Befindlichkeitsrunde in der Klinik Isebek: Therapeutin Beiersdorf (Pheline Roggan, M.) kümmert sich um die Zwillinge von Kropp (Oskar und Emil Belton), Schauspieler Roland (Stephan Luca), Unternehmerin Madison (Sylvie Meis), Stammpatient Buggi (Martin Brambach) und den persischen Millionärserben Cyril (Arman Kashani, v.l.).
Wir freuen uns, Sie hier zu sehen und hoffen, Sie so bald nicht wiederzusehen: Mit diesem Spruch bewirbt sich die Sylter Entzugsklinik „Isebek“, auf dessen Gelände die neue ARD-Dramedy „Die Friesenjunkies“ angesiedelt ist. Nach „Die Discounter“, „Intimate“ und „Player of Ibiza“ ist der Achtteiler das neueste Impro-Projekt der Zwillinge Emil und Oskar Belton, die die Episoden nicht nur konzipiert, produziert, inszeniert und geschnitten haben, sondern auch selbst mitspielen – neben Größen wie Peter Kurth und Nicole Heesters sowie den Quereinsteigerinnen wie Marie Lina Smyrek und Sylvie Meis. Ihre größte Leistung ist es dabei, das Setting rund um Suchtkrankheiten und Mental Health nicht für billige Auslachspäße zu missbrauchen, sondern die Erkrankten ernst zu nehmen – so wird es teilweise unerwartet bewegend.
Improvisation ist die Königsdiziplin der Darstellungskunst: Auf vorab geprobte Mimik- und Betonungsfolgen und Text als Rettungsanker kann man sich dabei nicht verlassen. Stattdessen kommt es ganz darauf an, auf das, was die anderen machen, im Sinne der eigenen Figur zu reagieren. Nicht jeder kann das. Stars von Gillian Anderson über Stellan Skarsgård bis Scarlett Johansson gaben in Interviews zu, dass sie davon lieber die Finger ließen.
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Wer aber bei den Beltons mitmachen will, muss das können. Oder sich wenigstens darauf einlassen wollen. Egal ob in der Supermarkt-Mockumentary „Die Discounter“, in der Grimme-Preis-gekrönten Reality-TV-Persiflage „Player of Ibiza“ oder in der einstmals als anarchisches YouTube-Projekt gestarteten Selbstdarsteller-Comedy „Intimate.“: Der improvisierte Anteil war stets das, was den nordischen Humor der heute 27-Jährigen und ihrer Mitstreiter von der Produktionsfirma Kleine Brüder (Bruno Alexander, Leonard Fuchs, Max Mattis) so besonders machte.
Diesmal nun geht es dorthin, wo es weh tut: in eine private Entzugsklinik. Die reetgedeckten Gemäuer der Isebek-Klinik liegen an einem besonders einsamen Strandabschnitt auf Sylt, irgendwo in der Nähe des Promi-Reservats Kampen. Glitz und Glamour gibt es in den acht Episoden aber eher nicht zu sehen – das Ganze spielt im Winter. Es ist nebelig und trüb (und gedreht wurde überwiegend in Belgien). Jede Folge beginnt mit Ausschnitten aus einem in räudiger VHS-Optik gedrehten Werbevideo, mit dem „Isebek“ irgendwann Anfang der Nullerjahre geworben haben muss: Prof. Silke Kowalke (Marie-Lou Sellem) war damals schon die Klinikdirektorin, Dr. Mangerius (Peter Kurth) damals schon der Chefarzt. Um eine größere Patientenauslastung kämpfen sie heute noch, während die Klinik selbst erkennbar in die Jahre gekommen ist.
Sonst hat sich aber wenig geändert: Burkhardt „Buggi“ Dieterich (Martin Brambach) war damals schon, mit vollerem Haupthaar noch, ein gern gesehener Patient, heute bewilligt die Krankenkasse dem alleinstehenden Bootsverleihbesitzer und Spiegeltrinker immer noch 750 Euro am Tag für seine regelmäßigen Isebek-Aufenthalte. Suchttherapeut Strathalter (David Schütter) hingegen war damals noch Patient – ehe er die Seiten wechseln durfte.
Zwei Neulinge, die sich mögen: Therapeutin Jannika (Marie Lina Smyrek) und Marihuana-Junkie Falko (Shadi Eck). ARD
Zwei Neulinge gibt es, mit denen gemeinsam das Publikum den Mikrokosmos der Klinik entdecken darf: Einer davon ist Patient, die andere fängt gerade neu an als Therapeutin. Falko (Shadi Eck) lässt sich zu Beginn der ersten Folge in Isebek einliefern. Der Mittzwanziger ist Cannabis-süchtig und kriegt kaum mehr etwas auf die Reihe. Als er die Zustände in der Klinik mitbekommt, will er aber sofort wieder abreisen: Wenn ich mir die Leute hier angucke, muss ich sagen: So schlimm ist das gar nicht bei mir. Ich hab ein Grasproblem, okay, aber ich habe mich nicht so … behindert gekifft. Die politisch unkorrekte Ausdrucksweise so mancher Figur ist beim improvisierten Vortrag übrigens ebenso eingepreist wie manch schiefe Grammatik oder der eine oder andere Versprecher: Gut so, denn so etwas lässt die Dialoge nur umso natürlicher wirken.
