Horst Schlämmer (Hape Kerkeling) genießt die norddeutsche Ruhe – aber wie lange?
Bild: Leonine Studios
Wir schreiben den 28. Mai 2006. Zur besten Sendezeit läuft bei RTL der Dauerbrenner „Wer wird Millionär?“, dieses Mal mit einem Prominentenspecial anlässlich der anstehenden Fußball-WM im eigenen Land. Unter den Kandidaten befindet sich auch Horst Schlämmer, seines Zeichens stellvertretender Chefredakteur beim (fiktiven) Grevenbroicher Tagblatt, den Entertainer Hape Kerkeling schon ein Jahr zuvor erstmals auf die Menschen losließ. Was folgt, ist ein Highlight deutscher Fernsehunterhaltung. Denn kurzerhand kapert der windige Lokalreporter mit dem grauen Trenchcoat und dem Überbiss den Stuhl von Moderator Günther Jauch und zwingt ihn, an seiner Statt die kniffligen Fußballfragen zu beantworten. Für den amüsanten Rollentausch, der von der Spontanität der beiden TV-Größen lebt, gibt es später den Deutschen Fernsehpreis.
Momente wie dieser zeigen, was den anzüglichen, nie Distanz wahrenden Schlämmer, ein Relikt aus einer miefigen BRD-Zeit, so beliebt machte. Dass eine Figur, die in kurzen Sketchen auf dem kleinen Bildschirm funktioniert, auf der großen Leinwand verloren wirken kann, demonstrierte drei Jahre später allerdings die Klamotte „Horst Schlämmer: Isch kandidiere!“, die dem rheinischen Schreiberling auf dem Weg in die große Politik folgte. Ein Kinofilm ist etwas anderes als ein TV-Ausschnitt, sollte eine Geschichte erzählen, die das Publikum über 90 Minuten oder mehr gefangen nehmen kann. Diverse Witzeinlagen irgendwie aneinanderzureihen – damit ist es nicht getan.
Leider steht aber auch der zweite Leinwandausflug ganz unter diesem Motto. Nach dem Stefan-Raab-Comeback und dem „Stromberg“-Revival kehrt mit Kerkelings Horst Schlämmer ein weiteres bekanntes Fernsehgesicht nach vielen Jahren zurück ins Licht der Öffentlichkeit. Dabei fehlen erneut ein klarer Plan und frische Ideen.
Schauspielerin Gaby Wampel (Tahnee Schaffarczyk) in einer ihrer Paraderollen Leonine Studios
Angelegt als Mockumentary, also als Fake-Doku, beginnt „Horst Schlämmer sucht das Glück“ zur Zeit der Covid-Pandemie. Mit Mühe und Not schlägt sich der Titelheld, wenn man ihn denn so bezeichnen möchte, durch die Lockdowns, wie er dem Publikum in selbst gedrehten Handyvideos erklärt. Auf Kurs halten ihn einzig die vielen unterschiedlichen Fernsehproduktionen seiner Lieblingsschauspielerin Gaby Wampel (Comedienne Tahnee Schaffarczyk in ihrer ersten Kinorolle), die er in den heimischen vier Wänden rauf- und runterschaut.
Nach dem Abklingen der Pandemie ist Schlämmer eigentlich sehr zuversichtlich, wenn da nicht zwei Dinge stören würden: Seine Stammkneipe hat die Lockdowns nicht überlebt, ist nun ein Waschsalon, und die Menschen sind nach wie vor äußerst übellaunig, haben „Rücken im Gesicht“, wie es der selbst unter Kreuzbeschwerend leidende Schnapsliebhaber bezeichnet. Für den knallharten Investigativjournalisten gibt es nur eine Antwort: Einen echten Film drehen, in dem er überall in Deutschland nach Spuren des Glücks Ausschau hält. Begleitet von Anna (nie richtig zu sehen, da ihre Figur die Kamera hält: Laura Thomas), der Social-Media-Redakteurin des Grevenbroicher Tagblatts, begibt sich Schlämmer auf die Reise.
