„The Traitors“ gehört zu den erfolgreichsten neuen TV-Formaten der vergangenen Jahre. Ursprünglich 2021 in den Niederlanden als „De Verraders“ gestartet, wurden inzwischen Adaptionen in über 40 Länder verkauft. Das Spiel um Lug und Trug, in dem sich die Loyalen auf die Jagd nach den Verrätern in ihren eigenen Reihen begeben, wurde in vielen Ländern zu einem durchschlagenden Erfolg. Die deutsche Adaption „Die Verräter – Vertraue Niemandem!“ erreicht dagegen vor allem bei RTL linear erneut enttäuschende Einschaltquoten – und das, obwohl der Kölner Sender für die inzwischen vierte Staffel gezielt einen anderen Ausstrahlungrhythmus wählte. Warum tun sich „Die Verräter“ hierzulande so derart schwer, ein großes Publikum zu erreichen?
Anders als in den vorherigen Staffeln wird die vierte Staffel nicht mehr in wöchentlicher Dosis gezeigt. Stattdessen setzt RTL auf eine zweiwöchige Eventprogrammierung: Die insgesamt acht Folgen werden seit dem 17. August und noch bis zum 27. August montags bis donnerstags zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr ausgestrahlt. Der Grundgedanke einer solchen geballten Ausstrahlung ist durchaus sinnvoll und hat sich für RTL etwa bei „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ und bei den „3-Millionen-Euro-Wochen“ von „Wer wird Millionär?“ als erfolgreich erwiesen.
Vorab-Veröffentlichung auf RTL+ gleicht einem Dolchstoß
Im Fall von „Die Verräter“ wird jedoch ein Fehler wiederholt, der bereits vor drei Jahren bei der ersten Staffel gemacht wurde. Denn auf dem Streamingdienst RTL+ fiel der Startschuss bereits am 3. August, also ganze zwei Wochen vor Beginn der linearen Ausstrahlung. Echte Fans warten logischerweise nicht auf die Free-TV-Verwertung und fallen als lineare Zuschauer schon einmal weg. Hinzu kommt, dass die begleitenden Social-Media-Aktivitäten von RTL zu den „Verrätern“ auf Instagram, YouTube & Co. ebenfalls an die Veröffentlichung der Folgen auf RTL+ gekoppelt ist und entsprechend ohne Rücksicht gespoilert wird. Auch externe Presseberichte berufen sich im Sinne der Aktualität auf den Stand der Veröffentlichung im Streaming.
Am ersten Runden Tisch werden die „Verräter“ auserwählt. RTL
So ist dann auch ein Stück weit zu erklären, dass die Einschaltquoten zum linearen Staffelstart direkt ernüchternd ausfielen. Insgesamt sahen nur 1,25 Millionen Menschen zu. Davon waren 250.000 aus der jungen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, die für 7,6 Prozent Marktanteil reichten. Einen Tag später setzte es bei der zweiten Folge mit nur noch 5,6 Prozent einen bitteren Tiefstwert. Bei der dritten Folge stieg der Marktanteil dann wieder auf bessere 7,5 Prozent, doch das ist trotzdem kein Ruhmesblatt. Die Gesamtreichweite hält sich derzeit noch bei 1,13 Millionen Zuschauern – noch mehr an Boden sollten „Die Verräter“ besser nicht verlieren. Immerhin: In der Auswertung der Nettoreichweiten im Streaming auf RTL+ kamen „Die Verräter“ in der ersten Woche auf 521.000 Abrufe.
