„Kevin Can F**k Himself“: Gefangen in der Sitcom-Hölle – Review

    Prime-Video-Serie beleuchtet die Schattenseiten des Sitcom-Ehefrauen-Daseins

    Gregor Löcher
    Rezension von Gregor Löcher – 26.08.2021, 17:30 Uhr

    Keine Ehe für Rosamunde Pilcher Fans: Allison (Annie Murphy) und Kevin (Eric Petersen) in „Kevin Can F**k Himself“ – Bild: Screenshot/AMC
    Keine Ehe für Rosamunde Pilcher Fans: Allison (Annie Murphy) und Kevin (Eric Petersen) in „Kevin Can F**k Himself“

    Man stelle sich vor, das eigene Leben sei eine Sitcom. Alle finden alles lustig, was einem passiert. Ob man nun mit Ketchup bekleckert wird, mit Alkohol bespuckt wird, oder der heißgeliebte Couchtisch von Pottery Barn unter einem zusammenkracht. Vor allem aber, wenn der eigene, unglaublich unfähige Ehemann eine sinnfreie Aktion nach der anderen durchzieht, und alle herzhaft darüber lachen können – außer einem selbst. In dieser Lebenslage befindet sich Allison, seit nunmehr zehn Jahren mit Vollversager Kevin verheiratet, und seit geraumer Zeit in stiller Verzweiflung unter den geschilderten Verhältnissen leidend. Wie sieht eigentlich das Innenleben jener Sitcom-Ehefrauen aus, deren einzige Rolle es zu sein scheint, tapfer über die „lustigen“ Unzulänglichkeiten ihrer Ehemänner hinwegzusehen und die dadurch regelmäßig entstehenden Schäden wieder auszubügeln? Mit dieser Frage beschäftigt sich „Kevin Can F**k Himself“, das in seinem Heimatland USA im Juni bei AMC gestartet ist und hierzulande ab dem morgigen Freitag bei Amazon Prime gestreamt werden kann.

    Wenn Allison (Annie Murphy, „Schitt’s Creek“) nicht gerade Kevins (Eric Petersen) Wäsche macht, oder Kevin zu mehr Verantwortung ermahnt, oder verhindert, dass Kevin ihren Couchtisch schmutzig macht, streift sie durch ihre Heimatstadt Worcester in Neuengland und träumt von einem besseren Leben.

    Ein besseres Leben bedeutet für Allison vor allem eins: ein schöneres Zuhause. Raus aus dem Rattenloch, in dem sie mit Kevin festsitzt, und in dem sie sich mehr als einmal die Überreste von Schädlingen von den Schuhsohlen kratzen muss, die sie vorher zertreten hat. Nicht zuletzt auch weg von den Nachbarn, die Kevin in Sachen Einfältigkeit um nichts nachzustehen scheinen und Allison zusätzlich nerven.

    Als der genrvten Ehefrau von einem Immobilienmakler der Mund wässrig gemacht wird, sich von ihren Ersparnissen endlich ein Eigenheim zuzulegen, sieht sie ein Licht am Ende des Tunnels und ringt Kevin das Zugeständnis ab, den Traum vom neuen Zuhause wahr zu machen. Was ihre Nachbarin Patty (Mary Hollis Inboden, „The Real O’Neals“) zu berichten hat, dämpft ihren Optimismus jedoch: Kevin hat ihr Sparkonto leergefegt, von dem über Jahren mühsam abgesparten Geld ist nichts mehr da – folglich sitzt Allison auf absehbare Zeit in ihrer aktuellen Behausung fest. Das führt dazu, dass sie beginnt, sich vorzustellen, wie sie Kevin tötet – und alsbald beschließt sie, zumindest diesen Tagtraum in die Realität umzusetzen.

    Gefangen in der Sitcom-Hölle: Ein ums andere Mal muss Allison die Rolle der Spielverderberin mimen Screenshot/​AMC

    Obschon man Allisons Verzweiflung spüren kann und wahrlich selbst auch nicht an ihrer Stelle sein wollte, kann man es übertrieben finden, dass sie ihren Ehemann nun um die Ecke bringen will. Stellvertretend für die Zuschauenden fragt eine Bibliothekarin, bei der Allison „Recherchen“ zum Thema „Der perfekte Mord“ durchführen will, warum eine Ehefrau in dieser Situation ihren Mann denn nicht einfach verlässt, anstatt zu so einem drastischen Mittel zu greifen.

