„Industry“: Sex, Drugs und Wertpapiere – Review

    Junge Investmentbanker in London bleiben zu oberflächlich

    Rezension von Marcus Kirzynowski – 09.11.2020, 17:30 Uhr

    Die jungen Absolventen in der Londoner Investmentbank Pierpoint & Co.

    Ein bisschen erinnert die neue Dramaserie „Industry“, eine Koproduktion der britischen BBC mit dem US-Premiumsender HBO, schon an „Grey’s Anatomy“, die langlebige ABC-Krankenhausserie. War es dort eine Gruppe junger Ärzte, die ihre ersten Stellen an einer Großstadtklinik antraten, sind es hier Universitätsabsolventen, die das Gleiche bei einer Investmentbank in der Londoner City tun. Dort müssen sie nicht nur mit den harten beruflichen Anforderungen und den erschöpfenden Arbeitszeiten zurechtkommen, sondern parallel auch noch mit ihrem unsteten Privatleben jonglieren.

    Obwohl HBO einer der beauftragenden Sender ist und mit „Girls“-Erfinderin und -Hauptdarstellerin Lena Dunham ein bekanntes HBO-Gesicht die Auftaktfolge inszenierte, ist „Industry“ eine durch und durch britische Serie. Einzige US-amerikanische Hauptdarstellerin ist Myha’la Herrold in der Rolle der Harper, einer ehrgeizigen, aber auch unangepassten New Yorkerin, die in London ihre Probezeit bei der angesehenen Investmentbank Pierpoint & Co. beginnt. Die junge Frau mit den langen Dreadlocks und dem Nasenring verbirgt ein Geheimnis: Sie hat in Wahrheit gar keinen Uniabschluss und reicht ein gefälschtes Zertifikat ein.

    Harper (Myha’la Herrold) ist neu im knallharten Finanzbusiness.HBO

    Zu ihren neuen Kollegen, die am gleichen Tag anfangen, zählen die alten Kumpel Robert (Harry Lawtey) und Gus (David Jonsson), die bereits zusammen an den britischen Eliteunis Eton und Oxford studiert haben und sich auch jetzt eine Wohnung teilen. Die Einwanderertochter Yasmin (Marisa Abela) hingegen wohnt im Haus ihrer Eltern, die nicht verstehen können, dass ihre top ausgebildete Tochter in der neuen Firma auch für die Kaffee- und Lunchwünsche ihrer vorgesetzten Kollegen zuständig ist. Auch wenn sie versichert, dass das nur wenige Minuten ihrer Arbeitszeit ausmache und eben am Anfang dazugehöre.

    Was schon von Beginn an klar wird, ist das raue Arbeitsklima bei Pierpoint & Co.: Fehler dürfen sich die Broker im Grunde nicht erlauben, die Konkurrenz unter den Kollegen ist gnadenlos, der Umgangston zwar betont locker, aber auch messerscharf-sarkastisch. Gleichzeitig herrscht das Gefühl vor, den geilsten Job der Welt zu haben – oder zumindest redet man sich das gegenseitig und jeder sich selbst ein. Im Übrigen entspricht die Darstellung des Alltags der Banker durchaus den gängigen Stereotypen über diese Branche. Ganz so wild wie in „The Wolf of Wall Street“ geht es zwar nach der weltweiten Finanzkrise nicht mehr zu, aber es gehört immer noch dazu, auf der Toilette zu koksen oder Sex mit Zufallsbekanntschaften zu haben, sich in Bars mit den Kollegen bis zur Besinnungslosigkeit zu besaufen und am Morgen völlig übermüdet wieder zur Arbeit zu fahren, wo man sich mit Aufputschmitteln durch den Tag behilft. Work hard, play hard!

    Hari (Nabhaan Rizwan) flüchtet sich auf die Toilette. HBO

    Besonders exzessiv betreibt das in der Pilotfolge der Absolvent Hari (Nabhaan Rizwan), der tagelang gar nicht mehr nach Hause geht und stattdessen vergeblich versucht, auf dem Boden einer Klokabine etwas Schlaf zu finden. Es ist offensichtlich, dass das nicht lange gutgehen kann; wie schief es dann aber tatsächlich geht, ist überraschend und sorgt für den emotionalen Höhepunkt der ersten Episode. Den hat sie auch dringend nötig, bleiben Figuren und Dialoge bis kurz vor Schluss doch sehr blass.