Bombastische Einschaltquoten in Großbritannien
Doch im Vergleich zu den Einschaltquoten, die „The Traitors“ in Großbritannien einfährt, sind die deutschen Zahlen frustrierend. Die BBC-Version ist vermutlich der größte Erfolg des globalen Franchises. Die erste Staffel kam bereits auf über 4 Millionen Zuschauer. Staffel 2 erreichte im Durchschnitt dann über 7 Millionen Zuschauer, Staffel 3 steigerte sich auf über 9 Millionen und Staffel 4 sogar auf über 11 Millionen, was „The Traitors“ zur erfolgreichsten neuen Entertainment-Marke auf dem britischen TV-Markt machte. Dabei gilt zu beachten: Anders als in Deutschland wirken in der regulären „The Traitors UK“-Variante keine Promis, sondern Normalbürger aus unterschiedlichen Berufen mit. 2025 strahlte die BBC mit „The Celebrity Traitors“ erstmals eine Promi-Variante aus, die es dann sogar auf sage und schreibe über 14 Millionen Zuschauer brachte – Werte, die in Deutschland heutzutage eigentlich nur noch Fußballspiele erreichen.
„The Traitors“ ist in Großbritannien ein riesiger Quotenerfolg. BBC
Die BBC setzt bei „The Traitors“ von Anfang an auf eine Ausstrahlung als Eventprogrammierung – jeweils drei Folgen werden über einen Zeitraum von vier Wochen an drei aufeinanderfolgenden Abenden gezeigt. Die positive Entwicklung der Einschaltquoten, die sich von Jahr zu Jahr gesteigert haben, dürfte jedoch auch mit einer veränderten Veröffentlichungspolitik zusammenhängen. Denn bei den ersten beiden Staffeln wurden die ersten Folgen auch in Großbritannien noch vorab im Streaming auf dem BBC iPlayer veröffentlicht. Seit Staffel 3 gibt es jedoch gar keine Vorab-Veröffentlichung vor der linearen Ausstrahlung mehr. Dadurch wurde „The Traitors“ zu einem wahren linearen TV-Lagerfeuer, bei dem Millionen von Zuschauern zeitgleich vor dem Fernseher sitzen und während der laufenden Staffel auf dem jeweils gleichen Kenntnisstand sind.
Neuen Zuschauern wird es unnötig schwer gemacht
Abgesehen von der unglücklichen Veröffentlichungsstrategie von RTL dürfte aber schlichtweg auch die Art des Formats eine Rolle spielen. „Die Verräter“ ist eine Sendung, die generell viel Aufmerksamkeit verlangt und sich schlecht „nebenher“ konsumieren lässt. Insbesondere für das RTL-Stammpublikum dürfte das ein ungewohntes Seherlebnis ein, weil der Sender vorrangig nicht für anspruchsvolle Kost, sondern ganz selbstbewusst für „leichte Unterhaltung“ steht.
Selbst für Fans von Reality-TV stellt „Die Verräter“ ein ungewohntes Format dar. Insbesondere in Deutschland haben in den vergangenen zehn Jahren sogenannte Trash-TV-Shows wie „Das Sommerhaus der Stars“, „Temptation Island“ und „Promis unter Palmen“ das Reality-Genre geprägt – und beschmutzt. Derlei Formate leben von primitiven Konflikten und Eifersuchtsdramen mit einfach gestrickten Protagonisten, die von der Produktion in passende Rollen gedrückt werden. Doch statt Liebesdreiecken und permanentem Konfro-Beef stehen bei „Die Verräter“ Strategien, Psychologie, Vertrauen, Manipulation und allgemein soziale Dynamiken im Mittelpunkt. So mancher Trash-TV-Konsument dürfte irritiert davon sein, nicht die gewohnte Kost serviert zu bekommen, und mit dem Format deshalb womöglich nichts anfangen können.
Die alles entscheidende Frage: Wer befindet sich unter den Kutten? RTL
Hinzu kommen auch noch handwerkliche Fehler: Sollte RTL das Ziel verfolgt haben, mit der vierten Staffel neue Zuschauer hinzuzugewinnen, die bisher noch nie „Die Verräter“ gesehen haben, hätte das Spielprinzip im Staffelauftakt noch einmal ausführlich erläutert werden müssen. Stattdessen bekommen die Zuschauer zu Beginn der ersten Folge einen vierminütigen, viel zu lang geratenen Teaser zu sehen, der hektisch zusammengeschnittene Szenen aus der gesamten Staffel zeigt. Selbst nach dem Vorspann wird das Spielprinzip nicht einmal ansatzweise erklärt, stattdessen beginnt die Folge direkt mit der Ankunft der Teilnehmer. Solch ein schwieriger Einstieg in ein Format kann durchaus eine abschreckende Wirkung für potenzielle neue Zuschauer haben, die erst mal nur Bahnhof verstehen.
