Serienpreview „The A Word“ – Review

    Eine ganz normale Familie mit einem verhaltensauffälligen Sohn

    Rezension von Marcus Kirzynowski – 01.05.2016

    Die Familie Hughes – eine ganz normale Familie mit einem verhaltensauffälligen Sohn.

    Auf den ersten Blick ist der fünfjährige Joe einfach ein etwas verhaltensauffälliges Kind. Das wird schon im Vorspann deutlich, der von Folge zu Folge leicht variiert. Da wandert der Junge jeweils ganz alleine eine Landstraße entlang, mit großen Kopfhörern von der Außenwelt abgeschirmt, und singt lautstark jedes Mal einen anderen Popsong mit. Irgendwann kommt ihm dann ein blauer Lieferwagen entgegen, hält an und die Insassen – Arbeiter aus der Brauerei von Joes Onkel – nehmen ihn auf dem Weg zur Arbeit mit. Dabei scheint er vor allem zu der osteuropäischen Maya ein gutes Verhältnis zu haben, die auch seine Babysitterin ist.

    Dass Joe nicht einfach nur ein introvertierter Junge ist, der Musik für sein Alter ungewöhnlich stark liebt, wollen sich auch seine Eltern Paul und Alison (Lee Ingleby und Morven Christie) lange nicht eingestehen. Joe antwortet oft nicht, wenn sie ihn rufen oder ihn etwas fragen, was sie zuerst eine Schwerhörigkeit vermuten ließ. Der Hörtest hat aber nichts ergeben. Seltsamer ist schon, dass der Junge sofort extrem unruhig wird, sobald man ihm seine Kopfhörer wegnimmt oder den iPod ausschaltet. Während er sämtliche Songtexte fehlerfrei mitsingen kann und auch die zugehörigen Fakten zu Band, LP und Veröffentlichungsjahr sofort parat hat, tut er sich im sozialen Umgang deutlich schwerer. Nach einer Geburtstagsparty, zu der Alison und Paul alle seine Kindergartenfreunde eingeladen haben, bei der Joe aber bei allen Aktivitäten weitgehend teilnahmslos reagiert, lässt es sich nicht länger verleugnen: Irgendetwas stimmt nicht mit dem Kind. Ein Besuch bei einer Spezialistin bringt die schockierende Diagnose: Joe ist „innerhalb des Autistismus-Spektrums“ angesiedelt – oder, wie man es umgangsprachlich ausdrückt, er ist Autist.

    Für die Eltern bricht nun natürlich zunächst einmal die Welt zusammen, befürchten sie doch, ihr Sohn könne nie in der Lage sein, empathische Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Schnell stellt sich auch die Frage, wie sie mit der Situation umgehen sollen, was für Joes Entwicklung das Beste wäre: eine Sonderschule für autistische Kinder, weiter im alten Kindergarten bleiben? Alison entscheidet schließlich, Joe zu Hause zu unterrichten, wobei neben einer Sprachtherapeutin auch die ganze erweiterte Familie helfen soll. Zu der gehören neben den Eltern noch Joes Teenager-Schwester Rebecca (Molly Wright), Alisons Bruder Eddie (Greg McHugh), dessen Ehefrau Nicola (Vinette Robinson) sowie Alisons und Eddies Vater, der unlängst verwitwete Maurice (Christopher Eccleston). Die werden jetzt alle mehr oder weniger freiwillig eingespannt, stundenweise Joes Betreuung zu übernehmen, womit insbesondere Großvater Maurice offensichtlich überfordert ist.

    Max Vento spielt den autistischen fünfjährigen Joe.

    Die ersten beiden Folgen der britischen Serie „The A Word“ wirken erfrischend, weil sie ein Thema in den Mittelpunkt stellen, das man so erst selten fiktional-filmisch aufbereitet gesehen hat. Autisten in Film und Fernsehen, das waren bisher meist ebenso geniale wie sozial unzulängliche Erwachsene wie Dustin Hoffman in „Rain Man“ oder Sofia Helins Saga Norén in der skandinavischen Krimiserie „Die Brücke – Transit in den Tod“, aber eben keine Kinder, die noch am Anfang ihrer psychosozialen Entwicklung stehen. Dabei ist es eine brillante Idee der Autoren (Peter Bowker adaptierte die israelische Originalserie „Yellow Peppers“ von 2010), ausgerechnet Popmusik zu Joes großer „Obsession“ zu machen. Die Leidenschaft des Jungen, die sich vor allem durch das Mitsingen äußert, lässt ihn gleich sympathischer werden – zumindest, wenn man selbst ein Herz für diese Art von Musik hat – und bietet zudem reichlich Gelegenheit für den Einsatz britischer Popklassiker von Elvis Costello über Human League bis Pulp. Es lässt sich aber auch nicht verschweigen, dass einem als Zuschauer der von Max Vento verkörperte kleine Junge des Öfteren auch gehörig auf die Nerven fallen kann, etwa wenn er sich zum wiederholten Male weigert, seine Frühstücksflocken zu essen, solange er dabei für zehn Minuten die Musik ausschalten soll. Das erhöht aber wiederum unsere Identifikation mit den zwischen Stress und dem Versuch, geduldig zu bleiben, schwankenden Eltern.

