Zahlreiche illustre Persönlichkeiten treffen sich auf dem Landsitz von Sir William McCordle (Michael Gambon), der plötzlich ermordet aufgefunden wird. Die Prämisse von Robert Altmans drittletzter Kinoarbeit klingt nach einem 08/15-Krimistoff. Der Film entpuppt sich allerdings als Whodunit, der sich zu einem messerscharfen, elegant inszenierten und stark gespielten Sittengemälde ausweitet. Besonders hervorzuheben ist auch das mit geschliffenen Dialogen und geistreichem Witz aufwartende Drehbuch von „Downton Abbey“-Schöpfer Julian Fellowes, der zum damaligen Zeitpunkt ausschließlich für das Fernsehen gearbeitet hatte.
Platz 4: „Knives Out – Mord ist Familiensache“ (2019)
Wie man klassische Krimiunterhaltung mit einem modernen Dreh versieht, demonstrierte Rian Johnson auf vorzügliche Weise in „Knives Out – Mord ist Familiensache“. Das blutige Ableben eines steinreichen Krimischriftstellers ruft darin den exzentrischen Privatdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) auf den Plan, der der Verwandtschaft des Toten auf den Zahn fühlt. Angefangen bei den mit Eifer agierenden Darstellern (unter anderem Jamie Lee Curtis, Don Johnson, Ana de Armas, Toni Collette und Chris Evans) über den Haken schlagenden Plot und die hübsch eingefädelten Genre-Meta-Kommentare bis hin zu pointierten gesellschaftlichen Beobachtungen – hier greifen alle Rädchen wunderbar ineinander. Ein Rätselspaß, den Johnson auch in die beiden Fortsetzungen „Glass Onion: A Knives Out Mystery“ und „Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“ transferieren konnte.
Das von Chris Chibnall kreierte Krimidrama zeigt, wie stark das Genre sein kann, wenn man sich genügend Zeit für die Zeichnung der Figuren und des Handlungsortes nimmt. Die in der ersten Staffel erzählte Geschichte um den Mord an einem kleinen Jungen in der fiktiven britischen Küstenstadt Broadchurch bringt mit der lokalen Polizistin Ellie Miller (Olivia Colman) und dem von außen kommenden Alec Hardy (David Tennant) zwar das typische ungleiche Ermittlerduo zusammen. Alle Standards transzendiert die Serie jedoch in beeindruckender Manier. Großes Augenmerk legen die Macher auf die psychischen und sozialen Folgen des gewaltsamen Verbrechens, dessen Nachwehen sich in den zwei weiteren Staffeln zeigen. Auch schauspielerisch, visuell und musikalisch bewegt sich „Broadchurch“ in der Champions League der gegenwärtigen Murder Mysterys.
Selten wurde eine Krimiproduktion in den letzten 25 Jahren derart gefeiert wie die erste Staffel von Nic Pizzolattos Anthologie-Serie „True Detective“. Matthew McConaughey und Woody Harrelson brillieren darin als gegensätzliche Ermittler, die durch einen brutalen, Jahre später neu aufgerollten Mordfall mit ihren eigenen Schwächen konfrontiert werden. Kunstvoll zwischen unterschiedlichen Zeitebenen changierend und in teils bemerkenswerte Dialoge gegossen, ist die HBO-Produktion weit mehr als eine generische Mordgeschichte. In stimmungsvoll-unbehaglichen Impressionen entwirft sie auch ein tristes Bild des US-amerikanischen Südens. Bedauerlich ist einzig die doch etwas zu eindimensionale Darstellung der Frauenfiguren.
Wenn man im Serienkosmos von einem Phänomen spricht, kommt man an „Twin Peaks“ nicht vorbei. Albtraummeister David Lynch und sein Kollege Mark Frost schufen damit wohl denWhodunit der früheren 1990er-Jahre. Der Mord an einer Kleinstadtschönheit führt den verschrobenen FBI-Ermittler Dale Cooper (Kyle MacLachlan) in die Provinz und fördert hinter den hübsch herausgeputzten Fassaden so manch dunkles Geheimnis zu Tage. Die Frage „Wer war’s?“ fasziniert in der ersten Staffel ebenso wie die eigenwillige Mischung aus Krimi, Seifenoper und surrealer Verfremdung. Schon der hypnotisch-entschleunigte Vorspann versetzt den Betrachter regelrecht in Trance. „Twin Peaks“ ist zweifellos ein Meilenstein der Fernsehgeschichte, der mit seinen vielen Skurrilitäten jedes Mal aufs Neue in den Bann zu ziehen weiß.
Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.