„Malcolm mittendrin – Unfair wie immer“: Fanservice aus dem Retro-Regal – Review

Das Revival der Nullerjahre-Comedy funktioniert bei Disney+ als Special, aber nicht als Miniserie

Gian-Philip Andreas
Rezension von Gian-Philip Andreas – 10.04.2026, 07:31 Uhr

Sein Leben bleibt chaotisch: Malcolm (Frankie Muniz) ist auch mit 40 immer noch mittendrin … im Schlamassel. – Bild: Hulu/Disney+
Sein Leben bleibt chaotisch: Malcolm (Frankie Muniz) ist auch mit 40 immer noch mittendrin … im Schlamassel.

Die Retro-Festspiele gehen weiter: Wenige Wochen nach der geglückten Rückkehr von „Scrubs“ kommt die nächste große Nullerjahre-Comedy mit Nachschub ums Eck. „Malcolm mittendrin: Unfair wie immer“ ist ein vorerst auf vier Episoden begrenztes Revival der beliebten Chaosfamilien-Sitcom, und von Frankie Muniz bis Bryan Cranston sind fast alle wieder mit dabei. Ist das ein neuer Anfang – oder nur ein kurzes Hallo in Form einer verfilmten Fan-Convention?

Je herausfordernder die Zeiten, desto mehr sehnt sich die Seele nach den schönen Stunden der Vergangenheit: Her mit dem Eskapismus von damals! Obwohl die Serien von früher heute fast alle nur einen Knopfdruck (oder ein Streaming-Abo) entfernt liegen, ist der Reiz doch groß, vom Alten sogar noch mehr bekommen zu können: Liegt nicht etwas Tröstliches darin, die Sitcom- und Serienhelden von damals analog zu uns selbst älter werden zu sehen? Auch darin liegen die ganzen Legacy Sequels und Revivals begründet, die die Unterhaltungsbranche seit Jahren heimsuchen.

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Was mit „Cobra Kai“ in größerem Stil begann, ist inzwischen gängiges Prozedere – und manchmal geht das auf, wie die neuen „Scrubs“-Folgen beweisen konnten, die den alten Style geschickt ins Heute transportierten. Die Krankenhaus-Comedy hatte es dabei insofern leichter, als die Hauptfiguren zwar um 15 Jahre gealtert waren, nicht aber ihre Funktion (als Ärzte oder Partner) verloren hatten.

Bei „Malcolm mittendrin“ ist die Sache komplizierter: Die siebte und bislang letzte Staffel der Comedyserie, die damals Sitcom-untypisch auf einen laugh track verzichtete und, wie „Scrubs“, im Single-Camera-Format gedreht wurde, liegt ganze zwanzig Jahre zurück, was eine Fortführung als Familiencomedy nur unter erheblichen Verrenkungen möglich macht. Eine Serie, in der es überwiegend um das Gezanke von ein paar halbwüchsigen Brüdern ging, lässt sich vom Konzept her kaum in eine Zeit übertragen, in der diese Jungs zu Vierzigjährigen herangereift sind. Die Notlösung, einfach eine „neue Generation“ in den Mittelpunkt zu stellen und die alten Stars zu Randfiguren zu machen, taugt auch nicht – hier lohnt erneut der Vergleich mit „Scrubs“, deren ungeliebte neunte Staffel damals genau auf diese Weise scheiterte.

Sind inzwischen um die 70: Mutter Lois (Jane Kaczmarek) und Vater Hal (Bryan Cranston) erfahren von Malcolm Ungeheuerliches. Hulu/​Disney+

Noch dazu hat sich die Uhr erkennbar weitergedreht. Frankie Muniz zum Beispiel, der den mit einem IQ 165 geschlagenen Titelhelden spielte, den mittleren von fünf Brüdern, wechselte nach dem Serienfinale alsbald den Beruf. Heute fährt er Stock-Car-Rennen in der zweiten NASCAR-Liga, vorletztes Jahr saß er in der australischen Version vom Dschungelcamp. Von den Darstellern seiner Serienbrüder hat man kaum mehr etwas gesehen, selbst Jane Kaczmarek, die Darstellerin von Malcolms dominant-lauter Mutter Lois, fliegt seit Jahren unter dem Radar. Und Serienschöpfer Linwood Boomer? Der hat nach „Malcolm mittendrin“ keine einzige weitere Serie mehr entwickelt.