    Die Schauspieler sind der größte Pluspunkt der Serie, verleihen sie doch allen Familienmitgliedern in deren kleinbürgerlicher Normalität eine sympathische Natürlichkeit. Insbesondere Morven Christie als besorgte Mutter ist hier hervorzuheben, aber auch alle anderen Hauptdarsteller machen ihre Sache wirklich gut, die etwas rauen Kleinstadtbewohner mit ihrem nordenglischen Akzent authentisch wirken zu lassen. Schnell bekommen alle Familienmitglieder auch eigene Handlungsstränge, die nicht direkt mit Joes Entwicklungsstörung zusammenhängen. Diese sind jedoch leider von unterschiedlicher Qualität: Für komödiantische Höhepunkte sorgt immer wieder die Beziehung von Großvater Maurice zu seiner Gesangslehrerin Louise (Pooky Quesnel), die ihm gleich in der ersten Folge das Angebot macht, gelegentlich miteinander zu schlafen, da sie doch beide verwitwet und einander sympathisch seien. Die resolute Dame will aber keine echte Beziehung, sondern nur einen „Friend with benefits“, es geht ihr also nur um den Sex. Brit-TV-Star Christopher Eccleston, seit „Doctor Who“ gefühlt in jeder zweiten Serie aus dem Königreich dabei, spielt Maurices verdutzt-hilflose Reaktionen darauf gewohnt herrlich mit seinen bekannten zwei Gesichtsausdrücken.

    Überflüssig ist hingegen eine Dreiecksgeschichte, die Bowker für Nicola und Eddie geschrieben hat und die bald in allzu soapige Gewässer abdriftet. In solchen Szenen droht „The A Word“ zu sehr zu einer konventionellen Familienserie zu werden, was sie eigentlich gar nicht nötig hat. Denn Bowker kann durchaus auch ohne das Thema Autismus einfühlsame Charakterszenen schreiben, wie das Gespräch zeigt, das Onkel Eddie mit seiner Nichte Rebecca führt, nachdem er sie mit ihrem Freund kurz vor dem ersten Versuch, Sex zu haben, erwischt hat. Hier zeigt sich das britische Fernsehen auch mal wieder wesentlich entspannter als sein US-Pendant, wo Sex zwischen Teenagern weitgehend immer noch entweder tabu (in Networkserien) oder eine Metapher für moralischen Verfall (in Kabelserien) ist.

    Trotz aller Qualitäten bei Schauspielern, Buch, Inszenierung und Musik hat die – wie im UK üblich ohnehin mit sechs Folgen recht kurze – erste Staffel dennoch einige Längen. Ab Folge 3 gibt es leider relativ viele redundante Dialoge und Nebenhandlungen, die das große Ganze nicht weiterbringen. Dazwischen finden sich aber immer wieder einzelne bewegende Momente, etwa wenn Alison meint, an ihrem Sohn eine neue Empathiefähigkeit zu entdecken. Im Staffelfinale zieht Bowker zudem das Tempo deutlich an, als Joe in einem unachtsamen Moment seines Opas spurlos verschwindet. Ein Großteil der Folge beschäftigt sich daraufhin mit der verzweifelten Suche der Familie nach dem hilflosen Jungen. Das währenddessen hinzukommende Thrillerelement (ein junger Mann mit Down-Syndrom gerät in Verdacht, etwas mit Joes Verschwinden zu tun zu haben) wirkt zwar etwas aufgesetzt, bietet aber Gelegenheit, Joes Eltern (und den Zuschauern) eine weitere Folge von dessen Syndrom klarzumachen: Für Fremde wird der Junge immer als „anders“ wahrgenommen werden. Dass Joe nach diesen sechs Folgen uns Zuschauern zwar „anders“, aber nicht weniger menschlich als alle anderen Figuren erscheint, ist das große Verdienst der Serienmacher.

    Dieses Review basiert auf der Sichtung der kompletten ersten Staffel der Serie.

    Meine Wertung: 3,5/5

    © Alle Bilder: BBC

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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