„Jupiter’s Legacy“: Generationenknatsch bei Familie Superheld – Review

    Netflix’ Verfilmung der Mark-Millar-Comics kommt etwas schleppend in die Gänge

    Gian-Philip Andreas
    Rezension von Gian-Philip Andreas – 07.05.2021, 09:01 Uhr

    Ramponiert und gealtert, aber stabil im Einsatz gegen das Böse: Lady Liberty (Leslie Bibb), Utopian (Josh Duhamel) und Brainwave (Ben Daniels, r.) – Bild: Netflix
    Ramponiert und gealtert, aber stabil im Einsatz gegen das Böse: Lady Liberty (Leslie Bibb), Utopian (Josh Duhamel) und Brainwave (Ben Daniels, r.)

    Als größter Stachel im abonnentensatten Content-Fleisch des Streamingriesen Netflix gilt wohl der Mangel an ausschlachtbarem Franchise-Material. Während sich Disney das wild wuchernde und potenziell unendlich ausbaufähige „Marvel Cinematic Universe“ (MCU) einverleibt hat und es nun auf dem hauseigenen Streamingdienst bequem neben den Star-Wars- und Pixar-Welten verfügbar hält, sucht Netflix nach wie vor nach Stoffen, die langfristig verwertbar und anschlussfähig sind. Die Jahre als MCU-Zulieferer mit den „Street Level Heroes“-Serien um „Daredevil“ und „Jessica Jones“ sind passé, und ein „Stranger Things“ allein macht noch keinen ewigen Event-Sommer.

    Umso aufgeregter sehnten Comic-Fans und Netflix-Analysten seit einiger Zeit „Jupiter’s Legacy“ herbei: Die generationenübergreifende Superheldenserie ist die erste Produktion, die aus dem „Millarworld“-Deal hervorgegangen ist. Im Idealfall soll sie nur der Startschuss sein für ein eigenes großes Franchise, ach was, ein Universe! Netflix hatte Millarworld, das Label des schottischen Comic-Autors Mark Millar, 2017 für kolportierte 50 Millionen Dollar (oder mehr) gekauft. Ganz problemfrei lief die Sache seither allerdings nicht ab. Sicher lag es auch an Corona, dass die schon 2019 gedrehte Serie so lange auf sich warten ließ, doch der Abgang des Showrunners nach nur wenigen gedrehten Episoden und ein verdächtig striktes Rezensionsembargo bis zum Veröffentlichungstag sind Anzeichen dafür, dass im Produktionsprozess nicht alles ganz nach Plan lief. Die ersten Episoden machen nun tatsächlich leicht ratlos. Sie liefern zwar einige interessante thematische Ansatzpunkte, und Fans der Comics werden sich freuen, dass der Look der Figuren den Vorlagen prächtig nachempfunden ist – insgesamt aber kommt die Serie irritierend schleppend in Gang.

    Dabei hatte man sich wirklich darauf freuen dürfen. Die Millarworld-Comics, bei denen der Autor mit verschiedenen Zeichnern kooperierte, sind schließlich bereits mehrfach erfolgreich fürs Kino verfilmt worden: Die „Kick-Ass“- und „Kingsman“-Filme oder „Wanted“ mit Angelina Jolie waren verlässlich guter Popcorn-Stoff. Zuvor hatte Millar sowohl für DC und Marvel geschrieben, seine „Civil War“-Reihe fand sogar Eingang ins MCU. (Darüber, dass Millar einer der sehr wenigen schottischen Künstler war, die sich wortreich für den Brexit aussprachen, wird übrigens mittlerweile vornehm geschwiegen.)

    Die sechs Gründungsmitglieder der Union anno 1932: Richard (David Julian Hirsh), Walter (Ben Daniels), Sheldon (Josh Duhamel), Grace (Leslie Bibb), Fitz (Mark Wade) und George (Matt Lanter). Netflix

    Die Reihe „Jupiter’s Legacy“ startete Millar 2013 in Zusammenarbeit mit dem Zeichner Frank Quitely, und sie war, so lässt Millar in Interviews verlauten, wohl von Beginn an als erstes Projekt unter dem Netflix-Dach geplant. Entwickelt wurde die achtteilige Serie vom umtriebigen Steven S. DeKnight, bekannt für „Spartacus“, vor allem aber für die exzellente erste Staffel von „Marvel’s Daredevil“. Mit der Umsetzung von Comic-Stoffen kennt der Mann sich also aus – an welchen „kreativen Differenzen“ die weitere Zusammenarbeit mit Netflix scheiterte, ist nicht bekannt.

