„Das Begräbnis“: ARD-Impro-Comedy mit Hübner und Striesow bleibt zäh – Review

    Starkes Ensemble kann schwache Dialoge nicht auffangen

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 24.01.2022, 17:30 Uhr

    „Das Begräbnis“ – Bild: ARD Degeto/Georges Pauly
    „Das Begräbnis“

    Wolf-Dieter Meurer ist tot. Er war der Patriarch einer mecklenburgischen Familie und Inhaber von Meurer Sanitär. Zu seiner Beerdigung versammelt sich die gesamte Großfamilie, Freunde und Nachbarn auf dem Dorffriedhof, darunter auch einige verlorene Schäfchen, die dem eintönigen Landleben schon vor Jahrzehnten entflohen sind. Alles andere als eintönig entwickeln sich hingegen die Trauerfeierlichkeiten, geraten die Verwandten und Angeheirateten doch übers Erbe aneinander.

    Dabei zeigt jede der sechs Folgen der ARD-Serie „Das Begräbnis“ die gleichen Stunden rund um jenes Ereignis, jeweils aus der Perspektive eines anderen Trauergastes. Da ist zunächst einmal Mario Meurer (Charly Hübner), der älteste Sohn des Verstorbenen und Juniorchef des Familienbetriebs. Er ist immer im Heimatdorf geblieben und stand seinem Vater treu zur Seite. Entsprechend geht er wie selbstverständlich davon aus, dass er die Firma erben wird. Auch seine Geschwister rechnen mit einem fetten Erbteil, obwohl Sabine (Claudia Michelsen) und Thorsten (Devid Striesow) sich seit Jahren nicht zuhause haben blicken lassen. Während Sabine zu DDR-Zeiten in den Westen geflohen ist, hat Thorsten windige Geschäfte in aller Welt gemacht. Jetzt ist er erstmals zurückgekehrt, um seine Finanzen mit seinem Erbteil sanieren zu können.

    Doch dann kommt alles ganz anders: Gaby, die zweite, wesentlich jüngere Ehefrau des Verblichenen (Catrin Striebeck), eröffnet ihren Stiefkindern den letzten Willen, wonach sie die Alleinerbin ist. Enttäuschung, Wut und Ärger entladen sich daraufhin bei den Enterbten, je nach Temparement in unterschiedlicher Form. Mario ist ein norddeutscher Stoiker, der selbst wenn er mal laut wird, noch wie ein ruhiger Kuschelbär wirkt und alles schluckt, was man ihm zumutet. Von anderem Schlag ist sein jüngerer Bruder, der zudem einen Schuldeneintreiber am Hals hat und das Geld dringend braucht. So schlägt er kurzerhand seine Stiefmutter nieder, um sie dazu zu bringen, das Erbe zu teilen.

    Trauernde Geschwister: Mario (Charly Hübner) und Sabine (Claudia Michelsen) ARD Degeto/​Georges Pauly

    Auch Anna (Anja Kling), die für Wolf-Dieter eine Art Ziehtochter war, und deren unsteter Gatte Carsten (Martin Brambach) hatten auf Geld aus dem Erbe spekuliert, um endlich mal auf die Beine zu kommen. Der dem Alkohol etwas zu stark zugeneigte Carsten wird im Laufe der Feier in ein Wechselbad der Gefühle gestürzt und verliert zunehmend völlig die Contenance, bis er Gaby mit einem geladenen Gewehr bedroht. Und dann ist da auch noch Annas und Carstens Teenagertochter Jacky (Luise von Finkh), die den Meurers näher steht, als fast alle ahnen.