    Das ändert sich in den nächsten Folgen nur unwesentlich. Zwar lernt man die einzelnen Hauptfiguren darin etwas besser kennen, besonders herausstechende Charaktermerkmale haben sie aber eigentlich nicht. Es sind halt junge Leute, die von Geld und Macht träumen und im Grunde genauso oberflächlich sind wie der Beruf, den sie sich ausgesucht haben, um diese Träume zu verwirklichen. Da waren die jungen Ärzte in Seattle seinerzeit in den ersten Folgen differenzierter entworfen.

    Ansonsten gibt es noch die Vorgesetzten, die von der sich selbst bedroht fühlenden jungen Frau (Freya Mavor aus der zweiten „Skins“-Generation) über den Mentor, der auch mal durchdrehen kann, wenn er sich über seinen Schützling ärgert (Ken Leung, „Lost“), bis zum Einfach-nur-Arschloch (Conor MacNeill) variieren. Auch wundert sich niemand, dass mancher ständig mit einem Baseballschläger durchs Großraumbüro läuft, oder ein anderer (Derek Riddell) den ganzen Tag (gedruckte!) Zeitungen und Magazine liest, wenn er nicht gerade mit heruntergelassener Hose am Pissoir steht. Exzentrik gehört eben zum Beruf.

    Bewaffnet mit dem Baseballschläger HBO

    Thematisch werden verschiedene Konfliktsituationen am Arbeitsplatz abgehandelt, wobei man als Zuschauer meist nicht mal rudimentär versteht, um welche Finanzprodukte und -transaktionen es eigentlich gerade geht, wenn man nicht selbst einen Master in Investmentbanking besitzt. Nach Feierabend versuchen die ProtagonistInnen dann, Dampf abzulassen, was oft in HBO-typischen, ziemlich expliziten Sexszenen gipfelt. Da wird fröhlich masturbiert – auch vor der Webcam – und gevögelt, ob hetero- oder homosexuell, wobei der Blick darauf immer irgendwie männlich-voyeuristisch bleibt, auch wenn Lena Dunham Regie führt (in „Girls“ wirkte das noch ganz anders, auch weil dort nicht alle perfekte Körper hatten und gerade die schrägen und peinlichen Seiten sexueller Begegnungen betont wurden).

    Insgesamt erinnert das Ganze also an eine Mischung aus „Grey’s“ und einer Bravo-Version von „Mad Men“ mit seinen anfangs ebenfalls unsympathischen Figuren in einer oberflächlichen Branche (aber natürlich ohne die brillanten Dialoge und Inszenierung), mit einer kräftigen Dosis Sex wie in mindestens jeder zweiten Pay-TV-Serie. Was fehlt ist eine halbwegs originelle Idee, eine faszinierende Figur, ein Alleinstellungsmerkmal, das die Serie von einem Dutzend Vorgängerproduktionen abheben würde. „Industry“ ist leidlich unterhaltsam – hat aber auch ziemliche Längen -, sieht gut aus und ist gefällig inszeniert. Inhaltlich kommt dabei aber leider nicht mehr heraus als ein Metoo-Produkt, das eben die Formeln, die man inzwischen von sogenannten Qualitätsserien zur Genüge kennt, auf ein anderes Setting anwendet. 20 Jahre nach dem Beginn der anhaltenden Serienwelle wird man damit kaum noch jemanden begeistern können.

    Meine Wertung: 3,5/5

    Diese Wertung basiert auf Sichtung der ersten drei Episoden von „Industry“.

    Die achtteilige Miniserie „Industry“ wird ab dem 9. November wöchentlich auf dem US-Sender HBO gezeigt. In Deutschland wird Sky Atlantic die Serie ab dem 30. Dezember in deutscher Erstausstrahlung zeigen.

    Trailer zu „Industry“

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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