Schwächen des Formats bestehen auch in Staffel 4
Insgesamt bietet die vierte Staffel ein paar neue Kniffe und originelle Ergänzungen zum Spielkonzept. Allerdings wurden bestehende Schwächen immer noch nicht ausreichend ausgemerzt. So haben die von Moderatorin Sonja Zietlow auserwählten Verräter nach wie vor ein viel zu leichtes Spiel und einen erheblichen Vorteil, da sie nur sehr selten in brenzlige Situationen gebracht werden, in denen ihnen eine Enttarnung drohen könnte. Die Loyalen haben dadurch zu wenig logische Anhaltspunkte und stochern viel zu sehr im Nebel. Sie können nicht wirklich logisch ermitteln, sondern verlieren sich blind in Spekulationen. Hinzu kommt, dass in der vierten Staffel noch mehr als in vergangenen Staffeln Sendezeit mit Missionen gestreckt wird, die oftmals wie belanglose Zeitfüller wirken. Sinnvoller wäre es, mehr von den Gesprächen und den Spekulationen unter den Mitwirkenden zu zeigen.
In den Missionen kämpfen die Teilnehmer um die Anhäufung eines Silberschatzes. RTL
Auch mit der vierten Staffel ist es RTL mit „Die Verräter“ in Deutschland bisher nicht gelungen, den erhofften Buzz zu erzeugen und zum „Talk of the Town“ zu werden. Was bedauerlich ist, denn wenn man sich auf das perfide Spiel aus Lügen, List und Trug einlässt, wird man trotz der genannten Schwächen belohnt: Es ist spannend mitzuverfolgen, ob den Verrätern kluge Strategien einfallen, um nicht enttarnt zu werden – ebenso faszinierend ist es, Zeuge davon zu werden, wie schnell die Loyalen einer Gruppendynamik zum Opfer fallen und sich auf eine bestimmte Person einschießen – und damit oftmals den Falschen verdächtigen. Mit jeder Folge spitzt sich die Lage weiter zu, da sogar manche Verräter unter sich ein falsches Spiel spielen und nicht davor zurückschrecken, einen Verbündeten zu opfern.
Auf RTL+ liegen die ersten sechs Folgen von Staffel 4 zum Streamen bereit. Die finalen Folgen 7 und 8 werden am 24. und 26. August veröffentlicht. Linear bei RTL wurden bisher drei Folgen ausgestrahlt. Am heutigen Donnerstagabend wird um 20:15 Uhr die vierte Folge gezeigt – kommende Woche dann von Montag bis Donnerstag die restlichen Episoden 5 bis 8.
Glenn Riedmeier ist seit Anfang 2013 als Journalist bei fernsehserien.de tätig und dort vorrangig für den nationalen Bereich zuständig. Er schreibt News rund um das aktuelle Fernsehgeschehen und verfasst Kritiken, vor allem zu relevanten Starts aus der TV-Unterhaltung. Darüber hinaus führt er Interviews mit bekannten TV-Persönlichkeiten. Unter anderem sprach er bereits mit Bastian Pastewka, Jürgen Domian, Stephanie Stumph, Fritz Egner, Jochen Bendel, Beatrice Egli, Collien Ulmen-Fernandes, Carolin Kebekus und Torsten Sträter. Des Weiteren verfasst er zu besonderen Anlässen wie Jubiläen von TV-Sendern oder -Formaten ausführliche Rückblicke und Specials – aus einem nostalgischen und zugleich kritisch-informierten Blickwinkel.
