„The Diplomat“ im ZDF punktet als Krimi mit Humor und Atmosphäre – Review

Ermittlungen von britischer Konsulin und spanischem Polizisten wenig spannend, aber unterhaltsam

Stefan Genrich
Rezension von Stefan Genrich – 30.08.2025, 18:00 Uhr

In „The Diplomat“ begrüßt Sam Henderson (Steven Cree, r.) sein Team: (v.l.) Carl Hyndley (Dylan Brady), Laura Simmonds (Sophie Rundle) und Alba Ortiz (Serena Manteghi) – Bild: Luicia Faraig / ZDF
In „The Diplomat“ begrüßt Sam Henderson (Steven Cree, r.) sein Team: (v.l.) Carl Hyndley (Dylan Brady), Laura Simmonds (Sophie Rundle) und Alba Ortiz (Serena Manteghi)

Journalisten, Pfarrer, Putzfrauen, Rentner und Schriftstellerinnen lösen Kriminalfälle etwa in „High Potential“ sowie „Mord ist ihr Hobby“. Diplomaten verbreiten bislang eher Spannung in Politthrillern. Jetzt vertritt Sophie Rundle diese Berufsgruppe im klassischen Krimi und ermittelt als Konsulin Laura Simmonds in „The Diplomat“. In Barcelona hilft die Abgesandte des Vereinigten Königreichs ihren Landsleuten in Not: Laura betreut britische Staatsbürger im Fürstentum Andorra oder in den spanischen Regionen Aragon und Katalonien. Sie ist zur Stelle, wenn ein Tourist den Reisepass verliert oder in ein Verbrechen rutscht.

Im britischen Sechsteiler „The Diplomat“ untersucht Laura gemeinsam mit dem örtlichen Inspector Castells (Isak Férriz) den Tod des jungen Barkeepers Jay Sutherland (Niyi Ahin). Offensichtlich hatten Personen aus seinem Umfeld Dreck am Stecken – etwa Rechtsanwältin Mariona Cabell (Laia Costa) und der deutsche Lebemann Fabian Hartmann (Philipp Boos). Kennt Lauras neuer Vorgesetzter Sam Henderson (Steven Cree) das verdächtige Treiben viel zu gut? Steckt er mit Mariona und Fabian unter einer Decke? Erst langsam wächst das Misstrauen der Konsulin. Ohnehin stellt sie einige Dummheiten an, worüber man sich bei einer ausgebildeten Diplomatin ruhig mal wundern kann. Stellvertreterin Alba Ortiz (Serena Manteghi) und Assistent Carl Hyndley (Dylan Brady) entlasten Laura im Alltag und im Büro. Das Team und die spanische Polizei begreifen, dass Jay ermordet worden ist. Neben der übergreifenden Handlung um diesen Mordfall übernehmen die drei Amtsträger von Episode zu Episode wechselnde Aufgaben. Sie ringen zum Beispiel mit Raubüberfällen und retten ein verschlepptes Kind.

Der deutsche Restaurant-Chef Fabian Hartmann (Philipp Boos) wirft ein Auge auf Konsulin Laura Simmonds (Sophie Rundle). Andrea Resmini /​ ZDF

Inspector Castells verzieht keine Miene

Zum Einstieg verzieht Inspector Castells keine Miene in seinem Verhör, als eine Zeugin eine absurde Ausrede für ihren Drogenkonsum findet: Ja, wir haben ein paar Lines gezogen – aber nur, um die Schicht zu überstehen. Nach ihrer Meinung begründet Amy Callaghan (Eubha Akilade) schlüssig, dass sie und ihr Kollege Jay unbedingt Kokain schnupfen mussten. Bestürzt betrachtet sein angereister Vater Colin Sutherland (Danny Sapani) die Beweise, dass Jay gesoffen und gekokst hat. Andererseits beharrt der ältere Herr darauf, dass sein Sohn keineswegs bei einem Unfall gestorben sei. In seiner Wut und Verzweiflung greift Colin sogar die Sicherheitsleute von Fabian Hartmanns Restaurant „El Faro“ an, wo Jay seinerzeit die Gäste bediente.

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Aussage beruhigt Rechtsanwältin und Lebemann

Zunächst glauben Laura Simmonds und Inspector Castells, dass Jay leichtsinnig mit einem Jetski herumgeheizt und dabei ertrunken sei. Amys Rückblende auf die Ereignisse jener Nacht stützt diese Behauptung. Ihre Aussage beruhigt ihren Chef Fabian Hartmann und seine Anwältin Mariona Cabell. Später erkennen Laura und ihr spanischer Partner Inspector Castells erhebliche Widersprüche. Deshalb verlangt Mariona von ihrem Liebhaber Sam Henderson, seine eifrige Konsulin aufzuhalten. Nach der Hälfte der Miniserie bleibt unklar, welches Spiel dieser Generalkonsul Sam Henderson treibt. Zusammen mit seiner Bettgefährtin Mariona scheint er üble Pläne zu verfolgen. Oder hintergeht er Fabian Hartmann und dessen Rechtsverdreherin Mariona? Diese Unsicherheiten in der Handlung sind zu begrüßen. Erst die Abschlussfolge löst etliche Probleme. Indes kann ich den Freiraum für eine Fortsetzung nach drei gesichteten Episoden leider nicht einschätzen.

