„Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“: Plakative Modernisierung eines bekannten Roman- und Filmstoffes – Review

    Ein Jahr nach einem vertuschten Unfall mit Todesfolge muss eine Teenagerclique für ihr Handeln büßen

    Rezension von Christopher Diekhaus – 14.10.2021, 18:03 Uhr

    Madison Iseman in „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ – Bild: Michael Desmond/Amazon Prime Video
    Madison Iseman in „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“

    Der Erfolg von Wes Cravens parodistischem Horrorstreifen „Scream – Schrei!“ trat Mitte der 1990er Jahre eine neue Welle an Slasher-Filmen los. Dabei wurden allerdings zumeist nur lust- und einfallslos bekannte Konventionen abgearbeitet, anstatt mit ihnen zu spielen. Im Zuge dieser Teenager-in-Bedrängnis-Renaissance erschien auch die Schlitzermär „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“, die, basierend auf dem gleichnamigen Roman der US-Schriftstellerin Lois Duncan, von einem verhängnisvollen Unfall erzählt, der für eine Gruppe Jugendlicher grausame Konsequenzen in Gestalt eines rachsüchtigen, mit einem Fischerhaken bewaffneten Killers hat. Obwohl recht geradlinig und nicht sehr anspruchsvoll, gehört der von „Scream“-Autor Kevin Williamson geschriebene, später um zwei Fortsetzungen ergänzte Genrebeitrag wohl zu den bekanntesten Horrorarbeiten seiner Dekade. Kein Wunder, dass es dem Film daher ergeht wie vielen anderen mehr oder weniger berühmten Werken auch. Irgendwann ist die Zeit für eine Auffrischung reif. Die neue, acht Folgen umfassende Amazon-Prime-Produktion beschreitet eigene Wege, verfällt jedoch zu oft in marktschreierische Muster.

    Wie steigt man am besten in eine Serie ein, die von Teenagern und ihren Unheil heraufbeschwörenden Entscheidungen handelt? So manche Fernsehmacher behalfen sich in letzter Zeit damit, ihre Hauptfiguren in Voice-over-Kommentaren über sich, ihren Platz in der Welt oder ihre Probleme sinnieren zu lassen. Auf diese Weise beginnt etwa die ebenfalls für Amazon gedrehte Adaption des Young-Adult-Romans „Panic“. Und so führt auch „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ den Zuschauer in das Geschehen ein. Zur Sprache kommt hier die Diskrepanz zwischen Schein und Sein. Unsere wahre Persönlichkeit erschließe sich erst, wenn uns etwas Schlimmes zustoße. Zudem würden wir andere Menschen nie richtig kennen. Was tiefgründig klingen soll, sind freilich Allgemeinplätze, die man in ähnlicher Form in vielen anderen Filmen und Serien findet, in denen zweifelhafte Taten der Protagonisten böse Folgen haben.

    Die Grundkonstellation des Romans und des darauf aufbauenden Teenie-Slashers behält Showrunnerin Sara Goodman in ihrer achtteiligen Neuauflage bei, die mit Oahu, der drittgrößten Insel Hawaiis, einen exotischen, immer mal wieder prominent ins Bild gerückten Schauplatz vorweisen kann. Urlaubsgefühle kommen aber eher nicht auf, da sich in dieser paradiesischen Umgebung tiefe Abgründe offenbaren. Im Zentrum der Serienadaption steht ein Zwillingspärchen, das gegensätzlicher nicht sein könnte, wie wir auf einer grotesk überzogen in Szene gesetzten Schulabschlussfeier erfahren. Während Allison (Madison Iseman) noch Jungfrau ist, sich abschottet und wenig Lust auf die große Sause hat, präsentiert sich ihre Schwester Lennon (ebenfalls Madison Iseman) als Inbegriff des rücksichtslosen, drogenkonsumierenden, kein sexuelles Abenteuer auslassenden Partygirls. Dass sie an diesem Abend ausgerechnet Allisons Schwarm Dylan (Ezekiel Goodman) ins Bett lockt, sorgt für eine Auseinandersetzung zwischen den beiden jungen Frauen, deren Mutter – so erfahren wir – vor einiger Zeit Selbstmord begangen hat. Eben dieser Streit ist der Ausgangspunkt für einen tödlichen Unfall auf einer einsamen Küstenstraße, den die Beteiligten nach einer kurzen Diskussion zu vertuschen versuchen. Im Sommer des nächsten Jahres macht sich allerdings eine unbekannte Person daran, das unter den Teppich gekehrte Ereignis zu rächen.