Horst Schlämmer (Hape Kerkeling) hat die Arbeit nicht erfunden.Leonine Studios
Was sehr schnell auffällt: Ehrliches Interesse am Gemütszustand der Deutschen, an der Verfassung unserer krisengeschüttelten Gesellschaft hat die von Claudius Pläging („Perfekt verpasst“) geschriebene und von Sven Unterwaldt Jr. („Club Las Piranjas“) inszenierte Komödie nicht. Allgemeinplätze à la „Wir sehen immer alles negativ“ reichen den Machern als Beschreibungsmerkmale offenbar völlig aus. Während der neue „Stromberg“-Film immerhin darum bemüht war, die Auswirkungen des sozialen Wandels auf seinen aus der Zeit gefallenen Protagonisten zu ergründen, gibt sich „Horst Schlämmer sucht das Glück“ auch in diesem Punkt mit minimalem Aufwand zufrieden. Die als Figur weitgehend eine Chiffre bleibende Anna (isst kein Fleisch, guckt häufig auf ihr Handy) dient in manchen Momenten als Korrektiv zum grenzüberschreitenden Reporter, kommentiert seine Flirtattacken etwa mit den Worten „Horst, das macht man heute nicht mehr“. Echte Reibung? Fehlanzeige!
Große Satire darf man von einem Film wie diesem sicher nicht erwarten. Kurzweilig unterhalten sollte er dann aber schon. Und selbst da hakt es von Anfang an. „Horst Schlämmer sucht das Glück“ erweist sich als Roadmovie, das oft dürftig motiviert von einer Episode, einer Station zur nächsten springt und dabei tief in die Klischeekiste greift. Im Kurort Bad Lobenstein trifft der gemächlich dahinzuckelnde Reporter auf eine Lach-Yoga-Gruppe, die aus lauter Althippies besteht. In Berlin macht er Bekanntschaft mit Clangangstern – was auch sonst!? Auf Sylt fühlt er den reichen Schnöseln auf den Zahn. Und in Thüringen will er klären, warum dort (er landet jedoch in Sachsen) angeblich die unzufriedensten Menschen leben. Auch wenn das Drehbuch ab und an Stereotype aufbricht, ist all das unglaublich vorhersehbar und zum Gähnen langweilig.
Die Beliebigkeit, die hier regiert, tritt nicht zuletzt in einem Gespräch mit Rainer Maria Kardinal Woelki zum Vorschein. Was dabei sauer aufstößt: Ausgerechnet der Kölner Erzbischof, der bekanntlich bei der Aufarbeitung von sexuellen Missbrauchsfällen in seinem Bistum höchst fragwürdig agierte, darf sich als volksnaher Geistlicher präsentieren. Bezeichnend für den ganzen Film ist wahrscheinlich, dass ein Treffen zwischen Horst Schlämmer und Markus Söder zu den witzigsten Momenten überhaupt gehört. Die laut dem so breitbeinigen bayerischen Ministerpräsidenten improvisierte Passage lässt zumindest ein wenig Selbstironie durchscheinen, obschon auch ihr echter Biss abgeht.
Hape Kerkeling spielt im Film eine überzeichnete Version seiner selbst.Leonine Studios
Rund ein Drittel der Laufzeit machen die immer wieder eingestreuten Gaby-Wampel-Abschnitte aus, die das Mockumentary-Format aufbrechen. In immer neuen, betont überzogen inszenierten Serienrollen – unter anderem als Buschärztin, als alleinerziehende Mehrfachmutter und als Kommissarin – sehen wir die Lieblingsschauspielerin Schlämmers alles geben. Ein Meta-Kniff, mit dem „Horst Schlämmer sucht das Glück“ das deutsche Formelfernsehen durch den Kakao ziehen möchte. Ironischerweise ist der Film aber ähnlich banal, wie das, was er parodiert. Dass diese Ebene nicht nur als Füllmaterial dient, lässt sich auch ohne kriminalistische Expertise rasch erschließen. Und doch ist es zum Augenrollen, wie albern die Glückssuche und der Schmonzetten-TV-Strang im Finale zusammengebracht werden.
Hauptdarsteller Hape Kerkeling, der in den Wampel-Einschüben zudem verschiedene Parts bekleidet, ist dennoch mit großer Spiellust bei der Sache. Erfrischend unprätentiös gibt sich der Unterhaltungsexperte auch in einer Episode, in der er sich selbst verkörpert. Und zwar als missmutig-herablassenden Promi, der in einem Kaufhaus eine Signierstunde für sein neues (fiktives) Buch „Glücklichkeit kennt keine Grenzen“ (eine Anspielung auf das Titellied des Hape-Films „Kein Pardon“) abhält. Über augenzwinkernde Momente wie diesen kann man schmunzeln. Angesichts zahlreicher Flachwitze (Fischer haben es schwer – es sei denn, sie heißen Helene) und einer ziellosen Pseudohandlung ist man am Ende aber reif für den Lach-Yoga-Kurs aus Bad Lobenstein.
Meine Wertung: 1,5/5
Der Kinofilm „Horst Schlämmer sucht das Glück“ startet am Donnerstag, dem 26. März in den deutschen Kinos.
Über den Autor
Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.