    Wie viele familiäre Beziehungen sind wohl schon an Streitigkeiten über ein Erbe zerbrochen? Aus dem an sich traurigen Thema hat Jan Georg Schütte eine Impro-Comedy gemacht, für die die ARD die Creme de la Creme deutscher FernsehschaupielerInnen versammeln konnte. So sind in Nebenrollen auch noch Thomas Thieme („Rosa Roth“) als Dorfpfarrer und Uwe Preuss („Deutschland“) als Wirt der Gaststätte (die ebenfalls zur Erbmasse gehört) dabei. Das Potential wäre also da für eine wahnsinnig lustige, vielleicht bisweilen auch melancholisch-dramatische Miniserie.

    Haben viel zu bereden: Sabine (Claudia Michelsen, li.), Frank (Uwe Preuss) und Anna (Anja Kling)ARD Degeto/​Georges Pauly

    Aber leider sind wir hier ja in einer Produktion fürs Erste und nicht bei Netflix. So wirkt das Ergebnis doch reichlich bieder. Das mag mit am Setting liegen, einem wie ausgestorben wirkenden Dorf mit altmodischer Schänke und dem eher wie eine Abstellkammer eingerichteten Gas-Wasser-Scheiße-Betrieb, setzt sich aber bei den Figuren fort. Vor allem Charly Hübners Mario ist in seiner Mischung aus mecklenburgischem Phlegmatismus und stumpfsinniger Larmoyanz nur schwer zu ertragen. Wieso sollte man auch für seine Interessen kämpfen, wenn man den Frust doch auch mit ein paar Flaschenbieren betäuben kann? Etwas rasanter wird es in den Folgeepisoden: Devid Striesow ist wie immer gut als Aufschneider, dem in Wahrheit das Wasser bis zum Hals steht. Und in Folge 3 darf Martin Brambach als zwischen euphorischen Zukunftsplänen und bitterer Enttäuschung schwankender Loser voll aufdrehen. Als schräge Nebenfiguren kommen noch ein schwäbelnder Geldeintreiber und ein windiger „Finanzexperte“ hinzu.

    Das alles ist nur einerseits zu dick aufgetragen, um noch halbwegs glaubwürdig zu wirken, andererseits aber auch nicht abgefahren genug, um richtig originell zu sein. Da hat es schon in vielen Serien interessantere Konflikte auf Trauerfeiern gegeben, nicht nur in einem modernen Klassiker wie „Six Feet Under“, sondern erst in jüngerer Zeit auch in der deutschen Netflix-Produktion „Das letzte Wort“.

    Hansdampf in allen Gassen: der „verlorene“ Sohn Thorsten (Devid Striesow) ARD Degeto/​Georges Pauly

    Vor allem aber krankt das ganze Projekt daran, dass es nicht wirklich witzig ist. Hier zeigt sich mal wieder das größte Defizit der aktuellen deutschen Serienlandschaft: die Drehbücher. Auch wenn es diesmal gar keine niedergeschriebenen Dialoge gegeben hat – Stichwort: Improvisation -, so hätte man Figuren und Situationen doch stärker unterfüttern müssen. Es reicht eben nicht, ein Ensemble aus guten bis hervorragenden DarstellerInnen zu versammeln – man muss denen dann auch etwas Ausgereiftes zu spielen geben. Nicht jeder Schauspieler ist automatisch auch ein großer Improvisator oder toller Autor seiner eigenen Rollen.

    So wirken die nur etwas mehr als halbstündigen Episoden leider manchmal deutlich länger, weil sich die Szenen recht zäh aneinander reihen. Ab und zu geht das Konzept auch mal auf, wenn die Darsteller richtig aufdrehen und ihre Figuren alle Hemmungen verlieren lassen. Insgesamt wäre bei dieser Grundidee aber viel mehr drin gewesen.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten drei Episoden der Miniserie „Das Begräbnis“.

    Meine Wertung: 3/​5

    Die Miniserie läuft ab dem 25. Januar jeweils dienstags gegen 22:50 Uhr im Ersten (zum Auftakt mit einer Doppelfolge). Alle Episoden sind bereits ab dem gleichen Tag in der ARD Mediathek verfügbar.

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv​a>.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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