Der einzige Beteiligte des alten „Malcolm mittendrin“, der danach noch einen großen Sprung nach oben gemacht hat im Entertainment-Business, ist natürlich Bryan Cranston, der es als drogenkochender Chemielehrer in „Breaking Bad“ zu einer der ikonischsten Serienfiguren aller Zeiten und mit Filmen wie „Trumbo“ zum oscarnominierten Großschauspieler brachte. Interessanterweise soll er es gewesen sein, der die Reunion von „Malcolm mittendrin“ ins Rollen brachte, während sich Autor Boomer lange bitten ließ. Geplant war zunächst ein Film, geworden ist es nun eine Miniserie – was fast schon ein zu großes Wort ist für die vier knapp halbstündigen Episoden, die jetzt gleichzeitig bei Disney+ an den Start gehen.

Es sind also alle wieder dabei?

Fast alle. Bryan Cranston und Jane Kaczmarek spielen erneut die Eltern der Chaosfamilie. Um deren geplantes Fest zum 40. Hochzeitstag dreht sich der Plot, die entsprechende Sause darf in Episode 4 in alter „Malcolm“-Tradition mustergültig entgleisen. Francis, der ewig strauchelnde älteste Bruder, wird wieder von Christopher Kennedy Masterson gespielt, zusammen mit seiner Immer-noch-Gattin Piama (Emy Coligado) scheint er derzeit in der Garage des Elternhauses zu residieren. Reese, Bruder Nummer zwei und damals der rüpelhafteste der Kinder, hat seinen Job als Schulhausmeister verloren und den Dunstkreis seiner Eltern offenkundig auch nie wirklich verlassen – als Schauspieler wieder mit dabei: Justin Berfield. Malcolms zwei jüngere Brüder gibt es auch noch, sie spielen aber nur Nebenrollen und wurden obendrein umbesetzt: Dewey, jetzt als Pianist auf Konzerttournee unterwegs, wird in einigen Flashbacks und Video-Chats von Caleb Ellsworth-Clark gespielt, der mit dem damaligen Darsteller vor allem die schönen Segelohren gemein hat. Und Jamie, damals noch ein Baby bzw. Kleinkind, hat es inzwischen zur US-Küstenwache geschafft – er taucht (gespielt von Anthony Timpano) nur kurz auf, ist eher ein Statist.

Darüber hinaus gibt es ein Wiedersehen mit vielen beliebten Nebenfiguren der damaligen Serie, von denen wir einige nennen dürfen (weil sie schon vorangekündigt wurden), andere aber gezielt verschweigen müssen, um den Überraschungseffekt nicht zu spoilern. Nicht fehlen dürfen zum Beispiel Lois’ alter Drogerie-Kollege Craig Feldspar (David Anthony Higgins) und Hals Pokerkumpels rund um Abe Kenarban (Gary Anthony Williams). Abes Sohn, der im Rollstuhl sitzende Asthmatiker Stevie (Craig Lamar Traylor), zugleich Malcolms bester Kindheitsfreund, ist natürlich auch wieder mit dabei – er ist inzwischen selbst Vater. Hinzu kommen Francis’ alte Kadettenfreunde von der Militärakademie und diverse andere mehr.

Gerade beim Jubiläumsfest in der vierten Episode taucht eine ganze Reihe Figuren von früher auf, teilweise allerdings nur in kurzen Cameos mit sehr wenig Dialog. Da wirkt es dann ein bisschen so, als habe man die entsprechenden Darsteller kurz an den Set gekarrt, um gefällige Nostalgieeffekte zu erzeugen. Andere Charaktere, die für die komische Dynamik der Serie damals wichtig waren, Großmutter Ida zum Beispiel, fehlen zwangsläufig – Darstellerin Cloris Leachman, für die Rolle Emmy-gekrönt, starb 2021.

Es gibt aber auch Neuzugänge?