    Von links nach rechts: Johnny (Sebastian Amoruso), Margot (Brianne Tju), Dylan (Ezekiel Goodman) und Riley (Ashley Moore) sind nach dem Unfall durch den Wind. Amazon Prime Video

    Weil Amazon eine umfangreiche Liste mit zu vermeidenden Spoilern an die Presse verschickt hat, muss die Inhaltsangabe leider vage bleiben. Verraten darf man jedoch schon, dass die ständig zwischen den Geschehnissen in der fatalen Nacht und der Gegenwart changierende Serie bemüht ist, mit ihrer Schwesterngeschichte ein komplexeres Geflecht zu entwerfen, als dies in der Verfilmung von 1997 der Fall war. Am Ende der Auftaktepisode erwartet den Zuschauer eine Enthüllung, die angesichts der Gemengelage zwar nicht komplett überraschend kommt, aus der sich aber einiges an dramatischem Saft mit Blick auf die Allison/​Lennon-Darstellung pressen lässt. Umso erstaunlicher, dass Goodman und ihr Autorenteam die sich ergebenden Möglichkeiten erst einmal nur zaghaft ergreifen. Fragen wirft in diesem Zusammenhang das etwas makabre Vorgehen von Bruce (Bill Heck), dem Vater der Zwillingsschwestern, auf. Würde sich jemand in seiner Situation wirklich so verhalten, wie er es tut? Darüber kann man sicher trefflich diskutieren.

    Die Themen „Schuld“ und „Verantwortung“ die in Duncans Romanvorlage stecken, werden auch in der neuen Version von „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ angerissen, in den für diese Kritik gesichteten ersten vier Folgen allerdings nie angemessen vertieft. Das meiste bleibt an der Oberfläche. Selten hat man das Gefühl, dass sich die Protagonisten wirklich mit ihrem Handeln und den moralischen Verstrickungen befassen. Setzt das brutale Morden ein, geht es fast nur noch darum, zu überleben, wobei die Panik, von der die Truppe gepackt werden müsste, zuweilen auf der Strecke bleibt. Als großes Ärgernis erweist sich vor allem die dünne Charakterzeichnung. Bereits die Gegenüberstellung der Geschwister wirkt etwas reißbretthaft. Härter trifft es jedoch die anderen Mitglieder aus Allisons Clique. Johnny (Sebastian Amoruso) bekommt außer einer den Diversitätsgedanken hochhaltenden Seite keine einprägsamen Eigenschaften. Riley (Ashley Moore) ist vor allem auf die Rolle der Medikamente besorgenden Sprücheklopferin abonniert. Dylan gibt den Zweifler. Und Margot (Brianne Tju) mutiert als klischeehafter Inbegriff der aufgekratzten, nach Aufmerksamkeit gierenden Social-Media-Königin bereits in der ersten Episode zur am meisten nervtötenden Figur. Die Sätze, die aus ihrem Mund kommen, sind teilweise derart platt, dass es fast schon wieder lustig ist.

    Über Schwächen wie diese könnte man halbwegs hinwegsehen, wenn Goodman und Co geschickt Spannung aufbauen und halten würden. „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ gelingt es aber nur sporadisch, Nervenkitzel zu erzeugen. Daran ändern auch die recht grafisch-derben Todesfälle und die mehrfach eingestreuten Schockmomente nichts, die sich im Nachhinein als Fake-Manöver entpuppen. Neugier weckt allerdings der Part, den eine geheimnisvolle Frau namens Clara (Brooke Bloom) spielt, mit der Bruce in irgendeiner Weise verbunden zu sein scheint. Zur Hälfte der Serie muss man dennoch konstatieren, dass nur wenig für einen richtig fesselnden, das Ruder herumreißenden Fortgang spricht.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten vier von insgesamt acht Folgen der Serie „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“.

    Meine Wertung: 2,5/​5

    Die ersten vier Folgen der Serie „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ sind ab dem 15. Oktober 2021 bei Amazon Prime Video verfügbar. Im wöchentlichen Rhythmus erscheinen dann die restlichen vier Episoden.

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • am

      Ich habe bis jetzt nur aus Neugier Mal in die erste Episode bis "Auftritt Dad" reingesehen. Da kann man natürlich nichts sagen, aber bis zu dieser Szene fand ich es billig, unoriginell und blass. Ich werde die Episode natürlich erst einmal ganz sichten, aber mein Bauchgefühl tendiert auch Richtung Rohrkrepierer.
      • am

        Mir gefällt die Serie überhaupt nicht. Ein Griff ins Klo!!

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