Halt! Kann das wirklich sein? Begeben wir uns hier tatsächlich, zumindest ein bisschen, auf das Terrain von Christopher Nolans unkonventionellem Thriller-Meisterwerk „Memento“? Dessen Protagonist leidet an anterograder Amnesie, kann also keine neuen Erinnerungen mehr bilden und ist auf der Suche nach dem Mörder seiner Frau händeringend auf Informationen angewiesen, die er auf Zetteln notiert und sich teils auf den Körper tätowieren lässt. In der deutsch-österreichischen Miniserie „Das Vergessen – Spurlos im Moor“ schreibt sich die von Julia Koschitz gespielte Polizistin Pia Kraus, die gerade erst die niederschmetternde Diagnose Frühdemenz erhalten hat, ebenfalls mit fast manischer Versessenheit wichtige Hinweise in ihr Notizbuch und einmal sogar in die Hand, damit sie ihr nicht wieder entfallen. Weil es sich um eine ARD-Koproduktion handelt, geht es jedoch bei weitem nicht so experimentell zu wie in Nolans Film, der seine Geschichte in maximal fragmentierter, achronologischer Weise präsentiert – und damit sehr eindringlich das gestörte Erleben der Hauptfigur spürbar macht.
Kontrollverlust, eine brüchige Wahrnehmung, Gedächtnisaussetzer – all das verhandelt auch der Sechsteiler mit Julia Koschitz, der bereits im Sommer 2026 mit den ersten beiden Folgen seine Weltpremiere auf dem Filmfest München feierte. Den vorwiegend positiven Eindruck, den der Provinzthriller dort trotz diverser bekannter Versatzstücke hinterließ, bestätigt sich in den restlichen Episoden. Selbst wenn sich die Serie kleine Schwächen erlaubt, lässt sich konstatieren: In der hierzulande an Krimistoffen wahrlich nicht armen TV-Landschaft gehört „Das Vergessen – Spurlos im Moor“ definitiv zu den gelungeneren Vertretern. Typisch nur, dass man den Zuschauern die Verortung im offenbar liebsten Genre der Deutschen schön mundgerecht im Untertitel serviert. Andererseits: Immerhin taucht in diesem Fall einmal nicht das in Film- und Seriennamen inflationär verwendete Wörtchen „Mord“ auf.
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„Spurlos“ und „Moor“ geben allerdings auch ganz gut die Richtung vor. Eine vermisste Person ist Ausgangspunkt der Handlung, und es geht raus aufs Land. Dorthin, wo in Kino und Fernsehen oft die größten Abgründe lauern. Sechs Monate ist her, dass die 17-jährige Amelie (Fabia Matuschek) aus dem österreichischen Kaff Engelsberg verschwand. Als örtliche Gesetzeshüterin steckte ihre Tante Pia (Koschitz) viel Energie in die Nachforschungen, ohne aber irgendwelche Ergebnisse zu Tage fördern zu können.
Der Fund eines blutigen Turnschuhs lässt Pia (Julia Koschitz, vorne) Schlimmes befürchten. ARD Degeto Film/ORF/Mona Film/Victoria Herbig
Gerade als sich die Polizistin damit auseinandersetzen muss, dass sie eine Frühform von Alzheimer hat, kommt neue Bewegung in die Angelegenheit. Tief im Moor, das Engelsberg umgibt, wird Amelies Leiche gefunden. Und noch dazu stellt sich heraus, dass die wahrscheinlich ertränkte junge Frau kurz vor ihrem Tod ein Baby ausgetragen hat. Pia und der vom LKA entsandte Ermittler Tarek (Bardo Böhlefeld) stehen unter Zeitdruck. Denn vielleicht ist das Kind noch am Leben.
Dass die Protagonistin den hinzukommenden Kollegen früher selbst angelernt hat, damals also seine Vorgesetzte war, soll ihre Beziehung aufwerten, gehört aber zu den Drehbuchideen, die die Serie eher überfrachten. Die Maßstäbe der Wirklichkeit muss man generell beiseiteschieben. Denn als Angehörige der Ermordeten könnte Pia die offiziellen Ermittlungen im echten Leben nicht einfach so unterstützen. Gut, dass die Fiktion alles möglich macht. In „Das Vergessen – Spurlos im Moor“ entsteht aus der persönlichen Involvierung nämlich ein besonderer Druck. Schon ihrer trauernden Schwester Caro (Martina Ebm), Amelies Mutter, zuliebe ist die Polizistin wild entschlossen, den Täter zu finden. Koste es, was es wolle! Umso tragischer, dass ihr die Zeit davonläuft, die Anzeichen der Krankheit mehr und mehr hervorbrechen, sie sich selbst immer weniger über den Weg trauen kann.
Nicht zuletzt in der Inszenierung – Daniel Geronimo Prochaska drehte die ersten vier Episoden, Johanna Moder die letzten beiden – schlägt sich Pias bröckelnde Verfassung nieder, wobei die Macher auf recht vertraute Mittel zurückgreifen: Geräusche sind verzerrt, die Bilder zittern, die Hintergründe verschwimmen. Mal umkreist die Kamera die Hauptfigur, mal fährt sie ruckartig auf sie zu. Dann wieder ist Pia aus einer schräg von unten gefilmten Nahaufnahme zu sehen. Darüber hinaus verschwinden mitunter Personen, die kurz vorher noch da waren, urplötzlich. Einen billigen, zur sonstigen Darstellung der Bewusstseinsstörungen nicht passenden Gruseleffekt bemüht die Serie in der Gerichtsmedizin.