    „Jupiter’s Legacy“ ist eine Serie über Superhelden in familiären Zusammenhängen. Das ist zunächst einmal nichts allzu Neues. Von einer ganz „normalen“ Superheldenfamilie erzählte schon das Pixar-Meisterstück „Die Unglaublichen – The Incredibles“, und um die Nöte nachwachsender Superhelden geht es derzeit auch in der sehenswerten Animationsserie „Invincible“. Nein, interessant ist „Jupiter’s Legacy“ vor allem wegen der zeitlichen Zweigleisigkeit in der Erzählung: Während in einer Jetztzeit-Timeline die Erlebnisse einer gealterten Superheldenriege sowie die Absetzbewegungen ihrer Sprösslinge im Fokus stehen, geht es in einer Rückblenden-Timeline darum, wie diese ältere Superheldenriege ab 1929 überhaupt zu einer solchen werden konnte – und wie die Welt um sie herum zu einer Welt werden konnte, in der Superhelden zum gesellschaftlichen Alltag gehören. Anders gesagt: Die Serie erzählt Origin Story und Sequel auf einen Streich, nur der Hauptteil (die eigentliche, jahrzehntelange Karriere der älteren Protagonisten) bildet die Leerstelle. Dramaturgisch ist eine solch generationenüberspannende Kreuzung aus Superheldenserie und Familiendrama zweifellos reizvoll – umso ernüchternder daher, dass die Bausteine dieser erzählerischen Anordnung anfangs vor allem aus Stereotypen bestehen.

    Im Zentrum der Serie stehen die Sampsons. Vater Sheldon, Typ gütiger Patriarch mit Kochkenntnissen, wird von Josh Duhamel gespielt. Man kennt ihn aus den „Transformers“-Krachern und aus Schnulzen à la „Safe Haven“. Sheldons Kampfname ist „The Utopian“, und diesem Namen wird er als konsequenter Idealist mehr als gerecht: Dienstbarkeit, Mitleid und Gnade sind seine Leitwerte, er nennt es den „Code“, zu dem auch gehört, dass Superhelden niemals töten oder regieren dürfen. Der Gesellschaft helfen und Bösewichter fangen? Ja! Sie eigenständig richten? Nein! Sheldon/​Utopian ist Boss einer „Avengers“-ähnlichen Riege divers besetzter Superhelden, die sich als „Union“ in den 1930er-Jahren gegründet hat – aus bislang noch unbekannter Gelegenheit. Damals lernte Sheldon auch Reporterin Grace kennen (Leslie Bibb, „Gesetz der Rache“), die er schließlich heiratete. Unter dem Namen Lady Liberty fightet sie an seiner Seite.

    Mächtiger Mann in luxuriöser Loge: Superheld Utopian in Arbeitsbekleidung. Netflix

    Über 80 Jahre später sind die beiden nur sehr maßvoll gealtert, was sich darin äußert, dass man den Mittvierzigern Duhamel und Bibb (und auch den anderen Recken) graue Perücken aufgesetzt und Bärte angeklebt hat, während ihre Augen aber nach wie vor jugendlich blitzen. Diese Verkleidungstaktik wirkt theaterhaft drollig, besonders in Duhamels Fall, der mit Hippiematte und Zauselbart im hautengen weißen Ganzkörperdress aussieht wie ein in die Jahre gekommener Metal-Gitarrist, der sich auf eine Fan-Convention verirrt hat. Mit zur Familie gehört auch Sheldons älterer Bruder Walter (Ben Daniels aus „The Exorcist“), der unter dem Namen Brainwave ein so genialer Telekinetiker ist, dass er sich immer, wenn er Telekinese betreibt, mit dem Finger an die Schläfe tippen und dazu die Stirn runzeln muss.