Die erwähnte neue Therapeutin ist Jannika (Marie Lina Smyrek), Enkelin der Klinikgründerin, noch ganz idealistisch unterwegs mit frischen Methoden und viel Zuversicht. Auch sie wird in den ersten Episoden einem Reality Check unterworfen.
Falko und Jannika sind unsere Guides in ein Figurengeflecht, das erst einmal durchdrungen werden muss. Neben dem bereits erwähnten „Buggi“ befinden sich in den Zimmern der Klinik folgende Personen: der gescheiterte Schauspieler Roland Vestergaard (Stephan Luca), der die noble Nordseeinsel schon von Krimidrehs à la „Mord unterm Kliff“ kennt; die herrische Champagner-Matrone Gabi Daut (Nicole Heesters), die ihre Alkoholkrankheit beharrlich abstreitet; die tablettensüchtige Erfolgsunternehmerin Madison Portman (Sylvie Meis), die in ihrem Einzelzimmer ihre gesamte Abendgarderobe vorrätig hält; die junge Prostituierte Holly (Lera Abova aus „One Piece“), auf die Falko ein Auge wirft; der ab Folge 3 dazustoßende persische Erbe Cyrus (Arman Kashani), der auf Geheiß seiner steinreichen Dynastie auf kalten Entzug gesetzt wird; schließlich die von Emil und Oskar Elton gespielten Zwillinge Josef und Otto von Kropp, schnöselige Reedereisprösslinge, die sich täglich neue Scherze auf Kosten anderer Leute einfallen lassen.
Um sie kümmert sich ein Team aus Therapeuten und Pflegern: der erwähnte Suchttherapeut Strathalter; Kunst- und Achtsamkeitstherapeut Moritz Bornemann (Sönke Möhring), der sich als denkbar unempfänglich für die Nöte seiner Patienten erweist und darüber zürnt, dass der von ihm installierte „Summstein“ permanent als Mülleimer zweckentfremdet wird; Pfleger „Bubbles“ (Maradona Akkouch), der oft die einzigen paar Gramm Vernunft ins Felde führt, und Tiefenpsychologin Beiersdorf (Pheline Roggan), die sich mit Rollenspielen und Befindlichkeitsrunden um Fortschritte bemüht, innerbetrieblich aber auch auf Intrige setzt – etwa gegen Neuling Jannika.
Exzess statt Enzug, Sodom auf Sylt: Suchttherapeut Strathalter (David Schütter) legt die Flasche an, Luxuspatientin Gabi (Nicole Heesters, M.) macht ebenso mit wie Chefarzt Mangerius (Peter Kurth, rechts daneben). ARD
Im Wesentlichen schicken die Belton-Zwillinge ihr Ensemble nun in immer neue Situationen rund um den Klinikalltag, um zuzuschauen, was dabei improvisierend herauskommt: bei der Jubiläumsfeier, auf den Zimmern, beim Essen, beim Tag der offenen Tür. Was in Mockumentarys die Interviews durchs fiktive TV-Team sind, erledigen hier diverse frontal gefilmte Sitzungen in der Einzeltherapie. Die Beltons haben die Serie höchstselbst geschnitten – es muss eine Heidenarbeit, aber auch ein Mordsvergnügen gewesen sein, aus dem mutmaßlich umfangreichen Impro-Material die Highlights herauszusuchen.
Das Ergebnis deckt, in klugem Rhythmus arrangiert, eine große Bandbreite ab – von albernen Mini-Sketchen und „Discounter“-artigem Slapstick bis hin zu satirischen Rundumschlägen, die sich meist gegen die Missstände im Gesundheitssystem und die Auswüchse privater Luxusmedizin richten. Es gibt im prinzipiell fragmentarisch arrangierten Plot ein paar rudimentäre Handlungslinien, von denen eine sich um eine moderne „Longevity“-Klinik rankt, die mit Isebek um solvente Kundschaft konkurriert. Dirk Martens („Schleudergang“) spielt den schmierigen Chef, der irgendwann sogar Dr. Mangerius abwirbt. Der allerdings sucht schnell wieder das Weite, als er der ebenfalls dorthin abgehauenen Gabi Daut im Enddarm herumlasern muss: rektale Comedy mit Nicole Heesters!
Zugestanden, einige Male wird es schon ein wenig infantil im Witz. Dann werden auch Klischees bedient, die so neu nicht mehr sind – wenn das Klinikpersonal einer Entzugsklinik privat selbst exzessiv dem Alkohol frönt oder Katy Karrenbauer als sonor krächzende Zuhälterin durch die Szene stiefelt.