    Dazu hilft es aber, die Hintergründe zu verstehen, die überhaupt zum Entstehen von „Kevin Can F**k Himself“ geführt haben: In der Sitcom „Kevin Can Wait“ von 2016 mit Kevin James in der Hauptrolle wurde nach der ersten Staffel beschlossen, die Serie neu auszurichten und auf James’ Serien-Ehefrau Donna zu verzichten; folglich wird im Auftakt der zweiten Staffel nur am Rande erwähnt, dass Donna off-screen gestorben ist. Die genauen Umstände sind nicht weiter relevant, die Todesnachricht ist sogar noch für einen Lacher des Publikums gut. Weniger wertschätzend kann man einen Charakter, und auch die Schauspielerin in der Rolle (Erinn Hayes), nicht loswerden.

    Und somit lässt sich Allisons Mordplan als Rache all jener Sitcom-Ehefrauen an ihren Ehemännern deuten, denen sie treu ergeben sind, ohne dass dies nach objektiven Maßstäben nachvollziehbar wäre. In diesen Fällen scheint denn auch nur die Frau, nicht jedoch der Mann vorherrschende Schönheitsideale erfüllen zu müssen. Unvergessen die Szene in „Will & Grace“, als Karen und Jack durch die Kanäle zappen und resigniert jede der ausgestrahlten Sendungen kommentieren mit Fat man, skinny wife. Oder eine andere Szene, in der Will sich endlich dazu durchringt, sich „King of Queens“ anzusehen, und konstatiert She wouldn’t stay with him – bezogen auf Carrie, die On-Screen Ehefrau von dem auch dort die Hauptrolle spielenden Kevin James.

    Weitaus düsterer sieht es in Allisons Leben fernab der Lachplatte aus Screenshot/​AMC

    Um die Anspielung auf „Kevin Can Wait“ und Co. zu verdeutlichen, bedient sich „Kevin Can F**k Himself“ eines wahrhaft originellen Kniffs: Alle Szenen, die Allison mit Kevin zeigen, sind im Sitcom-typischen Multi-Camera-Verfahren gedreht, inklusive Video-Look, knalliger Farben und Lachern vom Band. Die sonstigen Szenen sind im für Drama üblichen Single-Camera-Setup gedreht – vorwiegend in gedeckten Grün- und Brauntönen gehalten und somit um einiges düsterer.

    Die scheinbar heitere Ehehölle, in der sich Kevin beispielsweise einen unnötigen Kleinkrieg mit den neuen Nachbarn liefert, kontrastiert auf diese Weise umso mehr mit Allisons restlichem Leben, in dem diese kaum mehr ihre aufgestaute Frustration kontrollieren kann und ihre Wut nicht nur an Briefkästen und Vitrinen auslässt, sondern auch an Gesichtern bzw. Nasen mehrerer Männer – nicht Kevins, wohlgemerkt. Noch nicht. Der einzige andere Lichtblick in Allisons Leben scheint – neben den schnell in sich zusammenfallenden Plänen vom eigenen Haus – die Rückkehr von Highschool-Freund Sam (Raymond Lee, „Here and Now“) zu sein, der nun ein eigenes Diner besitzt, in welches sich Allison ein uns andere Mal verirrt – wobei sie selbst nicht so genau weiß, was sie dort eigentlich zu finden hofft.

    Interessantes Duo: Allison und ihre Nachbarin Patty (Mary Hollis Inboden) Screenshot/​AMC

    Die innovative Umsetzung von „Kevin Can F**k Himself“ sowie die Entstehungsgeschichte als Antwort auf das umstrittene „Kevin Can Wait“ und andere vergleichbare Sitcoms haben bereits im Vorfeld hohe Erwartungen an die neue AMC-Serie ausgelöst, als diese vor mittlerweile mehreren Jahren angekündigt wurde. Als perfekt gelungen kann sie wohl noch nicht bezeichnet werden – genauso planlos, wie Allison durch ihr trostloses Leben navigiert, scheint auch das Drehbuch noch nicht so recht zu wissen, wo es hingehen soll – oder es ist nur sehr gut darin, dies vor den Zuschauenden zu verbergen.