    Nach ungefähr 55 Jahren ihres gemeinsamen Lebenswegs haben Sheldon und Grace dann zwei Kinder geboren, die aus der Art zu schlagen drohen. Sohn Brandon (Andrew Horton), der Sheldon eigentlich langsam mal als Utopian beerben soll, ist ein übelgelaunter Millennial, der sich unter dem Namen Paragon gleich zu Beginn mit einer Vigilantin im senfgelben Cape bekriegt. Seine Schwester Chloe (Elena Kampouris) sucht sowieso die größtmögliche Distanz. Sie rebelliert offen gegen ihre dysfunktionale Familie, inszeniert sich als suchtaffines It-Girl. Die zweite Episode, wie die Pilotfolge noch von DeKnight inszeniert, besteht fast nur aus fad geschriebenen Vater-Sohn- und Vater-Tochter-Dialogszenen, in denen es auf groschenpsychologischem Niveau um das Übliche geht: Söhne, die Angst haben, den Eltern nicht genügen zu können; Töchter, die beklagen, dass Papa lieber heldenhaft um die Welt jettete, als sich um seine Kinder zu kümmern. In diesem 35-Minuten-Wettstreit der Traumatisierten wird mehr geweint und gebarmt als in jeder Nicholas-Sparks-Verfilmung.

    Diese Tempobremse wirkt seltsam, denn die Pilotfolge endet zuvor mit einem einigermaßen krawallophilen Showdown. Da kämpfen Utopian, Lady Liberty, Brainwave und die anderen Mitglieder der „Union“ auf einem Hügel irgendwo in Nebraska gegen den bösen Blackstar (mit Unholdmaske: Tyler Mane, der in Rob Zombies „Halloween“-Filmen den Michael Myers spielte). Am blutigen Ende hat der Regisseur Gelegenheit zu ein paar wirklich unappetitlichen Einstellungen – und obendrein gibt es einen „Code“-Verstoß zu verzeichnen – ausgerechnet von Brandon!

    Der zentrale Gewissenskonflikt der Serie scheint im Folgenden darum zu kreisen, ob die neuen Zeiten mit ihrer dezentralen Kriegsführung auch andere Leitsätze erfordern. Die Superschurken ändern die Regeln, warnt Walter. Er hält den Code für obsolet und weiß dabei auch Fitz (Mike Wade) alias The Flare aus dem inneren Zirkel der Union an seiner Seite. Sheldon aber bietet derlei Populismus und Lynchjustiz orthodox die Stirn. Er ist ein nobler Oldschool-Held, der aus der Zeit zu fallen droht. Hätte ohne die Code-Doktrin gar das Allerschlimmste verhütet werden können? Wir hätten mehr tun können, sagt Walter und meint damit nichts Geringeres als Dachau und Auschwitz. Das wäre aber das Ende des freien Willens gewesen, hält Sheldon der Ansicht entgegen, sie hätten die Shoah verhindern können. Ungeheuerliche Sätze sind das, und man fragt sich schon, ob’s die Serie bzw. Millar nicht ein paar Nummern kleiner hat als die Vorstellung, dass der Holocaust von durch die Luft flatternden Cape-Trägern aus Chicago hätte abgesagt werden können.

    It-Girl, als Kind vernachlässigt: Chloe (Elena Kampouris). Netflix

    Auch die Inszenierung wirkt mitunter ungelenk. Wenn Duhamel etwa in einem länglichen Vater-Sohn-Dialog (der an die Dynamik von Thor und seinem Vater Odin in den MCU-Filmen erinnert) plötzlich blaue Blitze aus den Augen schießen, mag das als Auflockerung gemeint sein – vor allem aber wirkt es unfreiwillig komisch. Oder: Wenn Brandon in einer Szene von diversen Leuten gesagt bekommt, dass es richtig war, einen Gegner im Kampf zu töten, folgt umgehend ein Dialog zwischen Sheldon und Grace, in dem Sheldon das zuvor Gezeigte nochmals wiederholt: Die Hälfte der Leute hat Brandon gesagt, dass es richtig war, zu töten. Derlei hölzerne Verdoppelungen des Gesehenen hätten sie bei „Daredevil“ schon bei der ersten Leseprobe aus dem Skript gestrichen. Auch die clever gemeinte Parallelführung zweier Beerdigungsszenen in der zweiten Folge funktioniert nicht richtig, weil dem Publikum die Verstorbenen egal sind – man weiß schließlich kaum etwas über diese. Ausgerechnet die anderen Mitglieder der „Union“ haben kaum mehr als Statistenauftritte; mühsam müssen sie dann per Flashback in Erinnerung gerufen werden.

