Miniserie „Eden“: Thema Flucht als Panorama individueller Schicksale

    Internationales Ensemble wird leider „eingedeutscht“

    01.05.2019, 18:26 Uhr – Marcus Kirzynowski

    Miniserie "Eden": Thema Flucht als Panorama individueller Schicksale – Internationales Ensemble wird leider "eingedeutscht" – Bild: SWR/Pierre Marsaut
    Amare (Joshua Edoze) hofft auf eine bessere Zukunft in „Eden“

    Wohl kein Thema hat die öffentliche Diskussion so stark dominiert wie die sogenannte Flüchtlingskrise von 2015. Knapp vier Jahre später folgt nun die erste ausführliche Aufarbeitung des Themas in Form einer fiktionalisierten TV-Miniserie. Und welcher Sender könnte besser geeignet sein, sich dieses paneuropäischen Themas anzunehmen als der europäische Kulturkanal arte? „Eden“ verfolgt in sechs Episoden die Schicksale mehrerer (Gruppen von) Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise betroffen sind – von Geflüchteten selbst über Mitarbeiter von Flüchtlingslagern bis zu einer deutschen Gastfamilie – und wechselt dabei ständig zwischen den Handlungsorten Griechenland, Deutschland und Frankreich hin und her.

    Ausgangspunkt der Geschichte(n) ist ein Sommertag auf der griechischen Insel Chios. Vor den Augen verblüffter Strandurlauber nähert sich ein überfülltes Schlauchboot der Küste, die überwiegend dunkelhäutigen Insassen springen aus dem Boot und rennen an Land. Unter den Touristen befindet sich auch die deutsche Durchschnittsfamilie Hennings. Vater Jürgen (Wolfram Koch), ein Sportlehrer, und seine Ehefrau Silke (Juliane Köhler, „Nirgendwo in Afrika“) beschließen nach ihrer Rückkehr, aktiv zu werden und einen jungen Syrer bei sich zu Hause in Mannheim aufzunehmen. Ihr Teenagersohn Florian (Bruno Alexander) ist davon weniger begeistert und fühlt sich übergangen.

    Unterdessen sind zwei der Bootsflüchtlinge, Amare (Joshua Edoze) und sein älterer Bruder Daniel (Alexandros Asse-Longovitis), in einem griechischen Lager gestrandet. Insbesondere für Daniel geht die Bürokratie bis zur Anerkennung zu langsam ihren Gang. Eines Abends dreht er durch, zündet erst den Bürocontainer an und will dann mit seinem Bruder das Lager verlassen, um sich nach England durchzuschlagen. Als die gelangweilten Wachleute am Ausgang sie nicht gehen lassen wollen, weil Amare minderjährig ist, kommt es zur Katastrophe.

    Für Familie Hennings aus Mannheim wird das abstrakte Theme „Flucht“ durch ein Urlaubserlebnis allzu real.
    Für Familie Hennings aus Mannheim wird das abstrakte Theme „Flucht“ durch ein Urlaubserlebnis allzu real.

    Eine andere, ungleich privilegiertere Familie Geflüchteter kommt in Paris an. Der syrische Arzt Hamid (Maxim Khali), seine Gattin Maryam (Diamand Abou Abboud) und die gemeinsame Tochter konnten dank ihrer Kontakte den Weg über die französische Botschaft in ihrem Heimatland nehmen und sich so eine gefährliche Flucht über den Land- oder Seeweg ersparen. Doch bald fühlt sich Maryam von einem Landsmann bedroht, der ihren Mann aus Syrien zu kennen scheint. Welches Geheimnis verbirgt Hamid? War er vielleicht gar nicht der moralisch makellose Regimegegner, für den sie ihn bisher hielt? Der letzte Handlungsstrang ist der uninteressanteste: Er dreht sich um die Leiterin des Flüchtlingslagers Hélène Durand (Sylvie Testud, „Jenseits der Stille“), die versucht, Investoren zu gewinnen, um ihr Modell eines privatwirtschaftlich betriebenen Camps mit hohem Versorgungsstandard auf weitere Einrichtungen ausweiten zu können. Diese Figur bleibt trotz der renommierten Schauspielerin seltsam blass, ihre humanistischen Motive eher behauptet.