    Wir sehen hier nicht die langsame Frustration und das Aufbegehren einer Frau, die ihre ganze Ehe lang zurückstecken musste. Vielmehr ist Allison von Beginn an so geladen, dass man sich wundern muss, dass sie Kevin nicht schon längst etwas angetan hat. Pünktlich zum Ende der ersten Folge steht ihr Entschluss fest, ihn zu ermorden. Die weitere Handlung beschäftigt sich mit der Planung und Vorbereitung ihres beabsichtigten Verbrechens. Es bleibt sehr zu hoffen, dass sich die Serie nicht darin erschöpft, die Ausführung eines perfekten Mords zu beleuchten. Denn das wäre leidlich innovativ und würde der anerkennenswert ungewöhnlichen Machart nicht gerecht.

    Vor allzuviel Düsterkeit haben die Macher der Serie zugegeben keine Berührungsängste – es könnte also durchaus noch die eine oder andere Grausamkeit folgen. Insofern ist „Kevin Can F**k Himself“ keine Dark Comedy, sondern eher ein Dark Drama: Die kurzen Sitcom-Sequenzen dienen nicht als Comic Relief, sondern untermauern die Hölle, die Allison ihr Leben nennt.

    Die ersten Folgen machen auf jeden Fall neugierig darauf, ob und wie Allison es gelingen wird, sich aus ihrer Lage zu befreien. Und gleichzeitig kann man sich fragen, ob die Serie einem „echte“ Sitcoms nun für immer ruiniert hat, und man sich auch beim Ansehen alter „King of Queens“-Folgen nun ständig fragt, ob Carrie ihrem Doug nun doch gleich einen abgebrochenen Flaschenhals in den – äh, Hals rammt. Insofern hat „Kevin Can F**k Himself“ bereits jetzt einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

    Dieser Text beruht auf Sichtung der ersten zwei Episoden der achtteiligen ersten Staffel von „Kevin Can F**k Himself“.

    Meine Wertung: 3,5/​5

    Die Serie „Kevin Can F**k Himself“ feiert in Deutschland am 27. August 2021 bei Prime Video ihre Premiere. Dann wird die komplette, achtteilige Staffel veröffentlicht.

    Blick hinter die Kulissen von „Kevin Can F**k Himself“ (englisch)

    Über den Autor

    Gregor Löcher wurde in den späten 70er-Jahren in Nürnberg geboren und entdeckte seine Leidenschaft für Fernsehserien aller Art in den 80er-Jahren, dem Jahrzehnt der Primetime-Soaps wie dem Denver Clan und Falcon Crest, was ihn prägte. Seitdem sind Faibles für viele weitere Serien und Seriengenres hinzugekommen, namentlich das der Comedyserie. Seit 2008 ist er als Webentwickler für fernsehserien.de tätig und hat zum Glück nach wie vor die Zeit, sich die eine oder andere Serie anzusehen.

    Lieblingsserien: Desperate Housewives, 24, Will & Grace, Die Brücke

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am via tvforen.de

      Ich bin jetzt bei der 4. Folge und finde die Serie echt gelungen.
      An die unterschiedlichen Macharten kann man sich schnell gewöhnen, das ist mal ein echt cooles "Experiment".

      Snake
      • am

        Leider taugt die Serie nicht viel. Man kann im Hintergrund deutlich hören, wie sich die Macher schön auf die Schulter klopfen und ihren eigenen Intellekt feiern, aber mehr als die Beobachtung, dass diverse Fernsehklischees problematisch und unrealistisch sind, wenn man sie in einen Realweltkontext setzen würde, kommt dabei nicht heraus. Und das ist eine Beobachtung, die schon seit Jahrzehnten bekannt ist. (So hatte etwa Matt Groening schon im 20. Jahrhundert gesagt, dass die Beziehung der Simpsons eigentlich ein absoluter Alptraum ist. Und schon davor machten sich amerikanische Stand-up Komiker über die Sitcompaare der 50er-70er lustig.)

