The Young Pope – Review

    Zehnteiler von Paolo Sorrentino mit Jude Law in der Hauptrolle – von Gian-Philip Andreas

    Rezension von Gian-Philip Andreas – 24.10.2016, 17:36 Uhr

    Jude Law als Lenny Belardo alias Papst Pius XIII. Bild:

    Wer die Filme von Paolo Sorrentino kennt, weiß, dass der 46-jährige Italiener einen Hang dazu hat, seine Zuschauer auf falsche Fährten zu locken. Egal, ob er dem korrupten Ministerpräsidenten Giulio Andreotti in „Il Divo“ bei der Würdenträgersimulation zuschaut, ob er in „La Grande Bellezza“ seinem großen Vorbild Fellini nacheifert oder zuletzt in „Youth“ ein Wellness-Hotel in Thomas-Mann-Manier erkundet: Ganz sicher kann man sich nie sein, ob das Gezeigte gerade in Richtung erzählter Wahrheit oder doch eher erträumter Lüge tendiert. Sorrentino und sein ständiger Kollaborateur, der Kameramann Luca Bigazzi, sind vieles zugleich: Surrealisten, Clowns und Bilderstürmer.

    Gemeinsam haben die beiden nun fürs Pay-TV (Sky Atlantic jetzt bei uns, auf HBO erst ab Februar) eine international besetzte und finanzierte zehnteilige Serie über einen fiktiven neuen Papst und seine Intrigenspiele gedreht, die Sorrentino-Fans nicht enttäuschen wird und diejenigen, die noch nie etwas mit seinem Style anfangen konnten, erwartbar kalt lassen dürfte. „The Young Pope“ schwelgt zu waberndem Elektro-Sound in surrealistischen Details, Nonnen spielen Fußball, Kängurus und Schildkröten irren durch die vatikanischen Gärten; Sorrentino bleibt seiner Vorliebe für (manchmal arg gewollt) schräge Perspektiven treu, und ja: Falsche Fährten gibt es zuhauf.

    Gleich zu Beginn etwa, da kriecht der titelgebende und – Habemus Papam! – frisch ins Amt gewählte Papst, der mit 47 Jahren tatsächlich sehr jung für sein Amt ist, unter einer turmhohen Pyramide schlafender Säuglinge hervor, um sich mitten auf dem Markusplatz in Venedig wiederzufinden – eine Traumsequenz! Er absolviert dann die Morgentoilette, schmeißt sich die Soutane um, legt sich den Pileolus aufs Haupt, schreitet durch Trauben Schweizergardisten, tritt durch ein Nonnenspalier auf die Benediktionsloggia am Petersdom, wo er schließlich, nach geschlagenen sieben Minuten, die allerersten Worte der Serie ans katholische Glaubensvolk richtet. Doch es folgt kein freundliches Urbi et Orbi, sondern ein feuriger Aufbruch hin zu all dem, was frommen Pfaffen Scham und Zorn ins Antlitz jagt: Masturbation, Abtreibung, Homo-Ehe, „Kinder zu zeugen, auf jede Art und Wiese, die die Wissenschaft gefunden hat.“ Doch zack, das war schon wieder ein Traum! Das Gedankenspiel, was wohl wäre und würde, wenn ein derart progressiver Papst plötzlich den Heiligen Stuhl besetzte, ist damit dahin.

    Jude Law spielt nämlich einen anderen Papst – einen fiktiven Mann namens Lenny Belardo, den ersten US-Amerikaner, der es zum Pontifex gebracht hat und der sich, anders als von vielen erhofft, nicht als Erneurer, sondern als Reaktionär entpuppt. Zumindest sieht das erst einmal so aus. Für Law, der zuletzt neben seinen Auftritten als Dr. Watson in Guy Ritchies „Sherlock Holmes“-Filmen viele mäßige Filme drehen musste und ein Faible für schauriges Overacting hat (in den Traumsequenzen klingt das ungut an), ist diese Rolle, die in dieser Serie fast jede Szene dominiert, ein Geschenk. Und tatsächlich findet er in diesem zwischen Traum und Realität schwankenden Spielraum, den Sorrentino ihm da eröffnet, subtile Zwischentöne, die uns Zuschauern alles Mögliche anbieten, nur kein leichtes Durchschauen seiner Figur ­-­ das ist durchaus immer noch eine Seltenheit im heutigen Film- und auch TV-Serienwesen. Ist sein Papst Pius XIII. ein konservativer Fundamentalist, der sein attraktives Aussehen konterkariert und das Rad der Kirchengeschichte ganz weit zurückdrehen möchte? Ein insgeheim vom Glauben abgefallener, verbitteter Funktionär? Oder ein subversiver Revolutionär, der den Apparat auseinandernehmen möchte, indem er seine gesellschaftlichen Anachronismen auf die Spitze treibt? Möglich scheint dies alles, und Law spielt verschiedenste Facetten aus, ohne dabei beliebig zu erscheinen: mal charmant, mal grausam überheblich, mal abgründig panisch, mal ungerecht und stinkstiefelig, wenn er langgediente Köchinnen ebenso maßregelt wie ausnahmslos jeden Kardinal, der ihm begegnet, selbst solche, die ihn im Konklave soeben (schwarzer Rauch, weißer Rauch) ins höchste Amt gewählt haben. Dieser Papst Pius XIII., der sich in pikant-provokante Namensnachbarschaft mit dem bis heute umstrittenen Zweiter-Weltkriegs-Pontifex Pius XII. begeben hat, dieser Papst, der das prunkvoll aufgetischte Morgenmenü verschmäht und zum Frühstück lieber „nur eine Cherry Cola Light“ trinken möchte, er will alles neu machen, indem er alles wieder alt, klein und verdächtig bescheiden macht. Dabei schillert er wahnwitzig zwischen stiller Bedrohlichkeit und naiver Frömmigkeit. Leicht zu lesen ist er nicht – und erst die komplette Serie wird wohl ein Urteil darüber erlauben, ob es sich dabei um gute oder schlechte Figurenzeichnung handelt.