    Zum Glück wirken die meisten anderen Figuren glaubwürdiger und vielschichtiger. Dem Ansatz, grenzüberschreitend von den Auswirkungen der globalen Fluchtbewegungen im Kleinen zu erzählen, steht allerdings – wieder einmal – die Annahme deutscher Fernsehredakteure entgegen, ihre Zuschauer wollten keine Untertitel lesen. So ist die deutsche TV-Fassung der Serie durchgehend totsynchronisiert: Alle Figuren sprechen Deutsch, egal ob es sich um griechische Wachleute untereinander handelt oder um syrische Flüchtlinge, die gerade erst in Frankreich angekommen sind. Das zerstört natürlich jegliche Glaubwürdigkeit. Besonders absurd wird es, wenn der Synchronisationsansatz mit dem Drehbuch kollidiert. Da übersetzt dann etwa Hamid seiner Tochter die Antworten des Pariser Taxifahrers aus dem Französischen und zwei Sekunden später sprechen plötzlich doch alle die gleiche Sprache.

    Die Aufnahme von Flüchtling Bassem (Adnan Jafar) wird zum Streitpunkt zwischen Florian Hennings (Bruno Alexander) und seinen Eltern Jürgen und Silke (Wolfram Koch und Juliane Köhler)
    Die Aufnahme von Flüchtling Bassem (Adnan Jafar) wird zum Streitpunkt zwischen Florian Hennings (Bruno Alexander) und seinen Eltern Jürgen und Silke (Wolfram Koch und Juliane Köhler)

    Am Authentischsten wirkt entsprechend tatsächlich der Handlungsstrang um die Familie Hennings und den jungen Syrer Bassam (Adnan Jafar) – eben weil die wirklich Deutsch sprechen. Zwar werden die Motive der einzelnen Familienmitglieder, das neue „Familienmitglied“ aufzunehmen oder abzulehnen, etwas wenig herausgearbeitet – diffuses „Gutmenschentum“ bei den Eltern, ebenso diffuse Teenierebellion bei Florian -, das machen die Schauspieler aber wieder wett. Die Enge der Mannheimer Vorstadt, in die Bassam plötzlich verpflanzt wird, kommt zudem nachfühlbar rüber. Die emotional eindringlichste Geschichte ist die um den halbwüchsigen Amare, der sich ganz alleine auf den Weg nach Paris – und weiter nach England – macht. Als krasser Kontrast zu diesem „Armutsflüchtling“ wirkt die wohlhabende Familie von Maryam. Doch obwohl dank ihrer finanziellen Mittel und ihrer Kontakte in Frankreich mit offenen Armen aufgenommen, werden auch Hamid und seine Liebsten von dem verfolgt, was sie in ihrer Heimat erleben mussten. Etwas aufgesetzt – wenn auch dramatisch überzeugend – erscheint hingegen das Schicksal der beiden Griechen, die sich ohne böse Absicht schuldig gemacht haben und fortan ihres Lebens nicht mehr froh werden.

    Hélène (Sylvie Testud) führt ein Flüchtlingslager in Griechenland und will es als Pilotprojekt etablieren.
    Hélène (Sylvie Testud) führt ein Flüchtlingslager in Griechenland und will es als Pilotprojekt etablieren.

    Wirkt die Auftaktfolge von „Eden“ noch etwas zu bemüht am Reißbrett entworfen, gelingt es dem Autorenteam um Headwriter Constantin Lieb (Serienschöpfer: Edward Berger, Nele Mueller-Stöfen und Marianne Wendt), im weiteren Verlauf, die einzelnen Elemente zu einem großen Ganzen zusammenzufügen und einen zunehmenden Sog zu erzeugen. Gleichzeitig wird das gesellschaftspolitische Thema auf die individuelle Ebene runtergebrochen, verdeutlicht, dass hinter jeder Zahl in der Flüchtlingsstatistik ein menschliches Schicksal steht. Das ist schon mehr, als jede Nachrichtensendung vermitteln kann. Insofern ist es arte hoch anzurechnen, diese internationale Koproduktion umgesetzt zu haben. Aber beim nächsten Mal bitte auch mehrsprachig.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der kompletten Miniserie „Eden“.