Aufgefangen wird das Ganze aber dadurch, dass die Insassen (und Therapeuten) ihre Rollen aber konsequent ernst nehmen. Dass es um Erkrankte geht, teils um Schwerkranke, wird nie außer Acht gelassen. Die tragischen Hintergrundgeschichten der Figuren kommen dabei in den Blick, ohne übertrieben ausgewalzt zu werden. Martin Brambach beispielsweise gelingt die Gratwanderung zwischen Tragik und Komik grandios, wenn er seinen Buggi, einen wohlhabenden, aber existenziell einsamen Mann Ende fünfzig zugleich als schwadronierende Witzfigur und als abgestürzten Jedermann anlegt. Seine Paraderolle des herumberlinernden Lulatschs (die er vom Dresden–„Tatort“ über zahllose Fernsehfilme bis in eine Reihe von Baumarkt-Werbespots hinein bedient), erweitert er hier um eine tief tragische Dimension: Teilweise switcht er innerhalb weniger Sekunden zwischen Blödelei und tiefstem Abgrund hin und her und dann wieder zurück.
Nicht die idealste Chefin: Klinikdirektorin Kowalke (Marie-Lou Sellem) bespöttelt den wackeren Pfleger Bubbles (Maradona Akkouch). ARD
Nicht das komplette Ensemble zeigt derartige Nuancen, aber sehr gut sind sie eigentlich fast alle. Besonders hervorheben kann man vielleicht noch Marie-Lou Sellem als lustvoll toxische Kowalke (Wollen Sie mit mir mal eine pathogene Beziehungserfahrung machen?) und Peter Kurth („Babylon Berlin“) als träge von der eigenen Karriere ermatteter Chefarzt, außerdem Shadi Eck („Club der Dinosaurier“), der als Falko eine gewinnende Mischung aus Schalk und Naivität mit ins Spiel bringt. Ein Sonderlob gebührt zudem Ute Böhnke, die von den Beltons für eine „Intimate.“-Episode als Kleindarstellerin „entdeckt“ wurde und sich hier als Pflegekraft Frau Demski mit herrlich nordischer Trockenheit geradezu genial ins Ensemble einfügt. Überhaupt liegt die Betonung auf „Ensemble“: Kaum eine Figur wird ins Zentrum geschoben, und es ehrt die Belton-Zwillinge, dass sie für ihre eigenen Rollen dabei keine Ausnahme machen. Dafür hat’s Platz für ein paar Gastauftritte: „Discounter“ Marc Hosemann spielt den brutalen Vater der Kropp-Brüder, Gustav Peter Wöhler den eitlen Bürgermeister von Kampen und Otto Waalkes … na ja, der spielt sich selbst. Er singt auf Sylt den „Friesenjung“-Song, von dem die Serie ihren Titel ableitet.
Und die Quereinsteigerinnen? Marie Lina Smyrek, für ihr „smypathisch“-Format im April mit dem Grimme-Preis geehrt, führt als großäugige Sympathin wie eine Reiseleiterin durchs zuweilen groteske Geschehen, auch „Love Island“-Moderatorin Sylvie Meis erweist sich in ihrer ersten Schauspielrolle als Talent: Ihre finale Szene, in der Madison beginnt, die Realitäten ihrer Suchterkrankung anzuerkennen und eine schmerzhafte Entscheidung trifft, weiß ebenso zu rühren wie überraschend viele andere durchaus bedrückende Sequenzen, die die Beltons unaufdringlich zwischen den Comedynummern platzieren.
Bleibt noch die Gretchenfrage zu klären, ob man über Drogensucht, Mental Health und andere Tragödien überhaupt Witze machen darf. Es kann gut sein, dass darüber noch debattiert werden wird. Komödien jedoch muss gestattet sein, thematisch alles behandeln zu können. Zu vergleichbaren Themen haben zudem allein auf dem Seriensektor Sitcoms („Mom“), Dramedys („Shameless“) und animierte Satiren („BoJack Horseman“) wesentlich derbere Scherze gerissen. Es geht darum, den richtigen Ton zu treffen, das Thema an sich ernst zu nehmen und die Witze nie über, sondern immer mit den Figuren zu machen. Bis auf ganz wenige kurze Momente ist das den „Friesenjunkies“ gelungen. Im Werk der Beltons ist es die bislang wohl düsterste, vielleicht aber auch die beste Serie.
Meine Wertung: 4/5
Alle acht Folgen von „Die Friesenjunkies“ erscheinen am 6. November in der ARD Mediathek. Die lineare Ausstrahlung erfolgt zu später Stunde am 13. und 14. November mit je vier Folgen ab 23:50 Uhr bzw. 23:40 Uhr im Ersten.
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) - gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).