        Ohnehin bleibt bis zum Ende alles so oberfächlich, dass man sich fast schon fragt, ob die Serie nicht tatsächlich auf den heutigen Popkulturfeminismus war, bei dem es schon reicht gelobt zu werden, nur weil die Protagonistin einem namenlosen Nebencharakter zu einem "No Doubt" Song in in die Eier tritt, weil er sie fragte, warum sie nicht lächeln würde. Aber eine derartige Subversivität wäre zu viel verlangt von einer Serie, die von Rashida Jones produziert wurde.

        Schade, aber so interessant dieses Projekt hier auf dem ersten Blick scheint, so zahnlos ist es am Ende.
        • am

          Der Rausschmiss von Erin Hayes am Ende der 1. Staffel von "KCW" war aber nicht gerade die feine Art, haben auch die Zuschauer gesehen und nach Staffel 2 war dann Schluss....
          • (geb. 1979) am

            Für mich war die Serie auch eher 08/15. 
            Das hat dann dem Ganzen den Rest gegeben. Bin da einer Meinung mit dir.
            Die neue Serie mit ihm ist für mich übrigens auch nicht gerade der Hit. Nach dtei Folgen hatte ich echt keine Lust mehr drauf. Wahrscheinlich weil auch noch im Hintergedanken dieser Blödsinn, den sie mit Hayes veranstaltet habe. Denke, das hat schon seiner Karriere einen Tiefpunkt verpasst, aus dem er sich nicht mehr so schnell erholen wird, da dies wohl immer zur Sprache kommen wird.
          • am

            Ich war ja gespannt als Leah Remini für staffel 2 zurückgeholt wurde, war dann aber erschrocken, dass die Serie dadurch Null besser wurde ... und sie auch recht erschreckend aussah... ihre Geschichte und serie zu Scientology ist aber sicher sehr interessant.
          • (geb. 1979) am

            floyd_83


            Ja. Die würde ich auch gerne sehen.
        • am via tvforen.de

          Die Serie interessiert mich sehr, v.a. bin ich neugierig, wie das Spiel mit den Genres und der Wechsel Sitcom/Drama ästhetisch umgesetzt ist.

          Ich habe auch schon einige Artikel und Reviews über die Serie gelesen und was mich bei eigentlich allen extrem stört: es wird immer so getan, wie wenn "King of Queens" das schlimmste Beispiel für Männer-/Frauenbild in der Fernsehgeschichte wäre und ausnahmslos ALLE Sitcoms nach dem Prinzip "dummer Kerl, leidende Frau" aufgebaut wären.

          Aber das ist ja überhaupt nicht wahr, wenn überhaupt trifft es nur auf einen Bruchteil zu. Was ist mit "Grace"? Was ist mit "Reba"? Typische Sitcoms der letzten 25 Jahre, die nicht nach diesem Stereotyp funktionieren.

          Auch wird meines Erachtens ständig der Fehler gemacht, wegen des Titels diese Serie mit den bisherigen Werken von Kevin James zu vergleichen. Nach allem was ich gelesen habe erinnert sie mich jedoch viel stärker an "Immer wieder Jim". Jim war ja der dickliche, dumme Ehemann, der bewusst seine Frau verärgert und lächerlich gemacht hat. Sie verbietet der Tochter auf Halloween-Tour zu gehen, er geht mit der Tochter los. Er meldet die Tochter auf einer anderen Schule an ohne es der Frau zu sagen, er lässt die Tochter gegen den Willen der Mutter an einem Werbe-Fotoshooting teilnehmen usw. Dagegen waren die Streitereien von Doug und Carrie ja häufig beidseitig motiviert, d.h. alle beide haben sich gegenseitig mal auf die Palme gebracht oder durch ein bestimmtes Handeln den anderen geärgert. Häufig war auch Arthur der Grund für Konfilkte und der war nun mal Carries Vater. Ausserdem: eine Sitcom soll lustig sein und durch häufiges kindliches Verhalten von Doug wurde dies erzielt. Sonst wäre es nur eine Doku über einen Mann, der Pakete ausfährt.

          Auch "Kevin can wait" kann man wegen vielem kritisieren, unter dem Strich war es aber harmlose amüsante Vorabendunterhaltung.

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