Schon seit frühester Kindheit war der 1985 geborene Münchner vom Fernsehen fasziniert. Am Wochenende stand er freiwillig früh auf, um stundenlang die Cartoonblöcke der Privatsender zu gucken. „Bim Bam Bino“, „Vampy“ und der „Li-La-Launebär“ waren ständige Begleiter zwischen den „Schlümpfen“, „Familie Feuerstein“ und „Bugs Bunny“. Seine Leidenschaft für animierte Serien ist bis heute erhalten geblieben. Darüber hinaus begeistert er sich für Gameshows wie „Ruck Zuck“ oder „Kaum zu glauben!“ und ist mit hoher Expertise gleichzeitig Fan und kritischer Beobachter der deutschen Schlagerwelt. Auch für Realityformate wie „Big Brother“ und „Die Verräter“ hat er eine Ader – auf rein krawalliges Trash-TV kann er dagegen verzichten. Im Comedy-Bereich begeistert er sich vor allem für Sitcoms, Stand-up-Comedy und Late-Night und hält diesbezüglich auch die Augen in Österreich, Großbritannien und den USA offen.
Ich bin auch Fan - aber jeden Abend ist einfach zu viel des Guten - wer will schon jeden Abend das Gleiche tun ??? egal in welchen Bereichen !!!
Ich bin froh, dass ich alles Aufnehmen kann und schauen kann, wann immer ich möchte.
Schade, dass RTL m.E. nicht sehr viel an die Zuschauer denkt.
JulesKaia am
Sehr schade.... ich stream auch selbst und mal ganz von ein paar völligen Fehlgriffen im Cast (wer hat nur Frau Hummels dafür angerufen? Und ein Max Kruse ist an bodenloser Unannehmlichkeiten kaum zu überbieten.) abgesehen, werden anscheinend keinem youtuber die Möglichkeiten geboten darauf zu reagieren. Dies würde aber ein zusätzlicher PR Move beinhalten. Ich finde das Format generell großartig. Mir drängt sich aber der Eindruck auf, dass RTL kein Interesse daran hat Zuschauer zu unterhalten. Verstehen muss ich das alles nicht.
Torsten S am
Nein, der Meinung bin ich nicht, auch wenn ich zu den Fans gehöre, die sich die neue Staffel schon vorher angeschaut haben. Ich frage mich, ob man sich bei RTL (oder auch anderen Sendern) morgens an einen runden Tisch, zusammensetzt und bespricht, wie man Filme, Serien und Shows ausstrahlt und welcher Vollidiot dann auf die Idee kommt, an vier abenden das gleiche zu zeigen? Sitzt dann einer mit breiten Grinsen ala Trump da und bekommt noch Applaus für solch eine Schnapsidee? Gerade bei solch einer Show, wo man dabeibleiben muss, nicht mal der Gedanke kommt, dass doch mal ein Zuschauer an einen abend etwas anderes sehen will oder vor hat? Ja, das ist ein Vollidiot! Und ich glaube nicht, dass es an der vorher im Stream eingestellter Ausstrahlung liegt, soviel Abonnenten hat dieser Dienst von RTL nicht. Es liegt ganz allein an der Programmierung jeden Abends, dass sich viele einfach denken, erst nicht damit anzufangen zu schauen, wenn sie an den darauffolgenden abenden was anderes vor haben und sehen wollen.
Christian 0210 (geb. 1998) am
Es ist der größte Fehler, aller Sender, alles vorab zu bringen. Ich gucke das alles lieber im TV, weil ich keine Lust habe mich vor dem Laptop zu sitzen.
User 1794546 am
Dem kann ich nur zustimmen.
Lizarazu77 (geb. 1961) am
Me too , mit recorder lebt es sich einfacher, zeichne alles auf und schaue es , wenn ich Zeit habe (ohne Werbung=vorspulen) verzichte gerne auf PAY Streaming