Inspector Castells (Isak Férriz) von der spanischen Polizei ermittelt im Todesfall eines britischen Barkeepers. Luicia Faraig /​ ZDF

Liebevoll platzierte Details erfreuen Zuschauerinnen und Zuschauer

Immer wieder erfreuen liebevoll platzierte Details, etwa indem Carl Hyndley eine Statistik über Attacken mit Messern studiert oder eine Urlauberin eine Dating-App einsetzt. Diplomatin Laura stolpert mitunter über den kriminalistischen Fach-Jargon. Alba schwärmt von Inspector Castells und motzt über miesen Sex mit einer Zufallsbekanntschaft. Colin Sutherland vermisst eine ungewöhnliche Uhr, die sein Sohn niemals abgelegt hätte. Ferner beeindruckt die traurige Szene, in der Jay identifiziert wird. Philipp Boos verbirgt den Charakter und die Absichten seiner Figur Fabian Hartmann, der eine Yacht und teure Immobilien besitzt. Er versprüht Charme und umgarnt Laura. Folglich betrügt sie ihren Lebensgefährten Tom (Ladi Emeruwa), der seinem Job im fernen Warschau nachgeht.

Trauernder Vater akzeptiert keine einfachen Antworten

Alba lästert über das „El Faro“ als Treffpunkt zugekokster Russen. Daraufhin meint Laura wegen der Sanktionen gegen Russland: Das dürften dort jetzt nicht mehr so viele sein. Andere Luxusgeschöpfe füllen die Lücken und vergessen jegliche Rücksicht. Jay bewunderte eventuell dieses Gehabe, sodass er zugedröhnt mit dem Jetski durch die Gegend brettern wollte. Gegen diese Theorie spricht, dass der Hauptschlüssel für den Flitzer verschwunden ist. Eine zweite Autopsie zeigt, dass Jay verprügelt wurde. Trotz der erschütternden Informationen behält Colin Sutherland seinen Stolz. Er lehnt sogar Lauras Einladung zum Kaffee ab: Ich habe meinen Sohn verloren und nicht mein Portemonnaie.

Der trauernde Vater akzeptiert keine einfachen Antworten auf seine Fragen. Laura bezweifelt ebenso einen Vorwurf von Lola (Mireia Vilupuig): Türsteher Dante Campana (Alejandro Toro Cuenca) soll Jay umgebracht haben. Mariona Cabell und ihr Auftraggeber Fabian Hartmann würden solch eine einfache Erklärung begrüßen, zumal sie eine geheime Aktion vorbereiten und jede Störung ihrer Machenschaften fürchten. Gleichzeitig bleibt Amy Callaghan von der Bildfläche verschwunden. Für den Geschmack von Mariona und Fabian weiß diese Zeugin zu viel über die Umstände von Jays Tod. Generalkonsul Sam Henderson stimmt den beiden Verschwörern zu, ohne wirklich in ihrem Sinne zu handeln.

Was bezweckt der britische Generalkonsul Sam Henderson (Steven Cree), wenn er heimlich Rechtsanwältin Mariona Cabell (Laia Costa) trifft? ZDF /​ UKTV 2022

Engländerinnen feiern in verrückten Kostümen

Derweil feiern ein paar Engländerinnen in verrückten Kostümen, dass ein Mädchen aus ihrem Kreis bald heiraten wird. Ein Kerl lauert zwei Party-Mäusen mit einem Messer auf. Aber er gerät an die falschen Opfer: Die beiden Girls vermöbeln den Gangster so hemmungslos, dass die Staatsanwältin zwischen einer Belobigung und einer Anklage schwankt. Bei einem weiteren Fall liegt der britische Vater Seth Miller (Bert Seymour) blutend auf seinem Bett. Seine kleinen Kinder vertreiben sich alleine die Zeit, während ihre Mutter Izzy (Tamsin Topolski) weggetreten in einer Kirche landet. Laura und Inspector Castells wollen das Familiendrama aufklären. Allerdings stoßen sie auf Gegenwehr aus der feinen Gesellschaft.

Nicht zuletzt bereut Sadie (Esther Hall) einen One-Night-Stand, denn der 25-jährige Mateo (Álex Bausá) klaut ihre Handtasche mitsamt Reisepass. Die nicht mehr besonders junge Touristin belügt die Konsulin so lange, bis der fiese Bursche Mateo droht, ein Sex-Video von ihrem Akt zu veröffentlichen. Lauras Stellvertreterin Alba versucht, die Abenteurerin zu besänftigen. Doch Sadie hofft gegen sämtliche Ratschläge, dass die Schmach durch eine Zahlung von 5000 € verschwindet.