    Diane Keaton verkörpert die weise Nonne Sister Mary Bild:

    Bislang jedenfalls ist es faszinierend, diesen Hakenschlägen zu folgen, mit denen sich Pius/Lenny ins römische Intrigendickicht begibt. Auf den Filmfestspielen in Venedig, wo die ersten beiden Folgen von „The Young Pope“ unlängst Weltpremiere feierten, machte gleich das Label eines „‚House of Cards‘ im Vatikan“ die Runde, und völlig falsch ist das sicher nicht – auch wenn es hier sicher nicht nur um machiavellistische Raufbeißerei geht. Wie auch? Höher hinauf als in den Papst-Job geht es nicht im Katholikenbusiness.

    Aber schon klar: Völlig neu und unglaublich originell sind die dramatischen Verwicklungen der Serie sicher nicht. Im Mittelpunkt der ersten beiden Episoden steht Lennys Konflikt mit Kardinal Voiello, dem vatikanischen Außenminister, der sich in Gestalt des von ihm lancierten „jungen Papstes“ eine Strohpuppe erhofft hatte, an dessen Stelle er im Hintergrund bequem die Strippen ziehen könnte – und der nun bitter enttäuscht wird. Der wunderbare Wangenwarzenträger Silvio Orlando (bekannt etwa als Quasi-Berlusconi aus Nanni Morettis Satire „Der Italiener“) spielt Voiello zunächst als gerontophile Witzfigur wie aus einer italienischen Typenkomödie ? la „Don Camillo“, bekommt dann aber zusehends abgründige Facetten. Sorrentinos Kunst ist es, solche Verschiebungen in den Tiefenschärfen der Figuren oft nur übers Bild zu erzählen.

    Im Hintergrund lauern, zunächst nur knapp beleuchtet, Lennys alter Mentor Kardinal Spencer (immer gut: James Cromwell, „Six Feet Under“, „Halt and Catch Fire“), der davon ausgegangen war, selbst zum Papst gewählt zu werden, sowie der junge Kardinal Dussolier (Scott Shepherd), der gemeinsam mit Lenny als Waisenknabe in Venedig aufwuchs. Beider Ziehmutter, Sister Mary, wird von Lenny als engste Beraterin aus den USA nach Rom geholt, sehr zum Ärger der Kurie. Die inzwischen 70-jährige Kinolegende Diane Keaton („Der Pate“, „Der Stadtneurotiker“) spielt die weise Nonne mit viel Würde – und untergründiger Ironie, wenn sie des Nachts die Tür zu ihrer Kemenate öffnet – in einem „I’m a virgin, but this is an old shirt“-Hemd. Marys Wiedersehensfreude trübt sich jedenfalls bald ein, angesichts der Arroganz ihres ehemaligen Schützlings.

    Während Voiello sofort einen Spion auf den ketterauchenden Papst ansetzt und dieser im Gegenzug einen Beichtvater das Beichtgeheimnis brechen lässt, drängt im ruhigen Kardinal Gutierrez (Javier Cámara aus Almodóvars „Sprich mit ihr“) ein möglicher Verbündeter Lennys ins Bild. Im rundum starken Cast (darunter auch Toni Bertorelli, einer der beliebtesten Schauspieler Italiens, als greiser Kardinal Caltanissetta) gibt es neben Keaton noch zwei weitere (potenziell) interessante Frauenfiguren, die zunächst nur anskizziert werden: Cécile De France („Hereafter“) glänzt satirisch als ums vermarktbare Image besorgte PR-Frau des Kirchenstaats, und Ludivine Sagnier („Swimming Pool“) bringt sich als fromme Gattin eines Schweizergardisten in Stellung.

    Ob auf den Papst womöglich eine Affäre wartet, bleibt abzuwarten. Die Gegner tuscheln jedenfalls über seine Herkunft als Waise und auch über seine Sexualität, doch Papst Pius XIII. bleibt bis auf Weiteres unberechenbar. Wie Regisseur und Drehbuchautor Sorrentino liebt Lenny falsche Fährten, er düpiert seine aufs Glatteis gelockten Gesprächspartner mit fiesen (und möglicherweise auch wieder nicht ernst gemeinten) „Das war nur ein Witz!“-Sprüchen. Der progressive Traum vom Anfang der Pilotfolge wird am Ende der zweiten Episode schließlich brutalstmöglich konterkariert: Da lässt der neugewählte Ami-Papst, der nur im Dunkeln auftreten möchte, ein nächtliches Strafgericht zu Blitz und Donner aufs Volk herniederprasseln, dass es jedem braven Gläubigen das Blut in den Adern gefrieren lassen dürfte. Es gab schon definitiv nettere Päpste in Film und Fernsehen – aber wohl keinen, der einen so spannenden ersten Eindruck gemacht hat. Was vergessen? Ach ja: tolle Kostüme.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „The Young Pope“.

    Meine Wertung: 4/5

    © Alle Bilder: Sky Atlantic/HBO/Canal+

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas

    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

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