Vivian (Anja Pichler) findet schöne Worte für ihre verstorbene Cousine.ARD Degeto Film/ORF/Mona Film/Victoria Herbig
Hoch anrechnen muss man den kreativ Verantwortlichen, dass Pias Erkrankung nie zu einem plumpen Gimmick verkommt. „Das Vergessen – Spurlos im Moor“ nimmt die fragile Gesundheit der Polizistin nicht nur in den Blick, sondern entwickelt aus ihr auch das Drama einer Familie, die schon bald mit einer wesensveränderten Ehefrau und Mutter umgehen muss. Ihrem Mann Jonas (Matthias Koeberlin) und ihren Kindern Vivian (Anja Pichler) und Linus (Leopold Pallua) will Pia die Diagnose zunächst vorenthalten. Als ihr Geheimnis dann aber doch herauskommt, fängt die Serie die Fassungslosigkeit, die Verärgerung und den Schock sehr eindringlich ein. Besonders die Szenen zwischen der Ermittlerin und ihrer Tochter gehen unter die Haut, wirken schmerzlich glaubhaft, was besonders den Darstellerinnen zu verdanken ist.
Aus einem durchweg mit Natürlichkeit punktenden Ensemble ragt Julia Koschitz in der Hauptrolle sicherlich heraus. Wie sie das Entgleiten der Kontrolle, die Angst vor dem Selbstverlust in ihrer nuancierten Mimik und den wachsenden Sprachfindungsschwierigkeiten der Figur herausarbeitet, überzeugt ohne Abstriche. Dass sich Pias Befinden in der zweiten Hälfte vielleicht etwas zu rasant verschlechtert, ist der erzählerischen Notwendigkeit einer Verdichtung geschuldet.
Eine bedrückende Wirkung entfaltet die ARD-Koproduktion auch deshalb, weil sie die Düsternis des Plots konsequent in die Atmosphäre überführt. „Das Vergessen – Spurlos im Moor“ ist einer dieser provinziellen Krimis, in denen die Sonne kein einziges Mal scheint, die Menschen Lichtschalter nur selten benutzen. Permanent hängen Wolken über der in graue und verwaschen blaue Farben getauchten Landschaft. Regelmäßig steigt der Nebel in dicken Schwaden auf. Stellenweise kommt die Serie eine Spur überinszeniert daher. Im Großen und Ganzen gelingen den beiden Regisseuren sowie den Kameramännern Adrian Bidron und André Mayerhofer aber stimmungsvolle Bilder, die das Befinden der Charaktere, den viele unschöne Wahrheiten enthüllenden Mordfall treffend spiegeln.
Broszek (Julian Looman, l.) stattet Roman (León Orlandianyi) einen unangekündigten Besuch ab. ARD Degeto Film/ORF/Mona Film/Victoria Herbig
Zusammen mit Pia tauchen wir in einen Kosmos ein, der von Heuchelei, Eifersucht, toxischen Abhängigkeiten, Lügen, Vorurteilen und fehlenden Perspektiven geprägt ist. Amelie, das Opfer, steht diesem Setting diametral entgegen, will – das zeigen gelegentlich eingeflochtene Rückblenden – die kleinstädtische Enge und Bigotterie hinter sich lassen, sich anderswo entfalten. Auch wenn die Serie ihren unkonventionellen, freizügigen Lebenswandel manchmal in ein leicht kritisches Licht rückt, begeht sie nicht den Fehler, Amelie die Schuld an ihrem grausamen Schicksal zuzuschieben. Als starke Stimme gegen all diejenigen im Ort, die die Tote für ihre eigenwillige Art verurteilen, tritt Pias Tochter Vivian in Erscheinung. Verloren hat sie schließlich nicht nur ihre Cousine, sondern auch ihre beste Freundin, eine ganz besondere Vertraute.
Zu den Stärken des Sechsteilers gehört zudem, dass er seine Thriller- bzw. Krimihandlung über dem zwischenmenschlichen Drama nie aus den Augen verliert. Obwohl nicht alle Figuren mit der nötigen Genauigkeit gezeichnet sind, entspinnt sich eine wendungsreiche, die Spannung meistens aufrechterhaltende Suche nach der Wahrheit. Mit dem skrupellosen Autohausbetreiber Broszek (einschüchternd: Julian Looman), Amelies Ex-Freund Roman (León Orlandianyi) und dem Lehrer Markus Bichler (Clemens Berndorff) gibt es schon früh Personen, die etwas zu verbergen scheinen. Bis zum grimmigen, moralisch ambivalenten Finale schlägt die Miniserie einige gekonnte Haken, wobei sich einmal mehr bewahrheitet: Kleine, vermeintlich nebensächliche Details bekommen häufig mit Verzögerung größere Bedeutung.
Meine Wertung: 3,5/5
In der ARD Mediathek ist die Miniserie „Das Vergessen – Spurlos im Moor“ ab Freitag, dem 23. Oktober verfügbar. Die lineare Ausstrahlung der ersten vier Episoden erfolgt am Samstag, dem 24. Oktober, ab 20:15 Uhr in der ARD. Kapitel 5 und 6 sind im Ersten am Sonntag, dem 25. Oktober, ab 21:45 Uhr zu sehen.
Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.