Laut Sendermitteilung prägen solche Geschehnisse auch die restlichen drei Folgen von „The Diplomat“. So entführt Nathan (Joe Manjón) seinen kleinen Sohn Eli (Oliver Sánchez Murphy). Das Ehepaar Richard (Richard Ridings) und Amanda Watkins (Lindsey Coulson) könnte wegen einer Schlägerei mit einem Polizisten vor Gericht landen. Stuart Baron (Will Attenborough) bedrängt Influencerin Jenna Tyler (Natalie Spence), weil sie angeblich die Ideen ihres Konkurrenten gestohlen habe. Schließlich verletzt Stuart sogar Alba, die nun ums Überleben kämpft. Diese zusätzlichen Geschichten setzen eigene Akzente und erhöhen das Tempo der Handlung.

Inspector Castells (Isak Férriz, l.) übernimmt die schwere Aufgabe, mit Colin Sutherland (Danny Sapani) über dessen verstorbenen Sohn zu sprechen. Andrea Resmini /​ ZDF

Interessante Rätsel und faszinierende Irrwege reichen kaum

Eigentlich enthält „The Diplomat“ genügend Zutaten für einen packenden Krimi. Die übergreifende Handlung schenkt dem Publikum interessante Rätsel und faszinierende Irrwege. Dennoch kommt keine rechte Spannung auf.

Den Schurken wäre mehr Härte zu gönnen. Die Motive sowie das Verhalten von Sam Henderson und Fabian Hartmann lassen sich schlecht nachvollziehen. Laura Simmonds schwankt zwischen genialen Einfällen und dummen Reaktionen. Der schwule Assistent Carl Hyndley darf nur Stichwörter liefern, die Möglichkeiten seines Charakters werden nicht ausgeschöpft. „The Diplomat“ verschwendet einige Chancen. Zum Beispiel „Death in Paradise“ bietet mehr Schrullen und Schrägheiten. Angesichts guter Ansätze wären glaubwürdige Verwicklungen zu wünschen.

Wir sollten in dieser Angelegenheit proaktiv sein

Ungeachtet der Einschränkungen unterhält die Miniserie stärker als die meisten Schmunzelkrimis aus Deutschland. Überdies fangen die Macher von „The Diplomat“ die Atmosphäre der spanischen Metropole überzeugender ein als der lahme „Barcelona-Krimi“ im Ersten. Die Kameramänner Julián Elizalde und Matt North haben herrliche Ansichten der Stadt gesammelt und mit originellen Aufnahmen der ärmeren Viertel kombiniert. Diese Bilder verkommen nicht zum Selbstzweck, sondern bestätigen die Abläufe.

Zahllose Ideen garantieren Abwechslung. DJ Kormac hat einen entspannten Soundtrack aus Electronic und Experimental beigesteuert. Sogar in der deutschen Fassung reizen die gefühlvollen oder witzigen Dialoge. Spott und Selbstironie durchziehen die drei erfassten Episoden. Demnach lächelt Laura zurecht über Sam Hendersons hohle Sprüche: Wir sollten in dieser Angelegenheit proaktiv sein. Bei allen möglichen Mängeln gilt ein Fazit, das Laura nach einer heißen Nacht mit Fabian zieht: Ich fand es sehr schön.

Dieser Text beruht auf der Sichtung der Hälfte von sechs Teilen der Serie „The Diplomat“.

Meine Wertung: 3,5/​5

Das ZDF zeigt Doppelfolgen von „The Diplomat“ an drei Sonntagen nach dem „heute journal“ – am 31. August, 7. September und 14. September jeweils ab 22:15 Uhr. Ab 10:00 Uhr am Tag der Ausstrahlung stehen diese beiden Episoden für 30 Tage im Streamingportal vom ZDF bereit.

Über den Autor

Seit 2016 hat Stefan Genrich Websites entwickelt und an einer Hochschule unterrichtet. Vor einer siebenjährigen Pause bei fernsehserien.de würdigte er das weihnachtliche TV-Programm im United Kingdom: Sein Herz schlägt für britisches Fernsehen. Daher verfolgt er jeden Cliffhanger von „Doctor Who“. Der Journalist kritisiert nebenberuflich Serien. Ihn ärgern Mängel bei ARD und ZDF – oder er genießt „Tagesthemen“ sowie „Nord bei Nordwest“. Frühe Begegnungen mit „Disco“ und „Raumschiff Enterprise“ haben Spuren hinterlassen. Später scheiterte Stefan beim Versuch, die Frisur von „MacGyver“ zu kopieren. Wegen „Star Trek: Strange New Worlds“ und „1923“ mag er Paramount+.

Lieblingsserien: Frasier, Raumpatrouille, Star Trek – Deep Space Nine

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