Die erste Szene wirkt fast biblisch: Ein Motorboot zieht ein Haus auf einem Floß übers Meer. Im Boot sitzt die Familie Penney, kanadische Fischer mit ihren Kindern. Sie sollen wie ihr ganzes Dorf umgesiedelt werden, denn für die kanadische Regierung lohnt es sich nicht, in abgelegenen Fischerdörfern die teure Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Doch während Vater Penney in dem Haus etwas sucht, wird das Boot plötzlich gerammt. Irgendetwas Großes ist im Wasser, unter der Oberfläche. Das Floß samt Haus beginnt zu sinken, die Familie auf dem Boot droht, mit in die Tiefe gezogen zu werden. Im letzten Moment gelingt es dem kleinen Sohn, das Seil mit einem Messer zu kappen. Aber der Vater versinkt samt Haus im Meer. Ein traumatisches Erlebnis für Calvin Penney: Das Meer bietet keine Sicherheit, kann sich von einem Moment auf den anderen alles holen, was einem lieb ist.
Die sechsteilige Miniserie „Below“ von Netflix spielt mit dieser Urangst. Man könnte auch sagen, sie kopiert hemmungslos Horrorklassiker, allen voran Steven Spielbergs Kultfilm „Der weiße Hai“ (Originaltitel:. „Jaws“). Schon lange vorher waren Monster aus der Tiefe des Meeres ein beliebtes Gernemotiv, man denke nur an den „Schrecken vom Amazonas“ von Altmeister Jack Arnold. Nun also mal wieder ein Unterseemonster, diesmal vor der Kulisse der rauhen Küste von Neufundland. Leider ist das Ergebnis mehr „Sharknado“ als „Jaws“.
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Dreißig Jahre nach dem tragischen Tod seines Vaters hat Calvin (jetzt: Josh Hartnett; „Penny Dreadful“) eine eigene Familie, ist als Fischer in die elterlichen Fußstapfen getreten und findet sich in einer ganz ähnlichen Ausgangssituation wieder wie als Kind. Denn auch seine neue Heimat Snook’s Arm soll aufgegeben werden – aus den gleichen Gründen wie damals. Noch ist die Entscheidung nicht getroffen; während sich die Mehrheit der Bevölkerung auf eine deftige Abfindung freut, sind einige Traditionalisten dagegen, das Städtchen aufzugeben.
Urszene: Haus und Vater versinken im Meer.Netflix
Gestört wird die dadurch eh schon aufgeladene Stimmung durch Menschen, die plötzlich – aber nicht immer ganz spurlos – verschwinden. Während uns Zusehenden schnell klar ist, wie der Hase respektive das Seemonster läuft, tappen die naiven Dörfler lange im Dunkeln. Und verhalten sich überwiegend so dumm, dass man sich ständig an die Stirn schlagen möchte. Calvins Sohn Wade (Charlie Heaton, „Stranger Things“) entkommt selbst nur knapp dem Tod, als er auf dem Fischerkahn von etwas Unsichtbarem aus dem Meer angegriffen wird. Sein Begleiter verfängt sich dabei in einem Stahlseil und wird in einer ziemlich krassen Szene in zwei Teile zerschnitten. Das hindert die übrigen Bewohner aber nicht daran, weiter fischen zu fahren oder ein Strandfest zu planen. Calvin wirkt bald wie ein Wiedergänger von Roy Scheiders Sheriff aus dem Spielberg-Klassiker, der als einsamer Rufer vor der tödlichen Gefahr warnt.
Was die Serienmacher um Showrunner Jesse McKeown bei Spielberg gelernt haben, ist, die Bedrohung lange nicht direkt zu zeigen. Nach den ersten beiden Episoden hat man von dem Monster noch nicht mehr gesehen als ein paar Fangarme. Leider ist das auch das einzige Learning aus der Filmgeschichte, wie man neudeutsch sagen würde. Wo „Der weiße Hai“ neben dem Suspenseeffekt vor allem auf Charakterzeichnungen setzte, sind die Figuren in „Below“ so grob skizziert, dass sie keinerlei Identifikationspotential bieten: Calvin ist der rauhe wortkarge Fischer, sein Sohn ein Trottel, seine studierende Tochter Mary (Ruby Stokes) so farblos, dass es fast schon wehtut.
Von Monster und Albträumen verfolgt: Wade Penney (Charlie Heaton) Netflix
Dann ist da noch die Meeresbiologin Fonda Howander (Mackenzie Davis), die natürlich alleine in einer abgelegenen Forschungsstation arbeitet und nicht viel mehr zu tun hat, als ungläubig zu gucken. Von ihrem schauspielerischen Talent, das sie in Serien wie „Halt and Catch Fire“ und „Station Eleven“ eindrucksvoll bewiesen hat, kann Davis hier nichts zeigen – das Drehbuch gibt es einfach nicht her.
Überzeugen kann „Below“ leider auf keiner Ebene: Die Handlung ist komplett vorhersehbar, weswegen auch die kalkulierten Schockeffekte nicht funktionieren. Eingestreuter Humor bleibt flach, aufgesetzte romantische Kalamitäten fehl am Platz. Technisch, filmisch, aber vor allem erzählerisch wirkt das Ganze wie eine Networkserie von vor 15 Jahren und damit wie ein besonders exemplarischer Versuch des Streamingriesen Netflix, ein ebenso breites wie anspruchsloses Publikum zu erreichen.
Bestreitet ihre Rolle mit einem Gesichtsausdruck: Mackenzie Davis als Fonda Howander Netflix
Standen die Abodienste mit ihren Eigenproduktionen anfangs für eine anspruchsvollere Art von Serien, als sie die großen US-TV-Sender boten, setzt insbesondere Netflix schon seit längerem mehr auf Masse als Klasse. Zwar finden sich auch unter dessen Originals immer noch mal wieder Highlights, vieles ist aber längst Mainstream statt High-End. Das muss nicht zwingend schlecht sein, wollen viele Abonnenten nach Feierabend auch einfach nur unterhalten werden, statt immer hochkomplexen Geschichten zu folgen. Aber ein bisschen mehr Inspiration, Originalität und Mühe kann man auch von einer kleinen Horrorserie erwarten. Dann lieber nochmal den „Weißen Hai“ ansehen, der nahm wenigstens seine Zuschauer noch ernst.
Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Below“.
Meine Wertung: 2,5/5
Alle sechs Episoden der Miniserie sind ab Donnerstag, den 8. Oktober, bei Netflix verfügbar.
Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.
Oh man. Wer brauch schon Charakterzeichnung, oscarmässige Dialoge usw. usw, wenn es um ein Seemonster geht. Bei solchen Filmen wie auch das Monster-Universum von Universal geht es drum, Hirn auszuschalten und sich berieseln zu lassen. In den heutigen Zeiten brauch man auch ab und zu mal anspruchslose Unterhaltung und wenn man von ein paar Klassiker etwas klaut, ist das vollkommen in Ordnung. Nur so funktionieren Monsterfilme. Wer Anspruch sucht, sollte sowas nicht schauen und dann schon garnicht eine sinnlose und eingeschränkte Kritik davon schreiben. Man schaut weiter seine Schindlers Liste Gedös und fertig, aber sich sicher nicht sowas.
SerienFan_92 (geb. 1992) am
Danke, sie sprechen mir aus der Seele.
Die Kritiken hier kann man mittlerweile nicht mehr ernst nehmen.
Jede neue Serie wird zerissen, wenn sie nicht Hochkultur ist.