Die gibt es. Eine neue Hauptfigur knüpft direkt an das Serienfinale 2006 an, in dem angedeutet wurde, dass Lois (mit damals fast 50) ein weiteres Mal schwanger war. Das Ergebnis – Kelly – ist heute entsprechend ein Teenager im besten College-Alter. Gespielt wird Kelly von Vaughan Murrae, die/​der sich einen Spaß daraus macht, das Gen-Z-Nesthäkchen ganz anders anzulegen als die Rabaukenbande von damals: Anders als Malcolm oder Dewey damals lässt sich die/​der nonbinäre Kelly nicht so leicht unterbuttern.

Wieder mal Krawall an der Weihnachtstafel: Malcolm neben (v. l.) Reese (Justin Berfield), Francis (Christopher K. Masterson), dessen Frau Piama (Emy Coligado) und Dewey (Caleb Ellsworth-Clark)Hulu/​Disney+

Die beiden anderen Neuzugänge sind weiblich und haben direkt mit Malcolm zu tun. Der nämlich hat sich in den vergangenen zwei Dekaden ein Leben weit abseits seiner stressigen Familie aufgebaut. Seit dem Studium in Harvard führt er ein erfolgreiches „grünes“ Softwareunternehmen im Charity-Kontext, privat lebt er in seinem eigenen Haus, seit einiger Zeit hat er mit Tristan sogar eine attraktive, selbstbewusste Freundin (gespielt von Kiana Madeira aus den „Fear Street“-Thrillern). Wichtiger noch: Malcolm ist alleinerziehender Vater einer Tochter im Teenageralter! Leah, gespielt von Keeley Karsten aus Steven Spielbergs „Die Fabelmans“, fühlt sich ganz genauso fehl am Platze im Leben, wie es Malcolm früher tat. Wegen ihr, sagt er, hat er es stets vermieden, das eigene Leben mit dem seiner alten Familie in Berührung kommen zu lassen. Das anstehende Hochzeitsjubiläumsfest – ist ja klar – kommt dem Arrangement in die Quere.

Passt das alles denn zusammen?

Mehr oder weniger – oder sagen wir: wenn man wirklich Lust darauf hat. Der alte Witz funktioniert am ehesten, wenn die damals schon erwachsenen Figuren miteinander agieren. Darsteller wie Kaczmarek, Higgins oder Williams können ihre damaligen Parts aus dem Effeff abrufen, egal, wie sehr sich das Umfeld gewandelt hat. Problematischer wird es bei den Brüdern von einst: An den Darstellern von Francis und Reese ist schnell ersichtlich, warum sie nach dem Serienfinale keine große Schauspielkarriere mehr gemacht haben. Die neuen Drehbücher machen ihnen auch keinen Gefallen damit, sie in arg dürftige Handlungsstränge zu verwickeln. Wenn Francis sich etwa darum bemüht, mit seiner anstehenden ersten Vaterschaft in Lois’ Prioritätenliste zu klettern, wirft das tatsächlich keinen einzigen gelungen Gag ab.

Auch Frankie Muniz hat als Malcolm Mühe, sich in der neuen Konstellation einen tragfähigen Protagonistenstatus zu erhalten. Fraglos ist die alte Figur, zwischen Verzweiflung, Unsicherheit und Überheblichkeit, noch ganz die alte – nur fehlen eben die angestammten Hackordnungsdynamiken im Brüdergefüge, bzw. wirken sie dort, wo sie doch noch vorkommen, eigenartig forciert.

Die eigentliche Rampensau ist aber sowieso Bryan Cranston, der sich seinem alten Faible für hemmungsloses Grimassieren ungebremst hingeben darf. Hal behelligt Lois vor dem anstehenden Jubiläum mit unangekündigten Gesangsständchen und sonstigen Überraschungen, verfällt dann nach einer familiären Enttäuschung kurzfristig in Depressionen, von der er sich mit einer Überdosis bewusstseinserweiternder Drogen zu kurieren sucht: Die Bühne ist bereitet für eine ellenlange surreale Einlage, in der sich Hal nackt wie ein Baby auf dem Boden wälzt, einem Bodhisattva begegnet und als sein eigener Psychiater selbst therapiert.