    Meine Wertung: 3,5/5


    © Alle Bilder: SWR

    Der deutsch-französische Kulturkanal Arte zeigt die sechsteilige Serie „Eden“ am 2. und 9. Mai 2019 in zwei je dreiteiligen Blöcken – jeweils eine Woche vor der Ausstrahlung stehen die Episoden in der Mediathek zum Abruf bereit. Das Erste zeigt die Serie am 8. und 15. Mai ebenfalls in zwei Blöcken.

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit "Ein Colt für alle Fälle", "Dallas" und "L.A. Law" auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • User 1205618 (geb. 1970) am 04.05.2019 23:01

      Nach der ersten Hälfte der Serie kann ich mich weitestgehend der Wertung von Marcus K. anschließen. Die Sache mit der Syncro bei einer solchen Serie ist wirklich schwierig. Auf der einen Seite kann ich die Kritik verstehen, andererseits sehe ich aber auch die Problematik wie es ein user bereits kommentierte. Die Untertitel laufen zu schnell durch. Entweder Bild oder Text. Beides gleichzeitig ist bei 3 Folgen auf Dauer zu ermüdend bis nervig. Neu und hintergründig wird das ganze nicht erzählt. Da ist das arme Opfer, dass sich allein nach England durchschlagen will. Warum, weiß nur er allein. Man sieht wie die Schlepperei mit Schleusern abläuft, man sieht die deutsche gut betuchte Gutmenschen Akademikerfamilie als typisches Klischee und wie versucht wird mit der Flüchtlingsproblematik Geld zu machen, auf legalem Weg mit den Flüchtlingsheimen. Auch hier typisches Bild: Was schief läuft wird versucht zu vertuschen, um ja nicht den Geldfluss versiegen zu lassen. Soweit alles aus den Medien bekannt.
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      • LuckyVelden2000 (geb. 1963) am 02.05.2019 21:34

        rb-berlin

        bin bestimmt nicht Ausländerfeindlich kannste mir glauben.
        Im Gegenteil.
        Aber das Thema Flüchtlingspolitik hängt einen langsam zum Halse raus.
        Ist nun mal ein brenzliges Thema.
        Aber jeder muß selbst entscheiden was er sehen will oder was nicht
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        • rb-berlin am 02.05.2019 20:06

          @LuckyVeldem2000: Nur ja nichts tun, was den eigenen beschränken Horizont erweitern könnte. Womöglich bringt Sie diese Serie auch noch zum Nachdenken. Dieser Gefahr sollten Sie aus dem Weg gehen. Das Fußballspiel heute Abend sollten Sie auch unbedingt meiden, bei Eintracht Frankfurt spielen Ausländer mit. Noch viel Spaß bei Florian Silbereisen.
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          • User_766212 am 02.05.2019 18:15

            Die Kritik an "eingedeutschten" Synchronisationen kann ich nicht nachvollziehen. Die Alternative, die Originalsprache mit Untertiteln zu senden, ist in Wahrheit in den wenigsten Fällen eine. Die Schrift ist für Sehbehinderte wie mich oft viel zu klein, sie verschwindet viel zu rasch wieder vom Bildschirm und man kann entweder der Schrift oder der Handlung folgen, was zum Verständnis der Handlung nicht wirklich hilfreich ist. Nicht jeder kann jede Fremdsprache beherrschen und so ist die Synchronisation noch immer die Beste Möglichkeit um einen Film, eine Serie verständlich zu machen. Niemand ist gezwungen zuzusehen, der das oder den Inhalt nicht mag oder für uninteressant hält.
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            • LuckyVelden2000 (geb. 1963) am 02.05.2019 12:22

              so ein Käse auch noch zu verfilmen
              Werden doch schon genug damit konfrontiert was uns unsere Politiker alles eingebrockt haben
              Da muß man sowas nicht auch noch verfilmen.
              Ohne mich!!!
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