    Deutlich interessanter verspricht zum Glück die Origin Story abzulaufen, vor allem, weil sie eine Spiegelung des Schwarzen Donnerstags an der Wall Street sowie der anschließenden „Great Depression“ und der heute auseinanderdriftenden US-Gesellschaft im Gefolge der Großen Rezession Ende der Nullerjahre (die Millar zu den Comics inspirierte) in Aussicht stellt: Vor dem Hintergrund des Börsencrashs 1929 droht das Stahlunternehmen von Vater Sampson zu kollabieren, ungute Wahrheiten kommen ans Licht, der noch junge Sheldon bricht zusammen und beginnt von einer wie aus einem Böcklin-Gemälde entsprungenen Insel zu fantasieren: Er müsse dorthin rudern, raunt des toten Vaters Stimme aus dem Off, und „Amerika retten“. Diese Visionen schrammen hart am Trash entlang, immerhin aber versprechen sie so etwas wie Spannung. Und die braucht die Serie fraglos.

    Ob „Jupiter’s Legacy“ noch an Zug gewinnt und die beiden Timelines gewinnbringend ineinandergewickelt bekommt, wird erst überprüfen können, wer alle Folgen gesehen hat; wichtige Charaktere aus der Vorlage sind zudem in den ersten Episoden noch gar nicht oder nur ganz kurz aufgetreten, darunter Sheldons alter Kumpel George (Matt Lanter aus „Star-Crossed“), der unter dem Namen Skyfox zum Widersacher der „Union“ wird. Mal sehen, was der neue Showrunner Sang Kyu Kim dieser Dynamik abringen kann. Eines muss man aber vorläufig konstatieren: Wie der mächtige Grundstein eines erfolgreich in die Zukunft weisenden Netflix-Superhelden-Universums sehen diese ersten Folgen eher nicht aus.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden der Serie „Jupiter’s Legacy“.

    Meine Wertung: 2,5/​5

    Die achtteilige erste Staffel von „Jupiter’s Legacy“ wird bei Netflix weltweit am 7. Mai 2021 veröffentlicht.

    Trailer zu „Jupiter’s Legacy“ (Synchronfassung)

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Der Kritiker hat hier schon Recht, meiner Meinung nach. Jupiters Lagacy finde ich auch eher durchwachsen. Weil: Zu oft unfreiwillig komische Momente, oder solche in denen man sich denkt "meine Güte, jetzt schrammen wir aber nahe am Schwachsinn vorbei". Diese Momente wechseln sich aber mit recht guten, starken Momenten ab. Deshalb bin ich immer hin und hergerissen zwischen Abschlaten und Weitergucken. Na ja, wegen Matt Lanter werde ich es wahscheinlich weiterschauen :-))

      Die 1929 Timeline finde ich auch deutlich spannender als die moderne Timeline (in der die Figuren mit ihren dicken Masken total lächerlich aussehen ...). Die Story mit der Insel erinnert mich allerdings ein bisschen an "Danvinchis Demons" - nein, da gab es keine Insel, aber auch dort hatte man das gefühl, dass die Fantasie des Drehbuchautors ziemliche Kapriolen schlagt, die man mit Logik irgendwann nicht mehr durchdringen konnte. Trotzdem was es abenteuerlich und sah alles schön aus, deshalb hat man weitergeschaut. War das auch Steven S. DeKnight, der da Showrunner war? ich weiß es schon nicht mehr ...
      • (geb. 1959) am

        in der Datenbank IMBd wurde die Serie, 

        mit 9,5 von 10 Sternen bewertet,  die Beste Serie gleich hinter WandaWision , die 8,6 von 10 Sternen bewertet wurde.



        Meiner Meinung nach , kann ich einer Bertung nach nur 2 Folgen ncht trauen ,den n ur wer sich mir Science Fistion Serien aus kennt sollte das sollte man alle Folgen gesehen haben vevor man eine Serie bewertet,



        Und hier wird das nie gemacht, de kein Mensch würd e

        einen Film nach va 15 Minuten bewerten hier wird das auf der Seite zu oft gemacht,

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