Hier fällt auf, dass Cranston nicht mehr der Cranston von 2006 ist – was nicht ganz unproblematisch ist für dieses „Malcolm“-Revival. Die Walter-White-Persona klebt unübersehbar an ihm, und wenn er da so sitzt in der Traumvision, im Halbschatten gefilmt, und seinem Ego nahelegt, die eigene Familie umzubringen, wirkt das auch unpassend bedrohlich – wie die vier Episoden überhaupt manchmal an ihrem unausgewogenen Tonfall leiden. Einmal dient ein schwerer Autounfall als Episodencliffhanger, einmal wird Malcolm rabiat in ein Auto geprügelt und einmal verrät Tristan ein brutales Detail aus ihrem Vorleben, das weniger lustig daherkommt, als es die Autoren möglicherweise geplant hatten.

Am frischesten wirkt das Ganze nicht dann, wenn wie früher „Boss of Me“ von They Might Be Giants auf der Tonspur erklingt, sondern immer dann, wenn Kelly oder Leah zumindest eine Ahnung von Zeitgenossenschaft in die Geschehnisse bringen. Sonderlich aufregende Plots bekommen sie zwar nicht, und wie die Haupthandlung Leah krampfhaft ins Universum der Restfamilie hineinzwingt, ist alles andere als elegant geraten. Doch schon daran, dass Leah von ihrem Vater Malcolm die „Sitte“ geerbt hat, die vierte Wand zu durchbrechen und direkt in die Kamera zu sprechen, ist abzulesen, dass sich eine eventuelle Weiterführung der Serie vor allem um sie drehen dürfte. Was sicher eine gute Wahl wäre.

Man sieht schon: Die Rubinhochzeit ist aus dem Ruder gelaufen. Ganz links im Bild: Nesthäkchen Kelly (Vaughan Murrae) mit Bruder Jamie (Anthony Timpano). Rechts sitzt Malcolm zwischen Tochter Leah (Keeley Karsten) und Freundin Tristan (Kiana Madeira, r.).Hulu/​Disney+

„Unfair wie immer“, in Gänze inszeniert von „Malcolm“-Stammregisseur Ken Kwapis, sollte man also weniger als eine (sehr) kurze neue Staffel betrachten und eher als eine Art Special. In seinen besten Momenten verrichtet es als willkommenes Wiedersehen für Fans von früher einen sehr soliden Dienst, ohne dabei Bäume auszureißen. Als Basis für eine „richtige“ neue Staffel kann man sich das Ganze schon deutlich weniger vorstellen – zu disparat wirkt der Mischmasch aus alten Streit-Gemengelagen und neuen Lebenssituationen, zu uneinheitlich ist die schauspielerische Qualität, zu dünn leider auch die Gagdichte.

Am ehesten unterstreicht das die vierte Episode mit der Jubiläumsparty, die im Rahmen der Miniserie gewiss als Höhepunkt gedacht war, dann aber doch rein bisschen unterwältigt. Etwas Rührseligkeit, ein wenig Slapstick-Chaos, eine Prise Furz-Humor und dazu dann noch die Parade „verdienter Mitarbeiter“, deren Mehrwert über simplen Fanservice hinaus kaum ersichtlich ist: Neuland wird hier nicht gewonne, aber am Ende wird immerhin gemeinsam getanzt.

Für wenige Cameo-Sekunden taucht im Finale übrigens ein ganz aktueller Star aus einer ganz anderen Serie auf – umso deutlicher wird dadurch, wie viel sich seit 2006 getan hat, gerade auch im Sektor der Familienkomödie. Ein „Malcolm mittendrin“ von heute (nach „Shameless“, „Modern Family“ oder auch „The Middle“) kann sich nicht auf dem „Malcolm mittendrin“ von damals ausruhen, zumindest nicht, wenn es mehr sein möchte als ein kurzer, spaßiger Gruß aus dem Gestern.

Meine Wertung: 3/​5

Die vierteilige Miniserie „Malcolm mittendrin – Unfair wie immer“ ist seit dem 10. April bei Disney+ abrufbar.

Über den Autor

Gian-Philip Andreas hat Kom­mu­ni­ka­tions­wis­sen­schaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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