre für die heimlich gestohlenen und verwahrten kleinen Freiheiten im Dritten Reich. „Ich an dich“ ist auch in der populär-literarischen Form ein Hinweis auf den Zustand der Literatur in jenen Jahren: Nur noch das Fragment gilt, die Tagebuchnotiz. Im Lärm der Propaganda und der Bombeneinschläge wird die gebundene Form bedeutungslos.
      „Reichshauptstadt privat“ zeigt Bruchstücke aus den Lebensgeschichten dreier Frauen. Es sind eine Arbeiterin, eine Sekretärin, eine Ärztin. Diese Frauen sind einander in Berlin nie begegnet. Der Film bringt sie zusammen. Ihre Geschichten haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun – nur die Folie, vor der sich alles abspielt, ist die gleiche. Da sind die Daten, die alle kennen – die „Reichspogromnacht“, der Beginn des Krieges und die Feldzüge, nach Polen, Frankreich, Afrika. Da sind die Nächte in den Kellern, die Militärbürokratie, die Briefe an die Front, die Einsamkeiten, die Trauernachricht – da sind aber vor allem die Verletzungen, die auch 50 Jahre später kaum vernarbt sind. Härte verdeckt Sehnsucht, „unsere Jugend wurde uns gestohlen – von meinem Mann, der im Krieg war, und von den Kriegsjahren selbst“.
      Mitwirkende: Barbara Nüsse, Annette Uhlen, Marianne Rosenberg, Christoph Waltz, Tom Robinson. (Text: NDR)
      Deutsche TV-PremiereSo 25.10.1987Das Erste
    • Folge 4 (75 Min.)
      Hans Georg Studnitz führte im Auswärtigen Amt 1943–1945 heimlich Tagebuch. Er sagt: „Es gibt eigentlich nur sehr wenige Tagebuchaufzeichnungen über den Untergang Berlins.“ Studnitz’ Niederschriften sind von einer eigenartigen Präzision – „wie eine Kamera“ schaut er auf die Fress- und Vergnügungslust der Menschen, beurteilt er Propagandameldungen, geht durch brennende Trümmer. Und ebenso sachlich beschreiben viele andere ihre Zeit neben dem Faschismus, in Wartestellung, nur für das „Heute“ lebend. Wie dieses „Heute“ in Berlin zwischen 1941 und 1945 aussah, versucht der „Sittenspiegel“ in Streiflichtern zu rekonstruieren: das Banale und das Schreckliche, die Lebenslust und die Ohnmacht, die Intrige und die Bürokratie des Schreckens. Mittendrin stecken sie alle – und jeder, geradezu animalisch-instinkthaft, sucht sich sein Plätzchen, wo er das Leben noch einmal greifen kann: die kleine Nacht, die kleine Liebe, den kleinen Suff, den kleinen Ausbruch.
      In „Die Großstadt als Fuchsbau“ kommen Wolf Jobst Siedler, Brigitte Mira, Friedrich Luft, Ilse Werner, Alf Teichs, Kristina Söderbaum, Rainer Penkert, Hans Abich u.v.a. zu Wort. Das Filmteam hat in Fotoalben von Berlinern geblättert, die ihm ihre heimlichen „Feten“ zeigten und vom Fatalismus des Mittendrinseins erzählten: Man sei eingeschlossen, während draußen die Pest wütete.
      So ist es eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, aus diesen tausend Geschichten nur halbwegs Sinngebendes zu montieren. Der Zufall stiftet die Verbindungen, geheimnisvolle Übereinstimmungen schimmern durch die Aussagen. Diesmal stehen nicht die Leute im Widerstand im Mittelpunkt, sondern die Künstler mit ihrem flittrigen Kabarett, die Studenten mit ihren Zirkeln, die Arbeiterinnen in der Munitionsfabrik mit ihren Liebeswünschen. Es sind die Diplomaten und die Modeschöpfer, die noch ihren Luxus durch das Grau der Ruinen tragen. Egal, wer es erzählt: Immer wieder kommt einen das Gefühl eines letzten, großen Fests an. Viele wissen um das Morden und den Tod Unschuldiger – sie wissen es nur nicht genau.
      Ein letztes großes Fest… als Hitler nicht mehr aus seinem „Führerbunker“ in die Reichskanzlei zurückkehrte, als die Russen schon Teile Berlins besetzt hielten, feierten Offiziere und Blitzmädel in den Räumen der Speer’schen Reichskanzlei Orgien. Es wurde gesoffen und gehurt, es wurde Swing-Musik gespielt und alles befleckt. Die ewig neue Geschichte von der zerbrochenen Autorität.
      Mitwirkende: Barbara Nüsse, Gustav-Peter Wöhler, Walter Thielsch und Peter Behrens, Luggi Böttger, Peter Gabriel, Udo Lindenberg. (Text: NDR)
      Deutsche TV-PremiereSo 25.10.1987Das Erste

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